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„Nichts schweißt mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind“


Dieser Ausspruch stammt von Turid Christophersen, der auf den Färöer Inseln in der Hauptstadt Tórshavn lebt. Dieser Erkenntnis schließt sich auch Helene Hesselager O’Barry an – die Frau des ehemaligen Delfintrainers und bekannten Delfinschützers Ric O’Barry.

Getöteter Grindwal (Foto: Hans Peter Roth)

Getöteter Grindwal (Foto: Hans Peter Roth)

Zusammen mit ihrem Mann war Helene im vergangenen Jahr auf den Färöer Inseln und hat dort erfahren, wie kontraproduktiv die Shitstorm-Aktionen in Facebook sind, die sich gegen die Inselbewohner der Färöer richten.

Grund des Shitstorms: Die inzwischen mit Hightech gut versorgten Insulaner machen auch heute noch Jagd auf Grindwale, da sie zur Tradition ihres Volkes gehört.

Shitstorm schadet den Walen

Helene und ihr Mann lehnen – ebenso wie die MEERESAKROBATEN und wahrscheinlich alle Delfinfreunde – den Grindwalfang auf den Färöer Inseln vehement ab und finden das, was sich dort abspielt, sehr grausam. Doch in Facebook ausgesprochene Beleidigungen und „Wünsche“ wie „Scheißpack“, „Massenmörder“, „Kriminelle“, „Sie sollen alle an dem kontaminierten Fleisch der Grindwale verrecken!“, sind zwar nachvollziehbare Reaktionen, sie schaden jedoch letztendlich den Walen.

Helene und Ric sowie andere Delfinschützer (siehe auch mein Beitrag Walfang und Walbeobachtung auf den Färöer Inseln) haben bei ihrem Besuch auf den Färöer Inseln beobachtet, dass der Shitstorm im Internet dazu führt, dass sich Walfangbefürworter und Walfanggegner auf den Inseln zusammentun, um sich gegen die Provokationen aus dem Ausland zu wehren. Denn nichts schweißt eben mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind. Und das führt dann leider dazu, dass sogar Walfanggegner plötzlich für den Grindwalfang sind und die Jäger unterstützen.

Änderung nur von innen heraus möglich

Dabei gibt es mittlerweile schon viele Menschen auf den Färöern, die wollen, dass der Grind aufhört. Und diese Gruppe wird immer größer werden, wenn die Shitstorm-Attacken aus dem Ausland aufhören. Nur die Einwohner selbst können eine tief in ihrer Geschichte verwurzelte Tradition beenden.

Immer wieder ruft der Färinger Umweltschützer Rúni Nielsen dazu auf, sich in der Kritik zu mäßigen und nicht ein ganzes Volk in Misskredit zu bringen. Ich schließe mich dieser Sichtweise an und bitte alle Delfinschützer darum, bei ihrer Kritik den Ton zu wahren.

Lesetipp

SOS – Färöer Inseln

6 Kommentare

  1. Ich glaube nicht, dass die "Prüfung" der Waljäger irgendetwas bewirken wird, wenn da kein klarer politischer Wille dahinter steht. So eine "Prüfung" kann sich auch darauf beschränken, 45 Minuten Therorie (wie treibe ich die Tiere am besten zusammen) im Gemeindesaal zu referieren und anschließend abzufragen, ob die Leute ein Schaf von einem Pilotwal unterscheiden können.

    Dagegen mal ein paar Zahlen zum Nachdenken:
    Die Fähringer schlachten >1000 Wale pro Jahr ab. Die Vermehrungsrate (Geburten minus Todesfälle) von Delfinen/Kleinwalen unter idealen Bedingungen (EEP-Delfinairen) beträgt ca. 0,4% pro Jahr, in freier Wildbahn deutlich weniger (Krankheiten, Nahrungsmangel aufgrund Überfischung),

    Rechnet man unrealistsich optimistisch mit 0,3% so müsste die Walpopulation, aus der sich die Fähringer bedienen, mindestens 350.000 Tiere umfassen, damit diese einen solchen Aderlass verkraften kann. Jede kleinere Population wird unter dieser Abschlachtrate langsam aber sicher (und von Jahr zu Jahr schneller) kollabieren.

    Allein von daher muss man leider davon ausgehen, dass die Fahringer Walschlachterei keineswegs "traditionell" oder "nachhaltig" ist, sondern schlicht brutaler, auf Ausrottung zielender Raubbau an der Natur.

    Das gilt in viel stärkerem Maße natürlich auch für die japanischen Delfinausrottung, wo (nicht nur in Taiji) weit über 3000 Kleinwale jährlich abgeschlachtet werden. Eine Menge, die selbst ein Bestand von 1 Mio. Tiere nicht mehr aus eigener Kraft ausgleichen kann (Vermehrungsrate ca. 0,3% p.a.). Aktuell gibt es keinen Kleinwal mehr, dessen (geschätzte) Population noch die Millionengrenze erreicht. Die meisten Walarten, über die Zahlen vorliegen, werden auf 5 bis 6stellige Zahlen geschätzt.

    So, und jetzt fühle ich mich richtig mies.

    geschrieben von Norbert
  2. Norbert, ich glaube, es war nicht ganz Spanien, das den Stierkampf beendet hat, sondern "nur" die Region Katalonien. Aber auch ich habe mich sehr gefreut, als ich 2010 darüber gelesen habe.

    Selbstverständlich soll die Jagd auf Grindwale nicht in Vergessenheit geraten. Mir geht es lediglich um den Ton, mit dem hier vorgegangen wird. In meinem Blog "SOS-Färöer" gibt es Adressen, an die man sich wenden kann.

    Wie Reisende immer wieder berichten, sind die Färinger offen für andere Meinungen und hindern auch niemanden am Fotografieren oder Filmen der Schlachtszenen. Ausländische Tierschützer hatten sogar schon mal die Möglichkeit, im lokalen Radiosender ihre Meinung über das Abschlachten der Grindwale kundzutun, ohne dass etwas zensiert wurde. Und wenn solche Maßnahmen zusammen mit Protestbriefen an die Färinger Regierung sowie an das Konsulat in Berlin immer und immer wieder stattfinden, dann wird es vielleicht ein Umdenken geben.

    Aber ich glaube, dass es ab Mai 2015 – wenn die Jäger eine Prüfung ablegen müssen – sowieso ruhiger wird an den Küsten der Färöer Inseln.

    Delfinschützer, die schon vor Ort waren, betonen die große Gastfreundschaft der Insulaner. Mittlerweile gibt es außerdem immer mehr Färinger, die kein Walfleisch mehr essen und das Abschlachten verurteilen. Eine ortstreue Orca-Population wird von den Färingern sehr geschätzt. Sie töten also längst nicht alles, was ihnen vor die Lanzen kommt.

    Ein sofortiges Ende dieser längst überholten Tradition wird es natürlich nicht geben, aber auch in Katalonien hat es sehr lange gebraucht, bis sich die Stierkampfgegner im eigenen Land durchsetzen konnten. Und darauf kommt es an, dass die Gegenbewegung im eigenen Land so groß wird, dass sie die Jagd auf Grindwale beenden kann.

    Doch diese Bewegung wird durch den Shitstorm aus dem Ausland behindert. Und was bringt es den Walen, wenn man die Färinger "Scheißkerle", "Bastarde" usw. nennt und man sie sogar am liebsten durch eine Atombombe ausrotten will (so gelesen in einem Kommentar bei Pro Wal)? Die Schreiber machen lediglich ihrer Wut Luft, mehr nicht. Und sie schaden meiner Meinung nach dem "Unternehmen jagdfreie Färöer Inseln".

    geschrieben von Susanne
    1. Da hast Du natürlich Recht – wenn derart aggressiv und beleidigend geschimpft wird, sind natürlich die Grenzen deutlich überschritten. Sorry, ich hatte mit etwas mehr Anstand auch auf Seiten der Tierschutzaktivisten gerechnet – so kann man sich täuschen.

      Andererseits scheinen es nur sehr wenige zu sein, die krampfhaft an dieser blutigen "Tradition" festhalten. Und was mir halt gar nicht in den Schädel will, ist der Eindruck, dass trotz nachlassender Nachfrage nach Walfleisch immer mehr Tiere abgeschlachtet werden. Hier geht es anscheinend nur "ums Prinzip" – und das ist eine schwer zu ertragende Verachtung für die Tiere.

      Hier wäre meines Erachtens in einerm ersten Schritt zwingend eine Vorschrift zu erlassen, dass für jeden geschlachteten Wal ein Verwertungsnachweis zu erbringen ist – Und drastische Strafen, wenn dies nicht geschieht. Es kann nicht sein, dass hunderte Pilotwale an der Küste verrotten, weil die Walfänger ihren Blutrausch nicht unter Kontrolle haben.

      Was die Katalanische Stierkampftradition angeht: Aus Sicht des Artenschutzes war daran nichts zu beanstanden – es wurden ausschließlich Zuchtstiere getötet, die speziell zu diesem Zweck aufgezogen worden waren. Dass das ganze Spektakel dennoch nicht mehr ins 21.Jahrhundert passte, steht auf einem ganz anderen Blatt.

      Die Färinger Walschlachterei stürzt sich dagegen ohne Rücksicht auf Verluste auf wild lebende Tiere, die zum Gebären zu den Färöer-Inseln kommen. Zudem wird hier eine Art dezimiert, die in CITES Anhang II gelistet ist und über die es nicht einmal verlässliche Bestandszahlen gibt.
      Insofern hat der "Grinderap" eine ganz andere Qualität, als die katalanischen Stierkämpfe. Das, was die Färinger machen, ist wohl eher mit der Wilderei in Afrika und Asien zu vergleichen!
      Nur, dass das Ganze nicht in einem Entwicklungsland oder einer Bürgerkriegsregion stattfindet, sondern in der EU!
      Das finde ich schlicht unerträglich.

      geschrieben von Norbert
      1. Den Vergleich mit dem spanischen Stierkampf hattest du in die Diskussion geworfen, Norbert ;o))

        Dass das Abschlachten der Grindwale aufs Äußerste zu verurteilen ist, steht dagegen – glaube ich – nicht zur Diskussion. Es geht nur darum, in welcher Weise protestiert werden soll.

        Ich weiß nicht, ob in letzter Zeit wieder so einen Vorfall gab wie 2010, als die Inselbewohner das Fleisch der toten Tiere einfach verrotten ließen.

        (Siehe http://www.meeresakrobaten.de/2013/08/walfang-und

        Damals kam heftiger Protest aus den eigenen Reihen auf. Und dieser Protest hat dazu geführt, dass es ab 2015 eine Prüfung geben soll. Das ist immerhin ein Anfang.

        geschrieben von Susanne
  3. Ich sehe die Situation leider so, dass sich einige Färöer so in ihre "Tradition" verrant haben, dass eigentlich nur noch ein Machtwort ("gesetzliches Verbot") aus Brüssel den Wahnsinn beenden kann. Schließlich sind die Färöer-Inseln faktisch EU-Mitglied und das Abschlachten von Allem, was in Reichweite gerät, hat mit Tradition und Eigenbedarf rein gar nichts mehr zu tun. Das hat für mich nur noch den ekligen Nachgeschmack eines unkontrollierten Blutrausches.

    Welchen Anteil die Shitstorms der Tierschutzaktivisten daran letztlich haben, kann und möchte ich nicht beurteilen. Allerdings glaube ich auch nicht, dass eine gemäßigtere Linie die "Traditionalisten" in irgend einer Weise besänftigen würde.
    Proteste damit zu beantworten, dass man so viele Tiere tötet, wie irgend möglich (und dann einen großen Anteil am Strand verrotten lässt), ist durch nichts zu rechtfertigen!

    Aus meiner Sicht hat das Ganze fast schon etwas von einem Goldrausch: Wenn ein Wal 300 Euro (viel mehr wird's für Hundefutter kaum sein) einbringt, dann …

    Das ist für mich das gleiche Sucht- und Gierverhalten, das man bei Goldgräbern, Spielautomaten-Süchtigen und Boni-getriebenen Bankern sieht. Oder bei den Wilderern in Afrika, die den letzten Elefanten und Nashörnern nachstellen.

    So wenig ich mit Tierrechts-Aktivisten anfangen kann: Lieber ein Dauer-Shitstorm, als diesen Wahnsinn in Vergessenheit rücken zu lassen. Und hoffentlich endet der Wahnsinn, bevor die Grindwal-Population genetisch so weit verarmt ist, dass sie letztlich kollabiert.
    Das geht schneller, als man glaubt – und bei Grindwalen liegen bis heute keine brauchbaren Schätzungen über den Gesamtbestand vor!

    Es könnte also durchaus sein, dass bereits der diesjährige Grinderap das Todesurteil für eine ganze Population ist. Vielleicht nicht sofort – aber spätestens, wenn ein weiterer Einfluss (wie z.B. eine Seuche) dazu kommt.

    Selbst Spanien hat vor wenigen Jahren ihre Stierkampf-Tradition beendet – daran sollten sich die Färöer mal ein Beispiel nehmen!

    geschrieben von Norbert
  4. Nicht nur die MEERESAKROBATENbeobachten Morloks Aktionen kritisch.
    Andreas B. aus Cuxhaven beispielsweise setzt sich in seinem Blog http://rincewind1966.blog.de/2012/08/26/spendenge
    ebenfalls sehr kritisch mit Morloks Aktionen auseinander wenn er fragt:
    "Werden Spendengelder einfach ins Meer gekippt?"

    geschrieben von Rüdiger

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