Mythos Wal

Die Nordpazifik-Bewohner im 19. Jahrhundert

Verbreitung der First Nations People

Auf der Karte (zum Vergrößern bitte anklicken) sieht man, wie die Nordwestküste Kanadas und der USA im 19. Jahrhundert von verschiedenen Indianer-Stämmen (den Canadian First Nations People) besiedelt war. Alle Völker, die sich in dieser Region niedergelassen hatten, zeichnete eine besondere Verbindung zum Wal aus, der quasi in ihrer Nachbarschaft – im offenen Meer – lebte. Im Folgenden soll anhand von Beispielen dargestellt werden, wie jeder einzelne Stamm seine Beziehung zu dem großen Säugetier ausgedrückt hat.

Der Stamm der Tlingit

Die Tlingit (in der Übersetzung bedeutet der Name: „Wirkliche Menschen“) ehrten den Orca (Schwertwal) unter anderem auf ihren fünf-eckigen Chilkat-Decken.

Es dauerte ein Jahr und länger, bis solch eine aufwändige Webarbeit fertiggestellt war. Der Auftraggeber zeichnete das Motiv (bzw. die Hälfte davon) auf einer Holzplatte vor. Das Muster wurde dann symmetrisch zu einer senkrechten Mittelachse angeordnet. Die Mitte der Decke wurde meist mit einem Tier – unter anderem mit einem Wal – verziert. Nach ihrer Fertigstellung wurde die Decke so umgelegt, dass das Hauptmotiv den Rücken des Trägers bedeckte. Als Gast betrat der Besitzer der Decke ein Haus immer rückwärts, um mit dem dann sichtbaren Motiv sein Recht auf ein heiliges Tier anzukündigen. Auch glaubte er, mit dem Umlegen dieser Hülle in die Haut des dargestellten Tieres zu schlüpfen, dessen Macht auf ihn übertrat. Neben der Webkunst beherrschten die Tlingit auch das Schnitzhandwerk. Es wird folgende Legende über einen Holzschnitzer erzählt:

Ein aus Holz geschnitzter Orca (Foto: Frank Blache)

Adresse im Internet: Tlingit

Der Stamm der Haida

Die Haida wurden unter anderem wegen ihres Bootbaus geschätzt. Die größten Einbäume waren bis zu 18 Meter lang und boten Platz für 60 Personen. Das erste Geschenk an einen Jungen war ein kleines Boot, das meist aus Pappel- oder Fichtenholz hergestellt wurde. Für den Bau der großen Kanus wurden Rot- und Gelbzedernstämme bevorzugt. Nachdem das Boot mit Wasser und erhitzten Steinen weich und biegsam gemacht worden war, wurden zwischen die Seiten Querstäbe gepresst, um dem Boot die gewünschte Form zu geben. Dann wurde das Kanu getrocknet und über einem Pechfeuer geräuchert und geschwärzt. Mit Mineralfarben wurden das Emblem des Besitzers sowie symbolische Figuren – wie der Schwertwal – aufgemalt. Auch die zur Fortbewegung dienenden Paddel wurden oft mit Wal- und anderen Motiven verziert.

Adresse im Internet: Haida

Der Stamm der Tsimshian

Auch bei diesem Stamm spielte das Kanu eine große Rolle – sogar über den Tod hinaus. Ein verstorbener Schamane wurde in einem Kanu bestattet, das die Stammesangehörigen dann ins Meer driften ließen, damit es in die Welt der Geister zurückkehrte. Meeressäuger – also auch der Wal – galten als unsterblich und wurden mit Ehrfurcht behandelt, sodass die Seele, wenn sie ihren Körper verlassen hatte, die Menschen in guter Erinnerung behielt und gern mit neuem Fleisch zu den Menschen zurückkam.

Die Schamanen der Tsimshian besaßen kunstvoll geschnitzte und bemalte Rasseln, die oft zwei Gesichter hatten (Janusköpfe). Sie symbolisierten das Leben und den Tod oder auch die Welt der Menschen und die der Geister. Mit dem Geräusch der Steinchen, die sich in der Rassel befanden, versetzte sich der Tänzer in Trance.

Large Alder Killer Whale (Foto: Frank Blache)

Neben dem Raben und dem Adler war auch der Wal ein beliebtes Motiv für den Rasselkörper. Oder auch Teile von ihm. So wurde die Rassel manchmal mit einem menschlichen Gesicht bemalt, dessen Nase die Fluke eines Wales darstellte.

Adresse im Internet: Wikipedia/Tsimshian

Der Stamm der Bella Coola

Die Indianer aus Bella Coola (auch Nuxalk-Indianer genannt) erzählen die Legende, dass ihre Ahnen auf einem Grizzly, einem Raben, einem Adler und einem Orca-Wal vom Himmel auf die Erde kamen.

Der Stamm der Kwakiutl

Die Kwakiutl (auch Kwak’wala-Indianer genannt) waren nicht nur angesehene Holzschnitzer, sondern auch Künstler im Verzieren von Wolldecken.

Diese Decken wurden im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts von Pelzhändlern der Hudson’s Bay Company mitgebracht, die sich in dieser Region niederließen. Die Indianer brachten auf der Wolldecke Knöpfe und Muschelschalen an, die verschiedene Tiere (unter anderem den Donnervogel und den Schwertwal) darstellten.

Der Stamm der Nootka

Die Nootka waren die erste Gruppe der Nordwestküste Kanadas, die Jagd auf die großen Bartenwale machte. Andere Stämme verwerteten lediglich gestrandete Wale.

Über den Walfang der Nootka schreibt Astrid Mischlich: „Neben der Harpunenjagd ging der Häuptling einer weiteren, von den Nootka als ebenso wichtig erachteten „Fangmethode“ nach. Durch Rituale in einem Zeremonialhaus sollten Wale zum Stranden gebracht werden. Auch hier bat man um die Unterstützung der Totengeister. Mit der Verwendung menschlicher Mumien- und Skelettteile glaubte man, die Kräfte der Toten herbeizuziehen und damit mehr spirituelle Kraft als der Wal zu besitzen. Die Rituale waren vorbereitend auf den Kontakt mit den gefährlichen und übelwollenden Totengeistern, damit der Häuptling im Umgang mit ihnen keinen Schaden davontrug.“

Geschnitzter Orca (Foto: Frank Blache)

Walabbildungen auf Regenhüten oder Ölgefäßen sahen nicht nur schön aus, sondern sie hatten den Zweck, darauf hinzuweisen, dass ihr Besitzer einen hohen Rang einnahm. Walmasken wurden bei Tänzen – die unter anderem bei Potlatch-Festen vorgeführt wurden – getragen. Wappenpfähle hatten die Nootka erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts von den weiter südlich lebenden Kwakiutl übernommen.

Der Stamm der Coast Salish

Das Leben der Coast Salish (übersetzt würden sie „die großartigen und mächtigen Leute“ heißen) orientierte sich genauso wie bei den anderen „Ersten Völkern“ der Westküste Kanadas Richtung Meer. Die aus Zedernholz gefertigten Plankenhäuser waren alle dem großen Wasser zugewandt. Da die Nahrungsmittel durch Räuchern, Lufttrocknen und Salzen haltbar gemacht wurden und die Coast Salish somit auch in den Wintermonaten auf genügend Vorräte zurückgreifen konnten, widmeten sie sich in der kalten Jahreszeit oft der Handwerkskunst. So schnitzten die Künstler massive „Totem Poles“, die als Stützen der Longhouse-Portale dienten. Eines der größten vorgefundenen Longhouses wurde übrigens von diesem Stamm errichtet. Es war 170 Meter lang und 30 Meter breit!

Ein zentraler Kultur-Gedanke dieses Stammes sowie der anderen Canadian First Nations People ist die Einheit allen Lebens. Zur Sippe dazu gehören bei den Coast Salish People beispielsweise auch die Pflanzen, Tiere, Felsen und bestimmte Orte. In den Mythen der Indianer wird von Zeiten erzählt, in denen Menschen und Tiere miteinander kommunizieren konnten. Der Mensch war nicht an seinen Körper gebunden, sondern in der Lage während der Traumphase mit einem Geist oder einem Tier – zum Beispiel einem Schwertwal – in Verbindung zu treten. Verehrt wurden die übernatürlichen Wesen und Tiere u.a. in Form von Totems – in Europa vergleichbar mit Wappen. Man fand Orcas, Raben, Adler, Bären und Donnervögel aber nicht nur auf den riesigen Wappenpfählen, sondern auch auf Gegenständen aus dem Alltag wie Truhen, Schüsseln und Löffeln.

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