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Delfine holen sich Fische aus Netzen zurück


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Meeresakrobaten, 4. Juli 2026

Zwei Große Tümmler folgen einem Grundschleppnetz-Trawler
(Foto: Dolphin Biology and Conservation)

Die Großen Tümmler in der Adria holen sich ihre Nahrung immer öfter aus Netzen.

Die Schweizer Meeresschutzorganisation OceanCare veröffentlicht zu diesem Thema auf ihrer Website die Ergebnisse einer aktuellen Studie.

Delfine verfolgen Grundschleppnetz-Trawler

Die Großen Tümmler finden in der Adria immer weniger Nahrung auf herkömmlichem Weg. Um zu überleben, haben die Delfine ihr Verhalten angepasst.

In manchen Gebieten der Adria (wie zum Beispiel in der Nähe von Venetien und Marken) wird jeder dritte Grundschleppnetz-Trawler von Delfinen verfolgt.

Die in der Fachzeitschrift Frontiers in Mammal Science veröffentlichte Studie wertete Erhebungsdaten aus acht Jahren (2018–2025) aus, die auf insgesamt 17.755 Kilometer Fahrtstrecke vor den italienischen Regionen Venetien und Marken gesammelt wurden. Die Forschenden beobachteten 859 Trawler an 148 Fangtagen, um zu dokumentieren, ob Delfine in ihrem Kielwasser auftauchten.

Großer Tümmler in der Adria
(Foto: Dolphin Biology and Conservation)

Delfine folgen den Trawlern

Die Resultate sind eindrücklich. Delfine wurden hinter allen drei in der Adria eingesetzten Trawler-Typen beobachtet: Schiffen mit Grundscherbrettnetzen (Bodennetzen mit Scherbrettern), Baumkurren (Bodennetzen mit Stahlbalken) und Booten mit pelagischen Schleppnetzen (Netzen zwischen zwei Booten im freien Wasser).

Die Delfine sind dabei nicht einfach neugierig – sie suchen aktiv nach Nahrung: Sie fressen im Netz gefangene Fische, erbeuten durch das Fanggerät aufgewirbelte Lebewesen und fressen über Bord geworfenen Beifang. Mit anderen Worten: Sie haben ihr Verhalten angepasst, um in einem Meer zu überleben, das sie auf natürliche Weise nicht mehr ernähren kann.

Vergleichbar mit Eisbären, die auf Mülldeponien nach Fressbarem suchen

86 Prozent der identifizierten erwachsenen Delfine in Venetien und 90 Prozent in Marken wurden mindestens einmal bei der Nahrungssuche hinter Trawlern fotografiert.

Giovanni Bearzi von Dolphin Biology and Conservation und Hauptautor der Studie, mahnt: „Auch wenn die Delfine an Tagen ohne Fangbetrieb weiterhin selbstständig jagen müssen, verbringen sie an Fangtagen einen Großteil ihrer Zeit damit, in der Nähe der Schleppnetze nach Nahrung zu suchen. Eine derart starke Abhängigkeit von einer zerstörerischen Form der Fischerei ist ein deutliches Zeichen für einen ökologischen Zusammenbruch – nicht unähnlich dem Anblick von Eisbären, die auf Mülldeponien nach Fressbarem suchen.“

Großer Tümmler in der Adria
(Foto: Dolphin Biology and Conservation)

Die Adria ist stark überfischt

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) werden 63 Prozent der bekannten Fischbestände im Mittelmeer nicht nachhaltig befischt.

In der untersuchten Region ist der Befischungsdruck doppelt so hoch wie das als nachhaltig geltende Ausmaß.

Die Adria zählt zu den am intensivsten mit Schleppnetzen befischten Gebieten der Welt.

Die Grundschleppnetzfischerei – das Ziehen schwerer Netze über den Meeresboden – hat die Ökosysteme der Adria verwüstet. Reiche, dreidimensionale Lebensräume wurden zu eingeebneten Flächen reduziert.

Kaum noch Knorpelfische

Die Artenvielfalt ist weitgehend zusammengebrochen. Die Bestände der Knorpelfische – Haie und Rochen – gingen zwischen 1948 und 2005 um mehr als 94 Prozent zurück. Gewöhnliche Delfine, einst in der gesamten Adria verbreitet, sind praktisch verschwunden.

Der Große Tümmler ist heute die einzige Delfin- oder Walart, die regelmäßig in der nördlichen und mittleren Adria vorkommt. Dass selbst diese äußerst anpassungsfähige Art gezwungen ist, sich bei der Nahrungssuche auf Trawler zu verlassen, verdeutlicht das Ausmaß der ökologischen Veränderung in der Region.

Delfine folgen einem Fisch-Trawler
(Foto: Dolphin Biology and Conservation)

Ein Teufelskreis

Die Beziehung zwischen Delfinen und Trawlern ist für die Tiere selbst nicht ohne Risiko. Es ist bekannt, dass Große Tümmler gelegentlich durch Fanggeräte verletzt oder getötet werden. Zudem kann die Nahrungssuche hinter Trawlern die Ernährung, Sozialstruktur und Kommunikation der Meeressäuger beeinträchtigen.

Auch Hörschäden durch die chronische Belastung mit dem Lärm der Trawler sind möglich.

Gerade angesichts der hohen Risiken für die Delfine weist die Verhaltensänderung darauf hin, dass es für die Tiere in der überfischten Adria zunehmend schwierig sein dürfte, abseits der Trawler noch ausreichend Beute zu finden. Für die Delfine ist es offenbar die bessere Wahl, diese Risiken einzugehen, als zu hungern.

Die Studie warnt: Eine weitere Förderung der Schleppnetzfischerei in der Adria ist nicht ratsam – weder zum Schutz der Delfine noch zur Bewahrung der Artenvielfalt insgesamt. Die Netze, an denen sich die Delfine heute gelegentlich nähren, sind dieselben Netze, die jenes Ökosystem zerstört haben, von dem die Delfine abhängen.

Erschöpfung der Beutebestände

Randall R. Reeves, Senior-Autor der Studie und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der U.S. Marine Mammal Commission, sagt: „Wenn ein Großteil der marinen Raubtiere dazu übergeht, sich opportunistisch rund um Fanggeräte zu ernähren, kann man ziemlich sicher sein, dass die menschliche Einflussnahme einen Kipppunkt erreicht hat. Das Folgen der Trawler mag die Nahrungsaufnahme eines einzelnen Delfins kurzfristig erhöhen, doch jeder Vorteil dieser opportunistischen Nahrungssuche wird zumindest teilweise wieder aufgewogen: durch die Verwüstung des Ökosystems und die Erschöpfung der Beutebestände, die das geschleppte Fanggerät verursacht.“

Delfine, wohin man schaut.
(Foto: Rüdiger Hengl)

OceanCare fordert Maßnahmen

Da die Schleppnetzfischerei den Ökosystemen der Adria tiefgreifenden Schaden zufügt, ist ihre weitere Nutzung abzulehnen – nicht nur zum Schutz der Delfine, sondern auch zur Bewahrung der reichen Artenvielfalt in dem Urlaubsparadies.

OceanCare fordert die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten auf, den Ausstieg aus der Grundschleppnetzfischerei in der Adria und anderen sensiblen Meeresgebieten und Meeresschutzgebieten des Mittelmeers zu beschleunigen – im Einklang mit den Bestimmungen der EU-Habitat-Richtlinie und der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie.
(Quellen: OceanCare und Frontiers in Mammal Science)

Lesetipps

* 660 identifizierte Delfine in der nördlichen Adria
* Zu Besuch bei den „guten Delfinen“

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