Der Klangkosmos der Delfine

Meeresakrobaten, 13. September 2025/Johannes Quistorp

Klangbild eines schwimmenden und singenden Delfins
(Foto: Johannes Quistorp)

Der Stimm- und Klangforscher Johannes Quistorp setzt sich seit längerer Zeit mit dem Klangkosmos von Vögeln und Delfinen auseinander. In aufgezeichneten Spektogrammen macht er es möglich, dass man die Vielfalt an Lautäußerungen bei diesen Tieren auch visuell verfolgen kann. Dazu hat er einige YouTube-Filme ins Internet gestellt.

Ich freue mich sehr, Herrn Quistorps Forschungen bei den Meeresakrobaten veröffentlichen zu dürfen. Der folgende Text stammt von ihm.

Intensive Entdeckungsreise in den Klangkosmos

„Zehn Delfine schwimmen und singen zusammen – ein polyphoner Gesang in spektraler und harmonikaler Ordnung“

Um zu hören und zu verstehen, was und wie die Delfine wirklich singen, habe ich ihren Gesang aus der Originallage bei 5 bis 20 kHz um vier Oktaven in der Tonhöhe und in der Zeit verlangsamt in den uns vertrauten Hörbereich.

Streifendelfin
(Foto: Rüdiger Hengl)

An der Analyse dieses Delfingesangs habe ich mehrere Monate gesessen, oft acht bis zehn Stunden am Tag. Es war eine sehr intensive Entdeckungsreise in den Klangkosmos dieser begabten Sänger.

Je tiefer und genauer ich in die Analyse eintauchte, desto größer wurde mein Staunen und meine Begeisterung für die Virtuosität, Kreativität und Komplexität dieses Gesangs. Es erfüllte mich mit einem gewissen Stolz, dass ich diese Klangwelten mit meinen Werkzeugen (Spektrogramm vom Overtone-Analyzer und oktavierende Verlangsamung) und meiner Erfahrung als Stimm-, Klang- und Vogelgesangforscher entschlüsseln konnte. Und es hat mich tief berührt, dass ich wieder einmal, wie auch im Vogelgesang, der erste Mensch war, der diese wunderbare Welt hören und verstehen konnte.

Als die genaue Analyse der Notation etwas mühsam wurde und ich mich fragte, ob jemals jemand sie überhaupt sorgfältig lesen würde, habe ich mich selbst ermutigt, indem ich mir sagte: „Du hast gegenüber diesen bezaubernden Wesen die Verantwortung, ihre Klangkreationen für die Menschen zu dokumentieren.“

Delfine pfeifen nicht, sie singen

Delfine produzieren keine Pfiffe – sie singen! Sie produzieren pure Klänge mit ihren vibrierenden Stimmlippen im Kehlkopf.

Delfin im Nürnberger Tiergarten
(Foto: Rüdiger Hengl)

Schon in der Originallage, in der wir kaum etwas von den Delfinen hören können, ist im Spektrogramm deutlich zu erkennen, dass sie höchst differenzierte Klang-Bewegungen erzeugen, hauptsächlich längere Glissandi (kontinuierliche – gleitende – Veränderungen der Tonhöhe beim Verbinden zweier Töne) mit einem großen Ambitus (Spannweite zwischen dem höchsten und dem tiefsten Ton).

Es sind gleichmäßige und in der Tonhöhenbewegung sowie der Dynamik variable Klangfiguren und Tonfolgen. Faszinierend ist, wie sich diese Figuren überlappen und durchkreuzen, wie sie parallel laufen, alternieren und korrelieren, als könnte man im Klangbild sehen und hören, wie diese Gruppe von Delfinen mit ihren Klängen durch das Wasser gleitet.

Warum Delfine nicht pfeifen können

Hier noch die akustisch physikalischen Gründe, warum die Delfine nicht pfeifen und gar nicht pfeifen können, obwohl es in unsern Ohren wie ein Pfeifen klingt:

Pfeiftöne haben kein ausgeprägtes Spektrum oder höchstes einen Oktav- und Quint-Teilton. Daher haben sie ihren eigenen intensiven Charakter ohne Klangfarbe. Das fehlende Spektrum ist mit ein Grund dafür, warum die saubere Intonation beim Pfeifen schwierig ist.

Wenn wir die Klänge der Delfine als Pfeifen hören, liegt das auch daran, dass wir in dieser hohen Lage kaum ein Spektrum von den Klängen hören, denn ein Ton bei 7000 Hz hat den Oktav-Teilton bei 14 kHz und den Quint-Teilton bei 21 kHz. Menschliche Pfeifklänge liegen im Bereich von 1500 bis 3000 Hz.

Spektogramm vom Gesang der Delfine
(Johannes Quistorp)

So entstehen Pfeiftöne

Pfeiftöne entstehen dadurch, dass durch eine rund geformte Engstelle (Lippen) so Luft geblasen wird, dass die Luft an dieser Engstelle verwirbelt, und dann in einem Hohlraum hinter dieser Engstelle (Mundinnenraum) die Luft in eine bestimmt Schwingung versetzt wird, je nach Größe und Form dieses Raums.

Die Tonhöhe wird dann durch die Modulation der Zungenstellung reguliert. Dieser Vorgang erfordert eine präzise Feineinstellung der Lippenrundung, einen genau abgestimmten Atem sowie eine differenzierte Zungenbewegung, wobei Atem, Formung und Klang in einem rückkoppelnden Regelkreis ineinander wirken.

Offensichtlich sind das physiologische und physikalische Bedingungen, die bei den Delfinen nicht vorhanden sind, ganz abgesehen davon, dass unter Wasser Luftverwirbelungen nicht möglich und ein entsprechender Hohlraum nicht vorhanden ist.

Johannes Quistorps ausführliche Analyse der tierischen Klangwelt wurde auf der Wissenschaftsplattform Academia.edu veröffentlicht.