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Heißt „domestiziert“ vogelfrei?


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Meeresakrobaten, 7. November 2019

Delfine in Nürnberger Lagune
(Foto: Rüdiger Hengl)

Gäbe es eine Zollkontrolle für Begriffe, so würden folgende Wörter die Grenze unbesehen passieren können: Klimaschutz, Bioprodukte, Nachhaltigkeit, domestiziert.

Begriffe sind unantastbar

Sie signalisieren dem Leser und Hörer, dass alles in Ordnung ist. Denn wer von uns will nicht das Klima schützen? „Bio“ steht für Leben und Gesundheit und „Nachhaltigkeit“ bedeutet, dass wir etwas für die Generationen nach uns tun.

Diese Wörter und noch viele mehr werden bereits inflationär gebraucht und statten den Benutzer mit einer Art Freibrief aus. Diese Begriffe sind unantastbar, werden nicht hinterfragt.

Sind domestizierte Tiere vogelfrei?

Doch wie fügt sich das Adjektiv „domestiziert“ in die „Zauberwort-Reihe“ ein? Darauf möchte ich im Folgenden etwas genauer eingehen.

Domestizierte Tiere sind Tiere, die in einem Ausleseprozess über mehrere Jahrhunderte oder Jahrtausende an den Menschen gewöhnt wurden. Dazu fallen uns Pferde, Kühe, Katzen und Hunde ein.

Beim Streit darum, ob man Delfine in Zoos halten kann, wird als Argument immer gebracht, dass die Meeressäuger nicht domestiziert seien und sich deshalb nicht für eine Haltung in menschlicher Obhut eignen würden.

„vogelfrei“
(Foto: Rüdiger Hengl)

„Domestiziert“ scheint ein Freibrief zu sein für sämtliche Haustierhaltungen – egal ob es um Hund, Katze oder Maus geht.

Sind diese Tiere etwa vogelfrei?

Man könnte es fast meinen, wenn man sieht, wie zig Millionen Haustiere ihr Dasein in menschlicher Obhut verbringen: nämlich einsam … Herrchen oder Frauchen gehen einer Berufstätigkeit nach und können sich nur nach einem 11-stündigen Arbeitstag um Minka oder Strolch kümmern.

Spricht man die Tierhalter darauf an, dass das Alleinelassen eines Hausgenossen doch bestimmt nicht im Interesse des Tieres sei, bekommt man zur Antwort: „Das macht Peterle nichts aus. Er ist das gewöhnt. Außerdem handelt es sich bei ihm um eine domestizierte Katze. Mit einem wilden Tier kann man selbstverständlich nicht so verfahren. Das ist ja nicht domestiziert und braucht seine Freiheit.“

Gilt „tiergerecht“ nur für die Haltung von Zootieren?

Seriöse Einrichtungen legen größten Wert auf eine tiergerechte Haltung ihrer Schützlinge. Der Weltzooverband WAZA hat speziell, was diesen Punkt angeht, ein Auge auf alle Mitglieder.

Die World Organisation for Animal Health hat fünf Kriterien aufgestellt, die jeder Zoo erfüllen muss. Man nennt diese auch die „fünf Freiheiten“:

* Freiheit von Hunger, Durst und Fehlernährung,
* Freiheit von Angst und Qual,
* Freiheit von physischem und thermischem Unbehagen,
* Freiheit von Verletzungen und Krankheiten sowie
* Freiheit, die normalen Verhaltensweisen ausleben zu können.

Im Blauen Salon
(Foto: Rüdiger Hengl)

Da es sich bei diesen Kriterien um Mindeststandards handelt, müssen sie folglich auch auf domestizierte Tiere anwendbar sein. Doch wie sieht es da aus?

Zu Punkt 1: Hunger, Durst und Fehlernährung

Es gibt eine große Zahl an Hunden und Katzen, die wegen Fehlernährung übergewichtig und dadurch in ihrer Bewegungsfähigkeit massiv eingeschränkt sind. Manche „Tierfreunde“ versuchen sogar, ihre Katze vegan zu ernähren, und wundern sich dann, dass ihr Stubentiger nicht alt wird. Die Erfüllung des ersten Punktes ist also Fehlanzeige …

Die in Deutschland gehaltenen Delfine bekommen dagegen eine ganz individuelle Gabe an Futter, unterschieden nach dem Alter und dem allgemeinen Zustand (z.B. Trächtigkeit, Organveränderung). Fehlernährung steht hier nicht zur Debatte.

Zu Punkt 2: Angst und Qual

Dass „domestizierte“ Nutztiere unter großer Angst leiden, wenn sie in einen Viehtransporter gepfercht werden, kann jeder einfühlsame Mensch nachempfinden. Auch Tierquälerei ist bei Nutztieren keine Ausnahmeerscheinung. Geht man von Tierquälerei bereits dann aus, wenn ein Tier fehlernährt wird, dann ist die Quote noch viel höher.

Bei Delfinen in den deutschen Einrichtungen werden laufend Untersuchungen zu den Stresshormonen durchgeführt. Diese sind nicht auffälliger als bei Tieren in freier Wildbahn. Körperliche Gewalt wird gegen die Großen Tümmler selbstverständlich nicht angewandt. Kein Betreuer will sich den Delfin zum Gegner machen, sondern zum kooperierenden Partner (siehe hierzu auch den Artikel Delfintraining für Pferde).

Wasserrohre unter der Delfin-Lagune
(Foto: Rüdiger Hengl)

Zu Punkt 3: Physisches und thermisches Unbehagen

Führen Leinen für Katzen oder Kaninchen zum Unbehagen der Tiere? Wirkt sich das stundenlange Eingesperrtsein negativ auf die Psyche eines Border Collies aus? Diese Fragen kann sich jeder leicht selbst beantworten, der einmal ein Tierbuch in die Hand genommen und gelesen hat.

Die Wasseraufbereitungsanlagen in Duisburg und Nürnberg funktionieren nach neustem Standard. Auf die Zugabe von Chlor wird schon lange verzichtet. Von physischem und thermischem Unbehagen kann also nicht ausgegangen werden.

Zu Punkt 4: Verletzungen und Krankheiten

Aus finanziellen Gründen wird manches Haustier nicht medizinisch versorgt. Katzen werden teilweise absichtlich nicht gechippt, damit der Halter nicht ausfindig gemacht und zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn sie in einen Verkehrsunfall verwickelt wurden. Nur wenige Haustiere werden für einen Gang zum Tierarzt im Vorfeld trainiert; sie reagieren dann meist panisch, wenn sie in eine Praxis gebracht werden.

Auch der Atem wird untersucht und in einer …
(Foto: Philipp Kroiß)

Delfine lernen im Medical Training, mit einem Tierarzt oder Pfleger zu kooperieren. Sie werden optimal medizinisch versorgt und erhalten je nach Bedarf die Menge an Medikamenten, die sich in Studien als erfolgversprechend erwiesen haben. So bekommen Delfine beispielsweise Appetitanreger, wenn sie krank sind. Da sie Süßwasser ausschließlich über die Nahrung aufnehmen, würde das Verweigern von Futter zwangsläufig zu einem Dehydrieren führen.

Zu Punkt 5: Normale Verhaltensweisen

Ein Hund ist ein vom Geruchssinn geleitetes Tier. Für ihn ist es nicht normal, ausschließlich in einem großen Garten gehalten zu werden. Dort riecht er immer nur sich selbst und keine Artgenossen. Außerdem erfordert das soziale Wesen vieler Tiere, dass sie nicht alleine, sondern mit Artgenossen gehalten werden oder sie müssen zumindest genügend Möglichkeiten haben, sich mit diesen auszutauschen.

Zu den normalen Verhaltensweisen bei Tieren gehört auch die Fortpflanzung. Diese wird den meisten Haustieren durch Kastration verwehrt.

In deutschen Delfinarien wird immer wieder versucht, dass die Gruppe durch Neuzugänge oder Nachwuchs Abwechslung und Zusammenhalt erfährt. Alte Tiere lassen sich von Kälbern zum Spiel auffordern, junge Tiere lernen von den älteren.

Sunny und Nami
(Foto: Rüdiger Hengl)

Domestikation bedeutet also nicht, dass sich Tiere dem Menschen unterzuordnen haben. Sie sind nicht vogelfrei. Ihre Haltung muss genauso tiergerecht sein wie die der Großen Tümmler in Nürnberg und Duisburg.

Delfine sind habituiert

Delfine sind zwar nicht domestiziert, aber sie sind habituiert.

Unter Habituierung versteht man die Gewöhnung an die Nähe zu Menschen.

Habituierte Tiere sind weniger scheu als andere, ihre Distanz zum Menschen ist gering. So schwächt sich z.B. die Fluchtbereitschaft bei Kaninchen allmählich ab und bleibt schließlich ganz aus, wenn anfangs Furcht erregende Bewegungen über dem Käfig keine negativen Konsequenzen für das Tier haben.

Viele Füchse in unseren Städten sind habituiert, flüchten kaum vor Menschen und leben ohne Sorge in deren unmittelbaren Nähe.

Delfine suchen Nähe der Betreuer

Habituierte Tiere haben sich also an uns gewöhnt und arrangieren sich mit uns. Das kann man ganz gut in seriösen Zoos – wie Nürnberg oder Duisburg – sehen. Die Delfine suchen die Nähe der Betreuer, nicht nur weil sie Futter wollen. Sie kooperieren mit ihnen, wenn es um medizinische Untersuchungen geht.

Rocco
(Foto: Tiergarten Nürnberg)

Betreuung rund um die Uhr

Anders als viele Haustierbesitzer kümmern sich die Betreuer in zoologischen Anlagen rund um die Uhr um ihre Schützlinge.

Spiel und Training stehen ganz oben an, damit es den Delfinen nicht langweilig wird und sie genügend Bewegung haben. Denn genauso wie Hunde oder Katzen müssen sie ihr Futter nicht jagen, sondern bekommen es gestellt.

Doch während Hund und Katz vor sich hindösen und immer dicker und manchmal verhaltensgestört werden, schaut man in Delfinarien darauf, dass die Tiere genügend Abwechslung haben.

Das Wort „domestiziert“ ist also kein Freibrief. Oft versteckt sich der Benutzer dieses Begriffes hinter einer Theorie, die nicht von vornherein etwas mit Tierwohl zu tun haben muss.

Lesetipps

* Delfintraining für Pferde
* Sind Zootiere Strafgegangene?
* Sind Delfine klüger als Hunde?
* Welchen Tieren geht es in Deutschland besser – Pferden oder Delfinen?
* Wohlbefinden zeigt sich im Tierverhalten
* Delfinarien
* Biologen-Blog

2 Kommentare

  1. Ich bekomme es ja beruflich mit, wie so manche Leute ihre Tiere halten. Darunter auch solche, die in Tierschutzvereinen engagiert sind. Aber den Tieren beispielsweise ein ausreichend großes Gehege zur Verfügung stellen zu müssen gilt nur für die Anderen, nicht aber für das eigene Tier. Da wird dann argumentiert, dass der Platz schon ausreichend sei und beispielsweise ein etwas größeres Terrarium zu teuer wäre.

    geschrieben von Oliver
    1. Ja, die Erfahrung mache ich auch immer wieder: Es sind immer die anderen … Vor der eigenen Haustüre wird meist nicht gekehrt …

      geschrieben von Susanne

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