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Eigene Population in Delfinarien


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Benjamin mit Großem Tümmler
(Foto: Benjamin Schulz)

Biologen-Blog von Benjamin Schulz, Teil 20
25. September 2017
Delfine – nicht nur in der Freiheit vom Aussterben bedroht, Kapitel 1

Hallo liebe Meeresakrobaten-Fans und Leser/-innen meines Blogs!
Der heutige Blogbeitrag ist der erste eines Zweiteilers, den ich für euch schreiben werde, und dieses Mal geht es um die Population des Großen Tümmlers, die in europäischen Delfinarien gehalten wird.

Warum diese Population tatsächlich bedroht ist und wer bzw. was genau dahintersteckt, darum wird es heute gehen.

Im zweiten Teil erkläre ich dann, welche politischen, wirtschaftlichen und teils privaten Interessen diese Population beeinflussen und wer was eigentlich von den Delfinen will.

Gespräche mit Delfinarienbefürwortern und Delfinariengegnern

Diese Informationen habe ich durch gründliche Recherche und viele persönliche Gespräche mit Vertretern sowohl der Delfinarien-Verbände als auch mit Delfinariengegnern und Projektleitern von betreuten Meeresbuchten erhalten, wobei beide Seiten stets darüber aufgeklärt wurden, dass ich diese Informationen veröffentlichen möchte und ich mit beiden kooperiere. Ich werde deshalb aus Respekt vor meinen Quellen sämtliche persönlichen Zeugen anonym halten.

Eigene Delfinpopulation in Zoos
(Foto: Oliver Schmid)

Natürlich gibt es auch (einige wenige) Parteien, die nicht mit mir kooperieren wollten bzw. deren extrem radikale Grundhaltung ein vernünftiges Gespräch sowieso unmöglich machen. Was diese Leute angeht, habe ich keinen Grund, irgendwen anonym zu halten. Wenn ich also im folgenden Beitrag sowie im zweiten Teil die Namen von Personen oder Organisationen klar nenne, dann bedeutet das automatisch, dass diese nicht an Gesprächen interessiert waren bzw. in ihren Ansichten viel zu radikal sind. Inwiefern ich Ansichten als radikal bezeichne, erkläre ich natürlich in den Beiträgen selbst.

Tiere in Delfinarien bilden eigene Population

Nun geht es aber los. Ich habe zu Beginn erwähnt, dass ich heute über die Delfinpopulation in Europas Delfinarien schreiben möchte und diese tatsächlich bedroht ist. Natürlich bin ich da jetzt eine Erklärung schuldig, warum sie bedroht ist.

Um das Verständnis meiner These zu erleichtern, muss natürlich erst einmal klargemacht werden, dass die Delfine in Europas Delfinarien eine eigene Population bilden.

Populationen von Tieren entstehen in der Wildbahn durch geografische Gegebenheiten, die eine Trennung von bestimmten Gruppen zur Folge haben und die Mischung von Individuen aus diesen Gruppen schwierig bis unmöglich macht. Dadurch bilden sich auf Dauer durch die Reproduktion dann auch genetische Unterschiede aus, die wiederum zu Traditionsunterschieden (Jagdmethoden, Sozialstruktur) und körperlichen Anpassungen führen. Vereinfacht dargestellt entstehen auf diese Art und Weise neue Populationen.

Die ersten Delfine in Delfinarien entstammen bestehenden Populationen aus der Wildbahn. Sie wurden dort entnommen und in abgetrennte Becken überführt, wo verschiedene Individuen neu zusammengesetzt wurden. Auch wenn hier der Mensch eingegriffen hat: ob natürliche oder künstliche Einflüsse zu einer Trennung von Individuen geführt hat, ist für die Definition selbst unerheblich.

Delfine im Dolfinarium von Harderwijk/Niederlande
(Foto: Rüdiger Hengl)

Nachkommen in vierter Generation

Der Mensch hat hier durch eine Herausnahme von Individuen einer Population eine geografische Trennung von Gruppen geschaffen. Die Grundlage für die Entstehung einer neuen Population wurde hierdurch gelegt. Den Rest taten die Delfine selbst, denn die durch den Menschen neu zusammengesetzten Individuen vermehrten sich.

Mittlerweile gibt es bereits Tiere in vierter Generation und mehr als 70 Prozent der heute lebenden Tiere in der Population sind Nachkommen der Wildfänge. Dadurch sind natürlich auch ganze Blutlinien entstanden, die sich genetisch von ihren Vorfahren in der Wildbahn unterscheiden.

Ob man nun die Haltung von Delfinen befürwortet oder verurteilt, spielt keine Rolle für die Klassifizierung: Eine neue Population ist hier entstanden, und durch die Schaffung eines Zuchtprogrammes mit Austausch von Tieren hat der Mensch in Europa einen Zugang von Individuen untereinander zur Reproduktion möglich gemacht, weshalb man hier nun auch von einer tatsächlichen europäischen Gesamtpopulation sprechen kann.

Auf der nächsten Seite erfahrt ihr, warum Delfinariumsdelfine gefährdet sind.

12 Kommentare

  1. Gibt es eigentlich noch eine realistische Chance, dass das Zuchtverbot in Frankreich in abesehbarer Zeit gelockert oder aufgehoben wird?

    geschrieben von Norbert
    1. Eine gute Frage, da die Ministerin, die das zustande gebracht hat, kurz danach mit dem Regierungswechsel weg vom Fenster war. Fast könnte man meinen, die wollte kurz vor dem politischen Abtritt sich noch mal ein ökologisch-korrektes Denkmal setzen. Und hat sich was medienwirksam-simples gesucht – anstatt z.B. den Atomaustieg einzuläuten.

      geschrieben von Dani
  2. Eine Statistische Befragung hat gezeigt, dass (begeistere) Definarienbesucher und Unterstützer von Tierrechtsgruppen bis zu 80% identisch sind. Würde auf einem EAAM-Symposium präsentiert und hat erstmal ganz schön für Verwirrung gesorgt. Das erprobte Schwarz-Weiß-Muster war total im Eimer.

    geschrieben von Norbert
    1. Das ist eine interessante Erhebung, Norbert. Aber irgendwie ist das Ergebnis auch nachvollziehbar. Es geht um Menschen, die sich (in Zoos/Delfinarien) mit Tieren befassen, sie beobachten, Freude an ihnen haben und sie demzufolge auch schützen wollen.

      geschrieben von Susanne
      1. Diese Erkenntnis hat inzwischen zu einem deutlich anderen Umgang mit dem Publikum und dem Umfeld der Kampagnen-Organisationen (sog. „Tierschützer“) geführt. Die Ansprache ist heute (3 Jahre nach der Umfrage) eine spürbar andere.

        geschrieben von Norbert
    2. Ich finde, gerade gut geführte Zoos tragen heute wesentlich zum Schutz der Tierwelt bei, man denke nur an die nicht unerhebliche Zahl an Arten, die es heute kaum noch im Freiland gibt und die nur in Tierparks und anderen Einrichtungen noch nachhaltig gezüchtet werden können. Moderne Zoos in Mitteleuropa haben glücklicherweise nichts mehr mit der Käfighaltung der 50er Jahre gemein; aber einige radikale Organisationen haben wohl immer noch dieses veraltete Bild des Zwingers im Kopf. Echte Tierschützer versuchen, im Dialog mit den Zoos die Haltungsbedingungen weiter zu verbessern und wissen, dass das Aussetzen der Tiere in der „Freiheit“, die in 3. oder 4. Generation in Zoos leben und an das Leben mit den vertrauten Pflegern gewohnt sind, lediglich deren sicheren Tod bedeuten würde.

      geschrieben von Oliver
      1. Ob eine Auswilderung möglich ist, hängt wohl sehr stark von der Tierart ab. Bei Steinböcken, Pferden und diversen Vogelarten hat das jedenfalls sehr gut funktioniert – in einem freien Gebiet ohne angestammte Population (also Neubesiedlung eines verwaisten Habitats, wie in den ICUNN – Richtlinien vorgesehen). Ob das bei Delfinen auch möglich wäre, ist sehr schwer zu sagen. Die Viecher sind extrem anhänglich, wenn sie mal in menschlicher Obhut waren.

        Bei einer zumindest latenten Bedrohung einer Tierart deren Zucht zu verbieten (wie in Frankreich) halte ich aber in jedem Fall für ein völliges Unding. Nicht nur aus der Sicht des Tierwohls, sondern auch, weil man damit für eine weitere Tierart die Garantie des Überlebens aufgibt. Der drohende Kollaps der Ozeane 2048 (und damit das weitgehende Aussterben der Meeressäuger) ist noch lange nicht abgewendet.

        geschrieben von Norbert
    3. Der Unterschied von Schimpanse zum Menschen liegt bei etwa 1,2%. Also finde ich 80% Gemeinsamkeiten nicht sehr aussagekräftig. Denn die 20% die hier angeblich nur unterschiedlich sein sollen, ziehen die Grenze zwischen fürsorglichem Tierschutz und wahnhaftem Missionierungszwang für Tierrechtsideologien.

      geschrieben von Benjamin
  3. Eine interessante Betrachtungsweise – so hab ich das noch gar nicht gesehen. Was die Tiere fühlen, darüber können wir nur spekulieren. Ich kann die Argumentation jedoch nachvollziehen, wenn ich es auch ziemlich übertrieben finde, einen Zuchtstopp mit den Massenschlachtungen von Taiji zu vergleichen.

    Die Abgrenzung zwischen „Delfinarienbefürwortern“ und „Delfinariengegnern“ ist mir persönlich zu sehr schwarz-weiß-Malerei. Ich denke, die meisten von uns sehen dies differenzierter, frei nach dem Motto: „Zeige mir, wie Du Delfine hältst und ich sage Dir, ob ich diese Art der Delfinhaltung befürworte.“ Für mich ist solch ein Beurteilungskriterium, an dem ich Delfinarien messe, die Einhaltung von Standards zur Haltung der Tiere, wie sie z.B. vom Weltzooverband und der EAAM vorgegeben werden.

    geschrieben von Oliver
  4. Was ist eigentlich „kommerzielle“ Nutzung?
    Ich stelle diese Frage, weil der Blog „kommerzielle Nutzung“ von Delfinen ablehnt, ohne hier Grenzen zu ziehen:

    Ist es bereits verwerflich, wenn die notwendigen Beschäftigungsprogramme („Präsentationen“) einem zahlenden Publikum zugänglich gemacht werden? Ist es wirklich ein Problem, wenn man (wie früher in Conny-Land) unter streng kontrollierten Bedingungen Delfinschwimmen anbietet? Ich hatte in Lipperswil (anders als in Dubai) immer das Gefühl, dass es für die Tiere immer ein positiver Höhepunkt war, mit Touristen zu spielen. Klar war das durch und durch kommerziell (250 Euro für 45 Minuten) – aber was genau ist daran zu bemängeln? Dass die Touristen zahlen mussten hat die Delfine nun wirklich nicht interessiert und letztlich sind die Einnahmen (auch) der Betreuung der Tiere zugute gekommen.

    Wenn man ehrlich ist: Ohne zahlendes Publikum ist es realistisch nicht möglich, die (laufenden) Kosten für ein Delfinarium zu stemmen. Ein oder zwei reine Forschungseinrichtungen weltweit reichen nicht aus, und für mehr ist (wie so oft) sowieso kein Geld da.

    Wo also Grenzen ziehen? Und bitte nicht auf die Argumentationen von „Tierrechtlern“ hereinfallen.

    geschrieben von Norbert
    1. Da stimme ich Dir zu, Norbert. Der Ausdruck „Kommerzielle Nutzung“ ist vielleicht etwas mißverständlich, suggeriert „kommerziell“ doch irgendwie, dass sich mit Delfinen richtig Kohle scheffeln lässt und klingt irgendwie nach Ausbeutung der Tiere („… die armen Tiere müssen das Geld für Ihre Haltung auch noch selbst verdienen und dafür Zirkustricks aufführen!“) – natürlich ist Geld das Letzte, was die Delfine selbst interessiert, sie machen aus Spieltrieb an den Vorführungen mit

      Mir fällt spontan aber auch kein anderer / besserer Begriff für „kommerzielle Nutzung“ ein. Ich verstehe Benjamins Satz so: „Um das leisten zu können, ist Geld nötig und um diese Kosten zumindest halbwegs decken zu können. Deshalb ist es legitim, wenn Delfinarien Eintritt verlangen und für interessierte Besucher zusätzliche kostenpflichtige Aktionen wie z.B. einen Blick hinter die Kulissen oder eine Begegnung mit Delfinen anbieten“.

      geschrieben von Oliver
    2. Bitte lies noch einmal aufmerksam, ich habe den Begriff der „kommerziellen Nutzung“ von Delfinen hier nur als Zitat gebraucht, habe sie keineswegs abgelehnt da mir durchaus bewusst ist, dass die Pflege der Tiere Geld kostet und das nicht auf Bäumen wächst.

      geschrieben von Benjamin

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