Berichte, Biologen-Blog

Glaubens- und Meinungsfreiheit


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Benjamin mit Großem Tümmler
(Foto: Benjamin Schulz)

Biologen-Blog von Benjamin Schulz, Teil 24
7. Mai 2018
(27 Kommentare)

Schöpfungslehre kontra Evolution: Was passt in einen Zoo?

Hallo liebe Meeresakrobaten-Fans!
Diejenigen, die meinem Blog schon länger aufmerksam folgen, wissen, dass ich zum Thema Artenschutz auch gerne mal deutlich werde und Diskrepanzen und kontroverse Meinungen verschiedener Gruppen zu meiner Herzensangelegenheit mache. So zum Beispiel in der Auseinandersetzung zwischen Tierrechtsgruppen und Zoos.

Auch dieses Mal möchte ich wieder für Verständnis konträrer Ansichten werben und vermitteln, denn der Artenschutz braucht unser aller Engagement und wir können uns den Luxus persönlicher Rechthaberei und Meinungshoheit nicht mehr leisten, wenn wir die Erde tatsächlich retten wollen.

Noahs Ark Zoo Farm

Dieses Mal kam die Idee zum heutigen Beitrag von einer unangenehmen Erfahrung auf einem sozialen Netzwerk. Dort gab es einen Beitrag auf einer Zooseite zum geplanten Austausch von Tieren im Rahmen eines Zuchtprogramms. Eigentlich also Alltag auch für Zoobefürworter und Interessensverbände, doch dieses Mal war das nicht der Fall.

Der Knackpunkt war nämlich, dass der empfangende Zoo hierbei die Noahs Ark Zoo Farm in England werden sollte, die offen und durchaus auch offensiv das Thema Schöpfungslehre und christlicher Glaube in ihrem Zoo-Edukationsprogramm platziert hat.

Noahs Ark
(Foto: Wikipedia, Oil on canvas painting by Edward Hicks, 1846 Philadelphia Museum of Art)

Und schon ging es los mit etwas, das ich selbst sonst eher von der Seite der Zoogegner erwartet hätte: Plötzlich meinte jemand, dieser Zoo würde doch die Schöpfungslehre vertreten, was ein Unding wäre. Der nächste meinte dann, man müsste so etwas verbieten und der dritte forderte dann, den Zoo vom Zucht- und Austauschprogramm auszuschließen.

Keine Einmischung ins Bildungsprogramm

An dem Punkt wollte ich mich einbringen und erklärte, dass die Teilnahme am Zuchtprogramm in Europa durch Haltungsvorschriften geregelt wird, und man sich eben nicht in andere Belange einmischt, in diesem Fall in das Zoo-Edukationsprogramm oder in den privaten Glauben des Zoodirektors.

Na ja, wie jeder weiß, auf sozialen Netzwerken ist es oft schwierig, eine andere Meinung als die bereits in einer Kommentarspalte vorherrschende zu vertreten.

So auch in diesem Fall, mein Kommentar brachte mir böse Smilies und noch entschlossenere Entgegnungen ein, dass der besagte Zoo unsäglich dem unwissenschaftlichen Schöpfungsglauben „frönen“ würde, dass die Bibel in der Zoobildung nichts zu suchen hätte etc. etc. Außerdem hätte ich mich besser informieren sollen.

An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich nicht persönlich beleidigt worden bin, was schon mal für die Zoobefürworter spricht (im Vergleich zu anderen weitaus weniger zimperlichen Meinungsgruppen), aber trotz alledem hat mich die Unaufgeschlossenheit und vor allem die verbissene Ablehnung dieser Ansicht doch überrascht. Schließlich beschwert sich die Gemeinschaft doch auch ständig über die verbohrten und aggressiven Attacken von Tierrechtsgruppen. Da sollte man eigentlich im Umgang miteinander sensibler sein.

Nun gut, ich habe mich selber mal schlau gemacht über den besagten Zoo in England und denke, jeder soll hier dieselbe Möglichkeit haben, deshalb gibt es nun von mir den Link zum Zoo selber und seinem umstrittenem Bildungsprogramm.

Wissenschaftliche Evolution wird nicht abgestritten

Was kann ich nun als Biologe dazu sagen? Nach eingehender Prüfung denke ich, dass die Ansichten der Noahs Ark Zoo Farm in keinster Weise anmaßend oder inakzeptabel sind. Weder wird hier die absolute Wahrheit für sich eingenommen noch die wissenschaftlich nachgewiesene Evolution abgestritten.

Paviane im Augsburger Zoo
(Foto: Rüdiger Hengl)

Nach meinem Verständnis geht es den Verantwortlichen hier vor allem darum, dass es im Großen und Ganzen immer noch keine exakte wissenschaftliche Erklärung gibt, woher das Leben eigentlich stammt und wie das erste Licht im Universum entstanden ist.

Diese Tatsache bietet dem Menschen auch heute noch eine Vielfalt mystischer Erklärungsmöglichkeiten, von denen die göttliche Schöpfung sicherlich noch die weitverbreiteste ist.

Es geht hier sicherlich nicht darum, die wissenschaftlichen Errungenschaften zu schmälern oder sie sogar zu unterdrücken, wie es fanatische Glaubensgruppen durchaus tun. Das Personal und die Führungsebene des Zoos wollen genau wie andere Zoos auch die Wichtigkeit und Schönheit der Natur dem Besucher nahebringen und Artenschutz propagieren.

Zoo nimmt aktiv an Zuchtprogrammen teil

Eine durch und durch lobenswerte Mission, und deshalb ist der Zoo auch berechtigterweise ein Teil der europäischen Zoogemeinschaft und nimmt aktiv an mehreren wichtigen Zuchtprogrammen teil.

Die Haltung der Tiere an sich folgt dabei genau den gleichen Ansprüchen und Prinzipien, wie es auch bei den wissenschaftlich geführten Zoos der Fall ist.

Auf Basis welcher Argumente könnte man also diesem Zoo seine Aktivitäten verbieten?

Seelöwen-Baby mit Mutter im Nürnberger Tiergarten
(Foto: Rüdiger Hengl)

Glaubens- und Meinungsfreiheit

Glaubens- und Meinungsfreiheit endet nicht in einem Zoo mit biblischen Motiven, schon gar nicht, wenn er privat geführt wird, wie in diesem Fall.

Der Papst selbst könnte sich einen privaten Zoo bauen und einen Kardinal zum Direktor ernennen. Solange dieser Zoo nationale und internationale Standards der Tierhaltung erfüllt, ist dies ein Teil der Freiheit unserer westlichen Welt. Ob es allen gefällt, spielt dabei keine Rolle.

Mir gefällt die Herangehensweise der Noahs Ark Zoo Farm, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass ich als ausgebildeter Biologe und Absolvent einer christlichen Schule mein Leben lang von beiden Seiten geprägt wurde und sie schätzen gelernt habe.

Ich weiß, dass es Widersprüche, aber auch Überschneidungen gibt. Wichtig ist nur, von beidem das Beste mitzunehmen. Und das ist der Respekt vor dem Leben, egal ob es sich dabei um eine atemberaubende Aneinanderkettung von Zufällen und Mutationen und Selektion oder um eine Schöpfung einer höheren Intelligenz handelt, die eventuell auch noch heute auf uns herabschaut.

Emotionale Kompetenz ist gefragt

Genau das kann der Artenschutz heute gut gebrauchen: Denn trotz aller wissenschaftlichen Bemühungen im Rahmen der Biodiversität und den Erklärungsansätzen dazu, wie, wann, wo, wer oder was nun entstanden ist, fehlt es diesem Ansatz an emotionaler Kompetenz: Der Tierschutz findet seine Akzeptanz in der breiten Gesellschaft durch einen Appell an Mitgefühl und Zusammengehörigkeit.

Und was könnte das besser leisten als der Glaube daran, dass wir hier alle als Teil des Plans eines höheren Wesens, einer eingeschworenen Gemeinschaft, existieren?

Die komplexe Thematik der Evolutionswissenschaft jedenfalls bietet auch enormen Grund zum Staunen angesichts der Vielfalt des Lebens, doch sie ist und bleibt eine Wissenschaft und erreicht dadurch immer nur einen sehr begrenzten Zugang zur breiten Gesellschaft.

Der Glaube an sich kann für den Artenschutz eine große Hilfe darstellen, und ich finde es wundervoll, wenn christlich oder in anderen Religionen geprägte Personen dies nutzen, um sich für mehr Respekt und die Erhaltung unserer Flora und Fauna einzusetzen.

Schafe in Griechenland
(Foto: Rüdiger Hengl)

In wie vielen Tagen oder Milliarden Jahren ist egal

Ich würde mir wünschen, dass dies auch die großen Weltreligionen viel mehr tun würden, als sie es bislang machen, denn sonst geht die ganze Schöpfung verloren. Ob sie nun in sechs Tagen entstanden ist oder in Milliarden von Jahren: der Verlust, dem wir alle entgegensehen, wird auf jeden Fall fatal.

Offenheit, Toleranz und gegenseitige Akzeptanz sind dabei grundlegende Voraussetzungen, damit wirklich alle an einem Strang ziehen und wir diese schwere Aufgabe doch noch bewältigen können.

Die Zoos, egal ob wissenschaftlich geführt oder mit religiösen Motiven gespickt, bilden im gemeinsamen Kampf für die Zukunft des Planeten die Speerspitze. Dieses sollten auch alle Zoobefürworter als Vorbild sehen und begreifen, dass es keine Lagerbildung geben sollte.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Mai, genießt den Frühling!
Amen! ?

Die anderen Blog-Beiträge von mir findet ihr hier.

27 Kommentare

  1. Ich denke ich sollte doch einmal ausführlicher meine Meinung zu diesem Artikel äußern, da ich auch einer der besagten Kommentatoren war. Zum einen: die Kommentare auf Facebook waren durchaus emotional bezüglich der Thematik gefärbt, das möchte ich nicht abstreiten; gerade nach sehr ausführlichen Diskussionen mit Kreationisten geht mir dieses Thema doch sehr nahe. Am schlimmsten finde ich allerding, von Naturwissenschaftlern derartige Ansichten zu hören. Aufgrund der Komentare und des Artikels („In wie vielen Tagen oder Millionen Jahren ist egal“, „Mir gefällt die Herangehensweise der Noahs Ark Zoo Farm“) komme ich nicht umhin zu vermuten, dass der Artikelschreiber dem Intelligent Design durchaus nahe steht, auch wenn er selber sich nicht als Evolutionsgegner sehen mag – nebenbei, auch diese Ansicht höre ich nicht zum ersten Mal. Wenn ich darauf dieser Meinung mit „verbissene[r] Ablehnung“ begegne,geht dies nicht persönlich gegen Hernn Schulz, der auch gar nicht direkt in den genannten Kommentaren angesprochen war. Mit einem mir bekannten Kreationisten (ehem. Religionslehrer) habe ich mich z.B. persönlich immer gut verstanden. Wenn ich dann allerdings im Artikel lese, wir „können uns den Luxus persönlicher Rechthaberei und Meinungshoheit nicht mehr leisten“, sowie „und schon ging es los mit etwas, dass ich selber sonst eher von Seiten der Zoogegner erwartet hätte“, dann bin ich doch etwas erstaunt. Ich muss zudem richtigstellen, dass auf der Seite derer, denen dieses Thema mehr oder weniger egal war, mehr Leute vertreten waren als die, die sich darüber aufgeregt haben. Ich bin deshalb sehr überrascht darüber, dass die Diskussion wichtig (oder persönlich?) genug genommen wurde, um diesen Artikel darüber zuschreiben. Aber so möchte ich hinzufügen, „[a]lso, ich als Biologe“ „und Absolvent einer christlichen Schule“ bin nicht der Ansicht, dass ein (wiederholtes) Pseudo-Autoritätsargument hier gut wirkt und vertrete immer noch die Meinung, „dass die Bibel in der Zoobildung nichts zu suchen [hat]“. Auch sehe ich durchaus, dass im Tierschutz bereits Emotionen angesprochen werden und sehe darin auch keinen Widerspruch zur wissenschaftlichen Erkenntnis, im Gegenteil, Naturwissenschaft sollte mit noch mehr Begeisterung vermittelt werden; dafür ist auch keine religiöse Sichtweise nötig. Natürlich war keiner der Kommentatoren der Ansicht, dass solch ein Zoo staatlich „verboten“ gehört. Die Frage ist nur, ob die EAZA sich nicht überlegen sollte, ob dieser Zoo aus wissenschaftlicher Sicht vertrauenswürdig ist, oder ob sich das in der Vergangenheit bei Zoo-Öffnung nicht jemand von dieser Seite hätte besser überlegen sollen. LG vom „unaufgeschlossenen“ Biologen ;) demnächst verwende ich nur noch (sich kaputt) lachende Smileys wenn es persönlich hilft.

    geschrieben von Lea

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