Mythos Wal

Donnervogel, Wolf und Wal – große Tiere in der Kultur der Pazifikküsten-Indianer

Alaska-Braunbär am Brooks River (Foto: Frank Blache)

Große Tiere haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt, aber auch Ängste ausgelöst. Solche Tiere bezeichnet man als „psychologische Archetypen“. In allen Kulturen wird von ihnen berichtet. Beispiele: große Weidetiere wie Büffel oder Elefant, große Raubtiere wie Löwe oder Bär sowie große Vögel wie Adler oder Kondor. Jäger, die diesen Tieren früher nachstellten, genossen größtes Sozialprestige, da davon ausgegangen wurde, dass sie mit ihrer Beute symbolisch die Natur beherrschten.

In den maritimen Kulturen verkörpert der Wal den psychologischen Archetypus des „Großen Fisches“. Verschlingungs- und Ausspeiungsmotive – wie in der Bibelstelle über Jonas nachzulesen – sind ein Symbol von Tod und Wiedergeburt.

Jagd-Rituale

Der Jagd auf große Tiere gingen meist Vorbereitungsrituale voraus. So ist bekannt, dass beim Stamm der Nootka (Vancouver Island/Kanada) vor allem der Häuptling rituelle Reinigungen vornahm, die ihm zu einer erfolgreichen Jagd auf den Wal verhelfen sollten. „Der Häuptling imitierte den Wal, wie er ihn sich für die Jagd wünschte: ruhig, langsam und sich seinem Schicksal ergebend. Seine Ehefrau unterstützte ihn bei den vorbereitenden Ritualen. Auch während der Jagd trug sie zum Erfolg bei: den Wal repräsentierend verharrte sie ruhig auf ihrem Schlafplatz und verursachte nach dem Glauben der Nootka ebenfalls ein friedliches Verhalten des zu erjagenden Tieres auf See.“ (Aus: „Die Nootka als Walfänger“ von Astrid Mischlich)

Nach der erfolgreichen Jagd wurden „Entschuldigungsrituale“ abgehalten. Die Jäger dankten der Beute dafür, dass sie sich töten ließ. Sie baten die Tierseele um Vergebung und ihr zu Ehren veranstaltete man ein Fest. Solche Rituale finden auch heute noch in Walfangkulturen statt.

Bemalte Hauswand in Duncan (Foto: Frank Blache)

Tierische Trophäen und Abbilder

Große Tiere wurden und werden u.a. in Form von Wappen und Totems verehrt. Tierische Trophäen weihen den Ort, an dem sie zu finden sind. Abbilder der verehrten Vögel, Wale und Landsäugetiere bekamen ihren Platz auch auf den Kleidungsstücken und Decken der Indianer der Pazifikküste. Selbst Hauswände, Korbgefäße und Holztruhen, die zur Aufbewahrung von Masken, Rasseln und anderen Wertgegenständen dienten, waren mit Tier-(und Mensch-)Symbolen bemalt.

Am ehesten sichtbar wird die Tier-Verehrung an den reich verzierten Totem- bzw. Wappenpfählen der Pazifikküsten-Indianer. Die Pfähle weisen unterschiedliche Größen und Funktionen auf. 10 bis 15 Meter groß waren die mächtigsten Gedächtnis- und Grabpfähle, die frei vor den Häusern standen. Es gab daneben auch säulenartige Hauspfosten, die entweder auf der Außenseite oder der Innenseite geschnitzte Ornamente zeigten. Auf ihnen waren u.a. Szenen der wichtigsten Taten eines Häuptlings verewigt.

Totempfahl (Foto: Frank Blache)

Geschnitzte Tiere auf Wappenpfählen

Die Pfähle werden von unten nach oben betrachtet. Die Form des Zedernbaumstammes hat die Künstler zur senkrechten Bearbeitung ihres Objektes veranlasst. Die dargestellten Menschen stehen, vierbeinige Tiere – wie der Bär oder der Biber – sitzen mit angezogenen Vorder- und Hinterbeinen. Die Vögel thronen mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Pfahl oder stehen stramm mit angelegten Flügeln. Alle Figuren richten den Blick nach vorn. Am meisten trifft man als oberste Figur einen Raben, einen Adler oder einen Donnervogel an. Sie sind das Emblem des Klans oder der Lineage.

Donnervogel

Antje Babendererde lässt in ihrem Roman „Der Gesang der Orcas“ den Indianerjungen Javid Folgendes über den Donnervogel erzählen: „Ja, der Donnervogel war der erste Waljäger, schon vor der Zeit. Die Alten sagen, er war ein riesiger Vogel. So groß, dass sein Flügelschlag Donner und Sturm hervorbrachte, und mit dem Schließen und Öffnen seiner Augen machte er Blitze. Er lebte in einer großen Höhle in den Olympic Mountains (ein stark bewaldetes Mittelgebirge im Nordwesten des US-Bundesstaates Washington).

Eines Tages tauchte ein Killerwal an der Küste auf und tötete andere Wale, die den Menschen das lebenswichtige Öl und Walfleisch gaben. Die Leute hungerten und wussten nicht, was sie tun sollten. Also verließ der Donnervogel seine dunkle Höhle in den Bergen und flog zum Meer. Dort schwebte er über dem Wasser, balancierte in den Lüften und wartete darauf, dass der Orca an die Wasseroberfläche kam, um zu atmen.

Schwertwal-Weibchen Princess Angeline (J17) (Foto: Frank Blache)

Als er es schließlich tat, stieß Donnervogel herab wie der Blitz, hieb seine messerscharfen Krallen in den Rücken des Wals, packte ihn und erhob sich mit ihm in die Lüfte. Sie kämpften dreimal. Einmal in der Luft, ein zweites Mal, als Donnervogel mit seiner schweren Last auf einem Seefelsen rasten musste, um seine Flügel auszuruhen, und ein drittes und letztes Mal in den Bergen, im Nest des Donnervogels. Dreimal bebte die Erde und aus dem Meer stiegen riesige Wellen. Aber der große Vogel besiegte das mächtige Raubtier des Ozeans. Er war der erste Waljäger.“

Wolf und Schwertwal

„Zwischen Wölfen und Schwertwalen bestand eine enge Verbindung. Schwertwale konnten sich in Wölfe verwandeln und als solche in den Wäldern leben. Beobachtete das ein Mensch, gewann er dadurch übernatürliche Kräfte. Es ist interessant und leicht nachvollziehbar, dass der Schwertwal als „Raubtier des Meeres“ mit dem Landraubtier Wolf assoziiert wurde. Schwertwale waren häufig nahe der Küsten zu sehen, und sicher konnte man ihre Jagdmethoden vom Ufer aus beobachten. Wie Wölfe jagten auch sie in Rudeln: sie umkreisten ihre Beute und griffen dann gemeinsam an. Dass man Schwertwalen übernatürliche Kräfte und spirituelle Macht zusprach, hängt möglicherweise mit ihren Angriffen auf die sehr viel größeren Bartenwale zusammen. Wie man aus eigener Erfahrung wusste, war die Jagd gefährlich und man benötigte dazu außergewöhnliche Kräfte.“ (Aus: „Die Nootka als Walfänger“ von Astrid Mischlich)

Antje Babendererde schreibt in ihrem Roman „Der Gesang der Orcas“: „Der Ruf eines Wolfes hört sich an wie der Widerhall eines Orcarufes. Deshalb dachten die alten Makah, es wäre dasselbe Tier mit einem Körper für das Land und einem für das Meer.“
(Die Makah gehören zu einem Indianerstamm im Staate Washington, der sich heute wieder auf seine Walfang-Tradition beruft.)

Ein verwandelter Wolf? (Foto: Frank Blache)

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