Berichte

Vor 50 Jahren: ein Beluga im Rhein


Themen: ,

Zum 50. Jahrestag von „Moby Dick“ / MEERESAKROBATEN, 18. Mai 2016

Rhineheart (Bild: Jörg Mazur)

Das geplante Denkmal für den Beluga im Rhein
(Bild: Jörg Mazur)

Am 18. Mai 1966 wurde der Rhein von einem ganz ungewöhnlichen Gast besucht. In der Nähe von Duisburg tauchte vor den Augen von zwei Rheinschiffern ein Beluga auf.

Hatten die Schiffer zu viel getrunken?

Die Besatzung des Tankschiffs „Melani“ meldete ihre Sichtung der Wasserschutzpolizei. Diese machte zunächst einmal einen Alkoholtest mit den Schiffern, da sie die Geschichte als Fantasiegebilde einstufte.

Der Test verlief jedoch negativ – es schwamm wirklich ein weißer Wal im Rhein, 300 Kilometer entfernt vom Meer, und Tausende Kilometer entfernt vom üblichen Lebensraum der Belugawale, den arktischen und subarktischen Gewässern.

Ein Beluga im Rhein – das war die Sensation! Die auch Weißwale genannten Meeressäuger verirren sich zwar gelegentlich in die Nord- oder Ostsee, doch im Rhein wurde bis dahin noch nie ein Beluga gesehen. Das Tier wurde später nach dem Romanhelden von Herman Melville „Moby Dick“ genannt.

Einen Monat lang konnte „Moby Dick“ beobachtet werden

Wie man sich gut vorstellen kann, war die Aufregung sehr groß. Schließlich handelte es sich um ein etwa vier Meter langes Tier, das man nicht so einfach übersehen konnte.

Beluga (Foto: Ulrike Germeshausen ((†)

Beluga (Foto: Ulrike Germeshausen (†))

Doch etwa einen Monat später war der Wal wieder verschwunden. Er wurde noch einmal in Holland im Ijsselmeer beobachtet, doch dann war er nicht mehr gesehen. Ob er im Rhein gestorben ist oder ob er wieder zurück an den Pol gefunden hat, weiß man nicht. Er tauchte jedenfalls nie wieder auf.

Es stellte sich heraus, dass der Wal ursprünglich in einen englischen Zoo gebracht werden sollte. Das Transportschiff kenterte jedoch beinahe bei einem Orkan, sodass der Wal kurz vor Erreichen der englischen Küste offenbar in die Nordsee gespült wurde. Von dort aus gelangte er über den Hafen von Rotterdam in den Rhein.

Jagd auf „Moby Dick“

Der damalige Leiter des Duisburger Zoos – Dr. Wolfgang Gewalt -, der erst im April 1966 seinen Dienst angetreten hatte, wollte den Beluga einfangen und in seinem Zoo vorführen. Er versuchte des ungewöhnlichen Gastes im Rhein mit geborgten Tennisnetzen und Betäubungspfeilen Herr zu werden. Doch er hatte die Rechnung ohne „Moby Dick“ und dessen Fans gemacht.

„Moby Dick“ veralberte seine Fänger und erwies sich als Meister der Täuschung.

Aktivisten versuchten die Jagd zu stören, indem sie von einem Luftschiff aus Orangen in den Rhein warfen. Touristen bewarfen den Wal mit Leberwurstbroten, damit er etwas zu fressen hatte …

Beluga-Fluke

Beluga-Fluke (Foto: Ulrike Germeshausen (†))

Lokalblätter witzelten: „Neue niederrheinische Bauernregel: ‚Ist der Wal im Rhein, ist das Wetter fein.'“

Massive Proteste der Bevölkerung und offizielle Proteste aus den Niederlanden führten schließlich dazu, dass die Einfangversuche eingestellt werden mussten.

„Moby Dick“ verpasste den Ausgang

Als der Beluga in niederländisches Gewässer entschwunden war und wieder Richtung Rheinmündung schwamm, versuchten die Niederländer den Wal ins Meer zurückzugeleiten. Doch das Vorhaben scheiterte. Der Beluga verpasste den Ausgang bei Nijmwegen und landete im eingedeichten Ijsselmeer. Am 16. Juni 1966 verlor sich seine Spur.

Neues Umweltbewusstsein

Sein Auftauchen vor dem Bundeshaus in Bonn gilt „Moby Dick“ als der Auslöser des ersten Umweltschutzgesetzes der Bundesrepublik.

Die Haut des Belugas war mit Altöl verschmiert und mit Hautekzemen übersät.

Die bedeutungsvolle Reise des Weißwals im Rhein markierte inmitten der Blütezeit des Wirtschaftswunders einen Wendepunkt für ein neues Umweltbewusstsein.

Tatsächlich wurden etwa ab 1966 die ersten wirksamen Umweltschutzgesetze in Deutschland verabschiedet; der Rhein beispielsweise, durch den „Moby Dick“ schwamm, wurde damals durchaus begründet als „Kloake“ bezeichnet; Abwässer von Städten und Chemieanlagen wurden größtenteils ungefiltert in ihn eingeleitet.

heimat-fuer-rhineheart_logo

In Bonn wurde 1976 das Rheinschiff Moby Dick nach dem Wal benannt.

Ein Denkmal für „Moby Dick“

Der Künstler Jörg Mazur hat zu Ehren von „Moby Dick“ und zur Mahnung an den Schutz der Umwelt ein Kunstwerk geschaffen, das er Rhineheart genannt hat. Von Jörg Mazur stammen auch sämtliche Illustrationen in der MEERESAKROBATEN-Systematik.
(Quellen: Wasserschutzpolizei des Landes Nordrhein-Westfalen, Wikipedia, Tran und Tränen – DER SPIEGEL, WDR, Express)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.