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Quicklebendige Delfine und ein sterbender Wal


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Meeresakrobaten, 19. August 2012

Ein ereignisreicher Urlaub liegt hinter mir. Zwar deutete das Wetter eher auf November hin, so nass und kühl war es vom 11. bis 16. August, doch die grandiose Landschaft Südwest-Irlands, die freundlichen Menschen und das gesunde Klima machten aus jedem Tropfen Regen, der vom Himmel fiel, ein glitzerndes Ferienerlebnis.

Die eingepackten Gummistiefel, die Regenjacke und den grünen Irlandschirm konnte ich gut gebrauchen ;o))

Mit Nic unterwegs zu den Delfinen

Alle geplanten Delfin-Ausfahrten finden statt. Gleich bei der ersten vierstündigen Tour am 12. August von Baltimore aus sehen wir 18 bis 25 Gemeine Delfine. Die Tiere sind in „Surfer-Laune“ und begleiten uns ca. eine halbe Stunde lang (siehe Video oben). Flink kurven sie durch die Bootswellen, schwimmen mal rechts, mal links vor der „Voyager“, drehen sich und schauen immer wieder zu unserem Kapitän Nic und seinen Passagieren hoch.

12 Gäste nimmt Nic Slocum mit auf sein Boot. Wer sich nicht vorher angemeldet hat, hat keine Chance, auf die Tour mitgenommen zu werden.

Nic sind Sicherheitsvorkehrungen sehr wichtig. Schließlich ist er in seinem Ein-Mann-Betrieb „Mädchen für alles“. Wir bekommen alle Schwimmwesten und Nic erklärt uns, wie wir uns zu verhalten haben, wenn „ein Mann über Bord geht“. Für den Fall aller Fälle gibt er die Anweisung: „Den Rettungsring ins Wasser werfen und immer mit dem Finger dorthin zeigen, wo der über Bord Gegangene gesehen wird, damit wir ihn nicht aus den Augen verlieren.“

Voller Vorfreude … (Foto: Rüdiger Hengl)

Nic und Susanne (Foto: Rüdiger Hengl)

Nic ist sehr kinderfreundlich. Immer wieder holt er ein Mädchen oder einen Jungen zu sich ans Steuer. Die Kleinen sind mächtig stolz, wenn sie „ganz alleine“ das Boot manövrieren dürfen. Nic lobt: „Tiger, you make a good job!“

Die Atmosphäre auf der „Voyager“ ist äußerst familiär. Alle Gäste sind glücklich. Für jeden Einzelnen hat Nic ein freundliches Wort übrig. Bereitwillig beantwortet der erfahrene Skipper jede Frage. So erfahre ich zum Beispiel, dass leider immer wieder Delfine in Fischernetzen landen und dass Nic nichts von Zodiac-Touren hält. „It’s like to switch a light“, lautet sein Kommentar. Die Leute haben auf dem Zodiac keine Zeit, sich auf den Lebensraum der Delfine und Seehunde einzulassen. Sie rasen mal kurz raus zu den Tieren, machen ihr Foto und das war es dann.

Ruppiger Seegang

In welch ruppigem Lebensraum die Meeressäuger leben, erfahre ich am 13. August. Wir starten von Ventry (bei Dingle) aus zu den Blasket Islands – etwa 2 Kilometer vom Festland entfernt gelegen. Der Seegang ist sehr rau. Captain Mick (er heißt fast genauso wie der Captain der „Voyager“) und Begleiterin Britta (sie ist Deutsche und lebt seit 25 Jahren in Irland) vertrösten uns aufs offene Meer. Da wäre der Wellengang etwas moderater.

So ist es dann auch. Doch leider sehen wir auf unserer vierstündigen Tour keinen einzigen Delfin oder Wal, dafür eine große Gruppe Kegelrobben. Die Robben kommen zwischen August und November zu den Blasket Islands, um dort ihre Jungen auf die Welt zu bringen. Außerdem gibt es jede Menge Seevögel: Schwarzschnabel-Sturmtaucher, Küstenseeschwalben und Krähenscharben.

Kegelrobben (Foto: Rüdiger Hengl)

Blasket Islands (Foto: Rüdiger Hengl)

An Land können wir leider nicht gehen, da das Meer zu aufgewühlt ist. In der Ferne sehen wir die Skelling Islands, auf denen Papageientaucher leben sollen.

Fungi(e)

Nach der Whale-Watching-Tour fahren wir von Ventry nach Dingle in den Hafen. Dort haben wir das Glück, die letzte Tagestour zum berühmten Fungi (er wird mal mit einem „e“, mal ohne geschrieben) buchen zu können. Dass wir im Anschluss der Ausfahrt noch drei bis vier Autostunden vor uns haben, ist uns jetzt erst einmal egal. Fungi muss einfach sein, nachdem wir am Hafen durch Plakate und den Delfin-Shop auf das Ereignis der Stadt hingewiesen werden.

Dolphin Shop in Dingle (Foto: Susanne Gugeler)

Es finden mehrere Fungi-Touren statt (Foto: Susanne Gugeler)

Um 17:45 Uhr besteigen wir die „Lady Laura“ für eine einstündige Tour und los geht es in die dem Hafen vorgelagerte Bucht. Nach einem kurzen Moment zeigt sich auch schon der Große Tümmler Fungi, der bereits seit 1983 in der Bucht lebt und seine Späße mit den Besuchern treibt.

An diesem Turm treffen wir Fungi. (Foto: Rüdiger Hengl)

Fungi in der Bucht von Dingle (Foto: Rüdiger Hengl)

So auch mit uns. Zuerst taucht er lange unter, bevor er dann neben der „Lady Laura“ hochschießt und das Boot begleitet. Vor allem das „Stop and Go“ scheint ihm zu gefallen. So beschleunigt der Captain zuerst, um dann abrupt abzubremsen. Bei jedem Abbremsen zeigt sich Fungi. Ein tolles Schauspiel.

Fungi ist ein Beispiel dafür, wie zutraulich Große Tümmler den Menschen gegenüber sein können. Er hätte jederzeit die Möglichkeit, die Bucht zu verlassen, doch er zieht es vor, hier zu bleiben und immer wieder seine akrobatischen Sprünge vorzuführen. Alle auf dem Boot sind glücklich. Der Captain kann sich gar nicht mehr von Fungi lösen und verlängert die Ausfahrt sogar um eine halbe Stunde.

Sturm und Starkregen

An unserem vierten Urlaubstag sieht es ganz danach aus, als ob wir unser Feriendomizil nicht verlassen können. Es stürmt und gießt in Strömen. Wir starten trotzdem Richtung südwestlichsten Punkt Irlands zum Mizenhead-Leuchtturm. Unterwegs erfahren wir durch Zufall an einer Tankstelle, dass in Baltimore am Tag zuvor ein großer Finnwal gestrandet sei. Dieses Ereignis wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen, zumal wir nur wenige Kilometer von Baltimore entfernt sind.

Am südwestlichsten Punkt Irlands – Mizenhead (Foto: Susanne Gugeler)

Im Hafen von Baltimore sehen wir eine große Menschenmenge. Alle Anwesenden schauen über die Kaimauer. Als wir ebenfalls einen Blick hinunter ins Wasser wagen, sind wir sehr geschockt. Der noch lebende Finnwal blutet aus vielen Wunden und aus dem Maul. Sein Atem ist sehr unregelmäßig; der ausgestoßene Blast wirbelt mal bis weit über die Kaimauer, ein andermal kommt nur ein feiner Nebel aus den beiden Nasenlöchern oben am Kopf.

Sterbender Wal

Wie wir aus zwei irischen Zeitungen (Irish Examiner und The Irish Times) erfahren, ist der Finnwal am 14. August morgens in den Innenhafen von Baltimore geraten. Von Anfang an ist die Hoffnung gering, dass es der Wal wieder hinaus aufs Meer schaffen könnte, da er fast bewegungslos am Ende des Piers liegt. Fischer versuchten am Tag zuvor, das Tier bei Flut in tieferes Gewässer zu locken, doch leider ohne Erfolg.

Ein Sprecher der irischen Walschutzgesellschaft Irish Whale and Dolphin Group erklärt der Presse, dass der Wal einen sehr geschwächten Eindruck mache und wahrscheinlich bald sterben müsse. „Wenn der Wal gesund wäre, dann würde er es schaffen, wieder hinaus aufs Meer zu gelangen, doch allem Anschein nach ist das Tier sehr krank“, vermutet Padraig Whooley von der IWDG. „Er sieht sehr dünn aus, und wenn Wale schwach sind, können sie auch nicht mehr navigieren“, so Whooley weiter. „Normalerweise halten sich Finnwale nur in Tiefen zwischen 50 und 100 Meter auf und vermeiden die Küsten.“

Whooley bedauert, dass er und seine Organisation nichts für den Finnwal tun können. Die Größe des Tieres würde jeden Rettungs-, aber auch Tötungsversuch zunichte machen. „Für die Leute, die den sterbenden Wal beobachten, ist es sehr schwierig, zu verstehen, warum wir nicht eingreifen können“, bedauert der Sprecher der Tierschutzorganisation. Doch für ihn selbst sei es keine Tragödie, sagt Whooley. „Es handelt sich um ein wildes Tier, und wilde Tiere sterben tagtäglich in ihrem Lebensraum.“

Die letzten Atemzüge … (Foto: Rüdiger Hengl)

Sobald der Wal tot ist, würde sich ein größeres logistisches Problem auftun, berichten die Medien. Denn ein Tier dieser Größe und mit diesem Gewicht ist nur sehr schwierig zu bergen.

Wir können das gut nachvollziehen, denn auf den schmalen Straßen in dieser Gegend kommen manchmal nicht einmal zwei Pkw ohne größeres Ausweichmanöver aneinander vorbei, geschweige denn ein Schwerlasttransporter oder andere riesige Fahrzeuge.

Als kleinen Trost gibt Whooley zu bedenken, dass es in letzter Zeit eine größere Anzahl an gestrandeten Walen speziell im Süden Irlands gegeben hätte. Das würde darauf hinweisen, dass sich der Bestand an Bartenwalen vergrößert hätte.

Mittlerweile ist der Finnwal gestorben. Am 16. August überlegte sich die IWDG noch, ob man ihm mit einem Gnadenschuss ein Ende setzen sollte, doch um die Mittagszeit stellte der Wal das Atmen ein …

Posthum

Es handelte sich bei dem Finnwal um ein Weibchen mit einer Länge zwischen 17 und 19 Metern. Normalerweise werden Finnwale bis zu 48 Tonnen schwer. Dieses Tier war jedoch unterernährt und hatte viel Blut verloren, daher lag sein Gewicht deutlich unter dieser Marke.

Haut- und Speckproben werden zur Untersuchung an die Irish Cetacean Tissue Bank in das Natural History Museum Dublin gesendet. Weitere Proben gehen an das Marine Institute. Dort wird vorrangig das Fressverhalten von Finnwalen in der Irischen See untersucht. Der Kadaver des Tieres wird nicht an Land gebracht werden. Es wird also auch keine Obduktion geben.

Die Rückenflosse des stark verletzten Wales (Foto: Rüdiger Hengl)

Der Wal wird wohl aus dem Hafen geschleppt und in einem großen Netz verankert werden. Mit Eisen beschwert, soll der Kadaver dann auf den Meeresboden sinken, wo Meereslebewesen ihn zersetzen sollen.

Das alles wird nicht ohne Risiken zu bewerkstelligen sein. Unsicher ist, ob der Leichnam des Wals so tief sinkt, dass er keine Boote gefährdet. Außerdem stellen die Herbst- und Winterstürme ein Problem dar, sie könnten das Netz zerreißen.

Bei regelmäßigen Tauchgängen soll die Lage des Kadavers überprüft werden. Im Gespräch ist auch die Installation einer Videokamera, die in Zeitrafferaufnahmen festhält, wie der mächtige Körper des Meeressäugers in ein Skelett verwandelt wird. Man könnte mithilfe des Videomaterials erfahren, welchen Lebewesen der Walleib als Nahrung dient.

Ziel ist, das Skelett des Wales auszustellen, um der Gemeinde von Baltimore und der Bevölkerung des Hinterlandes einen Eindruck von diesem majestätischen Meeressäuger zu geben.

Fim- und Bildmaterial

Rüdiger und ich wurden Zeugen der letzten Lebensstunden des Finnwal-Weibchens. Lange Zeit haben wir an der Kaimauer von Baltimore verbracht und das traurige Geschehen dokumentiert. Wir haben sehr gehofft, dass das arme Tier nicht allzu lange leiden muss.

Siehe auch Sterbender Finnwal in Irland.

Auf den nächsten Seiten findest du eine Bildergalerie. Ich habe dort einige Eindrücke aus Irland festgehalten. Wenn du auf ein Bild klickst, wird es vergrößert.

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