Berichte, Biologen-Blog

Artenschutz: Das letzte Nashorn


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Benjamin mit Großem Tümmler
(Foto: Benjamin Schulz)

Biologen-Blog von Benjamin Schulz, Teil 23
2. April 2018

Hallo liebe Meeresakrobaten-Fans,

Den Anlass, diesen Biologen-Blog zu schreiben, hat mir der Tod des letzten männlichen Nördlichen Breitmaulnashorns gegeben.

Die Meldung über das 45 Jahre alt Tier, das wegen altersbedingter Krankheiten in einem kenianischen Wildreservat eingeschläfert werden musste, zieht seine Kreise im Internet und in den Printmedien. Die Diskussion um Artenschutz und welchen Beitrag Zoos dazu leisten, brandet hoch.

Offener Brief

Da es auf dieser Delfin-Website um Meeressäuger geht, wende ich mich im Folgenden schwerpunktmäßig diesen bzw. den Artenschutzbemühungen für gefährdete Arten zu. Dieser Beitrag kann als offener Brief verstanden werden, der sich aus aktuellem Anlass an Dag Encke vom Nürnberger Tiergarten und David Pfender von der WDC (Whale and Dolphin Conservation) in München wendet.

Nun, passend zur Nashornmeldung entdeckte ich dann auch einen Zeitungsartikel, in dem unverfroren gefordert wurde, einige Arten einfach aussterben zu lassen, schließlich gebe es schon längst zu viele bedrohte Arten und man könne sich nicht um alle kümmern.

Sicher, es kann keinem Artenschutzexperten, keinem Biologen, Zoologen, Botaniker oder überhaupt einem ethisch aufgeklärten Menschen gefallen, dass Arten aussterben, doch trotz aller Bemühungen tun sie es, und das momentan massenweise.

Gemeine Delfine (Gibraltar/Spanien)
(Foto: Rüdiger Hengl)

Wir müssen uns deshalb nicht darauf beschränken zu fragen, wie es so weit kommen konnte, sondern auch, wie wir ein weiteres Aussterben von Pflanzen und Tieren in diesem Ausmaß verhindern können.

Menschheit ist zur Plage für die Erde geworden

Wie wir wohl alle schon ahnen, ist die Menschheit längst zu einer Plage für die Erde geworden, doch handelt sie nicht anders als jede andere Tierart auch: auf das eigene Überleben und den eigenen Vorteil bedacht.

Was anders ist bei uns: Die Intelligenz und der gleichzeitig ideale Körperbau zur Manipulation unserer Umwelt haben die Menschen befähigt, die Natur zu formen und zu gestalten, um sie unseren Bedürfnissen anzupassen.

Leider passiert das mittlerweile in einem Ausmaß, welches der Planet nicht mehr verkraften kann, auch weil es einfach zu viele Menschen gibt.

Was die Situation für die Tiere noch verschlimmert, ist die Tatsache, dass die Menschen, die sich wirklich um ihre Belange kümmern, deutlich in der Unterzahl und zudem auch noch unnötigerweise konträr eingestellt sind.

Alleine in der Auseinandersetzung zwischen Zoos und Organisationen wie der WDC werden so viele Ressourcen und Talente gebunden, die im Artenschutz dringend benötigt werden.

Große Tümmler in Neuseeland
(Foto: S. und C. Dürsch)

Einigkeit in der Sache ist gefragt

Ich verfolge diese Streitigkeiten jetzt schon seit Jahren und verstehe einfach nicht, wie man dabei die Ernsthaftigkeit der Situation in der Wildbahn nicht wahrnehmen kann.

Man kann die Rolle der Gefangenschaft von Tieren und Nachzucht kritisch sehen, aber dies sollte niemanden davon abhalten, für die Rettung einiger Arten das Nötige zu tun. Aber auch Aktionismus im Angesicht der drohenden Ausrottung ist häufig fehl am Platze.

Tierschützer und Zoos sind keine Gegenpole, sondern müssen endlich Einigkeit im Angesicht der drohenden Katastrophe demonstrieren.

Bedrohte Arten im Tiergarten Nürnberg

Ein gutes Beispiel liefert mir dazu eine Veröffentlichung der WDC als Reaktion auf das neue Konzept des Nürnberger Tiergartens und ich möchte mich hierzu direkt an den Autor wenden:

Unter dem Titel: „Tiergarten Nürnberg-Schutz für bedrohte Arten?“ kritisiert WDC-Biologe David Pfender die Artenschutzbemühungen sowie Haltungsbedingungen für die Großen Tümmler.

Der Artikel bietet ein blendendes Beispiel dafür, wie festgefahrene Meinungen auf beiden Seiten den Artenschutz und das Tierwohl schwächen.

Zunächst bemerkt Herr Pfender, dass die Hinwendung des Tiergartens zu bedrohten Arten eher keine Neuausrichtung ist, sondern nur die notwendige Umsetzung der Zoo-Richtlinie der EU, die es bereits seit vielen Jahren in der Form gibt.

Obwohl diese Orientierung des Tiergartens sicherlich eine gute Sache ist, ist Gefangenschaftshaltung allein laut Pfender keine Lösung im Artenschutz. Als Beispiel führt er den Großen Tümmler an, für den es zwar ein Erhaltungszuchtprogramm in Europa gibt, doch bisher wurde kein einziges Tier von dort ausgewildert, also effektiv auch kein Beitrag dadurch zur Arterhaltung geleistet.

Große Tümmler in Neuseeland (Foto: S. und C. Dürsch)

Mehrere Gründe, die Auswilderung schwierig machen

Nun, das ist korrekt und ich selbst denke, dass dies einen großen Makel für die Delfinhaltung in Europa darstellt. Die Tatsache, dass dies nicht gemacht wurde in Europa, hat aber mehrere Gründe, die man bei der WDC durchaus kennen sollte.

Zuerst einmal sind alle Großen Tümmler hier ortsfremd, da sie ursprünglich aus der Karibik stammen. Die einheimischen Populationen im Mittelmeer, Schwarzen Meer und Roten Meer sind besonders geschützt. Fremde Arten dürfen hier nicht eingebracht werden. Also müssten Delfinarien in Europa ihre Tiere in den Golf von Mexiko bringen, wo aber das gleiche Unterfangen ähnlichen gesetzlichen Beschränkungen unterworfen ist, z.B. in den USA, in denen die Auswilderung von in Menschenhand geborenen Tieren untersagt ist.

Selbst wenn die Delfinarien also wollten, wird das Vorhaben extrem schwer und kostspielig. Für die Kosten können nur Regierungen aufkommen, die wiederum ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Und dann gibt es bis heute einfach noch keine sichere Möglichkeit, Delfine auszuwildern. Delfinarien haben auch eine Verantwortung für ihre Tiere und können sie nicht einfach potenziell lebensbedrohlichen Umständen aussetzen.

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9 Kommentare

  1. „Die richtigen Delfine…“?

    Mir würden da spontan die Kleinen Tümmler (aka „Braunfisch“, aka Nordsee- bzw. Ostsee-Schweinswal) einfallen. Diese lassen sich aber nicht mit großen Tümmlern vergesellschaften und zudem dürfte es ziemlich schwierig werden, da eine zuchtfähige Population aufzubauen (Fangverbote, „Tierschutz“-Aktivisten etc.). Immerhin hat man bei dieser Art schon eine brauchbare Grundlage, was die Haltung angeht (Haderwijk bzw. Odense), so dass sogar eine Zucht aussichtsreich erscheint.

    Andere, noch stärker bedrohte Arten sind entweder zu wenig erforscht, als dass eine Haltung Aussicht auf Erfolg hätte oder aufgrund ihrer wandernden Lebensweise nicht für Haltungen geeignet oder schlicht zu groß (z.B. bedrohte Bartenwale).

    Allenfalls der Boto (Amazonas-Flussdelfin) wäre noch ein aussichtsreicher Kandidat, aber auch da dürfte die Arterhaltung an „Tierschützern“ und der Politik scheitern. Und da die Viecher im Süßwasser leben, kann man die auch keinesfalls zu den Großen Tümmlern oder den Robben packen. – Dafür könnten die sich mit den Manati eine Anlage teilen.

    Außerdem: Was passiert dann mit den Karibischen Großen Tümmlern, die sich derzeit in den West-Europäischen Delfinarien tummeln?

    Ich komme irgendwie nicht so recht dahinter, was Dag Enke gemeint haben könnte.

    geschrieben von Norbert
    1. Ich würde es gerne sehen, wenn wir in Westeuropa einen Bestand von Schwarzmeertümmlern hätten, der auf die gleiche Weise erfolgreich gehalten und gezüchtet wird. Dass wir heute einen truncatus- und keinen ponticus-Bestand haben, ist in letzter Konsequenz eine Folge der Blockstaatenbildung während des Kalten Krieges. Und den etablierten Bestand auslaufen lassen, um auf Schwarzmeertümmler umzusteigen, dafür ist der Zug abgefahren. WENN es in Osteuropa denn genug Tiere gäbe, um einen Bestand aufzubauen – die es nicht gibt, also müssten wieder Wildfänge her – würde sich schon allein Startphase über Jahrzehnte hinziehen, da ja erstnal durch natürlichen Tod, Zuchtreduktion und Standortzusammenlegungen der truncati die Platzkapazitäten für die pontici frei werden müssten, und dann nochmal Jahrzehnte, bis, wenn es überhaupt funktioniert, der Bestand wieder neu aufgebaut ist. Und wenn dann in der Zwischenzeit der karibische Große Tümmler auf einmal bedroht ist – tja, Pech gehabt.

      geschrieben von Dani
    2. @ Dani

      Ich würde auch gerne eine Zucht von Schwarzmeertümmlern sehen. Aber in Westeuropa ist das rein organisatorisch aus den von dir genannten Gründen auch nicht machbar, und ratsam wäre es auch nicht, die karibischen einfach aufzugeben. Aber beim Schwarzmeertümmler wird sich was tun in den Ursprungsländern ;). Ich bin da bereits ganz aktiv mit dabei.

      geschrieben von Benjamin
  2. Vielleicht noch ein paar Ergänzungen zum wie immer sehr guten Beitrag, da ich ja in der allgemeinen Zoo-Materie ja noch etwas weiter drin stecke, von der das Delphinthema bei mir nur ein Teil ist.

    Zunächst zum Nördlichen Breitmaulnashorn. Das ist/war keine Art, sondern eine Unterart des Breitmaulnashorns (Ceratotherium simum). Die südliche Unterart C. s. simum hat einen relativ gesicherten Bestand in-situ wie auch die ex-situ (88 Halter in Europa). Das Breitmaulnashorn stirbt also – erstmal – nicht aus. Das Verschwinden der nördlichen Unterart cottoni hat eher eine symbolische Bedeutung. Ökologisch hat simum auch längst den Platz von cottoni engenommen, da schon seit Jahren simums aus südafrikanischen Schutzgebieten im ursprünglichen Verbreitungsgebiet von cottoni angesiedelt werden. Insofern würde in meinen Augen irgendwelche Rückzüchtungsversuche der nördlichen Unterart auch keinen Sinn ergeben. Eine unterartenreine cottoni-Population bekommt man nicht mehr zu stande und in der Wildbahn würde sie sich ohnehin wieder mit simum vermischen.

    Die neue Ausrichtung des Tiergartens Nürnbergs habe ich so verstanden, dass man die Haltungen weniger bedrohter Arten auslaufen lassen will und statt dessen die Haltungskapazitäten nutzen will für in europäischen Zoo bereits vorhandene, bedrohte, aber selten gehaltene Arten. Ein Beispiel, um das Prinzip zu verdeutlichen (auch wenn es vielleicht nicht konkret auf Nürnberg zutrifft): Rhesusaffen sind nicht bedroht, Generalisten, Kulturfolge, eine Allerweltsart mit 86 Haltungen in Europa. Den Platz in einem Zoo, den eine Gruppe Rhesusaffen einnimmt, könnte genauso gut eine Gruppe Schopfmakaken einnehmen, endemisch auf Sulawesi, 29 Haltungen in Europa, vom Außsterben bedroht. Bei den Zoos, die sich das leisten können und das Know-How haben halte ich so ein Vorgehen nur für das konsequenten Umsetzten der eigenen Ansprüche.

    geschrieben von Dani
    1. Vielen Dank für deine Ergänzungen, Dani. Hier in diesem Artikel geht es schwerpunktmäßig um den Satz von Dag Encke, der in diversen Medien veröffentlicht wurde: „Auch zum Thema Delphinarium hat Encke eine Antwort parat. Seiner Meinung nach müsse zukünftig sichergestellt werden, dass die „richtigen Delphine“ (sprich die vom Aussterben bedrohten Arten) im Tiergarten gehalten werden.“

      geschrieben von Susanne
      1. Danke Susanne. Der Satz von Dag Encke verwirrt mich ein wenig, da ich denke, dass schon jetzt die „richtigen“ Delfine im Tiergarten gehalten werden. Ich denke, ich habe das im Artikel auch deutlich gemacht. Der Große Tümmler wird wie alle Meeressäuger über kurz oder lang aus der Wildbahn verschwinden. Außerdem weiß man vom Großen Tümmler eine Menge, kann die Haltungsansprüche vernünftig einschätzen und hat Zuchterfolge. Kurzum: wenn das keine „richtigen“ Delfine sind, dann weiß ich auch nicht. Die vom Aussterben bedrohten Arten gehören meiner Ansicht nach aber auf keinen Fall in den Tiergarten, sondern höchstens in Rettungs- und Nachzuchtprojekte vor Ort.

        geschrieben von Benjamin
        1. Das sehe ich genauso wie du Benjamin.

          geschrieben von Susanne
        2. @Benjamin

          Sicherlich sind „Rettungs- und Nachzuchtprojekte vor Ort“ die bestmögliche Lösung, aber leider nicht die realistischste. Wenn man sämtliche Nachzuchtprojekte jeweils dort konzentrieren möchte, wo sie am besten hinpassen, würde real gar nichts passieren. Weder sind Meeresbuchten mit hunderten Delfinen machbar und finanzierbar, noch Wildgehege für Landtiere in politisch instabilen Krisenregionen.
          Zudem in einem solchen Fall ein Seuchenausbruch den gesamten Bestand gefährden und ggfs. vernichten könnte – ebenso
          militärische oder kriminelle Vorfälle an einer solchen Zuchtstation.

          Von daher denke ich ist die verteilte Haltung in Zoos und Tiergärten die beste Lösung die wir bekommen können – idealerweise ergänzt um Nachzuchtprojekte „vor Ort“.

          Die beste Lösung, die man sich wünschen kann, ist leider oft nicht die beste Lösung, die umsetzbar ist. „Gut gemeint“ ist leider allzu oft die Schwester von „komplett versiebt“.

          geschrieben von Norbert
        3. @Norbert

          Was die gut erforschten Arten angeht, bin ich ja auch deiner Meinung, dass eine Zucht verteilt auf Zoos eine gute Lösung ist. Aber das trifft eben nicht auf den Vaquita zu oder andere extrem bedrohte Arten, von denen nur noch wenige existieren und wo man dann plötzlich denkt man sollte was tun. Das ist Aktionismus, und da kommt weder die Wissenschaft noch die Zuchtstrategie irgendwie hinterher. Solche bedrohte Arten erst an die Haltung zu gewöhnen bzw. die Haltungsansprüche überhaupt erst zu erforschen funktioniert in dem Stadium nicht. Deshalb sage ich ja auch, man soll auch den Großen Tümmler nicht außer Acht lassen, da hat man was wichtiges aufgebaut und das muss weitergeführt werden. Diejenigen Tiere, die jetzt vom Aussterben bedroht sind und die man noch nicht in Zoos hält, für die ist das echt zu spät. Da hilft nur Arbeit und Schutz vor Ort. Man muss bedenken, dass die Haltung des Großen Tümmlers Jahrzehnte gebraucht hat, um vernünftig zu funktionieren. Diese Zeit haben bedrohte Arten nicht mehr und es wäre fahrlässig zu denken, man könnte die Erfahrungen anderer Arten eins zu eins übertragen. Und was Meeresbuchten mit hunderten Delfinen angeht: da hast du natürlich recht, das ist Aktivistenunsinn, aber davon habe ich auch nie gesprochen. Und das jeder Fall sowohl wirtschaftlich als auch geographisch und politisch einzigartig ist, ist mir auch klar. Was Seuchen angeht, müssen solche Projekte natürlich abgesichert sein, aber das werden sie auch, wenn sie von Spezialisten geführt werden. Und was militärische oder kriminelle Vorfälle angeht: Wenn Trump mit Raketen spielen will, kann man das wohl kaum verhindern. Und gegen andere kriminelle Aktivitäten gibts Hunde und Wachschutzpersonal. Das müssen Zoos ja mittlerweile auch haben.

          geschrieben von Benjamin

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