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Sind Zootiere Strafgefangene?


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Gastbeitrag von Marcel Stawinoga/Zoolotse, 3. März 2019

Marcel Stawinoga mit seinen Schützlingen
(Foto: Marcel Stawinoga)

Eine gewisse Kritik an Zoos wird häufig mit dem Satz „artgerecht ist nur die Freiheit“ zusammengefasst, sodass also die Freiheit als Maßstab für ein artgerechtes Leben genommen wird. Zootiere werden dadurch als arme Strafgefangene dargestellt, die unschuldig hinter Gittern sitzen, in Gefangenschaft leben und sich von Trauer erfüllt nach der Freiheit sehnen.

Aber kann ein Tier tatsächlich nur in der Wildnis ein artgerechtes Leben führen und sind wild lebende Tiere überhaupt frei?

Was bedeutet es für ein Tier, in einem Zoologischen Garten zu leben?

Die World Association of Zoos and Aquariums (WAZA), der Weltverband der Zoos, definiert in der Welt-Zoo- und Aquarium-Tierschutzstrategie artgerechte Haltung dahingehend, dass die Tierhaltung eine gute Situation des Wohlergehens des Tieres herbeiführt und ein Tier gesund, behaglich, gut genährt und sicher leben kann, außerdem in der Lage ist, angeborenes Verhalten zu zeigen und nicht unter unangenehmen Zuständen wie Schmerz, Angst und Notleiden lebt.

Dieser Zustand, der von Zoos in der Tierhaltung angestrebt wird, gilt natürlich nicht für die Wildnis, wo ein Tier nicht immer sicher sein kann, genug Nahrung zu finden, keine tiermedizinische Versorgung hat und Feinden und Konkurrenten ausgesetzt ist. Daher ist es schwierig, die Wildnis als Maßstab für artgerechte Haltung zu nehmen.

Wildnis wird oft verklärt wiedergegeben

Viele Menschen haben oft eine romantisierte Vorstellung vom Leben der Tiere in der Wildnis im Sinne einer paradiesischen Freiheit, in der die Tiere sich völlig sorglos nach Belieben frei durch die Gegend bewegen können.

Giraffe aus ungewöhnlicher Perspektive
(Foto: Marcel Stawinoga)

Dabei sind Tiere in der „Freiheit“, also im Naturzustand, nicht wirklich frei. Sie leben, um es drastisch zu formulieren, eingesperrt in Geländeausschnitten von bestimmter Größe, die als Reviere oder Territorien bezeichnet werden.

Diese Reviere werden von einem einzelnen Tier, einer Tierfamilie oder Herde dauerhaft durch Kämpfe oder Präsenzzeigen wie Singen, Markieren mit Duftstoffen wie Urin, Kratzspuren und dergleichen beansprucht und verteidigt, sodass ein Artgenosse nicht in das eigene Revier eindringt.

Wildtiere sind in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt

Dadurch sind die wild lebenden Tiere in Bezug auf ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.

Das jeweilige Revier muss allerdings so groß sein, dass es seinen Bewohner ernährt.

Bei Zwergseidenäffchen umfasst das beanspruchte Revier durchaus nur einen Baum, während ein Sibirischer Tiger, je nach Nahrungsangebot, ein Revier von 100 bis 3.000 Quadratkilometern für sich beanspruchen kann.

Zooreviere können kleiner ausfallen

Da ein Tier in einem Zoo sich nicht selbst versorgen muss, also nicht weite Strecken zurücklegen muss, um satt zu werden, können Gehege deutlich kleiner sein als die Reviere in der Wildnis.

Denn die wild lebenden Tiere wandern nicht aus purer Freude daran, sondern unter anderem der Nahrung wegen oder zu Paarungszwecken.

Marcel mit Erdmännchen
(Foto: Marcel Stawinoga)

Qualität vor Quantität

Bei Tieren, bei denen dieser Zwang zur Bewegung fehlt, ist die Bewegungsbereitschaft äußerst gering und ein großes Gehege würde räumlich überhaupt nicht vollständig genutzt werden. Daher ist ein gutes Gehege auch nicht (nur) an seiner Größe (Quantität), sondern vor allem an seiner Einrichtung (Qualität) zu messen.

Je nach individuellen Bedürfnissen sollte das jeweilige Tier klettern, rennen, springen, sich zurückziehen, anderen Tieren aus dem Weg gehen können und so weiter.

Da durch die nicht nötige Nahrungs- und Partnersuche viel gewonnene freie Zeit entsteht, sind die Tierpfleger außerdem angehalten, diese durch sinnvolle Freizeitbeschäftigung wie Tierbeschäftigung oder dergleichen zu füllen.

Allerdings verbringen im Zoo lebende erwachsene Tiere ihre „Freizeit“ auch oft mit Spielen, was in der Wildnis eher selten beobachtet werden kann.

Zoobewohner haben individuelle Bedürfnisse

Bei der Tierbeschäftigung wie auch bei der Einrichtung von Gehegen und der Ernährung gehen die Tierpfleger auf die individuellen Bedürfnisse eines Zoobewohners ein, die abhängig vom eigenen Charakter des Tieres, also individuellen Vorlieben, aber auch dem Alter sind.

So würde Orang-Utan Suma niemals, oder nur äußerst selten, mit einem Stöckchen in einem Rosinenholz nach Rosinen pulen, während Orang-Utan Toba mit höchster Konzentration jede Rosine aus jedem auch noch so tiefen Loch gekonnt mit einem Stöckchen herausstochert.

Orang-Utan-Baby in München
(Foto: Rüdiger Hengl)

Dafür legt Suma sich hingegen gerne mal auf den Rücken und blättert Tierbücher durch und schaut sich intensiv und lange Fotos von Tieren an, während Toba dafür überhaupt kein Interesse zeigt.

Tamandua Nena, die mit ihren fast 22 Jahren einer der ältesten Kleinen Ameisenbären der Welt ist und sich in einem Alter befindet, das ein wild lebender Tamandua gar nicht erst erreicht, haben unsere Tierpfleger ein seniorengerechtes Gehege eingerichtet, durch das sie sicher klettern kann, was für den jungen Tamandua Hugo viel zu langweilig wäre.

Und Nashorn-Oma Natala, die dieses Jahr 50 wird, sind altersbedingt schon einige Zähne ausgefallen, sodass sie entsprechendes Futter bekommt, das sie auch ohne Zähne fressen kann, was der junge Nashornbulle Amari nicht benötigt.

Tiergerecht statt artgerecht

Daher ist es auch schwierig, von „artgerecht“ zu sprechen, eher von „tiergerecht“. Vor allem auch, da Individuen einer Art völlig unterschiedliche Lebensräume bewohnen können und durchaus flexibel sind, was den Lebensraum betrifft.

So bewohnen die in Südostasien beheimateten Langschwanzmakaken zum Beispiel Regenwälder, Mangrovenwälder, Sumpfgebiete, aber auch menschlich geprägte Lebensräume wie Städte, Dörfer, Plantagen, Gärten oder Tempel.

In der Nürnberger Lagune
(Foto: Rüdiger Hengl)

Das Gehege ist das Zuhause der Tiere

Ein Gehege sehen die Zoobewohner als ihr Revier, als ihr Zuhause, das sie für sich durch Markieren beanspruchen und gegen Eindringlinge verteidigen.

Die Gehegebegrenzungen sind dabei Reviergrenzen, die ihnen Sicherheit geben und die die Tiere auch üblicherweise gar nicht infrage stellen und daher ihre Gehege auch, selbst wenn sie es könnten, in der Regel gar nicht verlassen und wenn doch, sich außerhalb des Geheges in der unbekannten Umgebung verunsichert fühlen und nach kurzer Zeit meist von allein „nach Hause“ zurückkehren.

Um es abschließend mit den Worten des bekannten Schweizer Tiergärtners Heini Hediger zu sagen: Zootiere sehen sich als Grundbesitzer. Sie sehen ihr Gehege nicht als ein Gefängnis, sondern als persönlichen Grundbesitz. In ihrem Gehege sind sie entspannt und fühlen sie sich sicher und geschützt.

PS: Diese Ausführungen hier sind übrigens nicht neu. Bereits Heini Hediger, der als Begründer der wissenschaftlichen Disziplin der Tiergartenbiologie gilt, machte in zahlreichen Veröffentlichungen auf diese Thematik aufmerksam, die auch unter anderem als Grundlage für den vorliegenden Beitrag dienten.

Die Meeresakrobaten bedanken sich ganz herzlich bei Marcel für diese sehr interessante Einschätzung aus Sicht eines Insiders.

Lesetipp

Haben die Delfine genügend Platz?

6 Kommentare

  1. Wenn man mich in der Wüste aussetzen würde, hätte ich zwar auch viel Platz, aber wohler fühle ich mich dann doch in der Stadt in meiner Wohnung…

    geschrieben von Oliver
  2. In der „Dolphin Academy“ auf Curacao (ein alter Hafen, der zu einem Meeresdelfinarium umgebaut wurde) kann man dort Freiwasserausflüge bzw. Tauchgänge mit Delfinen buchen.

    Die meisten Touristen stellen dann regelmäßig die Frage, wie sie die Tiere denn wieder in ihre Gehege zurückbringen.
    Antwort der Tierpfleger: „Das Problem ist nicht, sie in den Hafen zurückzubringen, sondern sie davon zu überzugen, dass sie gefahrlos ins Freiwasser schwimmen können. Große Tümmler verlassen ihr Revier normalerweise nur unter Zwang (z.B. Futtermangel oder verlorene Revierkämpfe). Es dauert daher mindestens 2 Wochen intensives Training, bis die Tiere bereit sind, dem Boot ins Freiwasser zu folgen. Dabei reicht oft schon die kleinste Störung (z.B. eine große Schildkröte, oder ein etwas dickerer Fisch), und die Tiere flüchten zurück in ihr Hafenbecken.“

    [Aus einem Gespräch am Rande eines EAAM Symposiums, wo eine Mitarbeiterin der Dolphin Academy einen Vortrag darüber gehalten hatte, wie man die Jungtiere (in Begleitung des Muttertieres) ans Schwimmen im Freiwasser gewöhnen kann.]

    Auch bei der Eröffnung der Lagune in Nürnberg dauerte es gute zwei Wochen, bis die Tiere endlich freiwiliig in die neuen, großen Becken geschwommen sind – wobei sie bis heute meist die kleinen und flachen Becken bevorzugen.

    Soviel zum Thema „Zoos sind Tiergefängnisse“. Für mich klingt das eher nach „Club Med“.

    geschrieben von Norbert
    1. Vielen Dank für deine Kommentare, Norbert.
      Ich sehe das sehr ähnlich wie du. Auch Tiere gehen gerne den Weg des geringsten Widerstandes und schätzen Sicherheit. Man sieht das ganz deutlich z.B. an den Großen Tümmlern, die in den Gewässern von Sardinien leben. Sie verbringen ihre Zeit nicht im offenen, unendlichen, „freien“ Meer, sondern bleiben in der Nähe der Fischfarmen, da sie dort leicht Beute machen können. Warum sollen sie mit ausgedehnten „Wander-Ausflügen“ Energie verbrauchen, wenn sie den „Tank“ einfach in der Nähe der Küste auffüllen können?

      geschrieben von Susanne
  3. Nur so am Rande:
    Während Delfine in freier Wildbahn meist nur 10 – 15 Minuten am Stück schlafen (ein Auge zu, verlangsamte Bewegung), pennen sie im Zoo regelmäßig die ganze Nacht völlig entspannt durch. Dementsprechend ist der Stresslevel wesentlich niedriger, was sich nachweisbar auf Lebenserwartung und Stresshormone auswirkt.
    Dazu kommt noch die gezielte Zusammenstellung verträglicher Tiergruppen und eine medizinische Versorgung, die in freier Wildbahn undenkbar ist.
    Zusammen mit einer ordentlichen Beschäftigungstherapie und einer meist sehr engen Beziehung zu ihren Tierpflegern erklärt das schon ganz gut, warum sich große Tümmler in aller Regel nicht mehr auswildern lassen. Praktisch alle Tiere haben in der Vergangenheit nur noch versucht, irgendwie wieder in menschliche Obhut zurück zu gelangen (einschließlich des Orcas aus „Free Willi“) – was meistens den frühen Tod durch schießwütige Fischer bedeutete.

    Aber manche „Aktivisten“ können sich einfach nicht vorstellen, dass auch ein Tier einen gewissen Luxus zu schätzen weiß – dabei sollten sie das doch von ihrem Hund bzw. ihrer Hauskatze kennen.

    geschrieben von Norbert
  4. Ein wunderbarer Artikel, sehr interessant geschrieben. Ihre Schilderungen, decken sich mit der Meinung aii derer,welche sich mit Tieren beschäftigen, sie pflegen und versorgen.Ich selbst besuche Zoos seit ich denken kann und all die Erfahrungen und Begegnungen sind und bleiben einfach nur die beste Medizin für Herz und Seele.
    Danke für diesen tollen Bericht.
    Sonja Jehserig

    geschrieben von Sonja JehserigS.Jehserig
    1. Vielen Dank, liebe Sonja, ich gebe dein Lob gerne an den Autor weiter.

      geschrieben von Susanne

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