Aufbau und Funktion einzelner Körperorgane des Delfins - Teil 5

Teil 1: Die Haut der Delfine
Teil 2: Das Skelett der Delfine
Teil 3: Die Atmungsorgane der Delfine
Teil 4: Die Sinnesorgane der Delfine
Teil 5: Die inneren Organe der Delfine - mit Exkurs "Pottwal"
Teil 6: Die Fortpflanzungsorgane der Delfine
Teil 7: Auf den Zahn gefühlt - zu Besuch bei Günther Behrmann
Teil 8: Kann Delfinen das Wasser im Maul zusammenlaufen?
Teil 9: Delfin-Gehirn und tierische Intelligenz
Teil 10: Evolution der Wale - Wie sah der Urwal aus?



Benennung der inneren Organe eines Großen Tümmlers: A=After, AO=Hauptschlagader (Aorta), BP= Blutgefäße, BV=Harnblase, D=Darm, GU=Gebärmutter, H=Herz, K=Niere, L=Lunge, LA=Kehlkopf, LE=Leber, LI=Milz, M=Magen, MI=Milchdrüse, OP=Becken, W=Wirbel, WN=Wundernetz
(Zeichnung: Günther Behrmann)


Die aktuellen Pressemitteilungen (März 2006) über den Fund eines großen Ambra-Klumpens (Ambra wird auch das "weiße Gold" der Parfümindustrie genannt) haben mich dazu veranlasst, den nächsten Anatomie-Teil in Angriff zu nehmen. Zwar handelt es sich bei Ambra um eine Ausscheidung des Pottwals und nicht um die eines Delfins, aber das Thema ist so interessant, dass ich es im Rahmen dieser Reihe in einem kleinen Exkurs aufgreifen möchte. Geholfen hat mir dabei - wie schon bei den Anatomie-Teilen 1 bis 4 - der bekannte Walforscher Günther Behrmann aus Bremerhaven. Zunächst einmal möchte ich aber das Verdauungssystem der Delfine beschreiben.

Der Verdauungstrakt der Delfine
Delfine sind sehr gefräßig. Sie haben einen hohen Kalorienbedarf, da sie nahezu pausenlos in Bewegung sind und trotz ihrer dicken Speckschicht ständig ihren Wärmeverlust im Wasser ausgleichen müssen. (Ihre Körpertemperatur beträgt ca. 35 Grad Celsius.)

Der Große Tümmler benützt seine 80 bis 90 kegelförmigen Zähne nur zum Fangen und Festhalten der Beute. Er fängt seinen Fisch, legt ihn quer, zerdrückt ihn dabei und verschluckt ihn, den Kopf voran, als Ganzes. Wenn Delfine jagen, schießen sie mitten in die Fischschwärme (Heringe, Makrelen, Sardinen) und packen, was sie erwischen können. Sie schlucken ihre Beute mit dem Kopf voran, damit sie nicht an den Flossen ersticken. Die Mahlzeit dauert etwa eine Stunde. Ein 70 kg schwerer Delfin frisst mindestens 8 kg Fisch am Tag.

Der obere Verdauungstrakt der Odontoceti (Zahnwale) ist in drei Abschnitte gegliedert:
- In einem dem Vormagen der Wiederkäuer ähnelnden Kropf (auf Abbildung die Nummer 2; nach Behrmann) wird die Nahrung durch kräftiges Zusammenziehen der Muskulatur und unter Mitarbeit von Sand und Steinchen zerkleinert (ähnlich wie im Muskelmagen der Vögel). Er ist mit einer glänzend weißen Schleimhaut ausgekleidet; in ihn münden kleine Drüsen. Wenn auch die Einteilung des Walmagens sehr stark an jene der pflanzenfressenden Huftiere oder der blattessenden Guereza-Affen erinnert, muss doch die Funktion des Kropfes eine ganz andere sein, weil in diesem Abteil keine zellulosespaltenden Bakterien oder Einzelligen gefunden werden.
- Im violettfarbigen und sammetartigen Hauptmagen (auf Abbildung die Nummer 3) befinden sich Salzsäure absondernde Magendrüsen. Außerdem tragen hier die Enzyme Pepsin und Lipase zur Verdauung bei.
- In den letzten Abschnitt - den Pförtnermagen oder Nachmagen (Pylorusmagen; auf Abbildung die Nummer 4) - münden die Pylorusdrüsen, die ein schleimiges Sekret absondern.

Die Darmlänge der Wale entspricht der der meisten Fleischfresser. Zwischen Dünn- und Dickdarm besteht kein scharfer Unterschied. Ein kleiner Blinddarm kommt nur bei den Bartenwalen und beim Ganges-Delfin vor. Im Darmkanal des Pottwals bildet sich das von der Parfümindustrie verwendete Konkrement (krankhaftes festes Gebilde, das in Körperflüssigkeiten und Körperhohlräumen entsteht) Ambra.

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EXKURS:
Ambra oder "Vom Fischer und seiner Frau ..."

... so könnte man die Geschichte vom australischen Fischer, der zusammen mit seiner Frau einen seltsamen Klumpen am Strand fand, nennen. Für große Schlagzeilen sorgte der eigentümliche Fund im Januar 2006. Dabei handelte es sich bei dem Haufen Glück am Strand von Streaky Bay nur um ein stinkendes, graues Ding. Loralee Wright hätte es beinahe übersehen. Zunächst hielt sie es für einen vermoderten Baumstamm. Als sie es dann zusammen mit ihrem Mann Leon näher untersuchte, stellten die beiden fest, dass die Oberfläche des Klumpens ein bisschen spröde war – wie ausgehärtet in der Sonne. Das Innere war weicher und ölig. Das Ganze roch süßlich, aber gleichzeitig streng nach Meer, ein wenig faulig wie alter Seetang. Leon Wright tippte auf eine Zyste von einem sehr großen Fisch.

Nach Recherchen im Internet und einem Telefonat mit einem Fachmann für Meeresbiologie wusste das Fischer-Ehepaar mehr: Bei dem unscheinbaren Klumpen handelte es sich um Ambra – der Ausscheidung eines Pottwals. Sie wird in der Parfümherstellung verwendet und ist äußerst wertvoll. Ein Gramm davon soll zwischen 20 und 65 US-Dollar kosten. Die Waage zu Hause zeigte 14,75 Kilogramm an!!! Das würde eine halbe Million Dollar oder mehr ausmachen ...


Ambra, der Stoff, den die Wrights gefunden hatten, ist eine organische Substanz; sie entsteht aus Nahrungsresten im Darm von Pottwalen und wurde bisher bei keiner anderen Walart gefunden. Günther Behrmann (Centre of Marine Research and Investigations on Cetacea, Bremerhaven): "Die Hauptnahrung der Pottwale sind Tintenfische, deren hornartige Saugnapfringe, Schnäbel und Schulpe unverdaulich sind. Durch die Peristaltik des Darmes werden die Horne zerrieben und bilden ein Geflecht. Zwischen diesem wird nun alles eingelagert, was der Körper nicht benötigt oder durch Verletzungen der Darmwände neu entsteht. Kleinere Klumpen, von dunklen Kotresten umgeben, verlassen auf natürlichem Wege den Pottwal. Wird ein Ambraklumpen so groß, dass er den Darm nicht mehr auf natürlichem Wege passieren kann, führt dieser Darmverschluss zum Tode. Etwa jeder 200. Pottwal stirbt daran. Der größte jemals gefundene Ambraklumpen war 417 Kilogramm schwer.


Ein etwa 5 cm großer Ambra-Klumpen
Foto: Günther Behrmann - Centre of Marine Research and Investigations on Cetacea, Bremerhaven

Weil Ambra leichter als Wasser ist, das spezifische Gewicht liegt um 0.910, wird es vom Wasser verfrachtet. Wird dann ein Ambraklumpen am Strand gefunden, riecht er gar nicht gut und kann so mit paraffinartigen Abfällen, die von Ölbohrinseln stammen, verwechselt werden. Doch wenn die Kotreste entfernt und der Klumpen getrocknet ist, hat der echte Ambraklumpen eine hellgraubraune Farbe. Bricht man ihn dann auf und sein Inhalt erstrahlt weiß, hat man das reinste und teuerste Ambra. Überprüfen kann man seinen Fund nun, indem man ihn sehr nah an eine Wärmequelle hält, Experten benutzen dafür eine glühende Zigarette. Entweicht ein süßlicher moschusartiger Duft, handelt es sich um Ambra.

Seit der Antike ist Ambra der begehrteste Duftstoff, und schon Cleopatra hat ihn mit Gold aufgewogen. In früheren Zeiten wurde Ambra auch als Aphrodisiakum oder als Beruhigungsmittel verabreicht. Seinen hohen Wert hat es bis heute behalten, denn Ambra ist ein Duftträger, der andere Duftöle einbindet. Hochwertige Parfüme, die ihren Duft über einen längeren Zeitraum und über mehrere Wäschen behalten, enthalten Ambra. Schon im alten Ägypten wurde Ambra benutzt, man nahm die Substanz für Duftkerzen und Wässerchen. Ins Parfum gemischt, bindet Ambra die anderen Düfte, es sorgt dafür, dass das Aroma nicht so schnell verfliegt.

Weil die Pottwale bis heute ihr Produktionsgeheimnis nicht verraten haben, ist es bis heute nicht gelungen, einen gleichwertigen Ersatz zu produzieren, deshalb wird trotz des Handelsverbotes mit Walprodukten heute noch Ambra gehandelt und verwertet."

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Herz- und Blutkreislauf
Die Delfine haben ein vierkammeriges Säugetierherz. Wie ich von Günther Behrmann erfahren habe, verfügen Wale über zwei- bis dreimal mehr Blut pro Einheit Körpergewicht als der Mensch. Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) sind bei allen Walen auffällig groß. Sie können viel Sauerstoff transportieren, der bei ruhigem Verhalten im Myoglobin zwischen den Muskeln gespeichert wird. Hier kann er dann bei Bedarf abgezogen werden. Durch die verstärkte Einlagerung von Myoglobin erhält das Walfleisch seine dunkelrote Farbe. (Siehe auch Teil 3 - "Die Atmungsorgane der Delfine")

Lunge
Die Lunge aller Säugetiere haben zwei Flügel. So auch die der Wale. Ein beträchtlicher Unterschied zu anderen Säugetieren besteht bei Walen allerdings darin, dass deren Lungen ungelappt sind - genauso wie die Lungen der Reptilien. Zellbiologisch gesehen ist die Wallunge aber eine Säugerlunge.

Wundernetze
Laut Günther Behrmann: wurden bei allen Walen Wundernetze (Rete mirabilia) nachgewiesen. "Sie dienen der Abkühlung des arteriellen Blutes, denn Schweißdrüsen zur Regulierung der Körpertemperatur besitzen Wale nicht. Erhöhte Bluttemperaturen sind aber für das Hirn und für die Geschlechtsorgane schädlich. In den Wundernetzen verschlingen sich Arterien und Venen. In diesen Venen strömt das in der Haut abgekühlte Blut. Die Wundernetze funktionieren nun wie Wärmetauscher, in denen durch das kalte venöse Blut das warme arterielle Blut gekühlt wird. Innerhalb des Brustkorbs, oberhalb der Lunge, liegt das größte Wundernetzsystem der Wale. Es umkleidet außerdem das Rückenmark und den Richtung Rückenmark liegenden Hirnbereich. Andere Wundernetze befinden sich im Bereich der Geschlechtsorgane (Hodensack) und unterhalb der Schädelbasis." (Siehe auch Teil 3 - "Die Atmungsorgane der Delfine")

Wasserabgabe
Da der Delfin - wie bereits oben erwähnt - keine Schweißdrüsen hat – der Schweiß würde übrigens im Wasser auch nicht verdampfen –, scheidet er das Salz im übermäßig produzierten Urin aus. Seine verhältnismäßig große Niere zeigt eine Aufteilung in viele kleine Läppchen, in denen die Ausscheidung des Wassers erfolgt. Durch diese Vergrößerung der Rindensubstanz wird eine hohe Wasserabgabe ermöglicht.

Lesetipp zum Stoffwechsel der Delfine:
"Delfine sind Diabetiker, ohne krank zu sein"

Im Anatomie-Teil 1 erfährst du etwas über die Haut der Delfine
Im Anatomie-Teil 2 erfährst du etwas über das Skelett der Delfine
Im Anatomie-Teil 3 erfährst du etwas über die Atmungsorgane der Delfine
Im Anatomie-Teil 4 erfährst du etwas über die Sinnesorgane der Delfine
Im Anatomie-Teil 6 erfährst du etwas über die Fortpflanzungsorgane der Delfine
Im Anatomie-Teil 7 erfährst du etwas über die Zähne der Zahnwale
Im Anatomie-Tiel 8 erfährst du etwas über die Speicheldrüsen der Delfine
Im Anatomie-Teil 9 erfährst du etwas über das Delfin-Gehirn und die tierische Intelligenz
Im Anatomie-Teil 10 erfährst du etwas über die Evolution der Wale

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