Berichte

Zu Besuch bei NAMI


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Meeresakrobaten/7. Januar 2015

Vorgestern hieß es, ein gutes Durchhaltevermögen zu zeigen. Die Menschen-Schlangen am alten Delfinarium im Nürnberger Tiergarten waren riesig – und das bereits lange bevor die Türen ins Reich von SUNNY und NAMI geöffnet wurden (einmal um 11:30 Uhr und einmal um 14 Uhr).

Nami ist sehr neugierig. (Foto: Rüdiger Hengl)

Nami ist sehr neugierig.
(Foto: Rüdiger Hengl)

Nach dem Einlass nahmen die Besucher schnell ihre Plätze ein, schauten fasziniert dem Treiben von Klein-NAMI zu und lauschten den Erzählungen der Tiergarten-Mitarbeiterin und Delfin-Expertin Christiane, die über die verschiedenen Stationen im Leben des kleinen Delfins berichtete.

NAMI steht gut im Futter

10,8 Kilogramm wog NAMI bei ihrer Geburt am 31. Oktober 2014 und 95 cm lang war sie. Heute wiegt sie 33 Kilogramm und ist 1,35 Meter groß. Ein ausgewachsener Großer Tümmler bringt es – je nach Herkunft und Geschlecht – auf 220 bis 650 Kilogramm und 2,0 bis 3,8 Meter.

NAMI wird selbstverständlich nicht aus dem Becken genommen, um ihr Gewicht zu dokumentieren, sondern es gibt dafür eine ausgeklügelte mathematische Formel, die anhand von Länge und Umfang Rückschlüsse auf das Gewicht eines Tieres zulässt, verrät uns die Delfin-Expertin.

Der erste Besucher war der Opa

Spannend war auch die Frage, welcher ausgewachsene Delfin zuerst Bekanntschaft mit dem Kalb machen durfte. Nach langem Abwägen entschied man sich für MOBY – den 55-jährigen Großvater von NAMI. Er ist der Vater aller anderen in Nürnberg geborenen Delfine und hatte bei den früheren Aufzuchten noch niemals ein Baby oder eine Mutter bedrängt. So war es auch dieses Mal. Sofort akzeptierte MOBY die kleine NAMI, deren Vater NOAH ist – MOBYS Sohn.

Nun macht die kleine NAMI nach und nach die Bekanntschaft mit allen anderen Delfinen der Nürnberger Gruppe. Neben NAMI leben hier noch neun weitere Große Tümmler. Vorgestern besuchten DOLLY, DONNA (beide im Duisburger Zoo geboren) und JENNY (noch ein ehemaliger Wildfang) das Mutter-Kind-Paar.

24-Stunden-Beobachtung

Christiane erklärte den Delfin-Freunden im Rückblick auch, welche Kriterien bei der anfänglichen 24-Stunden-Beobachtung eine Rolle spielten.

Mutter und Kind (Foto: Rüdiger Hengl)

Mutter und Kind
(Foto: Rüdiger Hengl)

So wird zum Beispiel anfangs ganz genau gezählt, wie oft der kleine Delfin Luft holt. Wird hier ein bestimmtes Maß unter- oder überschritten, wissen die Tierärzte, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist und sie unter Umständen eingreifen müssen.

Auch wird genau hingeschaut, wenn ein Baby-Delfin bei der Mutter trinkt. Entweicht zu viel Milch ins Wasser, so muss befürchtet werden, dass der neugeborene Delfin die Zitze der Mutter nicht richtig mit dem Maul umschließt. Sieht man gar keine Milchspuren, so kann es sein, dass die Mutter keine oder zu wenig Milch produziert. Am besten ist ein kleines austretendes Milch-Wölkchen. Da weiß man, dass alles in Ordnung ist, informiert die Tierpflegerin die aufmerksam lauschenden Zuschauer.

Ein Delfin-Baby saugt nicht wie andere Säugetiere. Das Delfinjunge, das keine eigentlichen Lippen besitzt, umfasst die Zitze mit der Zunge und drückt sie gegen den Gaumen. Sobald die Mutter spürt, dass das Jungtier eine Zitze mit der Schnauze umschließt, spritzt sie mittels einer Art Muskelpumpe die Milch tief in den Schlund des Babys.

Menschen werden 117 Jahre alt

Auf die Frage, wie alt Delfine denn werden, antwortet Christiane mit einer interessanten Gegenfrage: „Wie alt werden Menschen?“ Man einigt sich auf 117 Jahre. Doch jedem der Zuschauer und Zuhörer ist selbstverständlich bewusst, dass die wenigsten Frauen und Männer tatsächlich so alt werden.

Die ältesten Delfin-Weibchen, die in menschlicher Obhut lebten, wurden 60 Jahre alt. MOBY ist mit seinen 55 Jahren wahrscheinlich der älteste männliche Große Tümmler weltweit. Doch im Durchschnitt werden Delfine etwa 25 Jahre alt.

Genau wie Menschen haben sie ein ganz unterschiedliches Durchschnittsalter, da dieses von ihrer Herkunft, ihrer Lebensweise und anderen Faktoren abhängt. Siehe dazu die MEERESAKROBATEN-Artikel Das Durchschnittsalter von Delfinen und Deutsche Zoo-Delfine leben länger.

Volles Haus im Nürnberger Tiergarten (Foto: Susanne Gugeler)

Volles Haus im Nürnberger Tiergarten
(Foto: Susanne Gugeler)

Immer auf der Hut

Ich habe gestaunt, wie fürsorglich SUNNY mit ihrem Nachwuchs umgeht. Selbst beim Fressen lässt sie die Kleine nicht aus den Augen. Ganz geschwind schnappt sich die Delfin-Mama ihren Fisch aus der Hand eines Tierpflegers und schwimmt sofort weiter, um nach dem Rechten bzw. nach NAMI zu sehen.

Allerdings ist NAMI auch ein kleiner Wildfang. Eine kleine Unaufmerksamkeit ihrer Mutter und schon flitzt NAMI durchs alte Vorführbecken und sogar ins daran anschließende Becken. Offenbar macht ihr da auch der etwas engere Kanal, der ins nächste Becken führt, keinerlei Angst. Doch schnell ist SUNNY wieder an NAMIs Seite und lässt ihre Tochter im Sog ihres Körpers mitschwimmen.

Vier Erziehungsstufen

Mich interessiert, wie SUNNY ihr Baby erzieht. „Die Erziehung läuft ganz unterschiedlich ab“, antwortet Christiane. „Die erste Stufe ist ein Pfiff, mit dem SUNNY das Kleine im wahrsten Sinn des Wortes zurückpfeift. Wenn das nichts nützt, dann schwimmt sie an NAMIs Seite und macht ihr deutlich, wo der kleine Ausreißer hingehört. Als nächste Maßnahme wird SUNNY hand(bzw. flossen)greiflich. Sie nimmt ihr Baby zwischen die Flipper. Die letzte aller Erziehungsmaßnahmen ist, dass SUNNY ihr Baby auch mal zwickt.“

NAMI hat SUNNY immer im Blick

Wie Delfine schlafen, will jemand aus dem Publikum wissen. Auch hierauf weiß Christiane eine Antwort. Sie erzählt anschaulich, dass Delfine allgemein nur mit einer Hirnhälfte schlafen, damit sie möglichen Feinden oder Gefahren nicht hilflos ausgeliefert sind.

NAMI speziell schließt beim Schlafen immer das Auge, das der Mutter abgewandt ist. Im Sog der Mutter muss NAMI außerdem kaum ihre Fluke bewegen. Denn sie surft quasi ohne Energieaufwand einfach mit. Das konnte man auch sehr gut auf einer Leinwand beobachten, die Live-Aufnahmen von den unter Wasser schwimmenden Tieren zeigte.

Die kesse Nami und ihre Mutter Sunny (Foto: Rüdiger Hengl)

Die kesse Nami und ihre Mutter Sunny
(Foto: Rüdiger Hengl)

Das Energiebündel braucht auch mal Ruhephasen

Der Energiehaushalt ist auch ein wichtiges Thema bei der Aufzucht eines Jungtieres. Es muss immer wieder für Ruhephasen für Mutter und Kind gesorgt werden, sonst verbrauchen die beiden zu viel Energie und sind erschöpft. Deshalb ist das alte Delfinarium nur zweimal am Tag für jeweils eine halbe Stunde für das Publikum geöffnet und auch die anderen Tiere der Delfin-Gruppe werden nach einer gewissen Zeit wieder aus der Halle hinausgelockt.

SUNNY hat einen großen Appetit

Einen großen Energiebedarf hatte übrigens SUNNY nach der Geburt von NAMI. 24 Kilogramm Fisch vertilgte sie in den ersten Tagen. Die normale Portion für SUNNY beträgt gerade mal 6,5 Kilogramm. Jetzt hat sich die tägliche Ration auf 16 Kilogramm Fisch eingespielt.

Tiere werden bei Geburt separiert

Während der Geburt waren SUNNY und NAMI alleine im Becken. Auch Hunde, Pferde oder andere Tiere, die in menschlicher Obhut leben, werden von der Gruppe separiert und bringen in einer Wurfbox ihre Jungen zur Welt, erklärt Christiane. Im Meer helfen manchmal andere Delfin-Weibchen bei der Geburt mit. Doch das geschieht keinesfalls automatisch, denn nicht alle Weibchen fühlen sich zur Hebamme berufen, weiß die Tierpflegerin.

Die ersten Minuten sind die wichtigsten

Die ersten Minuten nach der Geburt sind äußerst sensibel für das Überleben des Jungtieres. Atmet es nicht sofort oder zu wenig, dann entfaltet sich die Lunge nicht und es erstickt. Hier kann der Mensch nicht helfen. Auch nicht, wenn das Baby nicht aus eigenem Antrieb trinkt. Bei einem wasserlebenden Tier gibt es – im Vergleich zu landlebenden Tieren – eben Grenzen, die ein Eingreifen unmöglich machen.

Die Schöne

Christiane erzählt den Delfin-Freunden auch, wie es zu der Namensgebung kam. Am Anfang stand sogar „Nürbis“ (als Ableitung von Kürbis) zur Debatte, da NAMI an Halloween zur Welt kam und der Name nach alter Tradition mit einem N beginnen soll.

Viele Tiergarten-Mitarbeiter brachten Vorschläge, doch man konnte sich nicht auf einen Namen einigen. Daraufhin wurde die Namensfindung öffentlich ausgeschrieben. Mehr als 500 Vorschläge gingen über Facebook ein, berichtet Christiane. Und schließlich einigte man sich auf NAMI. NAMI kommt aus dem Japanischen und bedeutet sowohl „Die Welle“ als auch „Die Schöne“.

Schön war’s auch mal wieder in Nürnberg. Ich komme immer wieder gerne in den Tiergarten. Außerdem gefällt mir die Bionik-Ausstellung im Naturkundehaus sehr gut.

Ein Kommentar

  1. Das nenne ich mal offensive Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit. Ich gehe mal davon aus, dass die Verantwortlichen wissen, was sie tun, und dass Nami mit grade mal zwei Monaten schon weit genug ist.
    Mal sehen, ich hoffe, hier in Duisburg nehmen sie sich ein Beispiel daran, wenn es so weit ist, jena ch dem wie die räumlichen Gegebenheiten und die Situation das zu lassen.

    geschrieben von Dani

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