Was verrät uns der Wurm im Wal?

Günther Behrmann/Meeresakrobaten, 7. März 2017

Der Wal-Experte und Tier-Präparator Günther Behrmann hat schon sehr viele Wale und Delfine seziert und deren Skelette sachgerecht zusammengebaut. Dabei sind ihm im toten Tier auch lebendige Tiere begegnet: nämlich Würmer.

Würmer in Pottwal-Magen
(Foto: Gudrun Behrmann)

Parasiten

Parasitismus ist die Strategie eines Organismus, einen anderen Organismus als Lebensraum zu nutzen und diesem gezielt Nährstoffe zu entziehen.

Parasitär lebende Fadenwürmer (Nematoden) befallen die Organe von Fischen und Walen. Die Wale nehmen die Nematoden vor allem mit der Nahrung auf. Aber auch im Menschen kommen Parasiten vor. Solang der Körper gesund ist, kann er sie abwehren.

Würmer als Wegweiser

Manche Würmer werden einige Zentimeter lang und wuseln in verschiedenen Körperteilen eines Wales herum. Sie haben Günther Behrmann geholfen, die vielen Nebentuben im Kopf des Wals zu finden, die der Orientierung dienen. Ideale Brutstätten für Nematoden sind die Luftsäcke, von denen die Schallwellen ins Mittelohr geleitet werden.

Auf den beiden Bildern unten sehen wir einen geöffneten Luftsack eines gestrandeten Weißseitendelfins. Da hier schon eine Entzündung erkennbar war, erweiterte Günther Behrmann diese Stelle mit dem Nematoden-Befall (Abbildung 2). Es ist auch ein großes Hämatom erkennbar.

Von dem Luftsack aus haben die Nematoden auch die Eustachische Tube und das Mittelohr erreicht. Diese Entzündung hat bestimmt Fieber erzeugt. Alles zusammen reicht für eine Begründung der Strandung.

„Die Würmer können sich zusammenballen und Entzündungen erzeugen, die das ganze Orientierungssystem zerstören können“, erklärt der Wal-Experte.

 

Nematoden-Befall im Luftsack eines Weißseitendelfins
(Foto: Günther Behrmann)

Erweiterte Öffnung des Luftsacks
(Foto: Günther Behrmann)

 

Vor allem das Hörsystem wird befallen

Bei zwei Drittel der von Behrmann untersuchten gestrandeten Schweinswale und Delfine war der Nematoden-Befall im Hörsystem feststellbar. Weil die Wale ansonsten gut genährt aussahen, dürfte dieser Befall die Ursache für die Strandung gewesen sein.

Neben Fadenwürmern hat der Wal-Experte auch Bandwürmer und Spulwürmer in gestrandeten Meeressäugern gefunden. Besonder groß wird eine Spulwurmart (Ascaris), die in den Pottwalen lebt. Die Parasiten können bis zu 6 mm dick und über 12 Zentimeter lang werden.

Sind Würmer für Strandungen verantwortlich?

Auch der Neuropathologe Erwin Dahme machte in den 1990er-Jahren Würmer für das Stranden der Wale verantwortlich. Forschungen aus Japan hätten gezeigt, dass im achten Hirnnerv eines Wales ein starker Parasitenbefall aufgefallen war. Dieser Nerv steuert das Gleichgewicht und nimmt akustische Signale auf.

Zu einer Entzündung des Nervs kommt es, wenn Würmer dort ihre Eier ablegen. Allerdings handelt es sich hier nur um eine Vermutung, warum Wale stranden könnten. Einen Beweis dafür gibt es bislang nicht.

Parasitenbefall bei Schweinswalen

Auf der Website Wal und Mensch habe ich einen Beitrag von 1996 gefunden, in dem der Parasitenbefall von Schweinswalen in der Nord- und Ostsee aufgezeigt wird.

Hier kann man lesen, dass bei Schweinswalen am häufigsten Lunge, Leber und der Gehörsinn von Parasiten befallen sind.

Bandwurmlarven im Fettgewebe eines Pottwals. Der Parasitenbefall des Tieres war, entsprechend seines Alters, normal.
(Foto: Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung)

Unter einem Jahr alte Schweinswale weisen noch keine Parasiten auf.

Zitat aus dem Artikel Parasiten von Walen aus deutschen Gewässern von Dr. Roland Lick: „In den knöchernen Gehörkapseln und den Eustachschen Röhren findet man häufig den Nematoden Stenurus minor.

Tiere älter als ein Jahr waren in der Nordsee zu 73 %, in der Ostsee zu 86 % befallen. Die mittlere Befallsintensität lag bei etwa 600 Nematoden pro Schweinswal. Als Maximum wurden 3.200 dieser Fadenwürmer bei einem dreijährigen Wal gefunden.“

Würmer zeigen Wanderwege der Wale an

Andere Forscher bedienen sich der „Wal-Würmer“ als Anzeiger derer Wanderrouten. So kann man im Artikel Parasit verrät den Weg lesen, dass der Parasitologe Sven Klimpel auf seiner zehnwöchigen Forschungsreise in die Antarktis festgestellt hat, dass Wale auf ihrer Wanderung in die Antarktis auch Heringswürmer genannte Parasiten mitgebracht hatten.

Die vom Wal ausgeschiedenen Parasiten werden anschließend von Fischen, Tintenfischen und kleinen Krebsen aufgenommen.

Durch geänderte Essgewohnheiten größere Gefahr der Parasiten-Aufnahme

Auch die Senckenberg-Forschung hat sich des Themas Wale und Parasiten angenommen.

Zitat aus dem Senckenberg-Artikel: „Als gesicherte Erkenntnis gilt, dass Anisakis (ein Fadenwurm) in seinem komplexen Lebenszyklus neben vier Häutungen und Larvalstadien mehrere Wirtswechsel einschließt, die sich quer durch das gesamte Nahrungsnetz erstrecken. Als Endwirte fungieren dabei Barten- und Zahnwale (Cetacea), zu denen auch Delfine gehören und die sich über die Nahrung, also der Aufnahme einer Vielzahl befallener Zwischenwirte (Krebse, Kopffüßer, Fische), mit diesen Parasiten infizieren.“

Der Mensch, als sogenannter „Fehlwirt“, sei nicht Teil des Lebenszyklus, kann man im o.g. Artikel lesen. Er könne sich allerdings durch den Verzehr lebender Larven (z.B. in Fischfilets) temporär mit diesem Parasiten infizieren.

Würmer und Schnäbel von Pfeilkalmaren, die in einem Pottwal-Magen gefunden wurden.
(Foto: Gudrun Behrmann)

Werden Parasiten aufgenommen, so befallen sie den Magen-Darm-Trakt.

Der infizierte Mensch klagt über Symptome wie starke Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Fieber. Manche Patienten bilden sogar eine schwere Allergie aus.

Lebensbedrohlich sei eine Infektion für den Menschen meist nicht, kann man weiter in dem Artikel lesen.

„Das Durchgaren und Tieffrieren von Speisefischen tötet Parasiten im Filet oder den Innereien ab. Dennoch ist davon auszugehen, dass Infektionen durch Änderungen der Ernährungsgewohnheiten (z.B. die Tendenz, Speisen nicht zu überkochen) nicht mehr nur auf Küstenstaaten oder Regionen beschränkt bleiben, in denen der Verzehr von rohem oder unzureichend gekochtem Fisch (z.B. Sushi, Sashimi) kulturell bedingt ist.“
(Quellen: Günther Behrmann, TiHo Hannover, Theorien zu den Walstrandungen, Wal und Mensch, tv.de/wissen und Senckenberg Forschung)

Noch etwas zum Schmunzeln

1954 hat Professor Dr. Richard Goldschmidt in seinem Werk „Einführung in die Wissenschaft vom Leben oder Ascaris“ sehr humorvoll über den Spulwurm Ascaris geschrieben. Er spricht von ihm als einem Schmarotzer, den man nicht zu den ehrenwerten Geschöpfen zählen könne. Während andere unter ständigen Gefahren und Kämpfen ihr Dasein fristen, mache es sich der Spulwurm in seinem Wirt bequem und lebe dort wie im Schlaraffenland, ohne dass er sein täglich Brot erarbeiten müsste. Allerdings habe Ascaris mit diesem Leben im Überfluss auch seine Freiheit verkauft. Denn sterbe der Wirt, so stirbt auch der Spulwurm.