Berichte

Die Delfine von Eilat/Israel


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Bericht von Susanne Wißhak + MEERESAKROBATEN, 17. Februar 2011
Nachtrag am 28. März 2011, siehe unten.

Meine Namensvetterin Susanne hielt sich im Herbst 2008 für zwei Monate in Eilat/Gulf of Aqaba/Israel auf und hat dort die Delfine des bekannten Therapiezentrums Dolphin Reef kennengelernt. Im Rahmen ihres tierpsychologischen Studiums führte Susanne eine Untersuchung über das „Generalisierungsvermögen des Großen Tümmlers“ durch. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Nadav Shashar, Professor der Meeresbiologie an der Ben Gurion Universität und Leiter des Forschungszentrums im Dolphin Reef, und der Meeresbiologin Marie Christine Cepicka.

Susanne Wißhak

Begegnung …

Susanne Wißhak hat den MEERESAKROBATEN eine Zusammenfassung ihrer Studie zur Verfügung gestellt. Außerdem hat sie über ihre Eindrücke berichtet, die sie in dem großen Delfin-Areal gewonnen hat. Berichte aus erster Hand sind immer äußerst wertvoll, wenn man sich ein Bild über Delfinhaltung und Delfinschutz machen möchte. Daher vielen herzlichen Dank, Susanne, für deinen Einblick in die Welt der Delfine von Eilat!

Studie über das Generalisierungsvermögen des Großen Tümmlers

Die Forschungsfrage entstand vor folgendem Hintergrund: In den Delfinarien der Welt werden beim Training in der Regel überall dieselben Signale verwendet. Die verbreitete Meinung ist, dass es wichtig sei, die Signale immer gleich und sehr korrekt auszuführen. Variationen sind nicht erwünscht. Dies basiert auf der Annahme, dass Abweichungen das Training erschweren und die Leistung der Delfine mindern würden. Diese Annahme wurde allerdings nie näher erforscht oder begründet. Vor diesem Hintergrund beschlossen wir, herauszufinden, ob sich Variation tatsächlich negativ auf die Leistung von Delfinen auswirkt oder nicht.

Vorgehensweise

Dazu wurden bereits im Jahr 2007 über drei Monate Videoaufnahmen der Trainings-Sessions gemacht. Zunächst einmal mussten alle Signale und die dazugehörigen Verhaltensweisen der Delfine in eine Liste aufgenommen werden. Dabei zeigte sich, bei welchen Signalen die stärksten Variationen auftraten. Zur genaueren Untersuchung konzentrierte ich mich auf zwei Signale: Das Signal 1 für „jump“ (springen) und das Signal 2 für „tailslap“ (mit dem Schwanz auf die Wasseroberfläche schlagen).

Der nächste Schritt bestand darin, das Videomaterial auf diese beiden Signale hin zu sichten. Dabei wurden alle Daten erhoben wie Zeit, Ort, Wetterverhältnisse, Trainer, Delfin, Signal bzw. Variation des Signals und Reaktion des Delfins. Nach der Datenerhebung erfolgte die Auswertung mit Excel und einem Statistik-Programm.

Susanne Wißhak

Delfine können Kommandos generalisieren

Ergebnisse

Die Ergebnisse für die beiden Signale fielen unterschiedlich aus. Bei Signal 1 (jump) scheint die Genauigkeit des Signals kaum einen Einfluss auf das Verhalten des Delfins zu haben. Die Performance des Delfins ist bei den Variationen sogar geringfügig besser als beim korrekten Signal. Bei Signal 2 (tailslap) schneidet die korrekte Ausführung erfolgversprechender ab als die Variation. Die Unterschiede zwischen dem korrekten Signal und der Variation sind jedoch bei keinem Signal statistisch signifikant. Das heißt, statistisch gesehen ist es egal, ob das Signal vom Trainer korrekt gezeigt wird oder ob es variiert wird.

Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Variation der beiden Signale keine signifikante Auswirkung auf die Leistung der Delfine hatte. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Tiere generalisieren können und somit die Variationen eines Signals als zu dem Signal zugehörig erkennen.

Susannes Eindruck vom Dolphin Reef

Das Dolphin Reef ist eines der „artgerechteren“ Delfinarien. Die Vorteile sind, dass die Delfine im Meerwasser schwimmen und nur durch einen durchlässigen Zaun vom offenen Meer getrennt sind. Kleinere Fische gelangen ins Gehege und werden auch von den Delfinen gejagt. Die Tiere werden im Familienverband gehalten, es gibt keine „Einzelhaft“.

Das Areal des Dolphin Reef umfasst ca. 14.000 qm und ist 15 bis 20 m tief. Fünfmal am Tag bekommen die Delfine zu fressen (um 9:00, 10:00, 12:00, 14:00 und 16:00 Uhr). Die erste Fütterung um 9:00 Uhr ist nicht öffentlich. Sie dient dazu, den Gesundheitszustand der Delfine zu überprüfen und sie für medizinische Maßnahmen zu trainieren. Das ist übrigens das einzige Training, das über Futterbelohnung abläuft.

1990 kamen zwei männliche und drei weibliche Delfine vom Schwarzen Meer nach Eilat. Alle weiteren Delfine, die jetzt dort leben, sind Nachkommen dieser Gruppe.

Susanne Wißhak

Der Mensch ist Gast im Lebensraum des Delfins

Privatsphäre respektieren

Früher sah die delfingestützte Therapie so aus, dass sich die Kinder bei den Delfinen im Wasser aufhielten. Nachdem es aber einen Zwischenfall gab, bei dem einer der Delfine aggressiv auf die Betreuerin reagiert hat, sitzen die Kinder nun auf einer schwimmenden Insel („Pita“ genannt) und können die Delfine von dort aus anfassen – aber nur, wenn es das Tier will.

Wie Susanne jetzt erst von einer ehemaligen Mitarbeiterin des Dolphin Reef erfahren hat, wurde offenbar die ehemalige Vorgehensweise vor ein paar Monaten wieder aufgenommen. Cheftherapeutin Sophie Donio geht also wieder mit den Kindern ins Wasser zu den Delfinen.

Training findet nicht mithilfe von Futter statt, sondern nach der Fütterung, und auch nur dann, wenn die Delfine Lust dazu haben. Das Programm, das Besuchern anbietet, mit Delfinen zu schwimmen, beinhaltet Tauchen oder Schnorcheln im Gehege; es ist den Touristen jedoch streng verboten, die Tiere anzufassen.

Es wird also nach Möglichkeit versucht, die „Privatsphäre“ der Tiere zu respektieren. Natürlich bleibt die Frage, ob es grundsätzlich verantwortbar ist, diese hoch intelligenten Meeressäuger in Gefangenschaft zu halten.

Zugang zum Meer geschlossen

Es gab ein Open-Sea-Projekt, in dessen Verlauf der Zaun des Delfingeheges geöffnet wurde und die Delfine kommen und gehen durften, wie sie wollten. Der Zaun musste wieder geschlossen werden, da die Leute außerhalb anfingen, die Delfine zu füttern. Daraufhin gab es große Probleme. Es waren nun zu viele männliche Delfine im Gehege und dadurch gab es viel Aufregung und Aggressionen. Einer der Delfine – Lemon – starb aus Stress, möglicherweise auch wegen der bevorstehenden Auswilderung, weil er genau einen Tag, bevor er ausgewildert werden sollte, in den Armen seiner Trainerin aufhörte zu atmen (siehe dazu auch „Bewegende Momente“).

Ein weiteres Tier – Sheba – wurde depressiv und starb, weil es im wahrsten Sinne des Wortes von den anderen Tieren gemobbt wurde. In diesem Zusammenhang startete ein Auswilderungsprogramm ins Schwarze Meer.

Berührung (un)erwünscht

Die Leiterin der Therapie-Abteilung des Dolphin Reefs – Sophie Donio – betont, dass beim Schwimmen und Schnorcheln mit Delfinen die Tiere nicht berührt werden dürfen. Das scheint zunächst einmal nicht plausibel, betont Sophie Donio nämlich andererseits, wie sehr die Delfine Berührungen lieben.

Susanne Wißhak

Der Delfin entscheidet selbst, wer ihn berühren darf

Die Delfine genießen zweifellos die Berührungen durch ihnen vertraute Menschen. Jeder einzelne hat einen oder mehrere Trainer, zu denen er eine Beziehung aufgebaut hat und von dem er sich gerne streicheln, kraulen und tätscheln lässt. Ich selbst hatte das Glück, dass der junge Bulle „Raja“ nach ein paar Wochen immer wieder zu mir herkam und mich von sich aus berührte.

Besuchern des Dolphin Reefs ist es jedoch beim Schnorcheln und Tauchen im Delfingehege verboten, einen Delfin anzufassen. Dies beruht auf der Annahme, dass man in sein „Heim“ eindringt und ihn dort nicht unnötig stören will. Kommt jedoch ein Tier zu einem Besucher, der am Gehege-Rand steht, freiwillig her und lässt sich anfassen, so ist das okay. Der Delfin kann dann jederzeit zurückweichen, ohne dass der Mensch ihn bedrängen kann. Diese Regelung ist zwar tatsächlich etwas uneinheitlich, ich finde sie jedoch nicht schlecht, da die Tiere so im Wasser in Ruhe gelassen werden und selbst entscheiden können, wann sie Streicheleinheiten wollen.

DVD von den Delfinen aus Eilat

Delfine in Eilat (Foto: DVD/Amazon)

Bei dieser Gelegenheit möchten die MEERESAKROBATEN die DVD „Dolphins in the Deep Blue Ocean“ empfehlen. Die phänomenalen Filmaufnahmen zeigen die acht Delfine vom Dolphin Reef, wie sie in ihrem 14.000 qm großen Areal schwimmen.

***

Nachtrag vom 28. März 2011

Wie ich heute vom Trainer-Team des Dolphin Reef erfahren habe, befinden sich zurzeit folgende Delfine in Eilat:
2 junge Männchen: Neo (6) and Raja (5)
6 Weibchen: Shy (etwa 35), Dana (etwa 30), Nana (16), Yampa (12), Luna (11) und Nikita (8).
Außer Shy und Dana wurden alle Tiere im Dolphin Reef geboren.

***

Lesetipp:

* „The Story of Dicky“: Hier beschreibt Frank Veit, wie ein Delfin erfolgreich ausgewildert wurde. Frank hat 1994 im Dolphin Reef das Forschungslabor aufgebaut und 12 Jahre geleitet.

Susanne bei den Wölfen

Im Moment arbeitet Susanne Wißhak im Wolf Science Center in Ernstbrunn, Niederösterreich und entwickelt dort das didaktische Programm weiter. Das WSC ist zwar primär eine Forschungseinrichtung, es wird aber auch großen Wert auf die Information der Besucher gelegt. So versucht das Wolfszentrum, ein realistisches Bild des Wolfes zu vermitteln und falsche Vorstellungen – seien es die vom kinderfressenden Monster oder die vom Schmusetier – auszuräumen. Dazu werden Führungen, Seminare, Wolfsspaziergänge, ein Lehrpfad und vieles mehr angeboten.

Susanne Wißhak

Wapi hat einen Knochen gefunden

3 Kommentare

  1. Das ist ein super Kompromiss zwischen Freiheit und engem Schwimmbecken!

    geschrieben von Nadine
    1. Auch ich finde, dass Eilat eine akzeptable Einrichtung ist. Dass sie sich durch „Schwimmen mit Delfinen“- sowie Therapie-Programmen finanziert, finde ich legitim. Ohne zahlendes Publikum könnte die Anlage nicht aufrechterhalten werden.

      geschrieben von Susanne
  2. Es gibt auch kritische Stimmen zum Delfin-Gehege in Eilat. Siehe hier:  http://www.holidaycheck.de/reisetipp_bewertung-De

    geschrieben von Susanne

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