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16. bis 19. Juni 2003: 55. IWC-Tagung in Berlin


Ich habe als Betreiberin der Meeresakrobaten-Website das Umfeld der IWC in Berlin beobachtet. Hier findest du im Anschluss Berichte, Eindrücke und Bilder.

Die Tierschutzorganisation „Project Blue Sea“ harrt vier Tage vor dem IWC-Tagungshotel aus

Als einzige Tierschutzgruppe (!!!) hat Project Blue Sea vor dem Estrel-Hotel in Berlin-Neukölln vier Tage lang gegen den Walmord auf dem offenen Meer protestiert. Mit Bannern und aufblasbaren Walen lenkten die jungen Leute aus Herne die Aufmerksamkeit von Passanten und IWC-Delegierten auf ihr Anliegen – nämlich dem Töten von Walen und Delfinen möglichst schnell ein Ende zu bereiten.

Dass der Mord an den Meeressäugern nicht nur moralisch zu verabscheuen ist, sondern dass die erlegten und zum Verzehr vorgesehenen Tiere durch die hohe Giftbelastung in ihrem Fleisch sogar gefährlich für ihre Jäger werden können, stellten Sascha Regmann und seine Freunde sehr anschaulich in einer gespielten Szene dar. Die Akteure waren dabei in Skelettkostüme gekleidet.

Aber auch nachts gaben die Walschützer keine Ruhe. Sie organisierten von Dienstag auf Mittwoch spontan eine Mahnwache, bei der sie symbolisch für den Tod der erschlagenen und erschossenen Wale viele Grablichter leuchten ließen.


Es war wirklich sehr beeindruckend, was die Wal-Freunde alles auf den Weg brachten (nicht zu vergessen die Unterschriftenliste, die sie persönlich in der japanischen Botschaft ablieferten). Schade nur, dass sich nicht noch mehr Tierschutzvereine die Zeit genommen und die Mühe gemacht haben, den Delegierten der Walfangländer deutlich zu machen, wie wichtig dem Gastgeberland der IWC 2003 der Schutz von Walen und Delfinen ist.

Pressespiegel

Augsburger Allgemeine vom 17. Juni 2003, „Aus aller Welt“
Künast empfhiehlt Kamera statt Harpune
Berlin (ap). Verbraucherministerin Renate Künast will Wale durch sanften Tourismus vor dem Aussterben retten. „Die beste Art, Wale zu nutzen, ist nicht die Harpune, sondern die Fotokamera“, sagte die Grünen-Politikerin am Montag in Berlin. Künast ist Gastgeberin der 55. Tagung der Internationalen Walfangkommission, die bis Donnerstag an der Spree stattfindet.

(…) Am wissenschaftlichen Walfang, wie ihn Japan betreibt, übte Künast Kritik. Er sei „schlicht und einfach“ eine Ausrede, „um Walfleisch und Walspeck zu essen“.
Die Norweger hielten Künast vor: „Vom Zugucken wird man nicht satt.“ Niemand bezweifle, dass Walbeobachtungsfirmen dort existieren könnten, wo es bereits prosperierenden Tourismus gebe. Viele der Walfänger lebten aber in abgelegenen Gegenden, in die sich kaum ein Tourist verirre. In Norwegen seien in dieser Saison bereits 400 Minkwale gefangen worden, wurde mitgeteilt.

Künast beteiligte sich an einer WWF-Aktion und „rettete“ mit einer Heckenschere einen Pappwal, der sich in ein großes Netz verheddert hatte. Die Umweltschützer wollten darauf aufmerksam machen, dass jährlich rund 300.000 Wale, Delfine und Tümmler qualvoll als Beifang in den Netzen enden.

Der Tagesspiegel/Berlin vom 17. Juni 2003, „Außenpolitik“
Walfangkonferenz für mehr Schutz
Berlin (Dagmar Dehmer). Die Internationale Walfangkommission (IWC) soll sich in Zukunft mehr mit dem Schutz der Meeressäuger befassen. Am ersten Tag der IWC-Jahrestagung stimmten 25 Nationen für einen neuen Walschutz-Ausschuss, der die vielfältigen Bedrohungen der Tiere untersuchen soll, 20 Länder stimmten dagegen. „Das ist eine hinterhältige Strategie, um die nachhaltige Nutzung von Walen als Nahrungsquelle zu beenden“, krititsierte der Leiter der japanischen Delegation, Minoru Morimoto. „Damit wird der Zweck der IWC in einer Art und Weise umgedeutet, wie das noch mit keiner internationalen Konvention je zuvor passiert ist“, sagte er weiter. Morimoto drohte am Montag damit, die Mitgliedschaft Japans in der IWC „zu überdenken“. Auf keinen Fall werde sich Japan, ebenso wenig die Walfang-Nationen Norwegen und Island, an der Finanzierung des Walschutz-Ausschusses beteiligen.

Dagegen wertete Verbraucherministerin Renate Künast(Grüne) den Beschluss als großen Erfolg. „Damit wird der Walschutz als ein Kernanliegen der IWC anerkannt und erhält einen deutlich höheren Stellenwert als bisher“, lobte sie. Sandra Altherr von Pro Wildlife sagte: „Die Berlin-Initiative ist seit Jahren der erste wirklich konstruktive Vorschlag für eine Neuausrichtung der IWC.“

Volker Homes vom World Wide Fund for Nature (WWF) ergänzte: „Das ist ein großartiger Erfolg und ein historischer Tag für den Walschutz.“ Auch Niki Entrup von der Walschutzinitiative WDCS sieht in der Berlin-Initiative „eine Resolution, die Zeichen setzt“. Allerdings schränkte Thilo Maack von Greenpeace ein: „Das ist nur ein erster Schritt auf dem langen Weg von der Walfang- zur Walschutzkommission.“ (…)

Der Tagesspiegel/Berlin vom 18. Juni 2003, „Meinung“
Die Qual mit dem Wal – Nicht nur Meeresriesen sind vom Aussterben bedroht
Berlin (Dagmar Dehmer). Rituale sind langweilig. Die jährliche Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) ist ein solches Ritual. Walschützer und Walfänger blockieren sich seit Jahren gegenseitig. Echte Beschlüsse, die alle binden, sind in der IWC schon lange nicht mehr gefasst worden, weil keines der beiden Lager über die dafür notwendige Drei-Viertel-Mehrheit verfügt. Anfang der 80er Jahre hatten es die Walschützer dann aber doch geschafft. Nachdem genügend jagdkritische Staaten beigetreten waren, beschloss die IWC ein Moratorium für die 13 bejagten Großwalarten, das 1986 in Kraft trat. Dananch begann Japan, jagdfreundliche Staaten zu werben. Der Aufwand, mit dem beide Seiten um die Wale kämpfen, zeigt: Es geht um mehr.

Für Japan haben die Wale hohen Symbolwert. Das Jagdverbot hält Tokio für eine unerträgliche Bevormundung. Das sei, als würden die Hindus, denen Kühe bekanntlich heilig sind, der ganzen Welt verbieten, Rindfleisch zu essen. Dabei übersieht Japan großzügig, dass viele Großwalarten trotz Moratorium vom Aussterben bedroht sind.

Auch für die Umweltschützer von Greenpeace und dem WWF sind die Wale ein Symbol. Der Aufstieg von Greenpeace zum umweltpolitischen Weltkonzern verdankt sich vor allem der Walschutzkampagne der frühen 80er Jahre. Für beide Organisationen sind die Wale die einzigen Sympathieträger, mit denen sich auf die Probleme der Meere insgesamt aufmerksam machen lässt. Niemand will etwas über die überfischung von Speisefischen wissen, auch wenn sie nicht weniger vom Aussterben bedroht sind als der Blauwal. Aber das Bartenmaul des Blauwals sieht aus, als lächle er. Speisefische, die aus der Tiefsee gezogen werden, sind abgrundtief hässlich. Sie eignen sich nicht als Logo für eine Kampagne zum Schutz der Meere.

Die IWC ist 1946 gegründet worden, weil selbst den Walfängern dämmerte, dass sie nicht mehr lange etwas zu fangen haben würden, wenn sie die Tiere nicht schützen. Dennoch war ihr Selbstverständnis stets das eines Weltunternehmerverbands für den Walfang. Das hat sich am Montag geändert. Mit der Berlin-Initiative, die eine knappe Mehrheit von 25 zu 20 Stimmen erzielt hat, ändert sich die Zuständigkeit der IWC. Künftig soll in einem Ausschuss auch über die wirklichen Probleme der Wale beraten werden – nämlich, dass sie zu Tausenden als unerwünschter Beifang in Fischernetzen landen. Oder dass die Meere verschmutzt sind. Eigentlich müsste sich die IWC aber auch mit der überfischung befassen. Das wäre eine kleine Revolution und ein großer Segen für den Schutz der Weltmeere.

Der Tagesspiegel/Berlin vom 19. Juni 2003, „Außenpolitik“
Japan darf weiterhin keine Wale jagen – Anträge auf Fangquoten abgelehnt
Berlin (deh.). Japan darf auch weiterhin keinen kommerziellen Walfang betreiben. Das Land scheiterte am Mittwoch mit zwei Anträgen auf eine Fangquote für 150 Brydewale und 150 Zwergwale aus dem Nordpazifik an der Internationalen Walfangkommission (IWC). Beide Anträge wurden mit 27 zu 27 Stimmen abgelehnt. In den Vorjahren hatte Tokio lediglich 50 Zwergwale zur Jagd beantragt, „um notleidende Küstenorte zu unterstützen“, wie die Delegation argumentierte. Unterdessen deckte die Umweltorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) auf, dass Fleisch von Zwergwalen, die Japan im Walschutzgebiet rund um die Antarktis im Rahmen seines „Wissenschafts-Walfangs“ jagt, auch zu Hundefutter verarbeitet worden ist. „Und dann beantragt Japan höhere Fangquoten“, ärgert sich Niki Entrup von der Walschutzinitiative WDCS. Wegen eines Flugblatts, auf dem Japan beschuldigt wurde, die Stimmen vor allem karibischer Inselstaaten „gekauft“ zu haben, haben sich die Umweltschützer am Abend entschuldigt.

Die IWC 2003 aus der Sicht verschiedener Walschutz-Organisationen

Sigrid Lübbe, Präsidentin der Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger Schweiz schreibt:
„Besonders Island wird sich nun überlegen müssen, ob es nach 14 Jahren Pause wieder Wale fangen und damit den Groll der internationalen Staatengemeinschaft auf sich ziehen will. Island geriet mehrfach durch kritische Fragen anderer IWC-Staaten in Bedrängnis: So wurde der angebliche Beifang eines Buckelwals und der anschließende Verkauf des Fleisches in isländischen Supermärkten von Deutschland kritisiert. Denn die Erlaubnis, solche Tiere zu vermarkten, ist ein starker finanzieller Anreiz für Fischer, Wale aktiv in die Netze zu treiben. Auch die veraltete Ausrüstung auf den Walfangbooten, die in Island für den Zwergwalfang eingesetzt werden sollen, war Gegenstand heftiger Kritik.“

Die Meeresschutzgruppe Project Blue Sea aus Herne schreibt:
„Es freute uns immer sehr, wenn wir Unterstützung durch Berliner Bürger erfahren konnten. So hielten beispielsweise mehrere Autofahrer an der viel befahrenen Straße vor dem Estrel-Hotel an, um uns mitzuteilen, dass sie mit uns sympathisieren. Um die Autofahrer, welche schon von weitem auf die Demo aufmerksam wurden, mit in den Protest einzubeziehen, stellten wir schnellstmöglich ein signalfarbenes Schild mit der Aufschrift „HUPT FüR DIE WALE“ auf. Besonders Bus/- und Taxifahrer folgten diesem Aufruf gern.

Nachdem wir erfahren haben, dass das am zweiten Abstimmungstag vorgeschlagene Walschutzgebiete im Südatlantik sowie im Südpazifik nicht die notwendige Dreiviertelmehrheit erhalten haben, entschlossen wir uns spontan, eine nächtliche Mahnwache in Sichtweite des Hotels abzuhalten. Zu diesem Anlass beleuchteten wir ein etwa 3 x 3 Meter großes Banner mit der Aufschrift: SAVE WHALES – NOT WHALING (Rettet die Wale – Nicht den Walfang) mit etwa 250 Grablichtern. Schweigend und andächtig postierten wir uns um dieses Mahnmal. Unsere Gedenkstunde wurde jäh beendet, als nach Mitternacht fünf stark angetrunkene skandinavische Delegierte an uns vorbeitaumelten. Sie lallten irgendetwas davon, dass der Spruch auf unserem Banner völlig falsch wäre und heißen müsste: SAVE WHALES – FOR THE WHALERS (Rettet die Wale – für die Walfänger).“

„Im vergangenen Jahr, als die IWC-Tagung in Japan stattfand, haben sich alle Walschutzgruppen beschwert, dass eine Reise zum Protestieren nach Japan unerschwinglich sei. Doch nun, ein Jahr später findet die Tagung direkt vor der Haustür statt und kaum jemand geht hin.“



Die Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS) wurde 1987 in Bath, England, gegründet und ist die weltweit aktivste gemeinnützige Organisation, die sich ausschließlich für den Schutz von Walen und Delfinen einsetzt. Auch sie war bei der IWC 2003 in Berlin dabei. Hier ein Auszug aus ihrem IWC-Protokoll:
„Das nächste Thema betraf die Beifangproblematik. So ist laut dem Bericht des Wissenschaftsausschuss die geschätzte Zahl weltweit in Fischernetzen beigefangener Wale, Delfine und Schweinswale zwischen 60.000-300.000 anzusiedeln.“

„Die dunklen Wolken am Morgen ließen unseren Blauwal darauf hoffen, auch im kontinentalen Berlin das Element Wasser mal wieder ausgiebig genießen zu können. Die ersten Regentropfen fielen dann tatsächlich vom Himmel, als wir uns gegen 11.00 h auf den Weg zum Potsdamer Platz machten… 

Umso größer war die Enttäuschung, als uns die Polizisten des Bezirks 32 mit den Worten empfingen, dass wir unseren Wal an diesem Platz nur aufstellen dürfen, wenn sich 50 Menschen dazu versammeln. Trotz der Unterstützung unserer Aktivisten und einiger Versuche, Passanten davon zu überzeugen, sich unserer Sache anzuschließen, gelang es uns nicht, diese Auflage zu erfüllen. So waren auch die Bemühungen der freundlichen Mitarbeiterin des „Barmer“-Büros am Potsdamer Platz um einen Stromanschluss vergeblich – der Wal durfte Berlin heute nur von seinem Platz im Allround-Transporter aus erleben.“

PRO WILDLIFE war bei der diesjährigen IWC-Tagung durch die Vorsitzende Sandra Altherr vertreten. Folgende Kommentare stehen auf der Tierschutz-Seite: „Island hat im März diesen Jahres bei der IWC einen Antrag eingereicht, nach dem im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprogramms insgesamt 500 Wale getötet würden. Angeblich wolle man die ökologischen Auswirkungen der Wale auf die schwindenden Fischbestände untersuchen.“ „Das ist ein plumper Versuch, die Wale für die überfischung der Meere verantwortlich zu machen. Doch den Kollaps von Hering, Kabeljau & Co. hat einzig und allein die rücksichtslose überfischung durch hochtechnisierte Fischfangflotten verursacht“, betont die PRO WILDLIFE-Meeresexpertin.

„Die wichtigsten Entscheidungen der diesjährigen IWC-Tagung:

– Die u.a. von Deutschland eingebrachte Berlin-Initiative wurde angenommen. Damit wird sich die IWC stärker dem Schutz der Wale, u.a. vor den Folgen der Meeresverschmutzung und -erwärmung, widmen. Auch Kleinwale und Delfine, bislang nahezu vogelfrei, sollen stärker geschützt werden.

– Islands und Japans angeblicher Wissenschaftswalfang wurde von der IWC als Missbrauch der IWC-Bestimmungen entlarvt. Die IWC forderte die beiden Regierungen auf, keine Genehmigungen für Wissenschaftswalfang zu erteilen und lediglich nicht-tödliche Methoden zur Erforschung der Wale anzuwenden. An Japan ging zudem der Appell, umgehend das Forschungsprogramm JARPA in der Antarktis zu beenden, da der dortige Zwergwalbestand offenbar rückläufig ist.

– Island gerät zunehmend durch kritische Fragen anderer IWC-Staaten in Bedrängnis: So kritisierte Deutschland den angeblichen „Beifang“ eines Buckelwals und den anschließenden Verkauf des Fleisches in isländischen Supermärkten. Denn die staatliche Erlaubnis, solche Tiere zu vermarkten, ist ein starker finanzieller Anreiz für Fischer, Wale aktiv in die Netze zu treiben. Auch die veraltete Ausrüstung auf den Walfangbooten, die Island für den Zwergwalfang einsetzen will, war Gegenstand heftiger Kritik.

– Die Jagd auf Kleinwale wurde scharf kritisiert. Insbesondere die Bestände der Narwale und Belugas in Russland und dem zu Dänemark gehörenden Grönland sind stark rückläufig.

– Wermutstropfen für die Walschützer: Die beiden beantragten Schutzgebiete für Wale im Südpazifik und Südatlantik scheiterten am Widerstand der Walfangländer. „Hierfür hätten wir eine Dreiviertelmehrheit gebraucht. Daran ist bei den jetzigen Stimmenverhältnissen dank Japans Stimmenkauf gar nicht zu denken“, erläutert die PRO WILDLIFE Sprecherin. Mit dem Gesamtergebnis der Konferenz äußerte sich die Artenschützerin dennoch sehr zufrieden und begrüßte auch das große Engagement der Bundesregierung für den Walschutz.“

Ende meiner gesammelten IWC-Eindrücke. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Aussichten für Wale und Delfine von Jahr zu Jahr rosiger aussehen werden!


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