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Die Sache mit den Zähnen der Orcas


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Gastbeitrag von Philipp J. Kroiß, 10. September 2016

Haben Orcas in Menschenobhut schlechtere Zähne?

Kurze Antwort: Nein. Oft hört man Gegenteiliges aus Delfinariengegner-Kreisen. Deshalb möchte ich in diesem Artikel genauer erklären, warum uns die Zahnreihen von Orcas in Menschenobhut nicht sorgen müssen.

Schädel eines Orcas (Foto: Rüdiger Hengl/LWL-Museum, Münster)

Schädel eines Orcas mit maroden Zähnen
(Foto: Rüdiger Hengl/LWL-Museum, Münster)

Orcas haben keine Hände

Wenn wir Gegenstände erfahren wollen und wissen möchten, wie sie sich anfühlen, benutzen wir unseren Tastsinn: Wir fühlen mit den Händen.

Die Flipper (Brustflossen) beim Orca aber, obwohl sie an anatomisch ähnlicher Stelle sitzen wie unsere Hände, haben diese Aufgabe nicht. Wenn ein Orca fühlt, tastet und erforscht, dann tut er dies mit seiner Mundregion, weil dort mehr Nervenenden sitzen als in den Brustflossen.

Die Sache mit dem „Zungenkuss“

Nicht selten kann man beobachten, dass Orcas, die Kontakt zu ihrem Trainer aufnehmen, diesem die Zunge entgegenstrecken.

Viele missinterpretieren dies dann als Zungenkuss-Versuch und messen diesem Verhalten dann eine menschliche Bedeutung bei. Aber auch in diesem Fall kann man das nicht 1:1 anatomisch übersetzen. Es handelt sich hier nicht um einen Kuss, sondern dieses Verhalten ist vielmehr ein Äquivalent zur menschlichen Begrüßungszeremonie, so wie wenn jemand einem anderen die Hand reicht.

Weil bestimmt schon viele Besucher eines Delfinariums diese Geste bei den Orcas gesehen haben, kann an diesem Beispiel sehr gut gezeigt werden, welche unterschiedlichen Funktionen ähnliche Körperteile bei unterschiedlichen Lebewesen haben können. Seltener gesehen wird, dass sich Orcas auch untereinander ähnlich verhalten.

Skyla und Adán im Loro Parque nach der Show aus der Besucherregion holographiert   (Foto: Philipp J. Kroiß)

Skyla und Adán im Loro Parque nach der Show aus der Besucherregion holographiert
(Foto: Philipp J. Kroiß)

Das Bild links zeigt es eindrucksvoll. Hier will Skyla den jungen Adán nicht etwa beißen oder französisch küssen, nein, es ist eher ein Streicheln – ähnlich wie eine Tante ihrem menschlichen Neffen über die Wange streicheln würde oder in den Arm nähme.

Mit den Flippern wäre das nicht möglich. Eine Umarmung mit den Flippern hat bei Orcas eine eher sexuelle Komponente, weil sie dies während der Paarung machen.

Wir sehen an diesen Beispielen, wie Orcas über ihre Mundregion tasten und mit ihrer Umgebung interagieren – ähnlich wie Menschen es mit den Händen tun.

Wir haben gelernt, wie unterschiedlich deshalb die Bedeutung verschiedener Interaktionen sein kann. Dieses Wissen ist wichtig, um die Sache mit den Zähnen zu verstehen.

Zahnabnutzung

Zähne werden abgenutzt, das ist bei Säugetieren nichts Neues. Das kennen wir bei ganz vielen verschiedenen Arten.

Fisch fressende Orcas nun müssen ihre Nahrung nicht kauen, höchstens greifen, wenn es ein großer Fisch ist – wie zum Beispiel ein Hai. Dadurch nutzen sich die Zähne ab.

Orcas haben ohnehin einen recht weichen Zahnschmelz und deshalb wetzt die sandpapierartige Haihaut bei wilden Orcas die Zähne ab – bis auf das Zahnfleisch. Das findet man bei den Hai fressenden Orcas des Offshore-Ökotyps (das sind Tiere, die weit draußen im Meer leben) nicht selten.

Orcas in Antibes (Foto: Rüdiger Hengl)

Orcas in Antibes (Foto: Rüdiger Hengl)

Das ist aber der Extremfall, wie eine Studie (Ford et al., 2011) belegt, in deren Abstract außerdem erwähnt wird, dass dies aber nicht bedeutet, dass Transients (Orcas, die zwischen bestimmten Gebieten hin und her wandern) und Residents (ortstreue Orcas wie z.B. die Residents von British Columbia) keine abgenutzten Zähne hätten.

Blättert man die Studie weiter durch, entdeckt man auf einem Bild ein Beispielgebiss eines Residents. Seine Zähne sind nicht so abgerieben wie die eines Offshore-Orcas, aber in dem Gebiss fehlen trotzdem, ganz deutlich zu sehen, die vorderen Zähne komplett.

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