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Viel Tumult um das MSC-Siegel


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Meeresakrobaten, 28. April 2008

„Tausende Delfine sterben für MSC-Fisch“ – so provokant lautet die Überschrift eines Artikels von Nau.ch. Der Beitrag wird dekoriert mit einem Foto von einem Delfin-Baby, das neben seiner Mutter schwimmt. Wenn da keine Emotionen hochkommen …

Das MSC-Zeichen gibt es auch auf Stoffbeuteln.
(Foto: Susanne Gugeler)

Doch wie kommt der Verfasser des o.g. Artikels dazu, der Meeresschutzorganisation MSC (Marine Stewardship Council) zu unterstellen, sie wäre am Tod von Tausenden Delfinen schuld?

Ein Fernsehbeitrag sorgt für Aufruhr

Am 23. April 2018 strahlte die ARD den Beitrag „Die Story im Ersten: Das Geschäft mit dem Fischsiegel“ aus, in dem Fischereipraktiken gezeigt wurden, die – trotz Zertifizierungen durch den MSC – offenbar immer noch hohe Beifangzahlen u.a. bei Delfinen verursachen. Der Zuschauer konnte allerdings auch erfahren, dass die Delfin-Todesrate in der vom MSC zertifizierten Fischerei wesentlich geringer ist als noch vor 30 Jahren. Anders als früher befreien Taucher die ins Netz gegangenen Meeressäuger.

Im Anschluss an die Dokumentation über den MSC gab es großes Entsetzen unter manchen Tierschutzorganisationen und deren Anhängern. Deren erboste Kommentare wurden in Windeseile durchs soziale Netzwerk gejagt.

Sich Aufregen ist im Zeitalter der digitalen Vernetzung ein Anliegen vieler „User“. Missbilligungen von durch Medien „bloßgestellten“ Institutionen kosten nur einen kurzen Daumen-nach-unten-Klick und sorgen für ein reines Gewissen. Man will ja zu den „Guten“ gehören.

Toter Delfin in Netz, LWL Münster
(Foto: Rüdiger Hengl)

Das Sich-Aufregen selbst bleibt meist jedoch ohne Folgen für die Umwelt. Weiterhin werden Thunfischsalat und Krabbenbrötchen – ob mit oder ohne MSC-Siegel – gegessen, weiterhin sterben unzählige Meerestiere einen qualvollen Tod – selbstverständlich auch die Fische, auf die eigentlich Jagd gemacht wird.

Es gibt keine optimalen Fangmethoden

Bestimmt ist das MSC-Siegel, das für nachhaltigen Fischfang wirbt, kein Freibrief für die Fisch-Konsumenten. Leider sind wir weit davon entfernt, dass in den Ozeanen optimale Fangmethoden praktiziert werden. Manche Forscher prognostizieren bis zum Jahr 2048 sogar total ausgeplünderte Meere.

Eigentlich müsste man bei diesen düsteren Aussichten ganz auf den Verzehr von Fisch verzichten. Doch das ist angesichts der immer weiter wachsenden Bevölkerung utopisch. Außerdem ist Fisch ein wichtiger Proteinlieferant, auf den die Menschen angewiesen sind.

Aus diesem Grund wäre meiner Meinung nach eine korrektere Formulierung des oben zitierten Titels gewesen: Tausende Delfine sterben für die Gier der Menschen nach Fisch.

Seit vielen Jahren die gleiche Beifangszahl

Schon seit vielen Jahren bleibt die Zahl, welche die Sterberate von Delfinen in der Industriefischerei angibt, immer die gleiche: 300.000 Tiere sollen es Jahr für Jahr sein, die als Beifang umkommen. Auch zwischenzeitlich neu hinzugekommene Delfinschutzorganisationen ändern daran nichts.

Dass es immer schwarze Schafe geben wird, wissen wir. Nicht nur beim MSC, sondern zum Beispiel auch bei den von der GRD (Gesellschaft zur Rettung der Delfine) empfohlenen Thunfisch-Importeuren, deren Dosen mit dem Label „delfinsicher“ markiert sind.

Weder die GRD noch der MSC haben die Möglichkeit, lückenlose Kontrollen zu garantieren. Das ist in allen Lebensbereichen so. Nur ein Bruchteil der Autofahrer, die verbotenerweise das Handy während der Fahrt benutzen, wird gefasst …

Fischerboote
(Foto: Rüdiger Hengl)

Das MSC-Label und was dahintersteckt

Die Organisation MSC wurde 1997 ins Leben gerufen, um – nach eigenen Angaben – eine Lösung für das globale Problem der Überfischung zu bieten. Ziel des MSC: „Durch das Anerkennen und Belohnen nachhaltiger Praktiken beim Fischfang, das Beeinflussen von Verbraucherentscheidungen beim Kauf von Fisch und Meeresfrüchten und die Zusammenarbeit mit Partnern wollen wir die Fischerei in einen nachhaltigen Wirtschaftssektor verwandeln.“

Offenbar altes Filmmaterial

Auf der Website des MSC kann man lesen, dass sich zentrale Anschuldigungen der ARD-Dokumentation auf Fischereien beziehen, die nicht MSC-zertifiziert sind oder waren. Zitat MSC: „Die Filmaufnahmen der mexikanischen Thunfisch-Fischerei, die aus den 80er Jahren stammen, sind nicht mehr repräsentativ für diese Fischerei. Sie hat ihre Delfinsterblichkeit auf dem langen Weg zur MSC- Zertifizierung um mehr als 99 % gesenkt.“

Wer hat recht?

Wer hat nun recht – der MSC oder die ARD-Dokumentation, die zertifizierten Fischer oder die aufgebrachten Tierschützer? Wahrscheinlich hat jeder irgendwie recht, doch trotzdem sind Organisationen wie der MSC wichtig, da sie auf dem richtigen Weg sind. Allerdings ist dieser (noch) mit vielen Stolpersteinen übersät. Den MSC nun niederzumachen, wäre meiner Meinung nach fatal und würde die vielen Erfolge, die bereits in der Fischerei erzielt wurden, zunichte machen.

2 Kommentare

  1. Ich habe die dazugehörige Fernsehreportage gesehen und was da an Korruption und Vertuschung aufgedeckt wurde, stellt tatsächlich den Wert ders Siegels massiv in Frage.

    Insbesondere die Tatsache, dass es faktisch unmöglich ist, die Angaben der Fischereiunternehmen auch nur ansatzweise zu überprüfen lässt unangenhem aufhorchen. Auch der MSC selbst verlässt sich auf Angaben, die er nicht selbst überprüfen will, obwohl es aus allen Löchern nach Korruption und Vertuschung stinkt.

    Unangemeldete Kontrollen oder eigene Prüfer sind nicht vorgesehen, und die Gebühreneinnahmen aus zertifizierten Betrieben scheinen wichtiger, als alles andere.

    Auch wenn der MSC sicherlich viel Gutes bewirkt hat: Die Grenze zwischen Umweltschutz und wirkunglosem Greenwashing verschwimmt zusehends, da die Erzielung von Lizenzeinnahmen (aktuell so um die 17 Mio. US$ pro Jahr) immer mehr in den Vordergrund tritt.

    geschrieben von Norbert
  2. Bei industrieller Fischerei wird sich ein gewisser Beifang wohl kaum zu 100% vermeiden lassen, aber dieser sollte natürlich so gering wie möglich ausfallen. Bei einem Siegel, das weltweit im Einsatz ist, wird es leider immer auch einige Schwarze Schafe geben. Bei wiederholten Verstößen gegen die Kriterien des MSC-Siegels sollte man diesen dann das Siegel auch wieder aberkennen.

    geschrieben von Oliver

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