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Der mit den Delfinen taucht …


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Interview mit dem Berufstaucher Stephan Thomsen, 8. März 2016

Stephan Thomsen (Foto: Nolte Media)

Stephan Thomsen
(Foto: Nolte Media)

Stephan Thomsen ist Berufstaucher bei der Feuerwehr in Flensburg.

Seit „Selfie“ und „Delfie“ in sein Leben getreten bzw. geschwommen sind, ist nichts mehr, wie es vorher war.

„Selfie“ und „Delfie“ sind zwei Große Tümmler, die sich seit Mitte Februar bis Anfang März in der Flensburger Förde aufgehalten haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie inzwischen weiter Richtung Norden gezogen.

Der eigentliche Lebensraum ist die Nordsee

Es ist schon äußerst ungewöhnlich, dass Große Tümmler, deren eigentlicher Lebensraum die Nordsee und der Atlantik ist, sich die Ostsee als neuen Aktionsraum ausgesucht haben. Immerhin schwankt hier der Salzgehalt zwischen 0,3 und 1,8 Prozent. In der Nordsee beträgt er dagegen 3,5 Prozent.

Doch die beiden Delfine schien das nicht zu interessieren, sie schwammen ganz nah am Ufer und im Hafen und suchten offensichtlich die Nähe zum Menschen.

2009 Kurzer Besuch von zwei Gemeinen Delfinen

Flensburg war schon einmal im Delfin-Fieber, als Ende September 2009 zwei Gemeine Delfine in der Geltinger und Flensburger Bucht auftauchten. Auch sie gelangten über die Flensburger Förde bis mitten in die Stadt.

Keiner kam den Meeressäugern näher

So nah wie Stephan Thomsen kam den Delfinen wohl kaum einer. Manchmal war der Berufstaucher 45 Minuten am Stück unter Wasser, um „Selfie“ und „Delfie“ zu beobachten. Ich freue mich sehr, dass er für die MEERESAKROBATEN ein Interview gegeben hat.

MEERESAKROBATEN (MA): Bist du früher schon mal mit Delfinen geschwommen?

 

Selfi (Foto: Stephan Thomsen)

Selfi(e)
(Foto: Stephan Thomsen)

vorne: Delfi (Foto: Stephan Thomsen)

vorne: Delfi(e)
(Foto: Stephan Thomsen)

 

Stephan: Ja in warmen Gewässern wie dem Roten Meer. Hier sind ja oft größere Gruppen der Tiere anzutreffen. Es ist möglich, mit Vorsicht und Bedacht dicht an sie heranzukommen. Das Tauchen mit ihnen ist mir allerdings noch nicht gelungen. Lediglich Schnorcheln war mir bis jetzt vergönnt.

Stephan wurde zum Delfin-Fan

MA: Warst du schon vor der Begegnung mit „Selfie“ und „Delfie“ ein Delfin-Fan?

Stephan: Naja, alles was mit Wasser, den Tieren und Lebewesen im Wasser zu tun hat, hat irgendwie eine magische Anziehungskraft auf mich. Ein begeisterter Freund und beeindruckt nach meinen ersten Warmwasserbegegnungen bin ich schon. Fan ist jetzt bestätigt :)

MA: Hattest du keine Angst, die beiden Großen Tümmler könnten dich angreifen oder verletzen?

Stephan: Nein, ein einziges Mal kam Delfi etwas ungestüm und dicht (10 cm) an mir vorbei geschossen. Man vergisst die Angst oder den Gedanken, sie könnten einem etwas tun, sobald sie da sind. Sie grinsen ja ständig und nicken mit dem Kopf. Im Teil 5 meiner kleinen Dokufilme sieht man wie die beiden jagen, mich einkreisen und im Schlamm verschwinden. Und selbst in der Situation sind die beiden zwar recht wild, aber immer in gebührendem Abstand und mit Blick auf mich um mich herum geschwommen. Nein, Angst habe ich keine, aber du musst immer auf hab Acht sein und respektvollen Abstand halten. Wenn du dir klar machst, dass die beiden die Chefs im Ring sind, ist die Situation entspannt.

MA: In einem Videofilm hört man die Delfine auch. Konntest du am Körper wahrnehmen, ob sie dich mit ihrem Sonar abscannen?

Stephan: Ganz klares NEIN. Ich kann weder ein Klicken hören noch spüren. Ich weiß nicht, ob es an der Kopfhaube liegt oder ob meine Ohren die Frequenzen nicht mehr hören. (Im Alter nimmt das hochfrequente Hören ja bekanntlich ab.) Ich war ganz verwundert und erfreut, als ich das Pfeifen und Klicken nachher in meinen Videos gehört habe. Es macht die Geräusche unter Wasser sehr symphatisch.

Merkmale von Selfi(e) und Delfi(e)

MA: Du bist einer der ganz wenigen, die die beiden Delfinen aus nächster Nähe sahen. Kannst du sagen, was für Merkmale jeder von ihnen hat?

Stephan: Ja, inzwischen kann ich die beiden auseinanderhalten. In meinem Film, den du schon auf deiner Seite zeigst, sind zum Beispiel die beiden Namen vertauscht. Delfi (ich schreibe die beiden immer ohne „ie“,finde ich schöner :)), ist der größere der beiden mit einer älter wirkenden Hautoberfläche, Narben und die von dir beschriebenen Stellen, die eventuell von zu geringem Salzgehalt herrühren (was ich nicht glaube, denn hier bei uns ist seit ca. 2 bis 3 Jahren viel Salzwasser aus der Nordsee eingeströmt und der Salzgehalt relativ hoch).

Delfi hat eine eingekerbte Fluke, ist etwas größer und vor allem der Draufgänger der beiden. IMMER wenn die beiden ankommen, ist Delfi vorne weg, kommt näher und erkundet mich. Beobachtet mit den Augen, während Selfi ebenfalls näher kommt oder etwas erkundet.

(Foto: Stephan Thomsen)

(Foto: Stephan Thomsen)

Selfi hat eine schöne, ja fast makellose Hautoberfläche. Er wirkt etwas jünger, zurückhaltender und vorsichtiger. Hält sich bei den Spielereien eher etwas zurück und ist oftmals mehr auf Abstand.

Eine kurze Geschichte: Als ich mit Tobi, meinem Buddy, den ich manchmal dabei habe, den Tauchgang beenden wollte, kamen die beiden von hinten angeschossen, unter mir durch, Tobi schwamm ca. zehn Meter vor mir, auf Tobi zu, Selfi vorne weg und Delfi hinten dran. Delfi schaute mich an, Auge in Auge und Selfi erkundete Tobi. Delfi passte also quasi auf. Ich sage Dir, das sind Situationen, die bleiben für immer präsent.

Als die beiden das erste Mal neben mir auftauchten, traute ich meinen Augen nicht und als sie dann auch noch umkehrten und zu mir zurückkamen, war ich so ergriffen, dass mir die Tränen kamen.

Welche Tiere gibt es normalerweise in der Förde?

MA: Welche Tiere begegnen dir sonst als Berufstaucher unter Wasser?

Stephan: Naja, ich tauche ja auch privat in wärmeren Gewässern. Da gibt es schon einige. Hier in der Ostsee hast du hauptsächlich mit großen nesselnden Feuerquallen zu tun. Ansonsten kleine Knurrhähne, Aale, Dorsch, Plattfisch, ab und zu Schweinswale usw.

MA: Wie tief ist die Ostsee etwa an den Stellen, an denen du die Delfine am ehesten angetroffen hast?

Qualle (Foto: Stephan Thomsen)

Qualle
(Foto: Stephan Thomsen)

Stephan: Es ist ganz unterschiedlich. Wir haben oft in Bereichen von drei bis zehn Metern gespielt, aber auch tief unten über dem Grund in 15 bis 18 Metern Tiefe haben die beiden Spaß am Achterbahn-Fahren. Am interessantesten ist es, sie über der Muschelbank zu beobachten. Manchmal kommen sie langsam angeschwommen und wenn sie dann auf meiner Höhe sind, wird Vollgas gegeben und ab geht die Post hoch zum Atmen. Dauert dann einige Sekunden und sie kommen aus einer ganz anderen Richtung wieder angeschossen.

MA: Sind dir auch schon einmal Schweinswale begegnet? Diese sollen in der Flensburger Förde ja auch vorkommen.

Stephan: Ja ganz oft. Gerade letztes Jahr hatte ich zahlreiche Begegnungen. Beim Tauchen im kleinen Belt kamen die niedlichen kleinen „Delfine“ direkt bis zu unserem Rib. Auch beim Segeln haben sie uns sehr oft kurz, aber neugierig besucht. Leider hatte ich noch nicht die Gelegenheit, sie unter Wasser zu sehen, denn so neugierig und kontaktfreudig wie die beiden Großen Tümmler sind die Schweinswale leider nicht. Aber flink und oft auch in Familien zu beobachten.

Weniger Boote bedeuten weniger Bedrängung

MA: Wie oft hast du die „Neu-Flensburger“ in letzter Zeit unter Wasser beobachtet?

Stephan: Es sind inzwischen sechs längere Tauchgänge, in denen ich die Gelegenheit hatte, viel unvergessliche Filmminuten zu drehen. So habe ich ein Archiv, welches mir die Zeit erleichtern wird, wenn die beiden ihres Weges gezogen sind, denn sie sind frei und das ist das Wichtigste.

Auch vom Segelboot und Motorboot aus habe ich fünf- oder sechsmal das Vergnügen gehabt, in denen sie mir auch über einen längeren Zeitraum Gesellschaft geleistet haben. Das Schöne am tristen kalten Winter bei uns ist, dass man, wenn man auf dem Wasser ist, oft ganz allein sein kann. Dann sind solche Begegnungen das Größte, was man erleben darf.

Ich bin froh dass es jetzt im Winter passiert ist, denn es gibt kaum jemanden, der ein Boot im Wasser hat. Nur ein größeres Fahrgastschiff ist unterwegs und bringt die Flensburger zum Whale-Watching, was sehr gut ist, so ist der Hype und die Bedrängung der beiden auf ein Minimum reduziert.

(Foto: Stephan Thomsen)

(Foto: Stephan Thomsen)

Delfine und Fischer

MA: Weißt du, ob es Probleme mit den Fischern gab? Wolfgang Schmitz verneint das in einem Interview mit RTL Nord.

Stephan: Ich kenne einen alten Fischer, der noch fast jeden Tag raus fährt und in der Geltinger Bucht Bedarfsfischerei betreibt. In den letzten Jahren sind die Fangquoten ständig rationalisiert worden, der Bestand an Dorsch ist dramatisch zurückgegangen. Nur in bestimmten Gebieten gibt es ab und an mal etwas mehr Fisch. (Die Stellen kennen die beiden anscheinend.)

Viele Fischer haben extra keine Netze ausgebracht, wenn die beiden in der Nähe waren (Danke und Respekt für solch eine Entscheidung). Aber wer glaubt wirklich, dass die beiden, die vielleicht zusammen max. 20 kg Fisch am Tag verzehren, an der geringeren Menge der gefangenen Fische schuld sind? Ich nicht! Gerade jetzt im Frühjahr kommen tonnenweise Heringe in die Förden, da macht es wirklich nichts aus, wenn die beiden davon etwas fressen.

MA: Offenbar haben die Fischer in der Flensburger Förde zurzeit eine Flaute im Netz. Könnte das mit den Delfinen zusammenhängen?

Stephan: Oh, die Frage habe ich ja schon mit der vorherigen Frage fast beantwortet. Ich bin zwar kein Fischwirt oder Fachmann, aber ich lebe nun schon seit fast 50 Jahren an der Ostsee in Flensburg und die Klagen über sinkende Fänge höre ich, seitdem ich denken kann. NEIN dafür ist der Zeitraum des Besuches der beiden sowieso viel zu kurz, als dass man dazu etwas spekulieren könnte.

MA: Wie oben bereits erwähnt, waren 2009 zwei Gemeine Delfine (Delphinus delphis) in der Flensburger Förde. Hast du die beiden damals auch gesehen?

Stephan: Nein habe ich nicht. War wahrscheinlich nicht in Flensburg zu de Zeit. Waren ja nur drei Tage da.

Vielen Dank, dass du dir für die Meeresakrobaten Zeit genommen hast, und ich hoffe noch auf viele spannende Begegnungen mit Großen Tümmlern, Schweinswalen und anderen Ostsee-Bewohnern!

Auf der nächsten Seite sollen Bilder sprechen. Alle Fotos wurden von Stephan Thomsen aufgenommen.

2 Kommentare

  1. Das Interview mit Stephan kann man nun auch als Printprodukt lesen: und zwar in der Juni-Ausgabe von „unterwasser“.
    http://www.zeitschriften-abo.de/DE/NVG/Zeitschriften-A-Z/unterwasser.html?hnr=sem&gclid=CjwKEAjwmdu5BRCg1O3a-tDY0AQSJACKPgRKZ98aaqcYlodiU5JJQ9MEI1livo8GayC5nMkcto_wbBoC1JHw_wcB

    geschrieben von Susanne
  2. Klasse Bericht. Hat Spaß gemacht dir Rede und Antwort zu stehen.

    geschrieben von Stephan Thomsen

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