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„Katastrophales“ Interview in der WELT


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MEERESAKROBATEN/13. Juli 2014

Nachtrag vom 28. Juli 2014: Ich bedanke mich bei Anna Warnholtz, dass sie sich inzwischen die Argumente einer wahren Delfin-Expertin (Dr. Kerstin Ternes) angehört und in einem Interview veröffentlicht hat.

Das Wort „katastrophal“ habe ich dem Vokabular des WDSF (Wal- und Delfinschutz-Forum) entnommen, das derartig „gigantisch überhöhte“ Begriffe in Bezug auf die Delfinhaltung – man kann schon sagen – inflationär in die Welt streut …

Der Loro-Park wird am Flughafen beworben. (Foto: Susanne Gugeler)

Der Loro-Park wird am Flughafen beworben.
(Foto: Susanne Gugeler)

Maßlos übertrieben

Das WDSF scheint jede Gelegenheit zu nutzen, gegen die beiden Delfinarien in Nürnberg und Duisburg zu wettern. Dabei lässt sich Jürgen Ortmüller (Chef der Ein-Mann-Organisation WDSF) nichts Neues einfallen, sondern kommt immer wieder mit den gleichen Behauptungen, die von Delfin-Experten schon x-mal als falsch und/oder maßlos übertrieben entlarvt wurden.

Nun hat Ortmüller Einzug in die WELT.online, Rubrik Reisen gehalten. Dort hat Anna Warnholtz – anscheinend in ihrer Funktion als Reise-Redakteurin – ein Interview mit Jürgen Ortmüller geführt. Der Inhalt des Artikels ist aus meiner Sicht in großen Teilen so nicht hinnehmbar.

Schlecht recherchiert

Anna Warnholtz ist den Biografie-Angaben der WELT zufolge Reise-Redakteurin. Man kann sie also höchstwahrscheinlich nicht zu den Delfin-Experten zählen. Das zeigt sich zum einen auch an der reißerischen Überschrift ihres Artikels: „Gefangenschaft treibt Delfine in den Selbstmord“ – was aus meiner Sicht reiner Humbug ist, da es für diese Behauptung keine einzige seriöse Quelle gibt – und zum anderen an ihrer Formulierung „Delfine und Orcas“. Orcas sind Delfine – das wissen inzwischen bereits kleine Kinder, die das u.a. in einem ordentlich geführten Delfinarium gelernt haben. Gemeint hat Frau Warnholtz eventuell „Große Tümmler und Orcas“.

Auch Herr Ortmüller unterscheidet übrigens nicht zwischen den Delfinarten und bedient sich der gleichen Wortwahl wie seine Interviewerin. Außerdem spricht er im WELT-Artikel von einem „Sonor“, das Delfine als Orientierung benützen. Gemeint hat er wahrscheinlich das „Sonar“.

Wenn Frau Warnholtz schon keine Delfin-Expertin ist, so müsste sie als Reise-Redakteurin zumindest wissen, dass TUI, FTI und Schauinsland-Reisen sehr wohl den Loro-Park bewerben, obwohl Herr Ortmüller im Interview behauptet, die Delfin- und Orca-Shows im Loro-Park würden unter einen Bewerbungsstopp fallen. Hätte Frau Warnholtz nur ein wenig recherchiert, dann wäre sie auf folgende Informationen gestoßen …

* So heißt es bei FTI-Reisen unter „Umgebungsinfos/Freizeit“ zum Loro-Park bei Puerto de la Cruz: „Auch Orcas, Seelöwen und Delfine zeigen den Zuschauern im Amphitheater, was sie gelernt haben.“ (Stand 13. Juli 2014) Außerdem verweist ein Link auf die Website des Loro-Parks.

Orcas im Loro-Park (Foto: Philipp J. Kroiß)

Orcas im Loro-Park
(Foto: Philipp J. Kroiß)

* Schauinsland-Reisen schreibt auf Facebook unter dem 6. Juni 2014: „Den Loro-Parque werden wir, wie auch alle anderen Veranstalter, weiter anbieten und bei seinen Projekten für den Tierschutz unterstützen.“ Schauinsland-Reisen unterstützt übrigens auch den Duisburger Zoo, dessen Delfinarium von Ortmüller ja ebenfalls madig gemacht wird.

* Im TUI-Katalog „Kanaren“ findet man auf Seite 74 eine ganzseitige Anzeige vom Loro-Park mit einem Orca als Hintergrundbild.

Laut Ortmüller sind Haltungsbedingungen „katastrophal“

Herr Ortmüller behauptet im „Interview“ mit der Reise-Redakteurin, die Haltungsbedingungen in „allen“ Delfinarien seien „katastrophal“, da die Tiere in freier Wildbahn bis zu 100 km täglich und bis zu 500 m tief tauchen würden und dieses Verhalten in Delfinarien nicht ausleben könnten.

Zu diesen und anderen Behauptungen Ortmüllers habe ich am 1. Juli 2014 eine Mail an die WELT/Frau Warnholtz geschrieben. Auf eine Antwort warte ich bis heute. In folgendem Text habe ich Frau Warnholtz aufgezeigt, wie meine Antworten auf einige ihrer Fragen ausgefallen wären, hätte sie mit mir das „Interview“ geführt.

Mail an die Redaktion von der WELT

Betr. „Gefangenschaft treibt Delfine in den Selbstmord“, Artikel vom 30. Juni 2014

Panoramascheibe  (Foto: Rüdiger Hengl)

Panoramascheibe in Nürnberg
(Foto: Rüdiger Hengl)

Sehr geehrtes WELT-Redaktionsteam, sehr geehrte Frau Warnholtz,

ich befasse mich seit mehreren Jahrzehnten mit Delfinen und habe in den 1970er-Jahren meine wissenschaftliche Examensarbeit im Fach Biologie über den Großen Tümmler geschrieben. Seit 13 Jahren betreibe ich die Website meeresakrobaten.de, die sich mit Delfinen befasst. Diese kann sich über eine sehr hohe Besucherzahl aus dem deutschsprachigen Raum freuen.

Vor allem die positive Entwicklung im Delfinarium (heute Lagune) Nürnberg habe ich über die Jahrzehnte verfolgt und freue mich, dass die Tiere nun enorm viel mehr Platz haben als noch vor ein paar Jahren. Bei verschiedenen Aufenthalten hinter den Kulissen des Delfinariums konnte ich mich jedes Mal davon überzeugen, wie quietschfidel die Großen Tümmler sind, dazu äußerst neugierig und verspielt – also alles Parameter, die für ihr Wohlbefinden sprechen.

Wenn Sie, Anna Warnholtz, das Interview mit mir geführt hätten, so wäre es folgendermaßen ausgefallen:

Die Welt: Warum ist das Leben für die Meeressäuger in Großaquarien weltweit eigentlich so schlecht?

Meine Antwort: Wer befindet, dass das Leben für die Meeressäuger in Großaquarien so schlecht sei? Man kann nicht alle Delfinarien über einen Kamm scheren und sollte zumindest nicht-gewinnorientierte Zoo-Anlagen von rein materiell ausgerichteten Vergnügungsstätten unterscheiden. Letztere waren es übrigens, die aus England und aus Deutschland für immer verschwunden sind, was ich auch begrüße. Die Haltung der anspruchsvollen Tiere war von den Betreibern der Parks nicht mehr zu managen. Das ist auch gut so.

Kai (Foto: Rüdiger Hengl)

Kai/Nürnberg (Foto: Rüdiger Hengl)

Doch in den beiden zoologischen Einrichtungen (Nürnberg und Duisburg) weiß ich die Delfine in guten Händen. Wie bereits gesagt, konnte man hier über die Jahre immer weitere Optimierungen feststellen. In Duisburg bestand die neun Tiere starke Gruppe aus sieben Nachzuchten, was ein toller Erfolg ist. Seit 2014 schwimmen zwei der Nachzuchten in der Lagune in Nürnberg. Die Gruppe hier hat sich auf zehn Tiere erweitert. Diese Zahlen zeigen schon, dass die Delfine keineswegs unter „Vereinsamung“ leiden, wie Herr Ortmüller in Ihrem (leider sehr einseitigen und emotionsgeladenen) Artikel weismachen möchte.

An welchen Parametern soll festgemacht werden, dass es einem Tier schlecht geht? Geht es einem Hund, der acht Stunden am Tag ohne sein Herrchen oder Frauchen zu Hause verbringen muss, nachweisbar schlecht? Geht es Katzen, die nur in der Wohnung gehalten werden, schlechter als den Freigängern, die draußen jagen dürfen? Wie äußerst sich das Schlecht-Gehen?

Die international anerkannte Delfin-Expertin Kathleen M. Dudzinski hat Studien zu wildlebenden und in Menschenobut (in Duisburg) gehaltenen Delfinen durchgeführt. Ihr Ergebnis lautete:

„My initial assessment of the behavior and interactions of the dolphins at Zoo Duisburg is that they exchange contact behavior and postures more similarly than differently to wild dolphins and to captive dolphins in natural lagoons.
They occupy subgroups in the same manner that I have observed for other dolphins:
they have a fission-fusIon society meaning subgroups form and reform depending on their interactions.
The bottlenose dolphins at Zoo Duisburg produced the same type of vocalizations (clicks, whistles, squawks, buzzes, etc.) as those that I have documented from both wild and captive dolphins.
In my opinion, the dolphins at Zoo Duisburg are socially weIl adjusted to their environment and their social setting.“

Mit Kathleen im Gespräch (Foto: Rüdiger Hengl)

Mit Kathleen im Gespräch
(Foto: Rüdiger Hengl)

Wie Sie dort lesen können, benützen die Delfine im Delfinarium die gleichen Signale bzw. Laute wie ihre Artgenossen im Meer. Damit ist auch die Behauptung von Herrn Ortmüller – das Sonar (nachträgliche Anmerkung MEERESAKROBATEN: er nennt es fälschlicherweise „Sonor“) der Delfine würde im Delfinarium verkümmern – außer Kraft gesetzt. „Clicks“ sind die Töne, die Delfine benutzen, wenn sie einen Gegenstand oder ein Beutetier abscannen, indem sie ihr Sonar bzw. ihre Echoortung einsetzen.

Außerdem: Es ist nicht richtig, dass alle Delfine eine große Distanz schwimmen oder tauchen. Wenn Herr Ortmüller Experte wäre, müsste er das wissen. Es gibt ca. 80 Delfin- und Walarten. Und jede verhält sich anders. Es gibt vor allem an der Küste lebende Formen und Hochseeformen. Alle in Deutschland lebenden Delfine (Großen Tümmler) zählen zu den Küstenformen, die nur kurze Distanzen schwimmen und tauchen. Sie beziehen ihre Nahrung ausschließlich aus Küstengewässern und müssen nicht im großen Verband draußen im Meer jagen. Daher besteht die Küsten-Population auch nur aus wenigen Gruppenmitgliedern. Im Gegensatz zu Offshore-Delfinen, die nur in großen Schulen einen Jagderfolg erzielen können. Mehr zu an der Küste lebenden Delfinen finden Sie auch hier oder hier.

2 Kommentare

  1. Heute hat Frau Warnholtz ein Interview mit einer wahren Delfin-Expertin (Dr. Kerstin Ternes) veröffentlicht. Jeder Leser kann sich nun selbst ein Bild davon machen, wie haltbar oder unhaltbar etliche Behauptungen von Jürgen Ortmüller (WDSF) sind. Vielen Dank an die WELT für diesen Beitrag!

    geschrieben von Susanne
  2. Inhaltlich umfassend und gut belegt wie immer. Kommunikatorisch, naja, hat das hier und dort so seine Haken. Und die könnten dazu führen, dass die Zuschrift nicht so aufgenommen wird, wie sie eigentlich sollte. Vor allem die Einleitung könnte so aufgefasst werden, als ob sich da jemand wichtig tuen wollte („Wenn sie das Interview mit mir gemacht hätten…“). Denn, von der Perspektive der Publicity aus betrachtet, ist Herrn Orthmüller sehr erfolgreich darin, sich Öffentlichkeit zu verschaffen. Die Meeresakrobaten sind außerhalb des Netzes nicht so präsent. (Müsste man das nicht ändern?) Dann kann so eine Einleitung allerdings wirken, als wollte da jemand auch unbedingt mal in die Medien.
    Geschickter ist es mMn, ganz konkret die Kritik zu formulieren (z.B.: „Ein großer Teil der Aussagen im Interview sind falsch/Halbwahrheiten/stellen Tatsachen verfälschend dar.“) und das im Artikel gesagte an Beispielen zu belegen, bzw. das gesagte mit Fakten zu wiederlegen. Wenn die Fakten mit Belegen unterfüttert sind (und das sind sie ja hier serh gut), kann man auf Verweise auf die eigene Kompetenz und Qualifikation oft auch verzichten. Spekulationen über die Gedankenwelt des „Gegners“ wirken auch eher, als zielte man auf diese Person ab, und nicht auf die Sache. Das sollte vermieden werden. Nicht den Redakteuren schlechte Arbeit vorwerfen. Statt dessen lieber anregen, die geäußerten Thesen (schließlich hat Herr O. ja das Recht dazu, seine Thesen zu äußern) auf ihre Stichhaltigkeit zu untersuchen und Hilfe bei der Recherche anbieten. (Recherche kostet Zeit, die sind immer froh, wenn man denen etwas abnimmt, meiner Erfahrung nach. Man muss nur glaubwürdig wirken, und das sollte mit dem Faktenhintergrund, denn ihr hier aufweisen könnt, der Fall sein.)
    Falls ihr da mal ein paar Tips braucht, helfe ich gerne weiter. Jedenfalls sollte man solche zu schriften nicht aus dem eotionalen Bauch heraus schreiben und abschicken, da läuft man zu leicht auf, ist mir auch schon öfter passiert. ;-)

    MfG

    geschrieben von Dani

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