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Schweinswal – da bläst er!


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Meeresakrobaten, 24. April 2019

Bei den Schweinswaltagen in Wilhelmshaven
(Foto: Rüdiger Hengl)

Schweinswaltage in Wilhelmshaven

„Zu den Schweinswaltagen nach Wilhelmshaven“ – so lautete unser Reiseziel in diesem Frühjahr.

Diese Veranstaltung gibt es bereits seit 2017. Immer im April kann man dann an mehreren Tagen alles über Schweinswale erfahren und sie sogar beobachten. Letzteres ist allerdings nicht ganz einfach, denn die Meeressäuger sind nur etwa 1,60 Meter groß und tauchen äußerst kurz zum Luftholen auf.

Highlight für Einheimische und Touristen

Ausgetragen werden die Schweinswaltage vom Wattenmeer Besucherzentrum Wilhelmshaven und von der Wilhelmshaven Touristik und Freizeit GmbH. Unterstützt werden sie u.a. von den ehrenamtlichen Naturbeobachtern der JadeWale.

Der Besucherzulauf wird jedes Jahr größer. Sehr viele Menschen interessieren sich mittlerweile für die kleinen Wale und deren Lebensraum. Das konnten wir auch während unseres Aufenthalts in Wilhelmshaven feststellen. (Kleine Anmerkung am Rande: In diesem Jahr wurde den Schweinswalen sogar eine Sonderbriefmarke gewidmet.)

Info-Stand der JadeWale an der Südstrand-Promenade in Wilhelmshaven
(Foto: Rüdiger Hengl)

Schweinswale begeistern mich schon lange

Schweinswale haben mich bereits in den 1990er-Jahren begeistert, als ich mich auf Sylt bei mehreren Projekten der „Seevogelrettungs- und Naturschutzstation“ (unter der Leitung von Rolf C. Schmidt und Birgit Hussel) nützlich machte. Man konnte die Meeressäuger damals auch gut von Land aus beobachten.

Bobachtungspunkt an der Südstrand-Promenade

Aber nicht nur Westerland auf Sylt gilt als Hotspot für die Beobachtung, sondern auch Wilhelmshaven am Jadebusen. Die besten Sichtungen von Land aus hat man auf der Südstrand-Promenade.

Die Naturbeobachter von JadeWale

Der Jadebusen bei Wilhelmshaven gilt schon seit vielen Jahren als Geheimtipp unter Whale-Watchern. Doch am besten ist es, den geschulten Augen der Naturbeobachter von JadeWale zu vertrauen. Das sind sechs ehrenamtliche Wal-Freunde, die genau wissen, wie und von wo aus man schauen muss, um die Tiere zu entdecken.

Dazu ist zu den Schweinswaltagen extra eine Station am Südstrand eingerichtet worden und auch Ferngläser lagen bereit. Diese wurden fleißig genutzt, denn die zum dritten Mal ausgetragenen Schweinswaltage (11. bis 18. April 2019) waren DER Renner. Radiosender, Zeitungen und das Fernsehen berichteten – sogar bundesweit – über das Ereignis.

Der Segler „Franzius“
(Foto: Rüdiger Hengl)

Könnt ihr ihn erkennen?
(Foto: Rüdiger Hengl)

Schweinswal vom Schiff aus
(Foto: Rüdiger Hengl)

Wilfried Berg (links) und Michael Hillmann (rechts)
(Foto: Rüdiger Hengl)

Ein großes Kompliment an die JadeWale

An dieser Stelle möchte ich den JadeWalen ein riesengroßes Kompliment aussprechen. Was diese kleine Gruppe seit Jahren auf die Beine stellt, um immer mehr Menschen für Schweinswale und deren Lebensraum zu begeistern, ist unglaublich. Dazu gehören neben geführten Touren für Hobby-Fotografen und Wal-Interessierte auch Informationen in gedruckter Form sowie in Facebook, aber auch Müllsammel-Aktionen, welche die Nordsee sauber halten sollen.

Stellvertretend für alle ehrenamtlichen Mitarbeiter möchte ich mich bei Michael Hillmann, seiner Tochter Tina und Wilfried Berg bedanken. Ich hatte das Glück, mit allen drei ins Gespräch zu kommen und sie bei der Arbeit zu beobachten. Für die Besucher der Südstrand-Promenade – und das waren ganz bestimmt nicht wenige – hatten sie immer ein offenes Ohr und hielten viele Informationen sowie Beobachtungstipps bereit.

Experten an Bord

Doch nicht nur von Land aus kann man in der Nordsee Schweinswale sehen. Während der Schweinswaltage fuhren täglich einmal oder mehrmals Schiffe in den Jadebusen – darunter der Segler Franzius und die MS Harle Kurier. Fast von allen Touren wurden Sichtungen gemeldet.

Auf den Ausflügen gab es von den beiden Walexperten Jan Herrmann und Roger Staves jede Menge Informationen über die Tierwelt in der Nordsee.

Mutter und Kind?
(Foto: Frank Blache)

Von ihnen erfuhr man u.a., dass ein Schweinswal 70 fetthaltige Fische am Tag fressen muss, um seinen Energiehaushalt aufrechtzuerhalten.

Schweinswale bleiben normalerweise ein bis zwei Minuten unter Wasser, bevor sie zum Luftholen auftauchen.

Wenn das Nahrungsangebot knapp ist, machen sich die Meeressäuger auch mal an Flundern. Doch die Plattfische können ihnen zum Verhängnis werden. Denn alle Fische, die größer als 25 cm sind, können sich über den Kehlkopf der Schweinswale legen und damit verhindern, dass sich die Luftröhre ins Blasloch schiebt. Der Wal erstickt.

Unterbrochen wurden die Informationen immer wieder durch Rufe wie: „Schweinswal auf zwölf Uhr“ oder „Schweinswale auf drei Uhr“. Zuvor hatten die Gäste an Bord gelernt, dass die Sichtungsrichtungen nach dem Stundenverlauf einer Uhr eingeteilt sind.

Aquarien an Bord

Mit Eimern und Netzen wurde Meerwasser abgeschöpft, das anschließend auf „Bewohner“ untersucht wurde.

Die kleinen Aquarien, in denen Fische, Krebse und Muscheln vorübergehend ein Zuhause fanden, wurden mit reichlich Sauerstoff versorgt, sodass die Tiere nach der Begutachtung wieder unbeschadet ins Meer entlassen werden konnten.

Franks Vortrag im Besucherzentrum Wattenmeer
(Foto: Rüdiger Hengl)

Unter der „Beute“ waren Schwimmkrabben (ihr fünftes Beinpaar ist mit einer Art Flossen ausgerüstet), Stinte (die kleinen Fische riechen nach Gurke), Grundeln (diese Fische haben einen bulligen Kopf), Seenadeln (längliche Fische, zu denen auch die Seepferdchen gehören) und Schwertmuscheln (scharfkantige längliche Muscheln).

Interessante Vorträge und Wal-Ausstellung

Aber nicht nur unter freiem Himmel wurde viel geboten zu den dritten Schweinswaltagen, sondern auch unter dem Dach des Besucherzentrums Wattenmeer.

Auf den Bildervortrag von Frank Blache (von ihm stammen viele Beiträge und Fotos bei den Meeresakrobaten) habe ich mich besonders gefreut. Meine Vorfreude wurde auch belohnt, denn Frank entführte uns mit tollen Fotos und Geschichten in die Welt der Meeres-Giganten und -Zwerge, die er auf verschiedenen Kontinenten besucht hat.

Im Erdgeschoss des Besucherzentrums befindet sich eine Wal-Ausstellung, zu der auch der bekannte Walexperte und Präparator Günther Behrmann (Gastautor und Berater der Meeresakrobaten) einen großen Teil beigetragen hat.

Es war für mich eine große Ehre, von Günther durch die Ausstellung geführt zu werden und Informationen sowie Anekdoten zu einzelnen Exponaten vermittelt zu bekommen.

Mit Günther Behrmann ins Besucherzentrum Wattenmeer
(Foto: Rüdiger Hengl)

Günther hat bereits acht Pottwale präpariert.
(Foto: Rüdiger Hengl)

Auch mit anderem „Meeresgetier“ kennt sich Günther aus.
(Foto: Rüdiger Hengl)

Schweinswal-Skelett
(Foto: Rüdiger Hengl)

Am 17. April besuchten wir den Vortrag „Walfang – Hintergründe und Einordnungen im Tier- und Artenschutz“ von Jan Herrmann (Tiermediziner und Walexperte).

Nach Jans interessanten Ausführungen konnten die Besucher das Fazit ziehen, dass die Walarten heutzutage weniger durch die Bejagung gefährdet sind als durch die Industriefischerei, Ölverschmutzung, Plastik, Gifte, Zusammenstöße mit Schiffen sowie andere menschengemachte Einflüsse.

Verletzt durch Fischereigerät müssten die Meeressäuger oft ein wochen- und manchmal sogar ein monatelanges Sterben erleiden, erfuhren wir vom Referenten.

Naturbildung kann Walfang beenden

Auch wenn es heutzutage durch die direkte Jagd nicht zur Ausrottung von Walarten kommt, ist sie trotzdem abzulehnen. Jan erklärte uns dazu, dass die Tötungsweise oft nicht mit dem Tierschutzgedanken vereinbar sei. Die Wale und Delfine wären oftmals einem minuten-, manchmal sogar einem stundenlangen Sterbeprozess ausgesetzt, wenn sie mit Explosivharpunen oder Messern und Haken getötet würden.

Jan gab jedoch auch zu bedenken, dass Boykottaufrufe sowie Shitstorm aus dem Ausland die Waljagd nicht beenden, sondern oft das Gegenteil bewirken würden, weil diese zu Trotzreaktionen der Einheimischen führten. (Dieses Argument habe ich auch schon mehrfach bei den Meeresakrobaten angeführt.)

Seiner Meinung nach erwachse die Schutzidee nur daraus, dass man die Tiere immer besser kennenlernt. Es geht also nichts über Naturbildung, die letztendlich auch zu einem Stopp des Walfangs führen wird.

Vortrag von Jan Herrmann
(Foto: Rüdiger Hengl)

Auf die Frage aus dem Publikum, ob denn wenigstens der indigene Walfang zu befürworten sei, antwortete Jan, dass eine Tötung auf traditionelle Weise, wie sie von manchen Völkern noch vorgenommen werde, nicht wünschenswert sei, da das Tier dann oftmals noch größere Qualen erleiden müsse als durch moderne Tötungstechniken.

Ein Highlight jagt das andere

Auf unserer Reise jagte quasi ein Highlight das andere. So möchte ich unsere Besuche in der Seehundstation in Norden-Norddeich nicht unerwähnt lassen und das Waloseum, das nur wenige Kilometer von der Auffangstation entfernt liegt.

Schweinswale mal ganz nah zu erleben, ermöglichte uns das Ecomare-Center auf Texel (Niederlande). Hier leben bereits seit vielen Jahren die beiden Walbullen Michael und Dennis. Michael wurde 2009 und Dennis 2013 aufgenommen. Dennis wies Netzabdrücke auf, die darauf schließen ließen, dass er ungewollt in Fischereigerät gelangt war.

Michael und Dennis

Beide Schweinswale waren erst ein paar Monate alt und von der Mutter verlassen, als sie strandeten. Dies ist auch der Grund dafür, dass sie nicht ins Meer zurückgeführt werden können.

Bei Schweinswalen ist die Jagd nicht angeboren, sondern sie lernen den Beutefang von ihren Müttern. Dieser Unterricht dauert viele Monate.

Schweinswal im Ecomare
(Foto: Rüdiger Hengl)

Schweinswal im Ecomare
(Foto: Rüdiger Hengl)

Anders ist es bei Seehunden. Diese jagen instinktiv und können deshalb nach einer Rekonvaleszenzzeit im Ecomare oder in Norddeich nach durchschnittlich drei Monaten wieder in die Nordsee gebracht werden und ein natürliches Leben führen.

Michael und Dennis werden mit Hering und Lodde gefüttert. Indem sie kleine Aufgaben lernen, bleiben sie geistig und körperlich fit.

Ein Urlaub voller Erlebnisse

Ich könnte ewig weitererzählen – zum Beispiel über unsere Besuche, die wir dem Klimahaus in Bremerhaven und verschiedenen zoologischen Einrichtungen abstatteten. Wer dazu mehr erfahren möchte, dem empfehle ich, Rüdigers Reisetagebuch zu lesen.

Auf der nächsten Seite gibt es noch etwas für den Sehsinn …

Das tolle Foto von den beiden Schweinswalen im Meer stammt übrigens von Frank Blache. Fast alle anderen Bilder hat Rüdiger Hengl gemacht, dem ich an dieser Stelle für die perfekte Reisevorbereitung und die wunderschönen Aufnahmen danke.

Lesetipps

* Rüdigers Tagebuch zu den Wilhelmshavener Schweinswaltagen 2019
* Wilhelmshavener Schweinswaltage (2018)
* Schweinswaltage in Wilhelmshaven (2017)
* Der Pottwal von Baltrum

2 Kommentare

  1. Jetzt habe ich endlich mal Zeit gefunden, Deinen Artikel zu lesen.
    Auf jeden Fall vielen Dank für die interessanten Einblicke und die tollen Fotos!

    geschrieben von Oliver
    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, Oliver! Ich freue mich immer sehr über ein Feedback!

      geschrieben von Susanne

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