Berichte

Alle Jahre wieder: Tierpatenschaften


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Meeresakrobaten, 30. November 2015

Fluke eines Großen Tümmlers (Foto: Rüdiger Hengl)

Hier sieht man vom „Patenkind“ recht wenig.
(Foto: Rüdiger Hengl)

Kurz vor Weihnachten wenden sich Tierschutzgesellschaften gerne an spendenwillige Tierfreunde, um Geld für ihre Organisation zu sammeln. Oft wird dabei auch für Tierpatenschaften geworben.

Im Fall des Wal- und Delfinschutz-Forums WDSF/Hagen sieht das dann so aus, dass man mittels einer „Hochglanz-Urkunde“ die Jahres-Patenschaft für einen im Atlantik bei Madeira lebenden Großen Tümmler oder Rauzahndelfin bestätigt bekommt, wenn man 50 Euro spendet.

Viele Eigenwerbungsgeschenke

Jeder Patendelfin hat selbstverständlich einen Namen, damit das Ganze persönlicher und individueller aussieht. Manchmal packen die Organisationen noch viel Eigenwerbung (Kuli, der den Namen der Organisation trägt, Flyer etc.) mit ins Patenschaftspaket, um den Spender ja bei der Stange zu halten.

Patendelfin bleibt wahrscheinlich unsichtbar

Der Spender bekommt das Gefühl, Pate für einen ganz bestimmten Delfin geworden zu sein, den … ja, den er wahrscheinlich nie im Leben zu Gesicht bekommen wird.

Große Tümmler  (Foto: Rüdiger Hengl)

Große Tümmler (Foto: Rüdiger Hengl)

Vielleicht lebt das Tier zum Zeitpunkt der Patenübernahme ja schon gar nicht mehr. Es handelt sich schließlich um wilde Delfine, die beispielsweise im Atlantik schwimmen und die meiste Zeit nicht zu sehen sind.

Im besten Fall stehen diese Delfine unter der wissenschaftlichen Beobachtung einer Organisation, die regelmäßiges Monitoring betreibt (Beispiel: Whale and Dolphin Conservation in Schottland). Im ungünstigeren Fall werden diese Delfine nur von einem kommerziellen Beobachtungsboot aus – wenn überhaupt – sporadisch gesichtet und fotografiert.

Win-Win-Situation

Bei der Patendelfin-Aktion des oben vorgestellten WDSF handelt es sich in meinen Augen um den zweiten Fall und außerdem um eine reine Win-Win-Situation zwischen dem kommerziellen Whale-Watching-Unternehmen Lobosonda und dem Wal- und Delfinschutz-Forum.

Wissenschaftlicher Hintergrund muss gegeben sein

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das kommerzielle Whale-Watching-Unternehmen Lobosonda, das seinen Sitz auf Madeira hat, gehört eher zu den walfreundlichen Anbietern und wurde von den Meeresakrobaten bereits vor einigen Jahren in die Liste der Anbieter-Tipps aufgenommen.

Kritisch angemerkt werden muss allerdings, dass Lobosonda neben der Tour mit einem ehemaligen Fischerboot (39 Euro) noch eine weitere Variante mit einem Speedboot (49 Euro) anbietet. Schnellboote beim Whale-Watching einzusetzen, halten die Meeresakrobaten für bedenklich.

Doch um das geht es mir hier nicht in erster Linie. Sondern es geht mir darum, dass sich eine Organisation, die sich gemeinnützig nennt und steuerbegünstigt ist, an ein kommerziell betriebenes Whale-Watching-Unternehmen anhängt, um über diese Schiene offenbar selbst Spendengelder einnehmen zu können. Dabei leistet das WDSF außer der Werbung für Lobosonda meiner Ansicht nach keinen weiteren Beitrag, insbesondere keinen, welcher dem Schutz der im Atlantik lebenden Delfine dient. Auch nicht den vier Patendelfinen.

Als potenzieller (und vor allem kritischer) Spender ist es für mich von großer Wichtigkeit, dass die Organisation, die Delfinpatenschaften anbietet, wissenschaftliche (!) Studien über den Lebensraum der Meeressäuger und über die Tiere selbst betreibt. Erst dann ist eine Organisation für mich unterstützenswert. Auch muss sie größtmögliche Transparenz zeigen, was mit dem eingenommenen Geld unternommen wird. Beides kann ich beim WDSF nicht erkennen.

Große Tümmler in Schottland (Foto: Birgit Hussel)

Große Tümmler in Schottland (Foto: Birgit Hussel)

Werbung mit romantischem Fischerboot

Auf der Website des WDSF kann man lesen, dass bei dem vom WDSF beworbenen Whale-Watching-Unternehmen „die Touren mit einem original madeirensischen Fischerboot, das zusätzlich noch über ein traditionelles Segel verfügt, durchgeführt“ werden (Stand 30. November 2015).

Warum wird nicht erwähnt, dass Lobosonda schon seit etlichen Jahren über ein weiteres Boot – nämlich ein Schnellboot – verfügt, mit dem die Kunden übers Meer düsen, um innerhalb kürzester Zeit zu den Meeressäugern gebracht werden zu können?

Das Wort „Schnellboot“ klingt eventuell nicht so verlockend wie ein „original madeirensischen Fischerboot“ und könnte den einen oder anderen kritischen Delfin-Freund, dem der Schutz der Meerestiere sehr am Herzen liegt, von einer Spende abhalten.

Wie bereits oben erwähnt, raten die Meeresakrobaten von einer Tour mit einem Schnellboot ab (siehe dazu auch den Artikel Mit Delfinen verantwortungsvoll umgehen).

Nachtrag vom 23. November 2021: Der Text wurde inzwischen offenbar geändert in: „Die Touren werden mit einem original madeirensischen Fischerboot, das zusätzlich noch über ein traditionelles Segel verfügt, oder mit einem leisen Schnellboot mit umweltschonendem Kraftstoffkonsum durchgeführt.“ Wann die Anpassung auf der WDSF-Seite vorgenommen wurde, weiß ich allerdings nicht.

Kennt die Organisation ihre Patendelfine?

Wichtig ist für mich außerdem, dass die Organisation, welche um Spenden bittet, die von ihr „angebotenen“ Patendelfine auch persönlich kennt.

Wenn das nicht der Fall ist, macht das Ganze für mich wenig Sinn. Vor allem dann, wenn sich die Organisation so gut wie nicht um bessere Lebensbedingungen von Delfinen in deren Lebensraum kümmert, sondern schwerpunktmäßig darum, dass die beiden letzten Delfinarien in Deutschland (im Tiergarten Nürnberg und im Duisburger Zoo) geschlossen werden sollen, ohne eine vernünftige Lösung/Alternative für den Verbleib der Tiere anzubieten. Dabei haben es diese Delfine ganz bestimmt nicht nötig, gerettet zu werden.

Kai (Foto: Rüdiger Hengl)

Kai (Foto: Rüdiger Hengl)

Tierpatenschaften, die Sinn machen

Doch wenn wir schon bei Tierpatenschaften sind, wie wäre es mit einer Patenschaft für ein ganz konkret existierendes Lebewesen, das man, so oft man will und ohne in ein Flugzeug steigen zu müssen, besuchen und damit auch aus nächster Nähe sehen kann?

Möglich ist das in vielen Zoos, die sich in unmittelbarer Nähe zum eigenen Wohnort befinden.

Und zum jeweils für ein Jahr spendierten Futterzuschuss bekommt der Gönner nicht nur eine Urkunde für das von ihm indirekt mitbetreute Tier, sondern im Fall des Nürnberger Tiergartens wird er u.a. auch einmal im Jahr zu einem Patentreffen eingeladen. Für Kinder-Paten findet sogar eine spezielle Kinderführung im Tiergarten Nürnberg statt. Mehr dazu erfahrt ihr auf der Website des Tiergartens.

Aber auch Tierheime bieten Patenschaften für ihre Zöglinge an. Das Tierheim in Augsburg schreibt dazu: „Das Geld aus den Patenschaften wird ausschließlich für Futter, Pflege, und Betreuung der Tiere oder für die Einrichtung und Ausgestaltung artgerechter Gehege in unseren Einrichtungen verwendet.“

Lesetipps

* Empfohlene Whale-Watching-Ziele mit Anbieter-Tipps
* Wal- und Delfin-Beobachtung auf der ewigen Frühlingsinsel Madeira

5 Kommentare

  1. Danke für den Bericht, wenn mir der Schwerpunkt hier auch zu sehr auf dem WDSF liegt; wenn ich „Delfinpatenschaft“ in die googlesche Suchmaschine eingebe, bekomme ich als erste Treffer nicht das WDSF, sondern an erster Stelle die WDC und dann die Deutsche Gesellschaft zur Rettung der Delfine (hier hätte ich als Laie wohl als erstes gesucht, weil ich denke, dass dies hierzulande die bekannteste Delfinschutzorganisation ist).

    Wenn mit dem Geld tatsächlich aktiv etwas für die Tiere getan wird, dann hätte ich auch gegen eine „symolische Patenschaft“ nichts einzuwenden; rein psychologisch ist es natürlich viel ansprechender, wenn man für Delfin „Moby“ eine Patenschaft übernimmt als ganz unspezifisch beispielsweise für die „Delfine in der Adria“ zu spenden

    Ich stimme natürlich zu, dass die beste emotionale Verbindung dann gelingt, wenn man „seinen“ delfin auch wirklich besuchen kann. Insofern ist Nürnberg sicher ein guter Tipp – wenn natürlich auch die anderen Projekte ebenso auf Geld angewiesen sind. Allerdings kostet in Nürnberg eine Delfinpatenschaft für einen großen Tümmler stolze 7.500 €, ist also nur was für den „größeren Geldbeutel“. Klar kann man auch eine Teilpatenschaft abschließen, aber das ist psychologisch gesehen auch wieder schlecht, da man so doch irgendwie das Gefühl bekommt, man hätte jetzt nicht für einen Delfin die Patenschaft übernommen, sondern hochstens sagen wir mal für die Fluke oder eine Brustflosse – während man anderswo bereits für 50 Euro sozusagen „einen ganzen Delfin bekommt“…

    Objektiv gesehen ist das natürlich Unsinn, das Geld wird insgesamt dazu verwendet, die Delfine zu versorgen oder etwas für ihren Schutz zu tun und auch bei individuellen Tierpatenschaften muss kein Tier verhungern, weil z.B. „Nami“ fünf Paten gefunden hat, „Noah“ aber keinen Einzigen…

    geschrieben von Oliver
    1. Hallo Oliver,

      Du schreibst „… das Geld wird insgesamt dazu verwendet, die Delfine zu versorgen oder etwas für ihren Schutz zu tun ..“

      Das kann ich beim WDSF-Lobosonda-Projekt aber gerade NICHT erkennen. Deshalb geht von mir keine müde Mark dorthin.

      geschrieben von Rüdiger
      1. Hallo Rüdiger,

        die Aussage bezog sich nicht auf das WDSF, sondern auf den Nürnberger Tiergarten und die dort lebenden Tümmler bzw. die vom Tiergarten unterstützten Projekte, z.B. in Chile.

        Wie das bei den anderen genannten Organisationen (Deutsche Gesellschaft zur Rettung der Delfine / WDC) ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Die bieten ja auch symbolische Delfinpatenschaften an. Aber vielleicht könnt ihr ja was dazu sagen?

        geschrieben von Oliver
        1. Die Delfinpatenschaften von WDC und Gesellschaft zur Rettung der Delfine unterstützen tatsächlich existierende Forschungs- und Schutzprojekte. Bei WDC z.B. u.a. die Moray Firth Delfine in Schottland, die wissenschaftlich sehr genau studiert werden, und bei der GRD die Delfine im Paracas-Nationalpark in Peru, wodurch die Patenschaften dort vor Ort die Arbeit der Parkwächter finanzieren. In Kroation sind Wissenschaftler von der Universität Zagreb mit GRD-Leuten aktiv, um die dortige Population der Adria-Delfine zu erhalten. Aus den Patenschaften finanzieren sich so einfache aber wichtige Dinge wie Schlauchboote, Fotoausrüstung, Sender zur Markierung von Stellnetzen etc.

          All das gibt es beim WDSF nicht. Das ist für mich Tierschutzbetrug, weshalb ich den Meeresakrobaten hier nur zustimmen kann.

          geschrieben von Benjamin
  2. Sehr guter Bericht zur Weihnachtszeit.

    Auch mir erschließt sich nicht, was das WDSF mit den 50 Euro anfangen möchte. Wie sollenn die Patendelfine von der Spende profitieren? Ich rate dringend: Unterstützen Sie nur solche Organisationen, die Transparenz zeigen und ihr Tun auch belegen können.

    Für die angebliche Rettung von 80 Grindwalen durch das WDSF vor den Färöern oder die Ausbringung von Pingern vor den Färöern und vor Japan gibt es bis heute keinen belastbaren Beweis.

    geschrieben von Rüdiger

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