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Entspannen Orcas während Corona?


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Meeresakrobaten, 21. September 2020

Deborah Giles ist Orca-Expertin. Zusammen mit ihrer Hündin Eba erforscht sie die ortstreuen Schwertwale, die zwischen dem US-Bundesstaat Washington und Vancouver Island/Kanada pendeln.

Orca
(Foto: Roland Edler)

Orca
(Foto: Roland Edler)

Eba ist auf Wal-Kot spezialisiert

Eba ist spezialisiert auf das Erschnüffeln von Wal-Exkrementen. Sie jault und bellt, wenn das Boot sich einer entsprechenden Hinterlassenschaft nähert.

Doch in letzter Zeit war es sehr ruhig auf dem Meer. Wegen der Corona-Pandemie sind nur wenige Boote unterwegs.

Deborah geht davon aus, dass sich die Ruhe auf dem Meer auch in den Stuhlproben der Orcas niederschlägt. Durch den eingeschränkten Schiffsverkehr sind sie momentan weniger Stress ausgesetzt und haben entsprechend weniger Glukokortikoide (Stresshormone) im Kot.

Was passiert mit der Natur, wenn sich die menschliche Aktivität verlangsamt?

Obwohl es sich um eine große menschliche Tragödie handelt, bietet die COVID-19-Pandemie einigen Forschern eine beispiellose Gelegenheit zu sehen, wie die Natur reagiert, wenn sich die menschliche Aktivität verlangsamt und es auf dem Meer ruhiger wird.

Vor allem Wale sind lärmempfindlich. Forscher wissen bereits, dass laute Geräusche durch menschliche Aktivitäten wie Schifffahrt, Sonarnutzung und Baumaßnahmen erhebliche physiologische und verhaltensbezogene Auswirkungen auf Wale haben können.

Orcas bei Tarifa/Spanien
(Foto: Rüdiger Hengl)

Der Lärm kann die Echolokalisierungs-Klicks übertönen, welche die Orcas einsetzen, um Nahrung und Partner zu finden. Er kann Innenohren und andere Organe schädigen und innere Blutungen oder sogar den Tod verursachen.

Situation für Forschungen nutzen

Samuel K. Wasser, Direktor des Zentrums für Naturschutzbiologie sieht die aktuelle Situation als Ausnahme, die für Forschungen genutzt werden müsse.

Wenn stark frequentierte Gebiete ruhig werden, können Forscher die gesammelten Daten mit der Norm vergleichen.

Doch es ist sehr schwierig, sicher herauszufinden, welche Stressfaktoren die Tiere am meisten beeinträchtigen. Ist es der Lärm, ist es die mangelhafte Nahrung, sind es Toxine im Meer oder ist es der Klimawandel?

Ähnliche Situation vor fast 20 Jahren

Wasser hatte bereits vor fast 20 Jahren eine ähnliche Situation auf dem Meer vorgefunden. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gab es ein Reiseverbot und der Schiffsverkehr in der Region reduzierte sich.

Ausgestattet mit Daten, die in den letzten zwei Jahren gesammelt wurden, verglich das Team unter der Leitung von Rosalind Rolland vom New England Aquarium Proben nach dem 11. September mit denen, die vor den Angriffen gesammelt wurden.

Die Konzentration bestimmter Abbauprodukte von Stresshormonen diente den Forschern bei der Analyse der Exkremente als Hinweis auf die Stressbelastung der Tiere. Sie fanden heraus, dass die Reduzierung des niederfrequenten Unterwasserlärms um sechs Dezibel mit einem Rückgang der Stresshormone korrelierte.

Orca aus nächster Nähe …
(Foto: Roland Edler)

Glukokortikoide tragen dazu bei, den Energieschub zu regulieren, den viele Säugetiere in stressigen Zeiten wie bei Begegnungen mit Fressfeinden oder Hungerperioden erhalten.

Schwieriges Timing

Samuel K. Wasser und seine Kollegen studieren seit 2007 die gefährdeten Schwertwale im pazifischen Norden. Sie wollen herausfinden, warum diese Gruppe sich so wenig fortpflanzt.

Offenbar enden bis zu 69 Prozent der Schwangerschaften mit Fehlgeburten oder Frühgeburten.

Doch so schön es auch ist, dass es auf dem Meer – wegen Corona – ruhiger geworden ist, die Studienobjekte lassen sich kaum blicken. Der Grund: Es gibt zu wenig Fisch – also auch zu wenige Beutetiere für die Orcas – in der Region.

Jede gesammelte Kotprobe hat daher einen hohen wissenschaftlichen Wert.

Orca und Fischerboot
(Foto: Rüdiger Hengl)

Hydrofone nehmen Laute auf

Doch auch mit Unterwassermikrofonen (Hydrofonen) versuchen Wissenschaftler herauszufinden, wie es um den Bestand der Orcas steht.

David Barclay ist akustischer Ozeanograph an der Dalhousie University in Nova Scotia, Kanada.

Seine veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Geräuschpegel in der Straße von Georgia, einer Wasserstraße zwischen Kanadas Vancouver Island und der nordwestlichsten Spitze der Vereinigten Staaten, in den ersten drei Monaten des Jahres 2020 um fast die Hälfte niedriger waren.

Ebenfalls mit Bioakustik befasst sich die Wissenschaftlerin Ana Širović (außerordentliche Professorin an der Texas A & M University in Galveston). In einer Vielzahl von Projekten untersucht sie mit ihren Kollegen die Schallverteilung unter Wasser und deren Auswirkung auf das Meeresleben.

Zum Stillstand gekommen

Bietet die Pandemie in bestimmten Studien Möglichkeiten, das Leben der Wale zu erforschen, kommen diese an anderer Stelle zum Erliegen.

Beluga-Fluke
(Foto: Ulrike Germeshausen ((†)

Manuel Castellote, ein Verhaltensökologe von der University of Washington, der die Walstudie vom 11. September mitautorisiert hat, war in den letzten Monaten unsicher, ob er aufgrund von COVID-19-Beschränkungen teure Geräte geliehen bekommt.

Castellote befasst sich schwerpunktmäßig mit der Beluga-Population in Alaska Cook Inlet. Mithilfe von Hydrofonen untersucht er, ob Belugas durch chronischen leisen Lärm gestört werden, ob ihr Jagdverhalten dadurch eingeschränkt wird, ob sie weniger Jungtiere bekommen usw.

Der pandemiebedingte Rückgang des Lärms von Booten und Flugreisen bot eine hervorragende Gelegenheit, akustische Daten zu sammeln, die mit hormonellen und genetischen Daten aus Biopsieproben kombiniert werden können, um festzustellen, ob der Beluga-Stresspegel den Lärmtrends folgt.

Doch die Reisebeschränkungen störten die Pläne des Wissenschaftlers.

Beluga
(Foto: Ulrike Germeshausen ((†)

Unter Quarantäne

Seit Monaten müssen alle „Out-of-Staters“ in Alaska zwei Wochen lang unter Quarantäne gestellt werden, bevor sie Feldarbeiten durchführen dürfen.

Durch die erschwerten Bedingungen kann Castellote, der in Seattle lebt, keine Daten abrufen, die in entfernten Stationen gespeichert sind, und er kann auch keinen Platz für neue Daten schaffen. Wenn dann noch das Herbsteis einsetzt und den Zugang zu den Liegeplätzen blockiert, sind ihm alle Forscherhände gebunden.

Mit jedem Tag, der vergeht, wachsen die Lücken in seinen Daten – ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, dass die Liegeplätze, die jeweils 17.000 US-Dollar kosten und nicht für längere Zeiträume ausgelegt sind, in Sedimenten eingeschlossen werden oder sich von ihren Ankern lösen.

Doch es besteht die Chance, die Quarantänebestimmung zu umgehen, wenn Reisende einen Coronavirus-Test machen. Das Team von Castellote versucht herauszufinden, wie man so schnell wie möglich nach Alaska kommt, um möglichst viele Daten und Geräte zu sichern und gleichzeitig das Risiko einer COVID-19-Exposition zu minimieren.
(Quelle: The COVID-19 Slowdown Will Show Whether Quieter Seas Help Killer Whales)

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