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Die Delfine von der Sarasota-Bucht


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Ich freue mich sehr, dass ich von der Sarasota-Dolphin-Organisation die Genehmigung bekommen habe, bei den MEERESAKROBATEN einige Daten sowie Fotos von der am längsten erforschten frei lebenden Delfin-Population der Welt veröffentlichen zu dürfen!

Die Delfine werden anhand der Rückenflossen erkannt.
(Photo by Sarasota Dolphin Research Program, taken under National Marine Fisheries Service Scientific Research Permit)

Die Großen Tümmler der Sarasota-Bucht (an der Westküste Floridas) sind – wie bereits geschrieben – die am längsten und am besten erforschten Delfine weltweit. Seit 1970 werden Daten über die Delfin-Population aufgezeichnet.

160 Große Tümmler

Es gibt ungefähr 160 Große Tümmler in der Sarasota-Bucht. Seit 1970 leben die Delfine nun schon in der fünften Generation an der Westküste Floridas. Alle Einzeltiere sind bekannt, da von ihnen Fotografien der Rückenflossen vorliegen. Mindestens zehnmal im Monat werden Identifikationsfotos gemacht. Unterstützt werden die Wissenschaftler dabei von Freiwilligen und Studenten.

Außerdem werden folgende Daten gesammelt:
* Wo wurde der Delfin gesehen?
* Was macht er gerade?
* Mit wie vielen anderen Delfinen schwimmt er?
* Wie viele Kälber befinden sich in der Gruppe? In welchem Alter sind sie?
* Wie tief ist das Wasser an der betreffenden Stelle?
* Herrscht gerade Ebbe oder Flut?
* Wie ist die Wassertemperatur? Usw.

Ein Delfin wird mit einem Sender bestückt.
(Photo by Sarasota Dolphin Research Program, taken under National Marine Fisheries Service Scientific Research Permit)

Sobald diese Daten gesichert sind, fährt das Boot weiter. Die gesammelten Daten werden dann in ein Computer-Programm eingepflegt.

Population dezimierte sich im Jahr 2005

Wegen einer Algenpest dezimierte sich 2005 die Anzahl der ortstreuen Delfine von Sarasota von 175 auf 160 Tiere. 90 Prozent ihrer Beutefische starben damals am Gift der Algenblüte.

Delfine werden eingefangen

Es werden immer wieder Große Tümmler eingefangen und untersucht. Die gewonnenen medizinischen Daten werden dann an Wissenschaftler auf der ganzen Welt weitergeleitet. Sie dienen als Vergleichsdaten zu Erhebungen, die von gestrandeten Delfinen an anderen Orten gemacht wurden (z.B. Tiere, die nach dem Unglück von Deep Water Horizon gefunden wurden).

Alter der Delfine

Manche Große Tümmler in der Sarasota-Bucht sind schon über 50 Jahre alt.

Um das Alter der Tiere bestimmen zu können, wird den Delfinen unter örtlicher Betäubung ein Zahn entnommen. Dabei wurde zum Beispiel herausgefunden, dass der älteste Delfin, der jemals registriert wurde, der 62-jährige Nicklo ist. Das Alter wird anhand der Jahresringe im Zahn bestimmt – ähnlich wie bei einem Baum.

Ein Delfin wird von den Angelschnüren befreit.
(Photo by Sarasota Dolphin Research Program, taken under National Marine Fisheries Service Scientific Research Permit)

Bedrohungen

Die Hauptbedrohungen für die Delfine stellen in Sarasota die Menschen dar. Sie füttern die Tiere – und machen sie damit von sich abhängig – oder fahren viel zu dicht an eine Gruppe heran. Allein im Sommer 2012 wurden vier Große Tümmler von Booten verletzt. Ein neugeborenes Tier wurde angefahren und dann nie wieder gesehen. Man muss leider davon ausgehen, dass es mittlerweile gestorben ist.

Füttern verboten!

Das Füttern von Delfinen ist in den USA verboten. Doch leider halten sich die Besucher der Sarasota Bay nicht an dieses Verbot. Manche Delfine haben sich darauf spezialisiert, nur noch toten Fisch aus den Händen von Bootsfahrern anzunehmen. Die Folge: Bereits viele Menschen sind von Delfinen bei dieser „Fütterung“ gebissen worden. Eine weitere Folge: Die Delfine werden immer unachtsamer, was die Bootspropeller angeht, und werden von diesen verletzt. Außerdem verbringen sie nicht mehr ausreichend Zeit, ihren Jungtieren das Jagen beizubringen.

Sind keine Touristenboote in der Nähe, verfolgen die Delfine Fischerboote und betteln um Nahrung. Dass sie dort nicht immer gerne gesehen sind, kann man sich leicht vorstellen …

Der Delfin hat sich in einer Angelleine verheddert.
(Photo by Sarasota Dolphin Research Program, taken under National Marine Fisheries Service Scientific Research Permit)

Verletzungen durch Angelschnüre und Netze

Auch Netze, Angelschnüre und Angelhaken sind sehr verhängnisvoll für die Meeressäuger. Immer wieder kommt es vor, dass sich ein Delfin in einem Netz verheddert oder dass die Schnur einer Angel in die Rückenflosse des Tieres schneidet. Es wurde sogar schon einmal ein Großer Tümmler gefunden, der sich in einem Kleidungsstück verwickelt hatte. In so einem Fall greifen die Mitarbeiter des Sarasota Dolphin Research Program (SDRP) ein und befreien das Tier. Nach einer Erholungsphase in einer Reha-Station wird es dann wieder freigelassen. Zuvor wird es mit einem Sender versehen, um seinen weiteren Weg verfolgen zu können.

Stadt-Delfine

Die Sarasota-Delfine sind „Stadt-Delfine“. Sie teilen sich das küstennahe Gewässer mit einer Unzahl von Menschen und sind somit einer Unzahl von Gefahren ausgesetzt. Neben den bereits erwähnten Bootspropellern, Angeln und Netzen stellen auch die Bootsgeräusche eine Beeinträchtigung der Delfine dar. Sie können die Kommunikation unter den Delfinen einschränken. Außerdem kann der Unterwasserlärm verhindern, dass Delfine, die ihre Beute über Sonar aufspüren, keine Fische mehr „hören“ können. Die Gesundheit der Delfine wird zudem von durch Chemikalien verschmutztes Wasser gefährdet.

Cathy

Cathy ist ein Tümmler-Weibchen, das seit 1976 vom SDRP beobachtet wird. Sie ist mittlerweile Ururgroßmutter. Das Delfin-Weibchen ist etwa 45 Jahre alt und hat etliche Babys geboren, die bereits in der vierten Generation leben. Doch leider haben nicht alle Nachkommen von Cathy überlebt. Das ist nichts Ungewöhnliches, erfährt man auf der Website vom SDRP. Gerade das erste Jahr ist sehr gefährlich für Jungtiere. Sie überleben oft nicht, weil sie beispielsweise Opfer von Stachelrochen werden.

Die Rochen setzen ihren hochgiftigen Stachel normalerweise nur zur Verteidigung ein. Doch genau das kann jungen, unerfahrenen Delfinen zum Verhängnis werden. Die Wissenschaftler vom SDRP haben beobachtet, dass die kleinen Delfine sich am Boden der Sarasota Bay reiben und dabei auf einen Stachelrochen treffen können. Dieser interpretiert die Annäherung als Angriff und tötet das Jungtier dann mit seinem Gift. Ganz gefährlich für unerfahrene Delfine ist auch der Bootsverkehr in der Sarasota Bay. Cathy verlor ihre Tochter Duckbill, weil diese von einem Boot überfahren wurde.

Neugeborenes Delfin-Baby
(Photo by Sarasota Dolphin Research Program, taken under National Marine Fisheries Service Scientific Research Permit)

Hohe Säuglingssterblichkeit

SDRP schreibt: „Reasons for the frequent loss of first-born calves may be physiological immaturity or a lack of experience of the mom, or the transfer of environmental contaminants in the mother’s milk.“ (Der Grund warum erstgeborene Kälber häufig sterben, liegt an ihrer körperlichen Unreife. Oder aber ihre Mutter hat keine Erfahrung im Umgang mit Neugeborenen. Eine weitere Möglichkeit für die hohe Sterblichkeit kann die mit Umweltgiften kontaminierte Muttermilch darstellen.)

Cathy hat vier Kälbern das Leben geschenkt. Ein Kalb (Geschlecht unbekannt) wurde leider nur ein Jahr alt. Cathys Tochter Daisy lebte neun Jahre (1983 bis 1992) und brachte 1991 Bobby Jo auf die Welt (1991 bis 2004). Eine weitere Tochter von Cathy – Duckbill – wurde nur vier Jahre alt (siehe oben). Von ihr gibt es keine Nachkommen. Die dritte Tochter von Cathy – Sandy – wurde 1991 geboren. Sie starb 2003. Sandy brachte 2000 die Tochter Remo (2000 bis 2007) zur Welt. Ein Sohn von Cathy starb 2003 nach der Geburt.

Bobby Jos Jungtiere – die Tochter Annie (1998 geboren) und der Sohn Trasher (2002 geboren) – leben noch. Die vierte Generation bilden Annies Kinder. Leider überlebte das 2005 geborene Kalb nicht. Aber ihr Sohn Jo Bob (2007 geboren) wird weiterhin in der Sarasota Bay gesehen.

Es ist erschreckend, wie kurz die Überlebensdauer der Delfine in der Sarasota Bay ist. Im Fall Cathy wurden ihre Kinder und Kindeskinder im Durchschnitt nur 9 Jahre alt! Von ihren insgesamt 11 Nachkommen leben nur noch 3 Delfine. 3 Tiere starben gleich im ersten Jahr ihrer Geburt, die anderen 5 Tiere starben nach 4 bis 13 Jahren.

Junggesellen und Väter

Männliche Delfine trennen sich im Alter zwischen 5 und 7 Jahren von ihren Müttern und bilden eine Junggesellenallianz. Meist tun sich 2 Delfin-Bullen zusammen und bleiben ihr ganzes Leben beieinander.

Wie DNA-Tests gezeigt haben, ist der 1981 geborene Petey offenbar der erfolgreichste Vater-Delfin in der Sarasota Bay. Mindestens 3 Kälber von verschiedenen Müttern wurden von ihm gezeugt.

DNA-Tests haben außerdem ergeben, dass 20 Prozent der in der Sarasota Bay geborenen Kälber nicht von Bullen aus der Bucht stammen, sondern von unbekannten Vätern. Das zeigt, dass die Delfine in der SB keine isolierte Population darstellen.

Springende Große Tümmler
(Photo by Sarasota Dolphin Research Program, taken under National Marine Fisheries Service Scientific Research Permit)

Hospital

Im Dolphin and Whale Hospital im Mote Marine Laboratory werden kranke Delfine gesund gepflegt, bevor sie wieder in die Freiheit entlassen werden. So auch Ginger. Das Delfin-Weibchen war im Dezember 2008 bei Siesta Key gestrandet. Nach zwei Monaten medizinischer Betreuung wurde das Tier wieder in die Sarasota Bay gebracht. Inzwischen hat man herausgefunden, dass Ginger toten Fisch über alles liebt. Sie bringt sich dadurch leider in größte Gefahr, da sie sich den Ausflugs- und Fischerbooten nähert und von den Schiffsschrauben verletzt werden kann.

Spezieller Dank

Mein spezieller Dank richtet sich an den Manager der Website von SDRP – Blair Irvine. Blair ist Vorsitzender des Dolphin Biology Research Institute. Er hat mir die Erlaubnis erteilt, Bilder von der SDRP-Website zu verwenden und Teile des Inhalts ins Deutsche zu übersetzen.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Über die Forschungsergebnisse des SDRP gibt es immer wieder Veröffentlichungen. Du findest sie unter Books.

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