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Die Auswilderung von Delfinen klappt nur selten


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Meeresakrobaten/6. Juli 2015

Das aktuelle National-Geographic-Magazin befasst sich mit der Auswilderung von Delfinen.

Große Tümmler wurden aus einer schlechten Tierhaltung befreit

„Kandidaten“ für die im Magazin vorgestellten Auswilderungsprojekte waren dabei ausschließlich Große Tümmler, die wild gefangen und unter sehr üblen Bedingungen gehalten worden waren. (Es geht nicht um die erfolgreiche Auswilderung von Orcas, obwohl dies der Titel auf der National-Geographic-Website – „Orcas – und draußen das Meer“ – vermuten lässt.)

Tom und Misha

Das Hauptaugenmerk des National-Geographic-Artikels liegt auf Tom und Misha. Die beiden Delfine sollen als Beispiel für eine gelungene Zurückführung in den ursprünglichen Lebensraum dienen. Der Artikel über Tom und Misha basiert offensichtlich auf einem Report der Tierschutzorganisation BORN FREE.

Großer Tümmler (Foto: Rüdiger Hengl)

Großer Tümmler (Foto: Rüdiger Hengl)

Auch die Meeresakrobaten hatten zwischen 2010 und 2012 mehrfach über dieses Projekt berichtet. Siehe jeweils die Hinweise in Klammern.

Hintergrund

Die beiden Großen Tümmler Tom und Misha waren 2006 in der Ägäis gefangen worden und wurden seit 2010 in Hisaronu bei Marmaris (Südwest-Türkei) in einem Swimmingpool gehalten. Der Besitzer der Hotelanlage sah sie als zusätzliche lukrative Attraktion für die Touristen an (siehe auch Delfine gehören nicht in einen Hotel-Pool).

Im Wasser des Swimmingpools, in dem die Meeressäuger den Sommer verbrachten, wurden neben Fäkalien und totem Fisch Bakterien nachgewiesen, die den Delfinen schaden konnten. Ihre Anzahl war offenbar zehnmal höher, als in den internationalen Richtlinien für die Haltung von Delfinen genehmigt ist. Der sogenannte „Dolphin Park“ wurde – nach massiven Protesten einer lokalen türkischen Delfinschutz-Gruppe sowie einer Internet-Petition – von der türkischen Behörde geschlossen.

Die Folge war, dass die Tiere am 4. September 2010 von Hisaronu in ein Gehege an der türkischen Küste gebracht wurden (siehe auch Delfine aus Hotel-Swimmingpool befreit). Dort sollten sie auf ihre Auswilderung vorbereitet werden.

Großer Tümmler im Meerwasserbecken in Harderwijk/Niederlande (Foto: Rüdiger Hengl)

Großer Tümmler im Meerwasserbecken in Harderwijk/Niederlande
(Foto: Rüdiger Hengl)

BORN FREE und ehemaliger Orca-Fänger übernahmen die Betreuung

Die beiden Großen Tümmler wurden damals von der Organisation BORN FREE betreut. Deren Vorsitzender – Alison Hood – war der Meinung, dass es zwar keine Garantie dafür gebe, dass eine Freilassung der Tiere gelänge. „Aber, wenn es die Wahl gibt, dass sie ihr ganzes Leben in einem Pool verbringen müssen oder die Chance haben, wieder im offenen Meer zu schwimmen, dann ist die Entscheidung klar. Allerdings wird die Auswilderung sehr lange dauern, wofür wir jede Hilfe benötigen, die wir bekommen können“, so die Worte von Alison Hood.

Auch Jeff Foster – ein ehemaliger Orca-Fänger – wurde für das ehrgeizige Auswilderungsprojekt engagiert.

Jeff Foster, der vor ca. 13 Jahren bei der Auswilderung von Keiko („Free Willy“) beteiligt war, äußerte nur sehr vorsichtig eine Prognose. Er wusste nicht, ob sich Tom und Misha in der Freiheit zurechtfinden würden. Schließlich war Keiko seinerzeit leider kurz nach seiner Auswilderung in norwegischen Gewässern an einer Lungenentzündung gestorben.

Da Tom und Misha zu zweit waren und auch nicht so lange in einem Delfinarium gelebt hatten wie Keiko, stünden die Chancen für die beiden allerdings besser, meinte Foster. Er sah es trotzdem als enorme Herausforderung an, dieses Projekt durchzuziehen, da es – wie er in obigem Youtube-Film sagt – bisher nur etwa eine Handvoll Zurückführungsprogramme gab.

Große Tümmler in Schottland (Foto: Birgit Hussel)

Große Tümmler in Schottland (Foto: Birgit Hussel)

Der ehemalige Orca-Fänger ist nicht grundsätzlich gegen Delfinarien

Jeff Foster, der 1976 begann, in Island ein Unternehmen für den Fang von Orcas mitaufzubauen und bis 1990 vor der Küste der USA und Islands zwei Dutzend Orcas für SeaWorld fing, macht zwar schon lange keine Jagd mehr auf Delfine, ist aber nicht grundsätzlich gegen Delfinarien, wie er in National Geographic zitiert wird. Er glaubt noch immer, „dass die Präsentation von Delfinen die Einstellung der Menschen zu den Tieren verbessern könne – wenn man es richtig mache.“ (Seite 103)

Die Auswilderung kostete 1 Million US-Dollar und kam nicht ohne Tierquälerei aus

Die Vorbereitung auf ein Leben im Meer dauerte fast zwei Jahre und kostete ca. 1 Million US-Dollar.

Beim Lesen des Artikels übel aufgestoßen ist mir, dass auf Kosten einer erfolgreichen Auswilderung der Delfine anderen Tieren Leid zugefügt wurde. So steht auf Seite 98: „Anfangs wurden die Lebenden (Anmerkung Meeresakrobaten: gemeint sind Fische) noch mit einem Schlag auf den Kopf oder einem abgeschnittenen Schwanz fluchtunfähig gemacht.“ Diese rüde Maßnahme wurde ergriffen, damit die Delfine ihren Jagdtrieb entwickeln konnten.

Dazu passt sehr gut der Ausspruch des österreichischen Kabarettisten Josef Haderer: „Kabarettisten sind die Delfine des Tierreichs. Sie gleiten so elegant durchs versiffte Meer und haben ein ganz tolles Image, obwohl sie eigentlich Raubtiere sind. Das liegt daran, dass sie nur die Tiere fressen, die niemandem leid tun.“

Große Tümmler in Neuseeland (Foto: S. und C. Dürsch)

Große Tümmler in Neuseeland
(Foto: S. und C. Dürsch)

Es gibt eben keine Lobby für Fische …

Fast zum Scheitern verurteilt

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Es sah fast so aus, als ob das Auswilderungsprojekt zum Scheitern verurteilt wäre. Denn im Sommer 2011 erwärmte sich das Wasser in der Bucht, in der Tom und Misha gehalten wurden, auf über 26 Grad. Die beiden Meeressäuger verloren den Appetit und zogen sich eine Infektion zu. Sie mussten schließlich künstlich ernährt werden. Nur starke Antibiotika bewahrten sie vor dem Tod … (National Geographic Seite 97)

Nachdem Tom und Misha wieder genesen waren, wurden sie am 9. Mai 2012 freigelassen. Noch sechs Monate lang wurden Tom und Misha, deren Wege sich sehr schnell trennten, via Satelliten überwacht. Ob sie heute noch leben, ist nicht erwiesen.

Nur wenige Delfine können ins Meer zurückgebracht werden

Will Travers von der „Born Free Foundation“ war sich von vornherein sicher, dass sich nicht alle Delfine für eine Rückführung ins Meer eignen. Tom und Misha waren absolute Ausnahmen und efüllten optimale Bedingungen. Sie waren ehemalige Wildfänge und befanden sich noch nicht allzu lange im Swimmingpool in Hisaronu (siehe auch Tom und Misha leben nun schon drei Monate im offenen Meer).
(Quellen: National Geographic, Juli 2015, sowie mehrere MEERESAKROBATEN-Beiträge)

Lesetipps

* Wir müssen reden (National Geographic Mai/2015)
* Bewegende Momente (Ein Delfin stirbt bei einem Auswilderungsversuch.)
* Auswilderung und Wiederansiedlung von Delfinen (Biologen-Blog, Teil 4 von Benjamin Schulz)

2 Kommentare

  1. Für mich besonders interessant ist der Satz „Nur starke Antibiotika bewahrten sie (Anmerkung: Tom und Misha) vor dem Tod …“ Werden jedoch in Delfinarien Medikamente verabreicht, dann ist das Geschrei bei den sich „Tierschützer“ nennenden Selbstdarstellern groß.

    geschrieben von Rüdiger
    1. Und man rufe sich in Erinnerung, woher man überhaupt weiß, wie man kranke Delphine erfolgreich medizinisch behandelt.

      geschrieben von Dani

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