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Wie „blinde“ Delfine Aufgaben lösen


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Meeresakrobaten, 30. Juli 2013

Delfine sind gute Nachahmungskünstler. Das zeigt sich zum Beispiel bei einer küstennah lebenden Delfin-Population in der Port-River-Mündung (Adelaide/Süd-Australien).

Wave (Photos courtesy of Marianna Boorman)

Wave (Photos courtesy of Marianna Boorman)

Vor einigen Jahren hat ein kurzzeitig in einem Delfinarium gehaltener Großer Tümmler („Billie“) von seinen trainierten Artgenossen das auf der Fluke-Laufen abgeschaut und dieses Kunststück später in freier Wildbahn den Mitgliedern seines sozialen Verbandes vorgeführt. Daraufhin imitierten einige aus der Gruppe (z.B. „Wave“ – siehe Foto) dieses Verhalten.

Delfine können auch „blind“ nachahmen

Das Dolphin Research Center (DRC) auf den Florida Keys hat mithilfe von in menschlicher Obhut lebenden Großen Tümmlern herausgefunden, dass Delfine nicht nur ihren Gesichtssinn einsetzen, wenn sie Artgenossen nachahmen, sondern auch noch andere Sinne zur Hilfe nehmen, falls ihnen der Blickkontakt verwehrt wird.

Während einer Versuchsreihe ahmte ein Großer Tümmler einen Artgenossen mithilfe seines Gehörs nach. Nachdem ihm die Augen mit weichen Latexklappen verschlossen worden waren und ein anderer Delfin bestimmte Aufgaben löste (zum Beispiel schlug er mit der Fluke aufs Wasser oder stieß Luftblasen aus), orientierte sich das nachahmende Tier dabei ausschließlich an den Geräuschen, die der andere Delfin bei seinen Bewegungen verursachte.

Genauso wie Delfine können auch wir andere nachahmen, wenn uns die Augen verbunden werden. Wir orientieren uns dann ebenfalls über unser Gehör und nehmen zum Beispiel wahr, ob die Testperson mit den Händen klatscht, mit den Füßen trampelt oder auf der Stelle hüpft.

Sonarsinn funktioniert wie ein Scanner

Doch Delfine setzen zur Orientierung nicht nur ihre Augen und ihren Gehörsinn ein, sondern benutzen mitunter auch die Echolokation (Sonarsinn), um einen Bewegungsablauf zu erkennen.

Der "blinde" Tanner imitiert Bewegungen des Schwimmers (Foto: DRC)

Der „blinde“ Tanner imitiert Bewegungen des Schwimmers
(Foto: DRC)

Diesen über das Bewusstsein gesteuerten Sinn müssen die Delfine erst aktivieren – zum Beispiel wenn sie auf Beutefang gehen oder in einem Delfinarium einen unbekannten Gegenstand im Wasser näher untersuchen wollen. Dazu senden sie Klicks aus, die von einem Tier oder Gegenstand als Echo zurückgeworfen werden. Aus diesen Informationen kann der Delfin erkennen, wem oder was er begegnet und welche Beschaffenheit das Tier oder der Gegenstand hat.

Tanner setzt die Echolokation ein

Nach der ersten Versuchssequenz, bei der die Aufgabe eines Delfins darin bestand, die Bewegungen eines Artgenossen zu imitieren, setzte das DRC in einer zweiten Versuchssequenz einen Menschen als „Vormacher“ ein. Wieder wurden beide Augen eines Test-Delfins – es handelte sich um den Bullen Tanner – mit weichen Latexklappen verdeckt.

Während des Versuchs verursachte die Testperson durch unterschiedliche Bewegungen ganz unterschiedliche Geräusche. Dazu gehörten das Auf-und-Ab-Tauchen, Sich-im-Kreis-Drehen oder Mit-den-Füßen-aufs-Wasser-Klatschen. Tanner ahmte alle Bewegungen – trotz fehlenden Sichtkontakts – fehlerfrei nach.

Ein unter Wasser installierter Schall-Empfänger registrierte, dass Tanner in diesem Fall zur Erkennung der Bewegungen seinen Sonarsinn einsetzte. Er „scannte“ die Bewegungen der Testperson ab. Wie oben bereits erwähnt, verwendeten die Delfine bei der Imitation von Artgenossen dagegen meist nur ihren Gehörsinn.

Das Ohr liegt gleich hinter dem Auge (Foto: Susanne Gugeler)

Das Ohr eines Delfins liegt gleich hinter dem Auge
(Foto: Susanne Gugeler)

Delfine können Probleme lösen

Das Einsetzen unterschiedlicher Sinne zeigt, dass Delfine flexibel auf Probleme reagieren können. Orientierten sich die „blinden“ Delfine bei Artgenossen fast ausschließlich über ihren Gehörsinn, setzte Tanner bei der Nachahmung von menschlichen Bewegungen seinen Sonarsinn ein.

Forscher werten dies als „flexibles Problemlösungsverhalten“, das nur hochentwickelten Tieren zu eigen ist. Wenn man bedenkt, dass Waltiere schon viel länger existieren als Menschen, zeigt dies einmal mehr, dass es sich bei ihnen keineswegs um „primitive“ Tiere handelt – wie andere in der Evolution weit vor uns stehende Spezies -, sondern um Wesen, die ein großes Verhaltensrepertoire aufweisen und dieses offenbar auch zum Überleben einsetzen.

Forschung auf hohem Niveau

Beim Dolphin Research Center (DRC) handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die 1984 in Florida gegründet wurde. Im Zentrum des DRC – in Grassy Key (Florida Keys) – leben Große Tümmler und Kalifornische Seelöwen. Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet das DRC mit renommierten Wissenschaftlern und Instituten zusammen und hat zahlreiche Forschungsprojekte auf der Grundlage von Beobachtungen, Wahrnehmungstests und der Analyse der Tierhaltung durchgeführt.

Ein Video zu den Forschungsergebnissen findest du hier.
(Quellen: unterwasser.de, Blindfolded Imitation in a Bottlenose Dolphin und Dolphin Research Center)

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