Mythos Wal

Walfang an der Nordwestküste Kanadas

Blasender Pottwal (Foto: sanremonavigazione)

Im 19. Jahrhundert waren die Nootka die einzigen Walfänger der Nordwestküste-Region. Doch von den Walarten, die sich vor Vancouver Islands aufhielten, waren nicht alle für den Walfang geeignet. So blieben beispielsweise die Pottwale unerreichbar für die Küstenjäger, da die großen Tiere nur sehr weit draußen auf dem Meer anzutreffen waren und oft stundenlang abtauchten, um an ihre Nahrung – Tintenfische – zu gelangen.

Andere Wale waren zu schnell für die Jäger, die sich in Kanus mithilfe von Paddeln fortbewegten. Dazu gehörten die Finn- und Seiwale. Sie spielten – ebenso wie die Pottwale – nur als gestrandete Nahrungs- und Fettlieferanten eine Rolle. Von Schwertwalen (Orcas) wird berichtet, dass deren Fleisch zwar als schmackhaft galt, dass sie aber nur sehr schwierig und unter großer Gefahr zu fangen waren. Deshalb wurden sie ausschließlich von den jungen Walfängern als Beweis ihres Könnens erlegt.

Bevorzugte Beutetiere der Nootka waren Grau- und Buckelwale.

Sie lebten in der Nähe der Küste und schwammen eher langsam. Auch war ihr Gehalt an verwertbarem Öl sehr hoch. So lieferte ein Buckelwal ca. 5.400 Liter Öl, ein Grauwal etwa 3.200 Liter. Glattwale, die Rekordhalter unter den Öl-Lieferanten wurden weniger gejagt. Zwar zeichnen sich diese Tiere durch ihre extreme Langsamkeit aus, doch offenbar lag ihr Verbreitungsgebiet nicht unmittelbar vor Vancouver Island.

Grauwal (Foto: Frank Blache)

Abtauchender Buckelwal (Foto: Frank Blache)

Der Häuptling als Walharpunier

Bei verschiedenen Indianer-Stämmen war es das Privileg des Häuptlings, einen Wal mit der Harpune zu töten. „Die nur von der Häuptlingsfamilie getragenen Hüte mit Abbildungen der Waljagd weisen darauf hin.“ (aus: „Die Nootka als Walfänger“ von Astrid Mischlich) Ein guter Walfänger konnte einen großen Haushalt unterhalten, viele Arbeitskräfte einstellen und damit seinen Status erhöhen sowie seinen Reichtum vergrößern. Die Geheimnisse bzw. Rituale rund um den Walfang wurden jeweils vom Häuptling an dessen erstgeborenen Sohn weitergegeben.

So wurde dem Sohn zum Beispiel beigebracht, dass er die Geister der Tiere nicht verärgern durfte. Vor allem war es verboten, dass ein Jäger mit unsauberen Dingen in Berührung kam, die für die Tiere schlecht rochen. So musste er sich von neugeborenen Kindern oder trauernden und menstruierenden Frauen fern halten. Auch durfte er den Namen des Wals nicht aussprechen. Wenn er über einen zu jagenden Wal reden wollte, musste er umschreibende Begriffe wie zum Beispiel „noble lady“ verwenden.

Walöl-Feste

Wenn eine Jagd erfolgreich verlaufen war, richtete der Häuptling der Makah (Indianerstamm im Staate Washington) ein Walöl-Fest aus.

Abtauchender Grauwal (Foto: Frank Blache)

Eingeladen wurden neben den Stammesmitgliedern alle Nachbarn, die nicht zur Stammesgruppe gehörten. Der Häuptling teilte mit ihnen seinen Reichtum an Blubber und Öl. Im Unterschied zum Potlatch, das ein reines Geschenkverteilungsfest war, wurden die Gäste beim Walöl-Fest lediglich mit Nahrung versorgt. Man geht davon aus, dass diese speziellen Feste eingeführt wurden, um neben dem Walöl überschüssiges Walfleisch, das wegen der großen Menge nicht so gut zu konservieren war wie zum Beispiel Fisch, an Nachbar-Stämme, die nicht so viel Glück mit der Jagd hatten, abzugeben. Das Fest wurde mit Tänzen, bei denen die Bewegungen eines Wals imitiert wurden, und Liedern gefeiert.

Wal und Walfang heute

Laut Astrid Mischlich haben Wal und Walfang auch heute noch eine wichtige Bedeutung für die Nootka und die Makah. „Bereits kleine Kinder wissen, dass die Vorfahren große Walfänger waren, und man ist stolz darauf.“ (aus: „Die Nootka als Walfänger“) Bei einer Umfrage im Jahre 1941/42, die bei den Makah durchgeführt wurde, gaben jedoch nur noch zwei Männer an, dass sie als Harpuniers auf Waljagd gehen und die nötigen Rituale durchführen würden. Inzwischen ist bis auf wenige Tänze und Lieder, die jeweils im August am Makah-Day gezeigt werden, nichts vom Walfang übrig geblieben. Die soziale, ökonomische und zeremonielle Notwendigkeit einer Waljagd ist im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr gegeben. Warum sollte man sich außerdem bei dem erreichten technischen Fortschritt auf die Gefahren und Strapazen der traditionellen Waljagd einlassen?

Grauwal mit Walläusen (Foto: Frank Blache)

Die Rückkehr der Tradition

In Antje Babendererdes Roman „Der Walfänger“ bildet eine tatsächlich vom Stamm der Makah durgeführte Waljagd den Hintergrund. Obwohl sich der Indianer-Stamm in den 1920er-Jahren vom Walfang abgewendet hatte, beantragte die indigene Gruppe 1995 wieder Jagd auf Grauwale machen zu dürfen. Das U.S. National Marine Fisheries Service (NMFS) legte die Fangquote bis 2002 mit höchstens 20 Grauwalen fest.

Die IWC (Internationale Walfang-Kommission) beschloss im Juni 2003 auf ihrer 55. Tagung in Berlin weiterhin den Subsistenzwalfang zuzulassen. Auf der Walschutz-Website des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft ist dazu zu lesen: „Für einige indigene Völker gehört der Wal zu einem wichtigen Bestandteil der Nahrung. Der Walfang indigener Völker zur Selbstversorgung (Subsistenzwalfang) ist deshalb einer speziellen Regelung unterworfen. Die IWC bewilligt regelmäßig Fangquoten für die Eskimos Alaskas, für Grönländer, für Tschuktschen an der russischen Pazifikküste sowie für die Makah-Indianer im Nordwesten der USA und schließlich für Bevölkerungsgruppen auf St. Vincent und den Grenadinen, allerdings nur unter der Bedingung, dass das Fleisch an Ort und Stelle zu Nahrungszwecken verbraucht wird.“

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