Berichte

Amazonas-Flussdelfin „Baby“ ist tot


Themen: ,

Zoo Duisburg, 21. Dezember 2020

Flussdelfin Baby aus dem Duisburger Zoo
(Foto: Rüdiger Hengl)

Zoo Duisburg trauert um einzigartigen Flussdelfin

Mit „Baby“ stirbt ein Flaggschifftier für den Artenschutz. Er erreichte ein außergewöhnlich hohes Alter von über 46 Jahren.

In den vergangenen Tagen veränderte sich der Gesundheitszustand von Flussdelfin „Orinoko“, welcher von uns allen nur liebevoll „Baby“ genannt wurde. Er reagierte zunehmend verhalten und nahm sein Futter teilweise nicht an.

Senior wurde engmaschig überwacht

Im hinteren Bereich der Anlage Rio Negro konnte „Baby“ zeitnah abgetrennt und von den anwesenden Tierärztinnen und Tierpflegern untersucht werden. Aufgrund seines hohen Alters und einer diagnostizierten Wundinfektion wurde „Baby“ mit einem Antibiotikum versorgt. Um ein Dehydrieren zu verhindern entschied sich das Zoo-Team zusätzlich zur Eingabe von Wasser. Anschließend wurde unser Senior engmaschig überwacht.

Entscheidung schmerzt unglaublich

Zu unserem großen Bedauern verschlechterte sich sein Zustand trotz der ergriffenen Maßnahmen. Nach gründlicher Abwägung aller Umstände und Rücksprache mit zahlreichen Experten zu dieser Tierart entschieden wir uns daher, „Baby“ heute Morgen gehen zu lassen – eine Entscheidung, die uns allen nicht leicht gefallen ist und unglaublich schmerzt.

Der Amazonas-Delfin Baby
(Foto: Rüdiger Hengl)

„Baby“ war ein Charaktertier unseres Zoos. Der Verlust trifft Mitarbeiter und Besucher gleichermaßen und macht uns sehr traurig. Viele Menschen kannten ihn bereits von Klein an, sind mit ihm aufgewachsen und teilweise auch alt geworden. Mit „Baby“ haben wir ein Symboltier verloren, das stellvertretend für seine stark gefährdeten Artgenossen in Südamerika sowie das Schwinden des tropischen Regenwaldes stand.

Baby erreichte ein außergewöhnlich hohes Alter

Mit seinen über 46 Jahren erreichte der letzte Amazonas-Flussdelfin in einem Zoo außerhalb Südamerikas ein außergewöhnlich hohes Alter – die Lebenserwartung im ursprünglichen Lebensraum liegt bei nur rund 20 Jahren. Er lebte 45 Jahre und 9 Monate im Zoo Duisburg, mit großem Abstand die längste Haltung eines Vertreters dieser Art in Menschenobhut.

Flussdelfine sind Einzelgänger

Flussdelfine leben in den seichten, trüben Gewässern des südamerikanischen Regenwaldes. Anders als andere Delfinarten leben sie meist einzelgängerisch und nicht in großen Familienverbänden.

Die Artenschutzorganisation YAQU PACHA e.V. schätzt, dass es in den Fluss-Systemen des Amazonas und des Orinokos noch etwa 35.000 Tiere dieser Art gibt. Die Zahlen beruhen auf Hochrechnungen der Forscher, da die Tiere im ursprünglichen Lebensraum schwer zu beobachten und zu erforschen sind.

Flussdelfine aus dem Rio Apure
(Foto: Roland Edler)

Ihr Fleisch wird als Angelköder genutzt

Der Bau von Staudämmen, die Verschmutzung des Wassers und die Jagd setzen dieser außergewöhnlichen Tierart immer weiter zu. Ihr Fleisch wird als Angelköder genutzt, ihre Zähne im Schamanismus eingesetzt. Zahnenden Kindern wird traditionell eine Kette mit einem Flussdelfinzahn um den Hals gehängt. Dies soll die Schmerzen der kleinen Kinder lindern – ein tödlicher Aberglaube.

Quecksilber: unsichtbarer Feind

Ein unsichtbarer Feind der Flussdelfine ist Quecksilber, welches beim Abbau von Gold eingesetzt und in die Flüsse geleitet wird. Da Flussdelfine am Ende der Nahrungskette stehen, sammelt sich im Laufe ihres Lebens besonders viel schädliches Quecksilber durch ihre Nahrung im Fettgewebe an und führt zu schleichenden Vergiftungen. Daher wird der Amazonas-Flussdelfin auf der sogenannten Roten Liste der gefährdeten Tierarten als „stark gefährdet“ geführt.

YAQU PACHA setzt sich für Flussdelfine ein

Zum Schutz des Lebensraums unterstützen wir bereits seit Jahren die Artenschutzorganisation YAQU PACHA e.V., welche sich für südamerikanische Säugetiere einsetzt. Forschungsprojekte und Aufklärung der Bevölkerung im Rahmen von Bildungsprojekten zählen ebenso zu den Maßnahmen wie Populationszählungen.

Amazonas-Flussdelfin aus dem Duisburger Zoo
(Foto: Rüdiger Hengl)

Besuch von Forschern aus aller Welt

Um das Leben von Flussdelfinen besser verstehen zu können, bekam „Baby“ mehrfach Besuch von Forschern aus aller Welt. In 2019 erforschte beispielsweise Prof. Marie Trone von der University of Florida die Lautäußerungen unseres Flussdelfins. Die bei uns gesammelten Daten werden im ursprünglichen Lebensraum von Forscherteams zur Ortung von Flussdelfinen eingesetzt, denn im trüben Wasser sind die Tiere nicht zu sehen und auch über Wasser nur schwer zu lokalisieren.

Ein einzigartiger, sehr beliebter Schützling ist tot

Im Moment überwiegt die Trauer, einen unserer einzigartigen Schützlinge verloren zu haben, die das Zoo-Team erst einmal verarbeiten muss. Zu gegebener Zeit wird über die zukünftige Nutzung des großzügigen Wasserareals in der Tropenhalle Rio Negro entschieden, das zwischenzeitlich von einer Reihe südamerikanischer Fischarten bevölkert wird, die „Baby“ schon zu Lebzeiten Gesellschaft geleistet haben.

Lesetipps

* Amazonas-Delfin ist gefährdet
* Zu Besuch bei Ivo und Baby
* Medical Training mit Delfin-Senior
* Beim Flussdelfin im Duisburger Zoo
* Ein Baby, das schon ganz alt ist
* Baby, Dörte und ich

5 Kommentare

  1. Jammerschade und richtig traurig. Aber irgendwann einfach unvermeidlich.

    Ruhe in Frieden!

    Was mich echt aufregt: Auch diese Art ist mittelfristig akut bedroht, und obwohl sie geradezu perfekt für die Zoohaltung geeignet wäre, ist es offensichtlich aus rein politisch-ideologischen Gründen nicht möglich eine Erhaltungszucht aufzubauen.

    geschrieben von Norbert
    1. Da spielt ein bisschen mehr mit rein. Es hat nie größeren Bestand der Art gegeben, und entstprechend auch keine passenden Anlagen außer der in Duisburg, mit denen man mit neuen Tieren in die Zucht einsteigen könnte. Kostspielige Neubauten für einen unsicheren Bestandsneuaufbau werden nicht viele Zoos mittragen.
      Ich nehme als Beispiel da immer gerne den Berganoa. Das letzte Zooexemplar weltweit lebt heute in Krefeld. Nahezu der gesamte Zoobestand ging auf ein Paar zurück, das der Zoo Berlin 1969 importiert hatte. Berlin gab 1976 und ’77 1,1 Nachkommen dieses Paares weiter nach Krefeld. Um 1979 muss das Berliner Männchen gestorben sein, denn 1980 wurde ein neues importiert. Das starb sechs Jahre später ohne gezüchtet zu haben. 1987 erlosch die Berliner Haltung.
      Das Krefelder Paar, wohlgemerkt Vollgeschwister, züchtete erstmal 1982 und hatte 15 Nachkommen. Ab 1997 gab es in Tschechien eine zweite Herde aus Krefelder Nachzuchten, wo es 2003 ein einzelne erfolgreiche männliche Nachzucht gab. Andere Nachzuchten hatten inzuchtbedingt schwere Missbildungen. Die Haltung dort endete 2010. Mit so einer Ausgangslage lässt sich kein stabilder Bestand aufbauen.
      Die Ausgangslage bei Amazonasdelphinen wäre noch prekärer, selbst wenn man Tiere importieren könnte. Zoos schwimmen bekanntlich nicht in Geld, und Investitionsstau ist allerortens. Dass das RioNegro damals „nur“ 2 Millionen Euro gekostet hat, war schon herausragend günstig, dass lässt sich wahrscheinlich nicht wiederholen. Nur baut man für den Preis auch eine Orang-Utan- oder Tigeranlage, Arten mit etablierten Ex-Situ-Beständen. Es werden sich nicht viele Zoos finden, die bereit wären, kostspielige Anlagen zu bauen und nicht unerheblich Platz aufzuwenden für eine Art, deren nachhaltige Haltung, zu der in der Anfangsphase auch immer wieder neue Wildimporte gehören müssten, nicht gesichert ist. Zumal es für Flussdelphine eine unmittelbare Konkurrenz in Gestalt der Antillenmanatis gibt, für die ein ausbaufähiges Zuchtprogramm existiert.

      geschrieben von Dani
    2. 45 Jahre der Qual sind endlich vorbei. Ein Tier aus seinem natürlichen Lebensraum zu reißen zur Belustigung der Leute. Dies ist kein Artenschutz (vor allem war dies nicht die Intention von vor 45 Jahren !!) einfache Ausreden zur Rechtfertigung der Haltung solcher empfindsamen Tiere. Wenn ich manchen Kommentaren lese , dass die Art perfekt geeignet ist für die Zucht im Zoo muss ich nur lachen. Mehr Hohn geht wohl kaum.
      Zucht von Delfinen im Zoo (auch bei großen Tümmlern) ist pure Qual. Die Zahl der Tiere die schnell nach der Geburt sterben ist immens. Außerdem werden Weibchen isoliert und zum Teil in Betäubung zwanghaft unter Schmerzen befruchtet. Von der Qual der Tiere beim Training für kunststückchen will ich gar nicht erst anfangen. Beschäftigt euch lieber mit dem Thema und schreibt dann Kommentare. Sehr zu empfehlen ist der der Film blackfish zum Beispiel. Wie gesagt, Delfine gehören nicht in den Zoo genau wie viele andere Arten. Artenschutz alleine ist kein Argument !!

      geschrieben von Torben Kemper
      1. Hallo Torben,
        die Tierhaltung von heute ist nicht mit der vor 50 Jahren zu vergleichen. Zootiere erfahren inzwischen eine optimale medizinische Betreuung sowie sehr viel Beschäftigung. Diese hat mit billigen Kunststückchen nichts zu tun, sondern ist dem Bewegungsablauf in freier Natur abgeschaut. Bei Delfinen gibt es außerdem die Besonderheit, dass sie mit ihren Pflegern kooperieren. Das funktioniert bei vielen anderen Tieren nicht. Der Amazonas-Delfin in Duisburg wurde unverhältnismäßig alt. Da von Qual zu sprechen, finde ich nicht richtig. Wie viele andere Kleinwalarten auch, ist der Amazonas-Delfin gefährdet. Ihm ein optimales Lebensumfeld zu schaffen wäre die optimale Option. Doch die Menschen, deren Zahl Jahr für Jahr immens anwächst, zerstören immer mehr natürliche Lebensräume der Tiere. Die Natur bietet zwar vieles, sie ist jedoch alles andere als idyllisch.
        Die Aufgaben eines Zoos sind vielfältig und dienen auch den Tieren in der Wildbahn. Es ist zum Beispiel sehr wichtig, dass Zoo- und Freilandforscher zusammenarbeiten, damit gestrandete Tiere gerettet und medizinisch versorgt werden können. Zoos beteiligen sich außerdem an Auswilderungsprojekten, wie man auf den Websites lesen kann. Dass sich Delfine in seriös arbeitenden Tierparks wohlfühlen, zeigen verschiedene Untersuchungen. Übrigens: Sehr viele Delfine sterben in der Natur kurz nach der Geburt. Auch dazu gibt es Studien.
        Was die Haltung angeht, spreche ich hier ausschließlich von den Einrichtungen in Nürnberg und Duisburg. Beide Delfinarien kenne ich persönlich. Mir ist klar, dass es weltweit viele schwarze Schafe gibt …

        geschrieben von Susanne
  2. Die einzige weitere im europäischen Zoobestand vorhandene Art, für die die Anlage geeignet wäre, wären dann wohl Antillenmanatis.

    geschrieben von Dani

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.