Berichte

Der Pottwal von Baltrum


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Gastbeitrag von Frank Blache/17. August 2015

Der Wal- und Delfin-Freund Frank Blache begibt sich sehr oft auf Wal-Tour (siehe dazu auch 20 Jahre Wal-Reisen). Ende Mai verbrachte er eine Woche an der Nordseeküste.

Besucherzentrum des „UNESCO-WELTNATURERBE WATTENMEER-HAUSES“  (Foto: Frank Blache)

Besucherzentrum des
„UNESCO-WELTNATURERBE WATTENMEER-HAUSES“
(Foto: Frank Blache)

Für die Meeresakrobaten hat Frank einen Bericht über ein besonderes Highlight verfasst. Die Meeresakrobaten danken sehr herzlich für diesen Beitrag!

Im Besucherzentrum eines besonderen Hauses

Von Cuxhaven aus unternahm ich einen Abstecher nach Wilhelmshaven, um mir einen ganz besonderen Wal anzuschauen. Im Besucherzentrum des „UNESCO-WELTNATURERBE WATTENMEER-HAUSES“ ist das Skelett eines vor der Insel Baltrum gestrandeten Pottwalbullens zu bestaunen.

Weltweit einzigartig sind die plastinierten Organe

Pottwalskeletten begegnet man natürlich auch in anderen Einrichtungen, aber weltweit einzigartig ist hier die Ausstellung der plastinierten Walorgane wie z.B. Herz, Lunge und Blasloch, die von Gunther von Hagens („Körperwelten“) für die Nachwelt präpariert wurden.

Da das 14 Meter lange Skelett – auf Augenhöhe – freischwebend von der Decke hängt, kann man alles genau und ganz nah betrachten … und staunen, wenn man sich quasi ins Innere des Wals begibt!

So sieht der Wal von innen aus. (Foto: Frank Blache)

So sieht der Wal von innen aus.
(Foto: Frank Blache)

Protokoll einer Strandung

Über den Irrweg des Pottwals berichtet das Protokoll einer Strandung:

Freitag, 04.11.1994
Gegen 10:00 Uhr entdecken Fischer einen noch lebenden, aber verletzten Wal auf einer Sandbank nordwestlich der Insel Baltrum. Vergeblich versuchen sie dem Tier zu helfen. Daraufhin werden die Wasserschutzpolizei, die Küstenbehörden sowie die Nationalparkverwaltung informiert.

Vom Hubschrauber aus kann gegen 14:00 Uhr das inzwischen verendete Tier gesichtet werden. Es liegt auf der rechten Seite, mit dem Kopf und Blasloch unter Wasser. Um ein Verdriften des Wals zu vermeiden, verankert die Besatzung des Baltrumer Seenotrettungsbootes das Tier auf der Sandbank. Es wird beschlossen, den Wal am Montag von dort zu bergen.

Samstag, 05.11.1994
Der Walkadaver hat sich über Nacht losgerissen und treibt im Fahrwasser zwischen Baltrum und Norderney in Richtung Küste. Die Bergung kann nur mittags bei Hochwasser erfolgen.

Gegen 12:30 Uhr wird, nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, die Schlepptrosse an dem Wal vom Seenotrettungskreuzer „Otto Schülke“ aus befestigt.

Der Wal wird in den Hafen nach Norddeich geschleppt und gegen 16:30 Uhr im Osthafen sicher vertäut. Das Medieninteresse ist schon jetzt sehr groß.

Blasloch des Wals (Foto: Frank Blache)

Blasloch des Wals
(Foto: Frank Blache)

Beleuchtete Organe (Foto: Frank Blache)

Beleuchtete Organe
(Foto: Frank Blache)

Sonntag, 06.11.1994
Um 10:00 Uhr erfolgt eine Kontrolle des Walkadavers. Dieser zeigt bereits starke Verwesungserscheinungen und schwimmt durch die Gasbildung auf. Erst jetzt wird das Tier eindeutig als Pottwal identifiziert. Um weitere Verunreinigungen im Hafenbecken zu vermeiden, soll der Kadaver an Land gebracht werden.

Gegen 17:00 Uhr gelingt nach mehreren Versuchen die Bergung mit einem Autokran – der Wal wird am Pier unter Beifall von Tausenden Schaulustigen auf eine Plane gehievt. Ein Transport in die Tierkörperverwertungsanstalt ist aufgrund der starken Gasentwicklung nicht möglich. Der Kadaver könnte platzen. Deshalb soll der Walkadaver am Montag vor Ort zerlegt werden.

Montag, 07.11.1994 – Freitag, 11.11.1994
Am Vormittag reisen Wissenschaftler aus Deutschland und den Niederlanden an. Um den Wal zu entgasen, werden Entlüftungsrohre in seinen Bauch gestoßen. Danach beginnt die Abspeckaktion, in deren Verlauf die Wissenschaftler Organe und Gewebeproben entnehmen.

10 Mann zerlegen den 39 t schweren und 13,8 m langen Wal 5 Tage lang. Fleisch, Fett und Innereien sowie die Körperflüssigkeiten und das Walöl werden entsorgt. Der Wal wird am Pier bis auf die Knochen zerlegt.

Die Walknochen werden am 11. November nach Wilhelmshaven transportiert. Im Klärwerk liegen die Knochen wochenlang im Container mit warmem Wasser, damit Bakterien die Fleischreste zersetzen. Anschließend entfetten die angebohrten Knochen in einer Persil-Lauge über mehrere Monate.
(Quelle: Infotafel im Besucherzentrum UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer)

Unterkiefer des Pottwals (Foto: Frank Blache)

Unterkiefer des Pottwals
(Foto: Frank Blache)

Informationstafel (Foto: Frank Blache)

Informationstafel
(Foto: Frank Blache)

Der Zeitzeuge Günther Behrmann (Foto: Frank Blache)

Der Zeitzeuge Günther Behrmann
(Foto: Frank Blache)

Informationstafel in der Ausstellung (Foto: Frank Blache)

Informationstafel in der Ausstellung
(Foto: Frank Blache)

Teile des Pottwals werden haltbar gemacht

Der Pottwal von Baltrum hatte übrigens 42 Zähne im Unterkiefer und 10 Zähne im Oberkiefer.

Das Blasloch wurde wie das Herz, der Bronchialbaum der Lungen und der Penis des Wals von Gunther von Hagens plastiniert. Die Zellflüssigkeit wird bei diesem Konservierungsverfahren durch Kunststoff ersetzt. Dadurch sind die Organe für lange Zeit haltbar.

Herzstück der Walausstellung ist natürlich das Skelett des Pottwals, aber auch an zahlreichen interaktiven Multimedia-Stationen erfährt man viel Erstaunliches über die Meeressäuger – vom heimischen Schweinswal bis zum gigantischen Blauwal.

Alle Besucher sind herzlich zum Mitmachen, Ausprobieren, Staunen und Zuhören eingeladen.

Lesetipps

* Günther Behrmann und der Pottwal von Cuxhaven
* Ein dreifaches Hoch auf den Wal-Experten
* Mann im Pottwal
* Wal-Experte bei der Arbeit

Ein Kommentar

  1. Hochinteressante Ausstellung, hochinteressanter Bericht!

    geschrieben von Rüdiger

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