Berichte

Junge Frauen essen fast kein Grindwalfleisch mehr


Meeresakrobaten, 29. September 2013

MANY FAROESE PEOPLE HAVE STOPPED EATING PILOT WHALE so lautet der von Aggi Ásgerð Ásgeirsdóttir aus dem Färöischen ins Dänische und von Helene Hesselager O’Barry aus dem Dänischen ins Englische übersetzte Titel eines Magazin-Artikels, der laut dem Färöer-Insel-Kenner Sasha Alazy im September kostenlos an alle Färinger Haushalte verteilt wurde.

Artikel in einem Färöer Magazin (Quelle: Sasha Alazy)

Artikel in einem Färöer Magazin (Quelle: Sasha Alazy)

Sinneswandel findet von innen heraus statt

„Viele Färöer essen kein Grindwalfleisch mehr“: Diese Schlagzeilen lässt darauf hoffen, dass das „traditionelle“ Schlachten der Meeressäuger in absehbarer Zukunft beendet wird. Darauf hoffen lässt auch die Tatsache, dass man ab 2015 auf den Färöer Inseln eine Prüfung ablegen muss, wenn man Grindwale jagen und töten will.

Wie hier bei den MEERESAKROBATEN schon mehrmals dargelegt, muss der Sinneswandel von innen kommen. Auch persönlich abgefasste Schreiben an die Färöer Regierung sowie an die Färöer Botschaft, in denen sich Delfin-Freunde gegen die Grindwal-Treibjagd aussprechen, bewirken etwas, sofern die Mails und Briefe höflich abgefasst werden (Adressen siehe hier).

Alle Shitstorms gegen ein ganzes Volk sowie blinder Aktionismus bewirken nur ein Aufbegehren der Insulaner gegen ausländische Aktivisten, jedoch nicht ein Ende der Grindwaltötung. Das haben entsprechende Aktionen erst in jüngster Vergangenheit deutlich gemacht.

Mit der auszugsweisen Übersetzung des Artikels will ich aufzeigen, wie es zum Sinneswandel der Färöer kam.
(Anmerkung: Da es sich bei folgendem Text „um eine Übersetzung der Übersetzung der Übersetzung“ und außerdem nur um einen Auszug des Originalartikels handelt, kann dieser Beitrag nicht als Orignialquelle verwendet werden.)

Hohe Umweltgift-Belastungen

Mitte der 1980er-Jahre hatte Pál Weihe, Physiker am Department of Occupational and Public Health in the Faroese Hospital System, in Zusammenarbeit mit dem Mediziner Philippe Grandjean Bluttests durchführen lassen, die ein erschreckendes Ergebnis zutage brachten.

War man bisher immer der Meinung gewesen, dass es sich bei Grindwalfleisch oder -speck um sehr gesunde Nahrungsmittel handelte, die seit Hunderten von Jahren zu den Hauptspeisen der Färöer gehörten, wurden im Blut der Testpersonen hohe Mengen an Quecksilber und anderen Umweltgiften wie PCP oder DDT nachgewiesen.

Weihe begann dann, Haarproben und das Blut aus Nabelschnüren von mehr als 1.000 Frauen zu untersuchen, die zwischen 1986 und 1987 ein Baby bekommen hatten.

Verzögerungen in der Entwicklung

Weihe stellte fest, dass im Nabelschnurblut zwischen 10 und 20 Prozent mehr Quecksilber enthalten war als bei vergleichbaren Studien aus anderen Ländern.

Produkte aus Walfleisch/LWL Münster (Foto: Rüdiger Hengl)

Produkte aus Walfleisch/LWL Münster
(Foto: Rüdiger Hengl)

Aber auch die Konzentration an PCB und DDT im Nabelschnurblut war fünf- bis zehnmal höher als in Vergleichsstudien anderer europäischer Länder. Diese Gifte brauchen länger als Quecksilber, bis sie abgebaut werden. Es besteht der Verdacht, dass sie das zentrale Nervensystem und das Sperma angreifen.

Mit sechs Jahren wurden die Kinder, bei denen das Nabelschnurblut getestet worden war, noch einmal gründlich untersucht. Wie zu erwarten war, bestand ein Zusammenhang zwischen dem Gehalt an Quecksilber im Blut der Mütter und der Entwicklung der Kinder. Die Kinder, die mit relativ viel Quecksilber im Embryonalstadium in Berührung kamen, fielen vor allem durch Verzögerungen in der Sprache und in der Gedächtnisleistung auf.

Zusammenhang zwischen Grindwalfleisch und Parkinson-Erkrankung

Die Pharmazeutin Maria Skaalum Petersen sieht einen Zusammenhang zwischen den Giften im Grindwalfleisch und der Erkrankung an Parkinson (auch Schüttelkrankheit genannt). Sie stellte fest, dass auf den Färöer Inseln mehr Menschen mit dieser Krankheit leben müssen als in benachbarten Ländern.

1997 wird Warnung ausgesprochen

Bereits 1997 wurde eine Warnung an schwangere Frauen herausgegeben, dass sie weder Grindwalfleisch noch Grindwalspeck essen sollten. Nicht jeder war glücklich über diese Warnung, doch viele Frauen beherzigten schon damals diese Aufklärung.

2008 empfahl Weihe zusammen mit dem Chefmediziner auf den Färöer Inseln erneut, keine Grindwalprodukte mehr zu essen. Auch wenn manche Färinger diese Empfehlung in den Wind schlugen und einige sogar der Meinung waren, Weihe mache gemeinsame Sache mit extremen Tierrechtsorganisationen, haben doch die meisten Inselbewohner Weihes Rat letztendlich zu Herzen genommen.

Frauen lassen die Finger von Grindwalfleisch

Vor allem junge Frauen lassen die Finger von dieser Speise und viele Kinder wissen gar nicht, wie das Fleisch schmeckt. Doch die Kinder, die 1986 über das Blut ihrer Mütter mit kontaminierter Nahrung in Berührung kamen, weisen auch heute noch als Erwachsene Schäden des zentralen Nervensystem auf.

Futterfisch (Foto: Susanne Gugeler)

Ernähren sich die Färöer bald nur noch von Fisch? (Foto: Susanne Gugeler)

Bei einer Studie von 1982 wurde herausgefunden, dass ein Färinger durchschnittlich 12 Gramm Grindwalfleisch und 7 Gramm Speck pro Tag gegessen hat. Bereits im Jahr 2000 sahen die Angaben schon ganz anders aus. Schwangere Frauen gaben an, dass sie lediglich ein Zehntel von der Menge, die noch vor 18 Jahren konsumiert wurde, verzehrten.

Ganz aktuell befragte die Pharmazeutin Jónrit Halling 200 Erwachsene nach ihrem Essverhalten. Nur 17 Prozent gaben an, dass sie Grindwalprodukte mehr als einmal im Monat zu sich nehmen würden. Fast die Hälfte – 47 Prozent – gab an, dass sie kaum oder gar kein Walfleisch essen würde. Keine einzige Frau unter 40 Jahren war unter denjenigen, die angaben, häufig Fleisch und Speck der Grindwale zu essen.

Weniger Quecksilber im Blut nachgewiesen

Die jungen Frauen auf den Färöer Inseln wollen ihren Nachwuchs so wenig Risiken wie möglich aussetzen. Sie essen deshalb nur wenig Grindwalprodukte. Wurden 1986 noch 24 Mikrogramm an Quecksilber im Nabelschnurblut nachgewiesen, ging der Betrag 2000 auf 12 Mikrogramm zurück. 2009 waren es sogar nur noch 4 Mikrogramm Quecksilber, die im Nabelschnurblut der Mütter/Neugeborenen gefunden wurden. Diesen Wert findet man im Übrigen auch in Ländern, in denen sich die Menschen nicht von kontaminierten Meerestieren ernähren. Er kann also als „normal“ bezeichnet werden.

Es scheint ganz so, dass das Grindwalfleisch, das einst als gesundes Nahrungsmittel eingeschätzt wurde, solch einen schlechten Ruf bekommen hat, dass es in absehbarer Zukunft aus den Töpfen der Färinger verschwinden wird.

Lesetipp

Globi lebt gefährlich

4 Kommentare

  1. Die Pharmazeutin Maria Skaalum Petersen äußert einen Zusammenhang zwischen den Giften im Grindwalfleisch und der Erkrankung an Parkinson lediglich als private Meinung. Ihre wissenschaftliche Arbeit sagt anderes:

    „No significant association between PD and estimated prenatal methylmercury exposure was found.“
    (http://www.pptox.dk/portals/0/p60.pdf)

    Petersen meint, daß die niedrigere Parkinson-Quote im Walfang-Land Norwegen daran liege, daß dort im Gegensatz zu den Färöern Bartenwale (Zwergwale) konsumiert werden, die in der Nahrungskette nicht so hoch Gifte akkumulierten wie Zahnwale. Tatsächlich liegt die Parkinson-Quote in den nicht Wal-konsumierenden Nachbarländern Schweden und Dänemark geringfügig über der norwegischen. Die Quote in Deutschland und Italien bspw liegt auf färöischem Level, ganz ohne Wale… Wie immer der Zusammenhang zwischen Giften und Parkinson ist, – die Karma-Geschichte von Helene Hesselager O’Barry klärt ihn jedenfalls nicht.

    geschrieben von George
    1. Vielen Dank, George! Ich verweise mal auf die Seite von Pal Weihe, der Untersuchungen zur Schwermetall-Belastung auf den Färöer Inseln vorgenommen hat: http://findresearcher.sdu.dk:8080/portal/en/person/PWeihe

      geschrieben von Susanne
  2. warum dürfen schwangere Frauen nicht mit DFelphinen zusammen kommen?

    geschrieben von Ursula WIESNER
    1. Ursula, die Frage verstehe ich nicht ganz. Wenn sie das Fleisch der Delfine (Grindwale zählen ja auch zu den Delfinen) meinen, dann wird die Frage oben im Beitrag beantwortet.

      geschrieben von Susanne

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