Berichte

Auf der Insel der Glückseligen


Themen:

Die „blaue Flagge“

S. Gugeler

Was wird mich wohl erwarten?
(Foto: S. Gugeler)

Ich war im Vorfeld ja sehr skeptisch, was die Whale-Watching-Angebote auf Teneriffa angeht. Sehr oft habe ich gelesen, dass zu viele Anbieter zu oft hinaus aufs Meer fahren und die Tiere belästigen.

Die Schiffe im Süden Teneriffas fahren entweder vom Puerto Colon (Las Americas) oder von Los Christianos aus ab. Fast alle Schiffe verfügen über die „blaue Flagge“, mit der das Ministerium für Tourismus der Kanarischen Regierung diejenigen Schiffe auszeichnet, die zur Beobachtung von Walen und Delfinen berechtigt sind.

Es werden bis zu drei Ausfahrten täglich angeboten. Dabei gibt es zwei-, drei- und vier- bis fünfstündige Fahrten. Die kurzen Touren beschränken sich auf die Wal- und Delfinbeobachtung, die längeren Touren laden zusätzlich zum Schwimmen in einer ruhigen Bucht ein und bei ihnen ist außerdem ein Essen inbegriffen. Die Preise liegen je nach Tourlänge zwischen 17 und 40 Euro. Es ist empfehlenswert, den Ausflug jeweils in den Ticket-Büros am Hafen zu kaufen, da die Tickets hier bis zu 5 Euro pro Fahrt billiger als auf dem Schiff direkt angeboten werden.

Zurück zu meinen Bedenken in Bezug auf einen aggressiven Wal-Tourismus. Davon habe ich auf vier Touren, die ich jeweils von Puerto Colon in Playa de las Americas unternommen habe, nichts gemerkt. Es fahren tatsächlich einige Schiffe (meistens Katamarane) mehrmals täglich aufs Meer, doch sie verteilen sich auf verschiedene Regionen, sodass sich immer nur ein, zwei Schiffe in unmittelbarer Nähe der Wale aufhalten.

Susanne Gugeler

Über uns ein tief verhangener Himmel, und unter uns ein hoher Seegang
(Foto: Susanne Gugeler)

Man müsste – statt um das Wohl der Wale und Delfine besorgt zu sein – eher an die Passagiere an Bord denken ;o)) Zwischen dem 17. und 24. April war der Atlantik derart ruppig, dass es bei drei von vier Ausfahrten etliche seekranke Gäste gab. Die anderen wurden hin und her geschleudert und haben sich den einen oder anderen blauen Fleck eingefahren. Den Kindern konnte es allerdings gar nicht genug wild zugehen. Sie jubelten bei jeder Welle, auch wenn sie sich bei den feuchten „Achterbahnfahrten“ einige Male auf dem Allerwertesten oder auf allen Vieren wiederfanden.

Windig, wild und schön

Auch wenn auf jeder Tour für einige Gäste an Bord die Spucktüten zum begehrten Begleiter wurden, habe ich die Ausfahrten zu den Großen Tümmlern und Kurzflossen-Grindwalen (das sind die am meisten vorkommenden Arten zwischen Teneriffa und La Gomera) sehr genossen. Die Katamarane sind langsam fahrende Schiffe. Sobald eine Wal-Gruppe gesichtet wird, wird der Motor auf Leerlauf gestellt, und alle an Bord sind mucksmäuschenstill. Es herrscht eine andächtige Ruhe.

Susanne Gugeler

Information aus der Mappe
(Foto: Susanne Gugeler)

Entgegen der landläufigen Meinung und Empfehlung, dass es einem auf größeren Schiffen weniger schlecht wird als auf kleineren, haben wir eine gegenteilige Erfahrung gemacht. Unser Lieblingsboot war der kleine Katamaran „Bonadea II“, der gerade mal 22 Personen aufnehmen kann. Hier ist man den Walen und Delfinen ganz nah. Und man ist durch die kleineren Ausmaße des Gefährts dem Ozean stärker verbunden, was auch eine eventuell aufkommende Seekrankheit unterdrückt.

Auch die in den Internet-Foren viel gerühmte „Freebird One“ haben wir bestiegen. Es passen ungefähr 100 Passagiere auf den großen Katamaran. Die Tour mit diesem Giganten läuft sehr professionell ab. Es werden beim Besteigen des Schiffes Fotos gemacht und während der Exkursion wird ein Film gedreht. Beides kann man dann am Schluss des Ausflugs für 15 bzw. 35 Euro erwerben.

Meiner Meinung nach könnte man auf diese (aufdringlichen) Aktivitäten verzichten. Doch das Fotografieren scheint gerade „in“ zu sein. Denn auch auf der kleinen „Bonadea II“ wurde geknipst und das Ergebnis am Schluss verkauft. Weil recht viele Bilder nicht ihren Besitzer wechseln, da sich auch andere Touristen – genauso wie ich – von diesem Angebot „übers Ohr gehauen“ fühlen, finde ich, dass dieses Geschäft dem Umweltschutz abträglich ist. Es werden so viele Bilder, die aus Hochglanzpapier gefertigt wurden, einfach weggeworfen.

Sanftes Whale-Watching in rauen Gewässern

Teneriffa nimmt eine wichtige Stelle ein, wenn es um die Beobachtung von Meeressäugern in freier Wildbahn geht. Um dieser Nachfrage gerecht zu werden, hat in diesem Jahr im Tourismuszentrum von Costa Adeje ein Kurs begonnen, in dem sich 25 Personen zu fachkundigen Führern im Bereich maritimen Ökotourismus ausbilden lassen. Dabei gehören theoretisches Grundwissen über die Arten, ihre Erkennungsmerkmale und Lebensgewohnheiten ebenso zum Lehrplan wie die Bedeutung des Tourismus und der richtige Umgang mit den Gästen. Um die Tiere möglichst wenig zu stören, sind Minimalabstände und besondere Vorsichtsmaßnahmen bei der Begegnung von Müttern mit Jungtieren vorgeschrieben.

Susanne Gugeler

Überall am Strand wird für Whale-Watching geworben.
(Foto: Susanne Gugeler)

Demnächst werden außerdem acht Schautafeln an den wichtigsten Sporthäfen der Südwestküste aufgestellt, um die Besucher noch intensiver über den Wal- und Delfinreichtum Teneriffas aufzuklären. Zu einem späteren Zeitpunkt ist ein Informationszentrum geplant.

Die Wale ziehen nicht nur Touristen an, sondern auch Wissenschaftler aus aller Welt, die den Geheimnissen der Meeressäuger durch ihre Studien einen Schritt näher kommen wollen. (Quelle: kanarenexpress.com)

Kriterien für nachhaltiges Whale-Watching

Der Reiseveranstalter TUI war Anfang der 90er-Jahre einer der Pioniere, die Whale-Watching für naturinteressierte Kanaren-Urlauber angeboten haben. In den folgenden Jahren setzte ein regelrechter Boom ein, sodass Teneriffa inzwischen über eine Million Teilnehmer an Walbeobachtungsausflügen verzeichnet und damit an der Weltspitze vor den USA und Kanada liegt.

Schon Mitte der 90er-Jahre haben Studien einen negativen Einfluss der vielen Bootsausflüge auf die Wale belegt. In der Folge hat TUI derartige Ausflüge aus seinem Katalog genommen und über mehrere Jahre hinweg nicht mehr angeboten. Das immer stärkere Interesse der Urlauber an diesem Naturerlebnis zeigte, dass dringend neue Konzepte für sanftes Whale-Watching erforderlich waren.

Grindwale (Foto: Susanne Gugeler)

Grindwale (Foto: Susanne Gugeler)

Darum konzipierte TUI im März 2011 gemeinsam mit den Naturschutzorganisationen Sociedad Espanola de Cetaceos (Teneriffa) und M.E.E.R. e.V. (La Gomera und Teneriffa) Walbeobachtungsausflüge, bei denen Nachhaltigkeits- und Artenschutzprinzipien beachtet und die Urlauber durch geschulte Begleiter und Infomaterial für das Thema sensibilisiert werden. Das Projekt nennt sich „Futouris“. Alle teilnehmenden Organisationen engagieren sich für Umweltschutz und Erhalt der biologischen Vielfalt.

Die neuen Ziele für ein umwelt- und tierfreundliches Beobachten der Wale und Delfine sind für mich zwar sehr oft, aber nicht immer erkennbar gewesen (siehe dazu auch meine kritischen Anmerkungen zu den Hochglanzbildern weiter oben). So wurde sowohl auf der „Freebird One“ als auch auf der „Bonadea II“ Plastikgeschirr statt Pappgeschirr verwendet. Auf der „Freebird One“ war offensichtlich eine Biologin mit an Bord, die über die zu beobachtenden Wale und Delfine informierte, auf der „Bonadea II“ wurden den Touristen nur Mappen mit Informationen in verschiedenen Sprachen vor die Nase gehalten …

Ich bin einmal den aufgestellten Futourist-Verhaltenskatalog durchgegangen und habe Folgendes festgestellt (siehe jeweils Kursivdruck):

1. Die Wale sollten jederzeit selbst über die Situation bestimmen können!
Das konnten sie auf allen vier Ausfahrten.

2. Einhalten aller gesetzlichen Auflagen, effektive Kontrolle durch lokale Behörden bzw. autorisierte Institutionen. Kooperation mit lokalen Naturschutzorganisationen oder Wissenschaftlern (z.B. Erforschung des Einflusses von Beobachtungsbooten auf Wale).
Dazu konnte ich während meines siebentägigen Aufenthalts auf Teneriffa keine Beobachtungen machen.

Grindwale (Foto: Susanne Gugeler)

Grindwale (Foto: Susanne Gugeler)

3. Vermittlung von Informationen durch geschultes Personal und Infomaterialien
Auf der „Freebird One“ war eine Biologin dabei. Auf der „Bonadea II“ gab es Infos über eine Mappe, die in mehreren Sprachen verfasst war.

4. Streng begrenzte Anzahl von Booten, die sich gleichzeitig im näheren Umkreis einer Walgruppe aufhalten dürfen
Es hielten sich nicht mehr als zwei bis drei Boote gleichzeitig bei den Walen auf.

5. Einhalten eines definierten und lokal gültigen Mindestabstandes, außer wenn sich die Wale aus eigenem Willen nähern (z.B. 60 m auf den Kanaren)
Wurde eingehalten

6. Striktes Tempolimit: Fahrt mit gedrosselter Geschwindigkeit parallel zur Schwimmrichtung der Wale, keine plötzlichen Geschwindigkeits- oder Richtungsänderungen
Wurde eingehalten

7. Keine Verfolgungsjagden, Walgruppen nicht trennen oder ihren Weg abschneiden
Wurde eingehalten

8. Vermeiden von Interaktionen mit den Walen (z.B. kein Füttern oder Streicheln, keine Gegenstände werfen, nicht mit den Walen schwimmen, kein Lärm)
Wurde eingehalten

Susanne Gugeler

Fischfarm an der Südküste von Teneriffa (Foto: Susanne Gugeler)

Große Tümmler halten sich gerne an Fischfarmen auf

Die Großen Tümmler, die wir auf unseren Touren gesehen haben, hielten sich größtenteils an den küstennahen Fischfarmen auf. Dort labten sie sich an den wilden Fischen, die etwas von dem Futter ergattern wollten, mit dem die Zuchtfische gefüttert wurden. Diese Beobachtung habe ich schon auf Sardinien gemacht (siehe „Besuch im Delfin-Forschungsinstitut auf Sardinien“).

Zu hoher Wellengang

Wir hatten auch eine Tour vom Nachbarhafen Los Christianos aus geplant. Es sollte mit dem Unterwasserglasboot „Le Monte Carlo“ hinaus aufs Meer gehen. Doch die Kapitänin wies alle Mitreisenden darauf hin, dass der Ausflug sehr rau werden könnte und dass es sehr hohe Wellen geben würde, die eine Sichtung von Delfinen äußerst schwierig gestalten könnte. Mein Sohn, der nicht ganz so seetüchtig ist, und ich zogen es vor, dann lieber nicht mitzufahren. Ich fand es gut, dass man vor Beginn der Tour auf einen hohen Wellengang hingewiesen wurde. Bei den anderen Touren war das nicht der Fall.

Susanne Gugeler

Abendstimmung in Playa de las Américas
(Foto: Susanne Gugeler)

8 Kommentare

  1. Danke, liebe Susanne, dass du mich auf diese Weise an eurer wunderschönen, erlebnisvollen Reise teilnehmen lässt!

    Haste super gemacht – den Reisebericht!

    Liebe Grüße, auch an Simon und Rüdiger

    Sonja

    geschrieben von Sonja
    1. Vielen Dank, Sonja, für dein tolles Kompliment!!!

      geschrieben von Susanne
  2. Klasse Susanne! Alles Wesentliche, was man zu Teneriffa wissen muss, ist hier kurz, kompakt und sehr informativ zusammengefasst.

    geschrieben von Rüdiger
  3. Wieder mal ein wunderbarer Reisebericht, hatte vor diesem auch eher Bedenken dass auf Teneriffa "sanftes" Whale-Watching betrieben wird.

    Dank Dir wissen wir es nun besser und einem Besuch dieser Destination steht nichts mehr im Weg.

    Allerdings erfülle ich mir diesen Sommer erst mal einen anderen Traum…die Azoren.

    Danke Susanne, wünsche Dir und allen anderen Whale-Watchern hier einen schönen Sommer!

    Gruss

    Sonja

    geschrieben von Sonja
  4. Da kann ich mich Simons Kommentar nur anschließen:

    ein toller und interessanter Bericht!

    Hätte nicht gedacht, dass Teneriffa mit über eine

    Million Teilnehmer an Walbeobachtungsausflügen an

    der Weltspitze (vor den USA und Kanada) liegt.

    geschrieben von Frank Blache
    1. Vielen herzlichen Dank für eure lieben Kommentare!!!
      Susanne

      geschrieben von Susanne
  5. Ein sehr schöner Bericht! Danke! Ich habe gleich an zwei Stellen dauf verwiesen.

    Gruß

    Michael

    geschrieben von Michael Mittelst&aum
  6. Ein wunderschöner Bericht über unseren tollen Urlaub! Wie immer super geschrieben und mit sehr vielen interessanten Fakten versehen.

    Hat Spass gemacht, zu lesen und nochmal in den Erinnerungen zu schwelgen :o)

    geschrieben von Si mon

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