Berichte, Biologen-Blog

Heiße Diskussion um Delfinhaltung


Serie von Benjamin Schulz/Teil 2
1. Dezember 2014

(10 Kommentare)

Beim letzten Mal habe ich ja schon angekündigt, dass ich heute meine Ansichten über die Haltung von Delfinen mit euch teilen möchte.

Benjamin mit Großem Tümmler (Foto: Benjamin Schulz)

Benjamin mit Großem Tümmler
(Foto: Benjamin Schulz)

Eigentlich wollte ich ja immer mit wilden Delfinen arbeiten, etwas für ihren Schutz tun. Doch dann bin ich in Delfinarien gelandet und seitdem dort geblieben.

Manche werden jetzt bestimmt denken, na das ist ja gründlich schiefgegangen. Aber ich kann heute voller Überzeugung sagen, es ist das Beste, was mir passieren konnte, denn ich habe in den vergangenen Jahren so unglaublich viel über Delfine gelernt, da ich jeden Tag aus der ersten Reihe ihr bemerkenswertes Familienleben beobachten konnte. Doch dazu erzähle ich mehr in späteren Eintragungen.

Delfine gehören zu den beliebtesten Tieren

Ich denke, es werden mir die meisten zustimmen, wenn ich behaupte, dass Delfine wohl auf der ganzen Welt mit zu den beliebtesten Tieren gehören. Das Interesse an ihnen ist enorm groß, weshalb es auch eine hohe Dichte an Delfinschutzorganisationen gibt, in denen viele Menschen aktiv oder passiv – durch Spenden – mitmachen, weil ihnen das Wohlergehen dieser Tiergruppe am Herzen liegt.

Dabei wurde in den vergangenen Jahren über kaum ein anderes Thema so heiß diskutiert wie über die Haltung von Delfinen in Zoos und Freizeitparks, wo sie in Shows auftreten, um Besucher zu unterhalten. Einige werten das als Tierquälerei. Verwundern tut es mich nicht, dass darüber diskutiert wird, nur die Art und Weise, wie das geschieht, und das Ausmaß der Diskussionen tun es schon.

Hunderttausende Delfine sterben jedes Jahr in den Ozeanen

Gerade mal ein paar Hundert Delfine leben in den Delfinarien Europas, etwas über 1.000 oder 1.500 werden es vielleicht weltweit sein. Diese bekommen einen Großteil der Aufmerksamkeit von vielen Tierschützern. Viele haben nicht ein einziges Projekt, in dem sie wilde Delfine schützen, sondern zielen nur auf die Delfinarien.

Toter Delfin in Netz, LWL Münster  (Foto: Rüdiger Hengl)

Dieser Delfin hätte Hilfe benötigt. Lasst uns endlich daran arbeiten, bevor es zu spät ist.
(Foto: Rüdiger Hengl)

Zur gleichen Zeit sterben in den Meeren Hunderttausende Delfine jedes Jahr in Netzen, an Vergiftungen durch Chemikalien, an Unterernährung wegen der Überfischung oder werden sogar noch als Konkurrenten der Fischer diffamiert und grausam abgeschlachtet.

Die Verhältnismäßigkeit der Aktionen der Tierschützer stimmt hier ganz und gar nicht mehr. Und auch das undifferenzierte Schwarz-Weiß-Denken der Tierschützer stört mich sehr.

Unterschiede in der Delfinhaltung

Sicher gibt es viele schlechte Einrichtungen, in denen Delfine gehalten werden. Zu kleine Becken, den ganzen Tag nur Shows oder Schwimmprogramme, viel zu viele Menschen, enormer Stress, schmutziges Wasser. Habe ich selber schon erlebt, und darüber bin ich sehr erbost, wenn ich es sehe.

Aber ich habe auch Plätze gesehen, die vorbildlich geführt werden, bei denen das Wohl der Tiere immer an erster Stelle steht und sie durch fürsorgliche Pfleger rund um die Uhr betreut werden. Und den Tieren sieht man diesen Unterschied sehr deutlich an. Sie sind aktiv, verspielt und suchen den Kontakt mit dem Menschen geradezu.

Wildfänge sind abzulehnen

Die meisten dieser Tiere sind bereits in Zoos geboren oder leben schon sehr lange dort. Der ständige Fang neuer Tiere für Delfinarien in Asien, Afrika, dem Mittleren Osten oder Mittelamerika, der muss aufhören. Es ist nicht richtig, Tiere aus ihrer natürlichen Umgebung zu reißen, ihnen die Familie zu nehmen und für den Profit irgendwo auszustellen. Wir Menschen greifen dadurch in Prozesse ein, die wir noch gar nicht vollständig verstehen.

Gefangene Delfine in Taiji (Foto: Boyd Harnell)

Gefangene Delfine in Taiji (Foto: Boyd Harnell)

Der Schaden entsteht nicht nur an den Tieren, die letztendlich gefangen werden, denn viele von ihnen überleben nicht sehr lang, sondern auch an denen, die in der Wildbahn zurückbleiben. Da werden eventuell erfahrene Tiere aus einer Gruppe genommen, die ohne sie nicht zurechtkommt. Oder es werden junge Tiere mit wichtigen Genen entnommen, die für den Fortbestand der Population unverzichtbar sind.

Darum müssen sich die Tierschützer kümmern, aber das tun sie kaum. Stattdessen stehen sie Tag für Tag vor den Toren von Zoos und Delfinarien in Europa oder den USA, die ihre Tiere schon seit Jahrzehnten haben, selbst nachzüchten und keine Tiere mehr aus der Wildnis entnehmen.

Sicher, wenn diese Tiere dort leiden, hat der Protest sogar eine Berechtigung. Doch den Nachweis dafür bleiben die Tierschützer schuldig. Dass die Tiere sich bei uns in den wissenschaftlich geführten Delfinarien sehr wohl fühlen, möchte ich euch mit diesem Blog ja auch vermitteln.

Ich werde euch gerne erklären, wie wir in den Delfinarien mit den Tieren umgehen, für ihr Wohlergehen und ihre Gesundheit sorgen, aber natürlich werde ich euch auch zeigen, dass immer noch Verbesserungen notwendig sind und wir daran auch arbeiten.

Das Wohl der Tiere steht an erster Stelle

Bei aller Diskussion ist es wichtig, dass das Wohl der Tiere immer an erster Stelle steht. Kritik ist wichtig, und ich stehe ihr offen gegenüber. Beschimpfungen und Drohungen oder einseitige Hetzkampagnen sind nicht geeignet, den Tieren zu helfen.

Denn was bringt es heute noch, den Import von Delfinen in den 1960er- bis 1980er-Jahren zu verurteilen? War es falsch, das zu tun? Ja, das denke ich schon. Aber es ist geschehen, und niemand kann es rückgängig machen. Nun aber, 30 und 40 Jahre später sehen wir ganze Familien von Delfinen, die hier in den Delfinarien erst entstanden und gewachsen sind.

Es wäre genauso falsch, diese Delfine aus ihrer Familie zu reißen, ihnen das Recht auf Fortpflanzung zu nehmen, nur weil man jetzt plötzlich zu dem Schluss kommt, es wäre falsch, sie zu halten.

Tierquälerei oder sportliche Übung, die Spaß macht? Man kann über den Sinn oder Unsinn diskutieren, doch alles sollte im vernünftigen Rahmen bleiben. (Foto: Benjamin Schulz)

Tierquälerei oder sportliche Übung, die Spaß macht? Man kann über den Sinn oder Unsinn diskutieren, doch alles sollte im vernünftigen Rahmen bleiben.
(Foto: Benjamin Schulz)

Delfinarienverbot macht keinen Sinn

Ein Delfinarienverbot, was einige Tierschützer fordern, macht keinen Sinn. Es schadet den Tieren, denn es würde die gleichen Rechte verletzen, wie es der Fang von wilden Delfinen vor 40 Jahren getan hat.

Fazit und Ausblick

Also, ich wollte euch meine Ansichten über die Gefangenschaft von Delfinen mitteilen. Um es noch einmal zusammenzufassen:

* Ich bin strikt gegen den Fang von wilden Delfinen für Delfinarien. Es müsste strengere Gesetze weltweit dagegen geben.

* Ich bin weder für noch gegen Delfinhaltung im Allgemeinen. Denn jedes Delfinarium muss einzeln beurteilt werden. Profitdenken und Unterhaltung der Menschen sind keine akzeptablen Gründe für mich, heute Delfine zu halten. Nachzucht, Forschung und Aufklärung dagegen schon.

* Natürlich müssen die Tiere gesund sein, lebensfroh, aktiv und gut beschäftigt. Dann akzeptiere ich die Haltung, obwohl mir dabei immer bewusst bleibt, dass ihre Heimat das Meer ist.

* Ich denke, dass die Delfinarien in Europa eine wichtige Rolle spielen werden für die Zukunft der Delfine weltweit. Die Haltung wird sich weiterentwickeln, und irgendwann wird es sie in der Form von jetzt nicht mehr geben.

Wenn ihr nun neugierig geworden seid und wissen möchtet, wie ich die Zukunft der Delfinarien in Europa sehe, wenn ihr vielleicht selbst ein paar Ideen habt und mitdiskutieren möchtet, dann schaut wieder hier vorbei. Ich würde mich sehr freuen wenn ihr auch beim nächsten Teil meines Blogs wieder mit dabei seid. Dann werde ich interessante Hintergründe darüber präsentieren, wie die Delfinarien in Europa heutzutage die Nachzucht organisieren, welche Ziele dahinterstehen und werde einen Blick in die Zukunft wagen.

Bis dann,
euer Benjamin

10 Kommentare

  1. Hallo an alle!

    Das freut mich ja sehr, dass schon fleißig diskutiert wird. Ich finde alle Kommentare sehr zutreffend, gerade was die Orca-Haltung angeht. Ich persönlich stehe dieser Haltung sehr skeptisch gegenüber. Ich mache zwar keinen Unterschied zwischen Orcas und z.B. den Großen Tümmlern, was ihre Ansprüche in Beschäftigung, Sozialisierung und Fortpflanzung angeht, sehe aber Probleme in der Orca-Haltung die allein durch ihre enorme Größe verursacht werden. Es ist halt nicht so einfach, genügend große Becken zu bauen, diese enormen Wassermassen rein zu halten und gleichzeitig noch große soziale Gruppenstrukturen aufzubauen. Bei den Großen Tümmlern ist das schon wesentlich einfacher, und auch deren Fortpflanzung läuft ja doch auch schneller und einfacher ab, so dass sich zügig gute Familienstrukturen aufbauen auch ohne viele notwendige Eingriffe von außen. Auch die Beschäftigung von Orcas durch die Trainer ist nicht ohne Risiken, wie ja einige traurige Ereignisse gezeigt haben. Naja, ich bin auf jeden Fall gespannt, was SeaWorld in San Diego jetzt alles neu baut für die Orcas. Da wird glaube ich mehr als 150 Millionen Dollar ausgegeben, um eine Art Lagune für sie zu bauen. Klar dass dann einige Aktivisten schon wieder Geldverschwendung schreien und fordern, wir sollten das Geld für den Schutz der Ozeane nutzen. Da ist sicher was Wahres dran. Aber die Personen, die jetzt SeaWorld wieder Vorwürfe machen, hatten nichts dagegen, dass für die gescheiterte Freilassung eines einzigen Orcas mehr als 20 Millionen Dollar ausgegeben wurden. Wasser predigen und Wein trinken, das ist gerade bei Organisationen der Fall, die Tierschutz als Geschäftsmodell nutzen. Was das „Hin- und Hergeschiebe“ einiger Tiere zu Zuchtzwecken angeht: Natürlich findet auch in der Wildbahn ein kontinuierlicher Austausch zwischen Gruppen statt. Das ist überaus wichtig, um Inzucht zu vermeiden. Genau aus diesem Grund wird das in den Zoos auch unternommen. Klar ist dann aber auch, dass dort jede Entscheidung von Menschen getroffen wird. Ob in der Wildbahn die gleichen Individuen umgezogen wären, kann man nur spekulieren. Doch hierbei muss ich noch sagen, dass keine Entscheidung in den Zoos einfach willkürlich getroffen wird. Austausche richten sich nach dem Verwandtschaftsgrad der Tiere, sozialen Gruppenzusammensetzungen und auch nach individuellen Bedürfnissen. Orcas haben im Vergleich zu Großen Tümmlern stabilere Familiengruppen. Ob dies aber nun einen wesentlichen Unterschied im Verhalten anzeigt oder einfach nur darauf gründet, dass die Dynamik der Fortpflanzung bei Orcas viel langsamer abläuft, können Forscher immer noch nicht klar sagen. Fakt ist aber, dass diese enge Familienangehörigkeit auch die Auswilderung noch viel komplizierter macht, als sie sowieso schon ist. Auch deshalb hatte Keiko schon zu Beginn des Projektes keine Überlebenschance. Ein Transfer in eine große Anlage wie z.B. SeaWorld wäre die bessere Alternative für ihn gewesen.

    geschrieben von Benjamin
  2. Wobei ich persönlich auch den Punkt Orca-Haltung differenziert betrachten würde. Eine Haltung unter der aktuellen Haltungspraxis kann ich nicht befürworten. Keine der momentanen Anlagen bietet einen nicht mal annähernd einen naturähnlichen Lebensraum. Die Shows mit ihren „Water works“ präsentiert die Tiere als Dressurpferde und Kuscheltiere mit ihren Trainern als primäre Bezugsperson. Das hin- und hergeschiebe von Tieren steht der natürlichen Sozialstruktur entgegen.

    Es müsste Anlagen in der Qualität des Deltas in Harderwijk geben, ein Training, dass die Tiere nicht auf einen Trainer fixiert, d.h. weg mit Orcareiten und dem ganzen Unsinn, und ein Bestandsmanagement, dass die Etablierung von Matrilinien anstrebt, so wie es derzeit in der Elefantenhaltung geschieht. Nichts von dem sehe ich in der Orcahaltubg im Moment. Was nicht heißt, dass man dies mit den entsprechenden Mitteln nicht verwirklichen könnte.

    geschrieben von Dani
    1. Es ist schwer zu sagen, in wieweit die heutige Orca-Haltung geplant war. Selbst SeaWorld hat die ersten Tiere nicht selbst angeschafft (Unterhalt viel zu aufwändig! Große Tümmler sind weit billiger, weniger gefährlich und wesentlich einfacher zu pflegen, von Seelöwen ganz zu schweigen!), sondern sie von den US-Tierschutz-Behörden faktisch aufgedrängt bekommen – weil die ursprünglichen Besitzer nicht mehr in der Lage waren für ihre Tiere zu sorgen und eine Auswilderung nicht (mehr) möglich war.
      Ähnlich lief es zuletzt mit Loro Park und dem Orca-Weibchen „Morgan“. Ein sterbenskrank aufgegriffenes Tier, das nach mehrfach bestätigter Überlebensunfähigkeit in freier Wildbahn (schwere Gehörschäden) per Gerichtsbeschluss(!) und mangels sinnvoller Alternativen nach Teneriffa kam.

      Letztlich hat man inzwischen das Bestmögliche daraus gemacht, indem man immer größere und bessere Anlagen baute – die allerdings auch finanziert werden müssen. Was liegt also näher, als die Tiere vor einem Publikum zu präsentieren. Regelmäßige Beschäftigung ist ohnehin zwingend erforderlich und das Publikum scheint (nach allen wissenschaftlichen Auswertungen) den Tieren ziemlich egal zu sein. Die Show-Musik ist für sie (aufgrund des anderen Hörspektrums) ohenhin kaum wahrnehmbar, ebenso die menschliche Stimme!

      Gleichzeitig hat mit der Übernahme der Tiere durch SeaWorld auch eine systematische wissenschaftliche Erforschung der Schwertwale in den Anlagen begonnen (und wird bis heute fortgeführt).

      „Die Shows mit ihren “Water works” präsentiert die Tiere als Dressurpferde und Kuscheltiere mit ihren Trainern als primäre Bezugsperson. Das hin- und hergeschiebe von Tieren steht der natürlichen Sozialstruktur entgegen.“
      Auch in freier Wildbahn leben Orcas (und ebenso Große Tümmler) in „Fusion- / Fission-“ Sozialstrukturen; d.h. es findet durchaus ein Austausch zwischen den einzelnen Schulen statt – teilweise durch Entführungen, teils durch aufgrund von Orkanen verirrten Tieren, teils aufgrund von (verlorenen) Rangordnungskämpfen. Das „hin-und hergeschiebe“ entspricht also durchaus auch natürlichen Erlebnissen und Verhaltensweisen – zumal es – wenn alles gut geht – in vergleichsweise harmonischen Tier-Gruppen endet.

      Und die „Water-Works“ sind übrigens stark bemüht, eine allzu starke Bindung an einzelne Tierpfleger zu vermeiden! Eine direkte Interaktion zwischen Orcas und Trainer im Wasser findet inzwischen nicht mehr statt. Und eine regelmäßige Beschäftigung der Tiere ist mindestens so wichtig, wie gutes Futter und sauberes Wasser.

      geschrieben von Norbert
    2. Naja, wie gesagt, nichts was man nicht mit den entsprechenen Mitteln, wozu ich dann auch Einsicht und Wilen bei den Verantwortlichen zähle, nicht realisieren könnte. Wenn da allmählich ein Kurswechsel stattfindet, um so besser. Nur in einem Punkt stimme ich nicht übereinen. Die Anlagen in SeaWorld entsprechen größtenteils dem Stand der 70er. Das nenne ich nicht das Bestmögliche, sondern eher analog zu gefließten, eckigen Affen- oder Raubtierkäfigen, die leider auch in manchen hiesigen Zoo noch nicht komplett durch Neubauten erstzt werden konnten. Aber so wie es aussieht, scheint man auch da etwas neues zu planen.

      Das Bestandsmanagement interessiert mich schon etwas länger. Bisher haben mich die Haltungsdaten der Großen Tümmler in Europa sehr beschäftigt. Aber damit bin ich fast fertig, dann werde ich mir mal die Orca-Daten bei Ceta-Base vornehmen. ;-)

      geschrieben von Dani
      1. Die SeaWorld-Anlagen mögen durchaus aus den frühen 80-er Jahren stammen, sind aber auch nach heutigen Maßstäben noch sehr großzügig bemessen. Zudem gibt es in den Anlagen etliche Beckenanlagen, die für Besucher weder zugänglich, noch sichtbar sind, um den Tieren einen Rückzugsraum zu bieten.

        Mit relativ „kahlen“ Becken haben Delfine übrigens wenig Probleme – solange sie beschäftigt werden. Gerade in den gemäßigten Breiten gibt es auch im Meer abseits der bekannten Tauchspots unter Wasser kaum etwas zu sehen.
        Es gibt sogar Hinweise (z.B. die Erfahrungen mit der Einweihung der Delfin-Lagune in Nürnberg), dass große Tümmler es ganz gerne übersichtlich haben – in unübersichtlichen Anlagen haben sie zumindest anfänglich ziemliche Angst (vermutlich vor Raubtieren).

        Das ist ganz ähnlich wie bei der Hühnerhaltung: Für den menschlichen Eindruck ist die Freilandhaltung das Paradies für (Nutz-)Hühner. Die eierlegenden Federbälle finden große freie Felder dagegen wohl eher nicht so toll. Sie haben ständige Angst vor Greifvögeln – und das nicht ganz unbegründet: ca. 1 % jährlicher „Schwund“ müssen bei Freilandhaltung einkalkuliert werden. Dies lässt sich auch am Stresspegel (Cortisol) der Tiere ablesen, der bei (ordentlicher) Stallhaltung deutlich niedriger liegt.

        Man muss also immer genau nachprüfen, ob der menschliche Eindruck auch mit dem Empfinden der Tiere übereinstimmt. Manchmal liegt man intuitiv ganz richtig, aber oft genug auch komplett falsch.

        geschrieben von Norbert
  3. Ich kann Benjamin nur zustimmen und halte seine Ansichten für vernünftig.
    Man kann nicht generell gegen – oder für – Delfinarien sein. Jede Einrichtung
    muss individuell betrachtet werden und da wo die Haltungsbedingungen unakzeptabel
    sind, ist auch Protest angebracht. Meiner Meinung nach, ist zum Beispiel die Haltung
    der größten Delfinart – den Orcas – nicht zu befürworten, wenngleich der heutige Walschutz
    gerade den ersten Schwertwalen in Menschenhand viel zu verdanken hat.
    Aber der „Tunnelblick“ – insbesondere der selbsternannten Delfinschützer – verliert die
    großen Delfintragödien völlig aus den Augen. Wie Benjamin schon gesagt hat, sterben
    jedes Jahr Hunderttausende Delfine in den Ozeanen. Wer sich da ausschließlich auf die
    Tiere in den Delfinarien konzentriert – weil es anscheinend mehr Aufsehen erregt – hat die
    Verhältnismäßigkeit wohl ebenfalls bereits aus den Augen verloren.
    Unumstritten ist natürlich, dass der Fang von wilden Delfinen völlig indiskutabel ist.

    geschrieben von Frank Blache
    1. Der Vaquita (eine Schweinswalart) ist extrem bedroht. Die letzte Zählung entdeckte nur noch 97 Exemplare. So werden sie bald aussterben. Was denkt ihr? Sollte man diese Tiere einfangen und mit den modernsten Reproduktionstechniken nachzüchten? Genetisch wäre das eigentlich sinnlos, und das Klonen bringt ja auch keine genetische Vielfalt zurück. Eine Idee die ich vor kurzem mal irgendwo gelesen habe, war die Kreuzung mit anderen Schweinswalarten, um zumindest einen Rest ihrer Gene zu bewahren. Solche Kreuzungen kommen durchaus auch in der Natur vor und resultieren oft auch darin, dass eine kleine Art mit einer anderen verschmilzt. Es wäre also durchaus die Simulation eines natürlichen Vorgangs. Was meint ihr? Ist in diesem Fall eine menschliche Intervention notwendig oder sollen wir der Natur ihren Lauf lassen (wobei das Aussterben dieser Art eher eine menschliche Ursache hat)?

      geschrieben von Benjamin
      1. Zum Vaquita gibt es eine Petition, die man unterschreiben kann: https://www.change.org/p/president-enrique-penanieto-save-the-vaquita-porpoise-from-extinction
        Die meisten der Schweinswale sterben offenbar in Fischernetzen. Die mexikanische Regierung ist zurzeit in Verhandlung mit den Fischern. Sie sollen zwei Jahre lang bestimmte Netze nicht mehr benutzen, damit sich der Vaquita-Bestand erholen kann. Die Fischer sollen für ihren Einnahmeausfall von der Regierung entschädigt werden. Meiner Meinung nach ist dies ein erster guter Schritt, das Aussterben des Vaquitas zu verhindern.

        geschrieben von Susanne
      2. Wenn man Glück hat, besitzt die Restpopulation noch eine ausreichende genetische Vielfalt, um wieder einen überlebensfähigen Bestand aufzubauen.

        Ob dies in menschlicher Obhut geschehen kann/soll hängt in erster Linie wohl (auch) davon ab, ob die Tiere überhaupt für die Aquarienhaltung geeignet sind.

        Der eigentlich schön kleine und robuste Nordsee-Schweinswal zeigt (leider) recht deutlich, dass das Ganze wohl nicht so einfach ist: Bislang ist wohl noch kein einziges Jungtier durchgekommen, obwohl man sich offenbar bemüht, mit den in Haderwijk und Odense lebenden Tieren (überwiegend Strandungsfunde ohne Auswilderungschance) eine Nachzucht aufzubauen. Das kann natürlich auch daran liegen, dass man keine wirklich gesunden und jungen Wildfänge als Zuchtbasis hat, sondern eben nur Tiere, die man mit viel Aufwand vor dem sicheren Tod bewahrt hatte – oder eben daran, dass man irgend etwas übersehen hat, was für eine erfolgreiche Nachzucht wichtig ist.

        Bei den großen Tümmlern hat man auch eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass die Kühe erst eine „Schulung“ durch Artgenossen benötigen, bis sie wissen, wie man mit einem Kalb umzugehen hat.

        geschrieben von Norbert
        1. Schwierig einzuschätzen, zumal aus Ceta-Base ja nur die reinen Haltungsdaten zu entnehmen sind. Im Fjord and Belt Center gab es bisher drei Schweinswal-Geburten. Die erste war eine Frühgeburt (2006), die zweite Nachzucht (2007) wurde 6 Jahre alt und darf damit wohl als das Erwachsenenalter erreicht habend gelten. Die dritte (2013) starb drei Tage nach der Geburt.

          In Harderwijk leben aktuell zwei Nachzuchten von 2012, soweit die Daten noch stimmen, beides Weibchen. Die Listen über Todesfälle sind z.Z. nicht einsehbar, vermutlich in Überarbeitung. Nur fehlt in Harderwijk im Moment wohl ein Männchen.

          Insgesamt dürften es in Europa aber vielleicht bisher ein Dutzend Nachzuchten gegeben, wenn überhaupt. Das heißt die Erfahrung ist eher gering.

          Prinzipiell ist es sowieso vorzuziehen, einer Art den natürlichen Lebensraum zu erhalten und sie im selbigen zu schützen, als sie mit unzureichender Wissensgrundlage die Individuen aus dem Lebensraum zu entnehmen. Das ist auch beim Baiji nicht gelungen, wenngleich die Ausgangslage da wohl noch schlechter war.

          Kreuzung mit anderen Arten, da wäre die Frage, welche Arte der Familie mit Kalifornischen Schweinswalen überhaupt Nachkommen zeugen kann, womöglich noch selbst fortpflanzungsfähig. In der Delphinfamilie ist das zwar zwischen der Gattung Tursiops und Delphinus und sogar zwischen Tursiops und Pseudorca gelungen, aber kann man daraus auf Schweinswale rückschlüsse ziehen?
          Hinzu kommt, dass man dazu Schweinswale anderer Arten einfangen und in das Verbreitungsgebiet der Vaquitas umsiedeln müsste (umgekehrt wie auch Ex-Situ hielte ich für ebenso wenig erfolgversprechend, wie ein reines Ex-Situ-Erhaltungszuchtexperiment mit P. sinus.) Beste Kandiaten wäre wohl die Arten der gleichen Gattung. Nur sind die, allen voran der Brillenschweinswal, an ganz andere Umweltbedingungen angepasst, vor allem was die Wassertemperatur betrifft.

          geschrieben von Dani

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