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Whale Watching – eine ethische Frage?


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Gastbeitrag von Susanne Braack/OCEANO, 27. August 2015

Gemeine Delfine (Foto: Oceano)

Gemeine Delfine
(Foto: Oceano)

Kurz bevor ich selbst wieder auf dem Meer unterwegs sein werde, um Delfine und Wale zu beobachten, möchte ich euch an Susanne Braacks Gedanken teilhaben lassen. Ich finde, ihr Beitrag ist sehr gut gelungen und regt zum Nachdenken an. In diesem Sinne wünsche ich allen Wal- und Delfin-Freunden eine tolle Zeit mit ihren Lieblingstieren! Und nun viel Spaß beim Lesen von Susanne Braacks Artikel.

Soll man nun? Oder doch lieber nicht? Stören wir? Oder sind wir gar erwünscht und erwartet?

Viele Fragen muss man für sich selbst beantworten

Fragen, die man ggf. nur für sich selbst beantworten kann – wie so viele Fragen im Leben. Und Fragen, die vielleicht nie umfassend beantwortet werden können. Die Rede ist von Wal- und Delfinbeobachtungstouren.

Um es vorweg zu nehmen. Meine persönliche Antwort auf die Frage: JA, wir sollten aufs Meer fahren und Delfinen und Walen begegnen!

Respektvolles Whale-Watching

Wenn ich mich auf Whale-Watching beziehe, gehe ich immer von einem respektvollen Whale-Watching aus, nicht von einer massentouristischen, „die Tiere sind mir egal – hier geht es nur ums Geschäft -“ Haltung.

Das kleine Problem beim Delfine-und-Wale-Beobachten ist, dass sich die heutzutage so eleganten und anmutigen Tiere entschlossen haben, ihren Lebensraum vom Land wieder zurück ins Wasser, sprich ins Meer, zu verlegen. Das Ergebnis von ca. 50 Millionen Jahren evolutionärem Prozess lässt uns heute oft verzückt, freudig strahlend, in der Tiefe berührt und beeindruckt – meist auf einem Boot – zurück.

Grindwale (Foto: Oceano)

Grindwale
(Foto: Volker Boehlke)

Millionen von Menschen wollen die Meeressäuger beobachten

Delfine und Wale – faszinierende Meeressäuger – locken Millionen von Menschen jedes Jahr aufs Meer. Obwohl es für viele nicht nur angenehm ist, sich auf ein schaukelndes Boot zu begeben, tun sie es. Und es macht deutlich – wir leben in verschiedenen Elementen. Wir können die Meeressäuger nur zeitweise besuchen – das Meer ist nicht unser Zuhause.

Und die Meerestiere sollten besser davon absehen, uns zu besuchen, denn Strandungen enden oft mit dem Tod der Tiere.

Fischer nahmen Gäste mit aufs Meer

Das neudeutsche und sprachübergreifende Wort „Whale-Watching“ begann in Kalifornien, wo Fischer in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal Gäste mit aufs Meer nahmen, um den migrierenden Grauwalen zu begegnen. Ende der 90er-Jahre wurde „Wale beobachten“ zu einem neuen boomenden Tourismuszweig.

Mittlerweile gibt es in 90 Ländern ca. 20 Millionen Menschen pro Jahr, die diesen Versuch wagen.

Buckelwal in Mexiko (Foto:  Oceano)

Buckelwal in Mexiko
(Foto: Oceano)

Wir nehmen Einfluss

Ja, und sollte man es denn nun tun?

Klar ist, wenn wir aufs Meer fahren, was wir z.B. täglich vor der kleinen Kanareninsel La Gomera mit den OCEANO-Gomera-Booten tun, nehmen wir Einfluss!

Wir können mit dem Boot nicht so tun, als gäbe es uns nicht.

Wir werden gehört.

Wie gesagt, man muss sich darüber klar sein, dass unsere Anwesenheit bemerkt wird – Meeressäuger leben in einer Welt der Töne. Und auf unser Benehmen dort draußen kommt es tagtäglich immer wieder an.

Bin ich ein höflicher Gast oder eine Nervensäge?

Berechenbar verhalten

Worauf wir achten sollten, ist – und kanarische WW-Regulationen schreiben das auch vor –, dass unser Einfluss so gering wie möglich ist und wir uns vor allem berechenbar verhalten.

In Kurzform bedeutet respektvolles Whale-Watching: Wir sind zu Gast und die Wale und Delfine sind die Gastgeber. Wir bewegen uns in ihrem Ess- und Schlafzimmer, in ihrem Wohnzimmer.

Was erwarten wir von Gästen in unserer Wohnung?

Klar, dass sie sich angemessen verhalten – dann sind sie auch gern gesehen.

Grauwal in Mexiko (Foto: Oceano)

Grauwal in Mexiko
(Foto: Oceano)

Verhaltensregeln

Wichtige Aspekte und Verhaltensregeln dabei sind:
* Kurs halten – berechenbar sein.
* Die Tiere kommen lassen. Sie gehen in Kontakt, wenn sie Lust darauf haben und nicht anderweitig beschäftigt sind.
* Besonders vorsichtig und achtsam fahren, wenn Kälber und Jungtiere dabei sind.
* Je nach Situation den Motor des Boots abstellen. Herrlich die Stille auf dem Meer und das kraftvolle Atemgeräusch der Lungenatmer! Leider schaukelt es dann oft auch mehr – sodass es nicht immer möglich ist, an einer Stelle zu bleiben.
* Nach einer schönen Begegnung auch wieder loslassen können und weiterfahren. Wenn wir merken, dass wir unerwünscht sind: Weiterfahren!
(So etwas wie Mutter und Kalb nicht zu trennen etc. erwähne ich gar nicht erst, da es für mich so klar und naheliegend ist und mir bei der Vorstellung die Nackenhaare zu Berge stehen …)
* Ein ganz wichtiger Faktor: Wie viele Boote sind in der Nähe und sprechen sich diese über Funk ab?

Delfine durften nicht in der Bugwelle reiten

Als 1996 auf den Kanarischen Inseln erstmals Whale-Watching-Gesetze eingeführt wurden, war es den Delfinen nicht erlaubt, in der Bugwelle zu reiten. Diese wussten das allerdings nicht. Die Boote haben dann die Strafzettel bekommen, wenn sie mit Delfinen in der Bugwelle erwischt wurden!

Nach ein paar Jahren hat man die Gesetze angepasst, als man gemerkt hat, dass so eine Regelung praxisfremd ist, denn die Delfine suchen den Kontakt. Was sie mit großen Walen machen, mögen sie auch mit Booten tun …

Umweltbildung vom Feinsten

Meine persönliche Meinung: Wal- und Delfinbeobachtung gibt uns Menschen so viel, sie ist so wertvoll für den Lebensraum Meer und Umweltbildung vom Feinsten, wenn wir uns da draußen benehmen!

Klar, als Gast muss man sich der jeweiligen Bootscrew anvertrauen.

Begegnung mit einem Grindwal (Foto: Oceano)

Begegnung mit einem Grindwal
(Foto: Oceano)

Wale und Delfine brauchen eine Lobby

Weiterhin bin ich davon überzeugt, dass die Proteste gegen den Walfang und die jährlichen, barbarischen Massentötungen von Delfinen und Walen (Japan: die Bucht Taiji und auf den Färöer Inseln) und die Schutzbemühungen der Meere nicht so eine große Lobby hätten, wenn es das Whale-Watching nicht gäbe.

Und ja, stimmt auch, diese Lobby ist auch für meinen Geschmack immer noch zu klein – angesichts der wirtschaftlich motivierten Interessen der die Meere verschmutzenden und ausbeutenden (als gäbe es kein Morgen) industriellen Fischerei.

Ganz zu schweigen von der Geräuschverschmutzung der Weltmeere durch den zunehmenden Frachtverkehr im Zuge der Globalisierung.

Auch hier werden wir auf uns selbst zurückgeworfen: Wie verhalte ich mich tagtäglich? Bin ich Teil der Lösung oder des Problems?

Schwimmen mit Delfinen

Schwimmen mit Delfinen? Auch ein kontrovers diskutiertes Thema. Auch führende Schutzorganisationen sprechen sich strikt dagegen aus.

Wir bieten Reisen mit Delfinschwimmen an. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass wir als Schwimmer im Wasser deutlich weniger Einfluss nehmen als Boote. Oft müssen wir bemerken, wie langsam und unelegant wir uns in ihrem Element bewegen, das einfach nicht unser Zuhause ist. (Schlecht fürs Ego und oft auch uninteressant!)

Mutter mit Kind (Foto: Rüdiger Hengl)

Mutter mit Kind
(Foto: Rüdiger Hengl)

Delfinschwimmen ja – für mich nur in freier Wildbahn unter passenden Umständen – ich würde nie zu Delfinen in einen Pool steigen. Ganz sicher nicht in einen Pettingpool mit Delfinen.

Auch hier wichtig: Das respektvolle Verhalten. Ich bin zu Gast und die Delfine sind die Gastgeber. Sie entscheiden, ob es zum Kontakt kommt. Sichere Begleitumstände! Gut vorbereitete Schwimmer im Wasser mit eben einer rezeptiven Haltung. Respekt ist angesagt– es sind kraftvolle Tiere!

Einzigartiges und sogar lebensveränderndes Erlebnis

Dann kann dieses Erlebnis einzigartig bis lebensverändernd sein.

Was für ein anmutiger Anblick einmal eine kleine Delfinschule im wunderschönen Blau des Meeres zu sehen – und sie ggf. auch zu hören.

Um es klar zu sagen: Ich bin kein Fan von Delfinarien, schon gar nicht von Orcas in Gefangenschaft und muss auch nicht um jeden Preis mit Delfinen schwimmen (ich bin auch schon aus dem Wasser gegangen, wenn ich das Gefühl hatte, es sind zu viele Schwimmer im Wasser und die Situation ist nicht passend).

Und es muss auch nicht für konsumverwöhnte Touristen, die nach einer wunderschönen Walbegegnung fragen: „Und, wo sind nun die Delfine?“ eine Sensation erzeugt werden, sondern es geht um die Flexibilität, die Natur so zu nehmen, wie sie sich in dem Moment zeigt: Jede Begegnung, jede Ausfahrt, jeder Tag auf dem Meer ist anders und verlangt von uns, den Bootsführern und Guides ein möglichst angemessenes, der jeweiligen Situation entsprechendes Verhalten.

Sanftes Whale-Watching mit Oceano (Foto: Oceano)

Sanftes Whale-Watching mit Oceano
(Foto: Oceano)

Es gibt kein Patentrezept

Ich sage es immer und immer wieder: Es gibt kein Patentrezept und nobody is perfect. Wir lernen ständig neu dazu und sammeln Erfahrungen. Wichtig ist in meinen Augen die Haltung und Intention, mit der wir uns da draußen bewegen, egal ob als Schwimmer oder mit dem Boot.

Was ich nicht mag, sind Forscher, die gegen Delfinschwimmen und dann die ersten im Wasser sind und am besten noch mit Ausnahmegenehmigung.

Und wenn wir uns schon so eine Frage stellen: Wäre es vielleicht wichtiger, dass wir uns noch stärker um ihren Lebensraum kümmern, welchen wir Menschen als Mülldeponie und für vieles mehr benutzen? Und um die Nahrungsgrundlage der Meeressäuger? Denn Fisch gibt es nicht mehr viel in den Ozeanen. Ohne Fisch keine Delfine und Wale – das ist eine ganz einfache Rechnung.

Vielleicht ist Whale-Watching ein marginaler Störfaktor angesichts der großen Probleme in den Weltmeeren? Ich denke da z.B. an Fukushima. Wie viele Millionen Liter radioaktiv verseuchtes Wasser flossen und fließen noch immer ins Meer?

Letztendlich steht der ganze pazifische Ozean auf dem Spiel.

Kein Mensch spricht darüber und die Medien schon gar nicht. Weil er so weit weg ist?

Intakte Ozeane sind für uns alle wichtig

Intakte Ozeane sind nicht nur für die Meeressäuger wichtig, sondern auch für uns Menschen und deren kommende Generationen. Sie sind unsere Lebensgrundlage.

Auf dem Meer die Seele baumeln lassen ... (Foto: Oceano)

Auf dem Meer die Seele baumeln lassen …
(Foto: Oceano)

Einen interessanten Beitrag leistet dafür das Cleanup-Ocean-Projekt.

Und dann wäre da noch ein anderer Aspekt: Was sind die Delfine und Wale eigentlich für Wesen?

Diese Warmblüter mit einem größeren Gehirn als das menschliche, diese sich selbst erkennenden Wesen und empathischen Netzwerker …? Diese biologisch hochentwickelten Tiere mit vielen interessanten Fähigkeiten?

In Freundschaft mit Delfinen und Walen

Wie nehmen sie uns wahr? Als Störfaktor? Als willkommene Abwechslung? Wir wissen es nicht genau – und gleichzeitig verhalten sie sich nicht selten, als würden sie sich über unseren Besuch freuen: Freunde kommen vorbei.

Überall auf der Welt gibt es Beispiele von Interspeziesbegegnungen. Oft scheint das Interesse nicht nur auf unserer Seite zu sein.

In Freundschaft mit Delfinen und Walen.
Susanne Braack
Oceano – Sanftes Whale-Watching auf La Gomera
sowie auf Fernreisen

Lesetipps

* Sanftes Whale-Watching auf La Gomera
* Karte mit Whale-Watching-Möglichkeiten

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