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Orcas und die großen Fische


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Gastbeitrag der Biologin Bettina Wurche/12. Februar 2016

Der Antarktische Seehecht und der Schwarze Seehecht sind große Fische der antarktischen Gewässer. Sie jagen kleinere Fische und sind selbst begehrte Speisefische – für Orcas und Menschen. Und andere Fischophile.

Antarktischer Seehecht (Foto: Paul Cziko/Wikipedia)

Antarktischer Seehecht
(Foto: Paul Cziko/Wikipedia)

Ihr festes weißes Fleisch bringt auf den Fischmärkten hohe Preise. Sie haben keine Schwimmblase, sondern haben als Auftriebskörper viel Fett im Körper. Dadurch sind sie besonders nahrhaft. Außerdem gehören sie zu den Notothenioiden und haben mit Glykoproteinen ein Frostschutzmittel im Blut.

Fische werden bis 50 Jahre alt

Beide Seehechte – „Toothfish“ – sind die Top-Prädatoren unter den antarktischen Fischen. Bis zu 2 Meter lang und bis zu 150 Kilogramm schwer werden sie erst mit 13 bis 17 Jahren geschlechtsreif und bis zu 50 Jahre alt.

Das Alter eines Fisches kann man übrigens an seinen Otolithen, den „Ohrsteinen“, Kalkstrukturen im Ohr, ablesen. Die Seehechte überragen die anderen antarktischen Fische, die kaum mehr als 60 Zentimeter Länge erreichen, bei Weitem.

Sie jagen andere Fische und natürlich Tintenfische. Als ordentliche Portion werden sie selbst verspeist von Orca, Pottwal, Weddell-Robbe und Koloß-Kalmar.

Die Orca-Oma ist der Boss. (Foto: Susanne Gugeler)

Orca
(Foto: Susanne Gugeler)

Nicht alle Orcas fressen gern Seehecht. In antarktischen Gewässern gibt es verschiedene Orca-Populationen mit sehr unterschiedlichem Verhalten und verschiedenen Speiseplänen.

Typ-C-Orcas mit Seehecht-Hunger

Die Typ-C-Orcas (Type C Killer Wahles – TCKW) sind eine von vier Orca-Ökotypen im Südpolarmeer; sie leben im Ross-Meer.

Daten aus dem sowjetischen Walfang, wo die Mageninhalte der Tiere mit untersucht wurden, weisen darauf hin, dass diese Gruppe eine spezielle Fisch-Diät hat, antarktischer Seehecht spielt eine große Rolle.

Diese Daten werden gestützt durch vereinzelte Beobachtungen von Typ-C-Orcas beim Jagen.

Das US-amerikanische GEMM Lab hat dazu jetzt erstmals und gemeinsam mit neuseeländischen Biologen gezielt ökologische Daten erhoben.

Pilot-Projekt im Ross-Meer

Im Januar 2014 fand in McMurdo Sound im Ross-Meer ein Pilot-Projekt statt: Ein Team hat dreimal beobachtet, gefilmt und dokumentiert, wie TCKW-Orcas tatsächlichen Antarktischen Seehecht erbeutet haben.

Robbe in der Antarktis (Foto: Frank Blache)

Robbe in der Antarktis (Foto: Frank Blache)

Zumindest im Sommer essen TCKW-Orcas also gern Seehecht. Und wie sieht es mit dem restlichen Jahr aus?

Dazu haben die Biologen Hautproben gesammelt: Anhand einer Isotopen-Analyse können sie dann feststellen, in welchem trophischen Level sich die Orcas bewegen. Daran kann man dann erkennen, von welcher Stufe der Nahrungskette ihre Beute stammt.

Nahrhafte Beute

Der Seehecht ist zumindest während einer gewissen Zeit des Jahres eine große und nahrhafte Beute, die sich für die Orcas lohnt.

Der Fettgehalt der Nahrung ist ein ausschlaggebender Faktor für die Fortpflanzung und Aufzucht der Jungtiere. Es dürfte für die Orcas nicht einfach sein, Ersatz für die großen, fetten Fische zu finden. Andere Fische haben nach Forschungsergebnissen von CCAMLR (= Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis) eine weitaus weniger gute Energiebilanz.

Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass der Bestand der TCKW in den letzten Jahren mit dem Wachstum der Seehecht-Fischerei abgenommen hat.

Strenge Regeln für Seehecht-Fischerei in der Antarktis

Antarktis- Lebensraum von Wal und Krill (Foto: Frank Blache)

Antarktis- Lebensraum von Wal, Fisch und Krill (Foto: Frank Blache)

Der Antarktische und der Schwarze Seehecht werden sehr alt und pflanzen sich erst spät fort. Ein solcher Organismus kann nicht nachhaltig befischt werden.

Darum ist die restriktive Vergabe von Fangquoten sehr wichtig, dementsprechend streng regelt CCAMLR die antarktische Seehecht-Fischerei.

Leider ist der Piraten-Fischfang in der Antarktis sehr einfach: Ein großes Seegebiet, fern großer Häfen von Staaten mit funktionierender Fischereiaufsicht. Und die Fische bringen einen phantastischen Marktpreis, damit sind sie eine große Versuchung!

Nur gelegentlich fahren einige Staaten für einige Wochen Fischereiaufsicht, wie gerade erst kürzlich ein Kooperations-Projekt von England und Neuseeland. Viel zu oft können die Fischpiraten dort ungestört ihr Unwesen treiben.

Schlechte Nachrichten für Orca und Pottwal

Ein Knochenfisch ist zwar nicht wirklich einfach auszurotten. Aber der Bestand kann schon schwer dezimiert werden. Schlechte Nachrichten für Tiere, die ihn als Nahrung brauchen. Orcas und auch Pottwale haben meist über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg Jagdstrategien für bestimmte Beute in bestimmten Seegebieten entwickelt. Fällt jetzt diese Beute weg, müssen die Wale sich entweder woanders nach der gleichen Beute umsehen oder auf andere Beute ausweichen.

Pottwal auf den Azoren (Foto: Hermann Ostermayer)

Pottwal (Foto: Hermann Ostermayer)

Die Frage ist, ob sie schnell genug andere Nahrung finden und sich schnell genug andere Jagdstrategien zurechtlegen. Sonst könnten ihnen hungrige Jahre bevorstehen. Und eine weniger energiehaltige Nahrung könnte sich sehr schnell auf die Reproduktion auswirken: es würden weniger Kälber geboren.

Wale pflücken Fisch von der Leine

DASS sie sich an veränderliche Situationen manchmal sehr gut anpassen können, zeigen die Erfahrungen der Seehecht-Fischer. Seehechte werden mit Langleinen gefangen. Und Orcas und Pottwale haben – nicht nur – in der Antarktis gelernt, den fetten Fisch, der hilflos an der Leine hängt, einfach abzupflücken.

Zum Weiterlesen

* Die Jagd auf den Fischjäger – auf Leben und Tod
* G. Bruce Knecht: Raubzug. Der teuerste Fisch der Welt und die Jagd nach seinen Jägern. Marebuch, Hamburg 2006
* Diese wissenschaftliche Publikation Interactions between Cetacean and Fisheries in the Southern Ocean von Karl-Hermann Kock stellt das Problem noch detaillierter vor:

Vielen Dank an Bettina Wurche für diesen äußerst interessanten Beitrag! Bettina betreibt den ScienceBlog Meertext, auf dem ihr noch viele andere Artikel von ihr lesen könnt.

2 Kommentare

  1. Ja, ein wirklich interessanter Bericht. Es sollten viel intensivere Anstrengungen unternommen werden, um den Fischfang-Piraten das Handwerk zu legen.
    Oben im Text steht übrigens versehentlich „Piraten-Walfang“… ;-)

    geschrieben von Frank Blache
    1. Vielen Dank, Frank, für den Hinweis. Ich habe den Text korrigiert. ;o)

      geschrieben von Susanne

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