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Grindwalfang auf den Färöer Inseln bald nur noch in Geschichtsbüchern


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CETA JOURNAL/MEERESAKROBATEN/20. Dezember 2014, mit freundlicher Genehmigung von Sasha Abdolmajid

Radikales Auftreten von ausländischen Gegnern des Grindwalfangs provoziert auf den Färöer Inseln einen patriotischen Gegen-Reflex.

Demonstration auf den Färöer Inseln wird nicht beachtet

Demonstration auf den Färöer Inseln wird nicht beachtet

Deshalb sei das Verhalten vieler Aktivisten kontraproduktiv. Darin sind sich auch verschiedene färöische Kritiker der Grindwal-Treibjagden einig. Rückblick auf ein turbulentes und hoffnungsvolles Jahr von Sasha Abdolmajid.

Zum reizvollsten Reiseziel gekürt

Würden Sie auf die Färöer Inseln reisen? Immerhin hat das Reisemagazin von National Geographic („National Geographic Traveler“) den Archipel auf 62 Grad Nord im Experten-Vergleich unter 111 Insel-Destinationen zum „reizvollsten Reiseziel“ gekürt (siehe: faroeislands.com). Dies, obschon die Grindwaljagd („grindadráp“) zweifellos viele Menschen davon abhält, die Färöer als Touristen zu bereisen.

Treibjagd erregt viel Aufmerksamkeit

Doch gleichzeitig haben die Inseln durch die Debatte um die Treibjagd viel Aufmerksamkeit erregt, zum Beispiel durch „Viking Shores“, die von Animal Planet ausgestrahlte TV-Serie über die Aktionen der Sea Shepherd Conservation Society (SSCS) auf den Färöern aus dem Jahr 2011. Dies wiederum habe bei vielen Touristen das Interesse an einer Reise zum nordischen Inselstaat geweckt, sagt die färöische Tourismus-Verantwortliche, Guðrið Højgaard. (Siehe: in.fo)

2014 wurden nur wenige Wale gefangen

Wenig reizvoll ist eine Reise auf die Färöer allerdings zu dieser Jahreszeit. Die dunkelste Zeit ist angebrochen. Das Tageslicht dauert im Dezember nur noch wenige Stunden. Ein Sturm jagt den nächsten. Die Zeit der Grindwaljagden 2014 auf den Färöern ist definitiv vorüber. Aus Sicht der Wal- und Delfinschützer war das 2014 eine „helle“ Zeit. Gerademal zwei erfolgreiche Treibjagden haben stattgefunden, gegenüber zwölf im Jahr zuvor.

Hauptstadt Torshaven (Foto: Ingi Sørensen)

Hauptstadt Torshaven
(Foto: Ingi Sørensen)

Am 18. Mai wurden in Fuglafjørður auf der Ostinsel 13 Grindwale erlegt und am 30. August in Sandur 35 Grindwale.

Dazu kommen fünf Nördliche Entenwale, die am 28. August angeblich in Hvalba auf der Südinsel gestrandet sein sollen (dies ist immer etwas umstritten, da selbst färöische Grindwalfang-Experten und Befürworter des Grindwalfangs den Verdacht äußern, dass die Einheimischen dort bisweilen beim „Stranden“ noch etwas nachhelfen, auf Englisch „assisted stranding“ genannt. Sicher ist: Rettungsversuche unternehmen die Einheimischen bei Strandungen nicht, sondern schreiten stets gleich zur Tötung).

Kurz: Auf den Färöern sind 2014 nur gerade 53 Cetaceen (48 Grindwale, fünf Entenwa­le) getötet worden. Im Vorjahr waren es 1534, also fast die 30-fache Menge!

Gründe für geringen Fang

Woran liegt dieser förmliche Zusammenbruch getöteter Delfine (Grindwale sind Delfine)? Zweifellos an verschiedenen Faktoren. Dazu gehören Wetter, Meeresströmungen, Wanderrouten, Verbreitung und Häufigkeit der Kalmare (Hauptnahrung der Grindwa­le). Sicher spielen auch menschliche Einflüsse eine Rolle und der Klimawandel, dessen Auswirkungen im Hohen Norden besonders groß sind.

Vor Verzehr des Fleisches wird abgeraten

Im Jahr 2008 wurden übrigens überhaupt keine Grindwale gefangen, weil schlicht keine Tiere in jagdbarer Distanz zu designierten Tötungsbuchten auftauchten. Dass ebenfalls 2008 die färöische Gesundheitsbehörde erstmals offiziell davon abriet, Grindwalfleisch zu essen, ist reiner Zufall. Als Begründung wird unter anderem das Risiko der Parkinson-Krankheit aufgrund der Quecksilberbelastung im Grindwal­fleisch genannt.

Der Landesarzt Høgni Debes Joensen und der Oberarzt an der färöischen Abteilung für öffentliche Gesundheit und Umweltmedizin, Pál Weihe, erklärten:

Sasha Abdolmajid (links) und Dr. Pál Weihe nach einem Interview (Foto: Sasha Abdolmajid )

Sasha Abdolmajid (links) und Dr. Pál Weihe nach einem Interview
(Foto: Sasha Abdolmajid )

„Wir bedauern diese Empfehlung. Der Grind diente den Färingern über viele Jahrhunderte und hat in dieser Zeit wohl vielen das Leben gerettet. Aber die Zeiten und die Umwelt ändern sich, und deswegen meinen wir, dass diese Empfeh­lung medizinisch nötig ist.“

Der färöische Gesundheitsminister Hans Pauli Strøm schloss sich daraufhin der Empfehlung an, betonte aber, es müsse die Entscheidung jedes Einzelnen bleiben.

Mischrechnung

Heute ist das Gesundheitsministerium von Weihes Empfeh­lung zu dessen Bedauern teilweise wieder abgerückt. Während der Mediziner wegen der extrem hohen Quecksilber-Werte weiterhin konsequent für eine Null-Diät beim Grindwal-Fleisch eintritt, machen andere Gesundheits-Verantwortliche jetzt eine Mischrechnung.

Sie empfehlen neu einen maximalen Richtwert an Quecksilber, der sich am Verzehr von allen Meeresprodukten orientiert. Denn auch durch den Konsum von Fisch nimmt man Quecksilber auf – nur eben nicht annähernd so viel wie bei Grind-Fleisch, ärgert sich Pál Weihe.

Einfluss der Aktivisten

Gibt es auch andere Gründe für die sehr tiefen Jagdzahlen in diesem Jahr? Hat die massive Präsenz der SSCS auf den Inseln mit ihrer „Operation Grind Stop 2014“ einen Einfluss gehabt? Vermutlich schon, aber nur einen kleinen.

Die Sicherheitsbedenken der färöischen Behörden, aber auch von Seiten Dänemarks, welches die polizeiliche Hoheit auf den Färöern innehat, waren groß. Es darf angenommen werden, dass einige wenige Treibjagden nicht durchge­führt wurden, um Zusammenstöße zu vermeiden, oder dass es SSCS in Einzelfällen gelang, heranschwimmende Grindwale zu vertreiben.

„Anti-Sea Shepherd-Gesetz“

Alles in allem war aber 2014 ähnlich wie 2008 schlicht ein „schlechtes“ Fangjahr, mit wenigen Sichtungen. Darauf angesprochen, ob SSCS etwas zu seiner Überzeu­gungsarbeit beitragen, dass die Färinger kein Grindwalfleisch mehr konsumieren sollten, verneint Pál Weihe vehement. SSCS habe ihn nicht kontaktiert.

„Die Aufmerksamkeit, die SSCS erregt, lenkt von meiner Arbeit ab. Das Vorgehen von SSCS provoziert auf den Inseln eine Art patriotischen Gegenreflex, um an der Tradition festzuhalten.“ Denn der Grindwalfang sei nun einmal Teil der nationalen Identität.

Wirbelknochen eines Grindwals (Foto: Ingi Sørensen)

Wirbelknochen eines Grindwals
(Foto: Ingi Sørensen)

Gemäß einem färöischen Online-Artikel hat Tjóðveldi, die republikanische Oppositionspartei, denn auch im Oktober vor der färöischen Nationalversammlung einen Gesetzesentwurf eingebracht, der die Anwesenheit von Organisationen auf färöischem Boden verbieten soll, wenn diese Gesetzesbrüche beabsichtigen oder damit drohen.

29 Mitglieder des 33-köpfigen färöischen Parlaments, des „Løgting“, befürworten ein solches Gesetz. Die Initianten hoffen nun, dass dieses bereits vor dem 1. Mai 2015 verabschiedet sein wird. Obschon nicht explizit ausge­drückt, wäre ein solches Gesetz wohl primär ein „Anti-Sea Shepherd-Gesetz“.

Nur Gesundheitsaspekt kann Färinger beeinflussen

„Wenn nicht dieser Druck von außen bestünde, glaube ich sogar, dass der größte Teil der färöischen Bevölkerung meine Ratschläge bereits befolgt hätte. Es wäre einfacher, zu kommunizieren und meine Empfehlungen anzunehmen. Die gesamte Atmosphäre rund um die Gesundheitsdebatte wäre viel entspannter“, meint Pál Weihe. Aus seiner Sicht ist die Gesundheit das einzige Thema, das den Grindwalfang zum heutigen Zeitpunkt beenden kann.

„Ich wünschte mir von den Aktivisten vor allem, dass sie dazu beitragen, meine Studien weltweit zu verbreiten. Denn vieles, was im färöischen Mikrokosmos geschieht, ist auf die ganze Welt übertragbar.“

Wale und Delfine sinnvoll nachhaltig schützen

Deshalb gibt es für den Umweltmediziner nur einen Schluss: Wenn Aktivisten wirksam Wale und Delfine schützen wollen, sollen sie ihre jeweiligen Regierungen auffordern, der Meeresverschmutzung Einhalt zu gebieten. „Setzt die Politik und zuständige Behörden unter Druck. Das kann funktionieren.“

Bei der chemischen Verschmutzung der Meere stellt er im Übrigen ebenfalls einen Wandel fest: „Während Quecksilber zurzeit etwa auf stabil hohem Niveau verharrt, nimmt die Konzentration von PCB ab. Hingegen gelangen immer wieder neue Chemikalien in die Umwelt und damit ins Meer.“

Pál Weihe schätzt, dass der Grindwalfang in den nächsten 10 bis 15 Jahren allmählich aussterben wird – „vielleicht sogar früher“.

Doch insgesamt hätten die Färinger wenig Verständnis für das, was Aktivisten „alles so über Wale und ihre Wesensart erzählen“. Entsprechend wenig werden die Färinger nach dieser Einschätzung auch interessiert sein an einer aus tier- und artenschützerischer Sicht bahnbrechenden Resolution, welche die UNO im November 2014 verabschiedet hat.

Wale und Delfine besitzen „nicht-menschliche Kultur“

Es geht um die an der Vertragsstaatenkonferenz der Bonner Konvention im Konsens verabschiedete Resolution zur Bedeutung der Kultur von Walen und Delfinen. Mit der Unterzeichnung der Resolution erkennen 120 Mitgliedstaaten an, dass einige sozial komplexe Säugetierarten (wie zum Beispiel verschiedene Arten von Walen und Delfinen) eine „nicht-menschliche Kultur“ besitzen.

Grindwalfang auf den Färöer Inseln, LWL Münster  (Foto: Rüdiger Hengl)

Grindwalfang auf den Färöer Inseln, LWL Münster
(Foto: Rüdiger Hengl)

Die Resolution erklärt unter anderem, dass die wissenschaftliche Erforschung von Kultur und sozialer Komplexität bei Säugetieren wichtige Argumente für den Artenschutz liefert.

Bald steht Grindwalfang nur noch in den Geschichtsbüchern

Darin mag auch der Grund liegen, warum es einheimischen Gegnern des Grindwal­fangs nicht in den Sinn kommt, öffentlich gegen die Treibjagden zu demonstrieren. Diese Art von Konflikt-Kultur existiere auf den Färöern traditionellerweise nicht und der Graben zwischen dem Lager der Befürworter und dem (viel kleineren) Lager der Gegner sei schlicht nicht tief genug.

Dies erklärt Rúni Nielsen, selber moderater und pragmatischer färöischer Gegner des Grindwalfangs. „Zudem sind sich fast alle einig, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Grind ohnehin nur noch in den Ge­schichtsbüchern existiert.“

So arbeiten die Gegner der Grindwaljagd diskret, behutsam und umsichtig – so wie beispielsweise die Färöerin Marna Frida Olsen, deren Webseiten-Projekt GRINDABOÐ.FO sie allmählich ausbaut. Mittlerweile ist dieses auch auf Englisch aufgeschaltet.

Abschließend einmal mehr ein ganz großes Dankeschön an die Bewohner der Färöer Inseln für ihre Offenheit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft.

Die MEERESAKROBATEN schließen sich mit einem großen Dankeschön an Sasha Abdolmajid für die Veröffentlichungsgenehmigung dieses Artikels an, der original im Ceta Jorunal erschien.

Lesetipp

Grindwalfang auf den Färöer Inseln

Ein Kommentar

  1. Betreffend der Quecksilberbelastung:
    Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass praktisch alle Cetaceen eine enorm hohe Quecksilbertoleranz (und eventuell auch andere Schwermetalle) aufweisen; d.h. sie können ganz erhebliche Mengen davon im Körper haben, ohne dass dies für die Tiere gesundheitliche Auswirkungen hätte.

    Dies wiederum deutet darauf hin, dass die hohe Quecksilberbelastung von Top-Prädatoren auch schon bestanden hatte, bevor der Mensch begann die Meere zu verseuchen – ansonsten hätte sich kaum diese Toleranz derart flächendeckend ausgebildet. Es ist also durchaus möglich, dass es schon immer zu einer Ansammlung von Schwermetallen in der Nahrungskette kam – schließlich sammelt sich in den Ozeanen alles, was die Flüsse (mit und ohne menschliches Zutun) aus den Landmassen auswaschen.

    Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass die Quecksilberbelastung in Walen und Delfinen irgendwann wieder abnehmen wird – ein Grund mehr, sie in Ruhe zu lassen!

    Beim Menschen existiert übrigens ein ähnliches Phänomen: Alle Menschengruppen, deren Vorfahren die Bronzezeit durchlebt haben, weisen eine beachtliche Toleranz gegen das Schwermetall Kupfer auf – für steinzeitliche Eingeborenenstämme und die meisten Tiere (welche diese genetische Disposition nicht besitzen) ist Kupfer dagegen ähnlich giftig, wie Blei oder Cadmium!

    geschrieben von Norbert

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