Berichte

Tiergarten schützt kleine Wale


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Meeresakrobaten, 20. Oktober 2020 – Auszüge aus einer Pressemitteilung des Nürnberger Tiergartens

La-Plata-Delfin
(Foto: Dr. Lorenzo von Fersen)

Besserer Schutz bedrohter Delfine und Schweinswale

In ihrem jüngsten Bericht, den die Weltnaturschutzunion (IUCN) am 7. Oktober 2020 veröffentlichte, fordert sie einen ganzheitlichen integrierten Ansatz zum Schutz kleiner Wale, insbesondere von Delfinen und Schweinswalen.

Der Bericht basiert auf einer Tagung, die 2018 vom Tiergarten der Stadt Nürnberg und der Artenschutzgesellschaft Yaqu Pacha e.V. mitorganisiert wurde.

„Die Tagung und der daraus resultierende Bericht können als Initialzündung für die Anwendung des One Plan Approach beim Erhalt bedrohter Delfinarten verstanden werden. Dieser integrierte Ansatz wird seit Jahrzehnten von Zoos und Freilandforschern praktiziert und hat zum Erhalt zahlreicher Tierarten wie zum Beispiel der Oryxantilope, dem Kalifornischen Kondor oder dem Wisent geführt.

Besonders am Beispiel des Yangtse-Glattschweinswals ist zu erkennen, dass in Zukunft auch aquatische Säugetierarten davon profitieren können,“ ist sich der Kurator für Forschung und Artenschutz im Tiergarten Nürnberg und Mitorganisator der Tagung Dr. Lorenzo von Fersen sicher.

Die Fangaktion eines Yangtse-Glattschweinswals
(Foto: Tiergarten der Stadt Nürnberg/Baoyan Gao)

Steigende Beifangzahlen

Viele in Küstennähe vorkommende Arten und Populationen sind von den negativen Folgen menschlichen Handelns zunehmend bedroht. Besonders alarmierend sind die steigenden Beifangzahlen, vor allem durch die Stellnetzfischerei.

Der Bericht empfiehlt, dass dringend Schritte für mehrere Arten und Unterarten, die akut vom Aussterben bedroht sind, unternommen werden sollen: Das sind der Kamerunflussdelfin, der Glattschweinswal und südasiatische Flussdelfinarten.

Vaquita steht akut vor dem Aussterben

Die Erkenntnis, dass nach dem Aussterben des Chinesischen Flussdelfins und dem akut bevorstehenden Aussterben des Vaquitas in Mexiko zusätzliche Werkzeuge nötig waren, um das Aussterben weiterer Delfine und Schweinswale zu verhindern, führte zu einem Workshop, der im Jahr 2018 in Nürnberg abgehalten wurde.

Entnahme aus dem natürlichen Lebensraum kann Leben retten

Sowohl der Chinesische Flussdelfin wie auch der Vaquita hätten gerettet werden können, wäre es rechtzeitig möglich gewesen, die Tiere zwischenzeitlich aus ihrem natürlichen Lebensraum in geschützte Bereiche zu überführen, bis man die Bedrohungen in den Griff bekommen hätte.

Ein Inia-Amazonas-Delfin
(Foto: Fernando Trujillo)

Diese Methode wurde erfolgreich zur Rettung des Glattschweinswals angewandt.

Erkenntnisse über landlebende Tiere auf Wale und Delfine angewandt

Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe, bestehend aus Biologen, Tierärzten und Populationsmanagern für Meeressäuger, diskutierte neue Ansätze für den Schutz von Delfinen und Schweinswalen, die routinemäßig beim Schutz landlebender Tierarten zum Einsatz kommen.

Die Arbeitsgruppe bestand aus 37 Experten aus 14 Ländern und wurde vom Tiergarten Nürnberg und drei gemeinnützigen Organisationen, dem Ocean Park Hong Kong, der National Marine Mammal Foundation und Yaqu Pacha beherbergt.

Artenschutz in kontrollierten Umgebungen

In ihrem Bericht zum Workshop empfiehlt die Gruppe, dass Artenschützer von Meeressäugern weltweit zusammenarbeiten und mit Nachdruck handeln. Nur so können dringend nötige Schutzmaßnahmen innerhalb des natürlichen Lebensraums der Arten (in situ), aber auch in kontrollierten, modifizierten Umgebungen (ex situ) sichergestellt werden.

Ein Irawadi-Delfin in Myamar
(Foto: Brian Smith)

Ein-Plan-Ansatz

Dieser ganzheitliche Rahmen für die Artenschutzplanung ist als Ein-Plan-Ansatz (One Plan Approach) bekannt.

In der Praxis umfassen Ex-situ-Ansätze eine Vielzahl von Maßnahmen, einschließlich des Schutzes von Tieren in geschützten Umgebungen wie zum Beispiel in halbnatürlichen Reservaten, um das Aussterben von Arten zu verhindern.

Aber auch die Durchführung von Forschungsprojekten, um unser Wissen über die Art zu erweitern, gehört zu diesem Ansatz.

Außerdem umfasst er auch die Überführung (Fang, wenn nötig Rehabilitation und erneute Freilassung) von gestrandeten oder anderweitig eingeschränkten Individuen.

Lokale Bevölkerung muss einbezogen werden

Ebenso wichtig ist das Einbeziehen der lokalen Bevölkerung in die Problematik und die Entwicklung von Programmen, die letztendlich eine Verhaltensveränderung zur Folge haben.

Tote La-Plata-Delfine als Beifang in einem Fischerboot
(Foto: Nürnberger Tiergarten)

Der One Plan Approach wurde von der IUCN Species Survival Commission’s Conservation Planning Specialist Group entwickelt und fordert eine umfangreiche Beteiligung aller Interessensvertreter.

Dazu gehören beispielsweise Wissenschaftler im Bereich des Artenschutzes, Vertreter gemeinnütziger Organisationen, Wildlife Manager der Regierungen, die lokale Bevölkerung und Vertreter der Industrie.

Sie alle sind dazu aufgefordert, ihre Expertise, ihre Risikoeinschätzung und Entscheidungsprozesse zusammenzulegen, um integrierte Schutzpläne zu entwickeln.

„Dieser Bericht zielt darauf ab, Diskussionen zu einem empfindlichen, aber lange überfälligen Thema zu öffnen: Wie kann man Ex-situ-Maßnahmen in die Schutzplanungen für Delfine und Schweinswale einbeziehen und ein weiteres Aussterben in den nächsten Jahrzehnten vermeiden“, so Jon Paul Rodriguez, Vorsitzender der IUCN Species Survival Commission (IUCN/SSC).

Unser Planet verliert immer mehr Delfinarten

„Die Geschwindigkeit, mit der unser Planet Delfinarten und -populationen verliert, ganz zu schweigen von Biodiversität insgesamt, ist alarmierend, und unsere Bemühungen, diesen Trend umzukehren, sind eindeutig nicht ausreichend“, gibt Dr. Randall Reeves, Vorsitzender des IUCN/SSC Wal-Spezialisten Gruppe, zu bedenken. „Unkoordinierte, bruchstückhafte und unnachgiebige Ansätze müssen ersetzt werden durch besser geplante, mutigere und stärker integrierte Zusammenarbeit, wenn wir das Aussterben weiterer Wal- und Delfinarten vermeiden wollen.“

Amazonas-Delfin
(Foto: Fernando Truijllo)

Drei gesunde Populationen von Glattschweinswalen

Der Bericht referiert über ein aktuelles Programm zum Schutz des Glattschweinswals in China, von dem nur noch etwa 1.000 Tiere in freier Wildbahn leben.

Im Rahmen des integrierten Schutzplans der chinesischen Regierung wurden Schweinswale aus dem Yangtse in angrenzende Flussbereiche überführt und die Tiere dadurch vor verschiedenen menschlichen Bedrohungen geschützt. Als Folge gibt es jetzt drei gesunde Populationen zur Absicherung, die in semi-natürlichen Habitaten leben, wo sie fressen und sich vermehren, wie sie es in der Wildbahn tun würden.

Aktionen mit höchster Priorität

Im o.g. Bericht werden Aktionen zum Schutz vier kleiner Walarten beziehungsweise Unterarten als höchste Priorität empfohlen:

Kamerundelfine in Afrika leiden unter dem Druck von verschiedenen Seiten, dessen Folgen noch nicht komplett verstanden sind. Gemeinschaftsbasierte Forschungsprojekte wurden empfohlen, um Wissenslücken zur Häufigkeit, geografischen Verbreitung und den Bedrohungen für den Fortbestand der Art zu schließen. Diese zentralen Informationen tragen dazu bei, zukünftige integrierte Ansätze in Gang zu bringen.

Glattschweinswale in China kämpfen ums Überleben als Folge vieler vom Menschen verursachter Faktoren wie Beifang, Umweltverschmutzung, Bootsverkehr und Überfischung. Um das gegenwärtige integrierte Schutzprogramm als Beispiel für den Schutz anderer Delfine und Schweinswale zu beurteilen, wurde eine Überprüfung im Rahmen des One Plan Approach empfohlen und ist angeordnet.

Ex situ options for cetacean conservation
Report of the 2018 workshop, Nuremberg, Germany
(Quelle: IUCN)

La-Plata-Delfine in Brasilien, Uruguay und Argentinien sterben in großer Anzahl in Stellnetzen. Für diese Art wird empfohlen, Gesundheitschecks an lebenden adulten Individuen durchzuführen und die Rehabilitation für gestrandete Jungtiere zu verbessern.

Ganges-Delfine in Pakistan und Indien geraten oft in Bewässerungskanäle und sterben dort. Die Maßnahmen werden darauf gerichtet, den veterinärmedizinischen Umgang lokaler Wissenschaftler mit den Tieren zu stärken, sodass sie Gesundheitschecks an geretteten Tieren durchführen können.

Aktionspläne für alle bedrohten Delfin- und Schweinswalarten

Eine Gruppe der Organisatoren des Workshops hat eine neue Initiative innerhalb der ICUN Cetacean Specalist Group – die Integrated Conservation Planning for Cetaceans (ICPC) – ins Leben gerufen, um damit zu beginnen, einen Aktionsplan für jede der am stärksten bedrohten Delfin- und Schweinswalarten zu entwickeln.

Eine Zusammenfassung des Berichts – auch auf Deutsch (ab Seite 17) – ist unter folgendem Link zu finden: portals.iucn.org.

(Quellen: Stadt Nürnberg, National Marine Mammal Foundation, IUCN – Ex situ options for cetacean conservation)

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