Dass Delfine – speziell der Große Tümmler – ein großes Gehirn haben und mit ihrem intelligenten Verhalten manch andere Tierart in den Schatten stellen, dürfte inzwischen hinreichend bekannt sein.
Dr. Lorenzo von Fersen kennt sich mit Delfinen sehr gut aus.
(Foto: Susanne Gugeler)
Kooperation mit dem Menschen
Auch in Delfinarien sind Tierärzte, Trainer und Pfleger immer wieder überrascht davon, wie klug und kooperativ die Meeressäuger sind, wenn es darum geht, eine vom Menschen abverlangte Leistung zu zeigen. “Sie geben uns das Blut freiwillig”, sagt die Tierärztin Stephanie Venn-Watson, die seit über zehn Jahren Delfine des Meeressäuger-Programms der US Navy betreut (die MA berichteten am 22. Februar 2010 über ihre Forschungen zur Diabetes bei Delfinen).
Wissen die Tiere, dass sie im Dienst der Forschung zur Ader gelassen werden? Wollen sie ihrer menschlichen Spielkameradin eine Freude machen? Vielleicht lockt sie auch nur der Fisch, mit dem sie nach dem Eingriff belohnt werden. Venn-Watson vermutet, dass es eine Mischung aus allem ist, das die Tiere zur Mitarbeit anspornt.
Delfine sind mit Kleinkindern vergleichbar
“Delfine sind hochintelligente Wesen mit Ich-Bewusstsein, Persönlichkeit und Einfühlungsvermögen, die in komplexen sozialen Verbänden leben”, sagt Lori Marino von der Emory University in Atlanta, Expertin für die Gehirne der Meeressäuger. Auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften AAAS in San Diego präsentierten Marino, Venn-Watson und eine Reihe weiterer Wissenschaftler bemerkenswerte Forschungsergebnisse. Dabei geht es um mehr als Anekdoten und Verklärung der Meeressäuger: Die mitunter erstaunliche ähnlichkeit zwischen Mensch und Delfin gibt Forschern Gelegenheit, auch rein menschliche Belange zu verstehen.
“Nach heutigem Wissen bewegen die Delfine sich mindestens auf dem geistigen Niveau eines Kleinkinds”, meint Diana Reiss, die ebenfalls an der Jahrestagung teilnahm. So wie kleine Kinder sind Delfine ab dem ersten Lebensjahr dazu fähig, sich selbst im Spiegel zu erkennen.
Delfinforscher Dr. Lorenzo von Fersen
Im Nürnberger Delfinarium werden seit mehreren Jahrzehnten Große Tümmler gehalten. Dr. Lorenzo von Fersen beschäftigt sich seit 1991 mit den Meeressäugern und ist außerdem Vorsitzender der Delfinschutzgesellschaft Yaqupacha. Von den Nürnberger Nachrichten auf die hohe Intelligenz der Delfine angesprochen, führt er aus, dass es ein gewisses Sprachverständnis bei Delfinen gibt. Doch bezweifelt er, dass man das Bewusstsein der Tiere wissenschaftlich feststellen kann. Er ist außerdem der Meinung, dass man die menschliche Sichtweise nicht auf Tiere projizieren sollte.
Von Fersen bestätigt jedoch, dass sich Gefühle in bestimmten Parametern messen ließen: So sind erhöhte Cortisol-Werte (Stresshormone) ebenso eindeutig nachweisbar wie Verhaltensstörungen (etwa Stereotypien). Die Zoos haben erkannt, wie wichtig Beschäftigung ist, um Apathie vorzubeugen. Dass Tiere generell ein Gefühl des Leidens empfinden, räumt von Fersen sofort ein.
Er hält es aber “für sehr gewagt”, daraus zu schließen, dass die Tümmler eine Individualität wie die Menschen besitzen. Allerdings sei dies der jetzige Wissensstand. Der Wissenschaftler will für die Zukunft nicht ausschließen, dass irgendwann doch ein Nachweis zu führen ist.
Haben Delfine ein Freiheitsempfinden?
Den Tieren ein “Freiheitsbedürfnis” zu unterstellen, bewertet von Fersen als fraglich: “Ich bezweifle, dass wir Wissenschaftler dies mit unseren Methoden nachweisen können.” Falls jedoch eines Tages der Freiheitsdrang eindeutig belegt werden kann, müsse man über die Haltung von Tieren allgemein ganz genau nachdenken.
Ein “Freiheitsempfinden” spricht auch Tiergarten-Direktor Dag Encke den Delfinen ab. Lediglich die Grundbedürfnisse aller Tiere seien klar nachvollziehbar: “Sie wollen Sicherheit, Sex und Nahrung, es ist wie beim Menschen”, fasst Encke zusammen.
Wer oder was ist intelligent?
Die gängigen Einschätzungen von Intelligenz bewertet der Zoo-Chef als relativ: Der Mensch gilt als klügstes Wesen. Doch bezüglich der Jagd eines Huftiers sei der Tiger sicherlich schlauer. Natürlich ist es eine spannende Frage, so der Direktor, ob intelligente Tiere eine Zukunft denken und abstrahieren können. Dies wäre ein wichtiger Baustein für das Bewusstsein.
Doch er sieht in den Thesen des amerikanischen Wissenschaftskongresses darauf keine aktuellen Antworten. “Zum Teil sind das uralte Klamotten, die schon seit mehr als 20 Jahren bekannt sind”, resümiert Encke mit Verweis auf die äußerungen zum riesigen Tümmler-Gehirn.
(Quellen: Süddeutsche.de und Nürnberger Nachrichten)
Anmerkung: Ein spannendes Thema!!! Dazu gibt es hier auf der Website den Artikel “Delfin-Gehirn und tierische Intelligenz”. Während meines Besuchs im Nürnberger Delfinarium wurden mir dazu von Dr. Lorenzo von Fersen interessante Erkenntnisse vermittelt. Weitere Recherchen haben mir außerdem offenbart, dass “intelligentes Verhalten” nicht nur dem Menschen und Säugetieren vorbehalten ist …


