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Boykottaufrufe bewirken Gegenteil


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Meeresakrobaten, 30. August 2017

Organisationen und Aktivisten aus aller Herren Länder protestieren seit Jahrzehnten gegen den Grindwalfang auf den im Nordatlantik gelegenen Färöer Inseln.

Färöer Inseln
(Foto: Project Blue Sea)

Doch keine Aktion hat das Töten bisher beenden können. Zwischen Mai und August mussten in diesem Jahr über 1.300 Grindwale und Weißseitendelfine ihr Leben lassen, wie man in der Statistik von www.heimabeiti.fo sehen kann.

Die Färinger füllen die Kühlhäuser mit dem Fleisch der Tiere. Es wird in den meisten Fällen kostenlos an die Bewohner abgegeben.

Ressourcen aus dem Meer

Schon seit Jahrhunderten greifen die Färinger auf Ressourcen aus dem Meer zurück. Klar, das tun andere Länder ebenfalls. Auch in Deutschland boomt der Fischverzehr. Und keinen interessiert es so richtig, woher der Inhalt des leckeren Sushi-Röllchens stammt. Hauptsache es schmeckt gut. Oder denken wir an das Geflügel, die Rinder und Schweine, die ausschließlich zum Verzehr gehalten werden (zum Teil unter erbärmlichen Bedingungen).

Wir zeigen mit dem Finger auf die „Bösen“

Das halten uns die Färinger auch immer wieder vor, wenn wir gegen den Grindwalfang mobil machen, wenn wir mit Schimpfkanonaden gegen die Inselbewohner vorgehen, wenn wir gar fordern, dass Kreuzfahrtschiffe die Inseln nicht mehr anfahren sollen. Wir essen Säugetiere oder auch Fisch und Geflügel und zeigen mit dem Finger auf die „bösen Schlachter“ im Nordatlantik.

Grindwaljagd auf den Färöer Inseln
(Foto: Grindaboð.fo)

Meiner Meinung nach forciert wird das Ganze vom WDSF/Hagen (Wal- und Delfinschutz-Forum), das seinen Anhängern u.a. weismachen möchte, mit Kritik an Kreuzfahrtunternehen (welche die Färöer Inseln anlaufen) würde das Problem gelöst. Nach meiner Beobachtung wird es das keinesfalls. Das beweisen auch die hohen Tötungszahlen in diesem Jahr.

Das WDSF behauptet auf seiner Website, die drei Reiseunternehmen AIDA, Costa Crociere und Hapag-Lloyd soweit beeinflusst zu haben, dass sie die Färöer Inseln seit 2016 nicht mehr anfahren würden. Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass mit diesem „Boykott“ auch die Tötungszahlen geschrumpft sind. Doch in den Jahren vor 2016 – als die Inseln noch angefahren wurden – gab es wesentlich weniger Grindwal-Schlachtungen auf den Färöer Inseln als heute …

Auch ich bin gegen den Grindwalfang. Warum, das habe ich schon oft erklärt, zum Beispiel in der eigens zu den Färöer Inseln eingerichteten Rubrik SOS – Färöer Inseln.

Doch meiner Meinung nach (und da fühle ich mich auch durch Kenner der Inseln – wie zum Beispiel Hans-Peter Roth – bestätigt) führen Wutausbrüche und Boykottaufrufe bei einem weitgehend autarken Land genau in die gegenteilige Richtung. Beleidigungen und Drohungen via Facebook zum Beispiel bewirken, dass die Färinger noch mehr zusammenhalten und aus einem patriotischen Gegenreflex heraus noch mehr schlachten.

Grindwaljagd auf den Färöer Inseln
(Foto: Eileen Sanda/Wikimedia)

Jürgen Ortmüller und TUI

Jürgen Ortmüller – nach eigenen Angaben hauptberuflich Steuerberater und außerdem Geschäftsführer des WDSF – möchte nun auch TUI Cruises dazu bringen, die Inseln nicht mehr ins Programm aufzunehmen. Diese Forderung hat er auch bei einer kleinen Demonstration vor einigen Tagen vor der Zentrale von TUI Cruises in Hamburg untermauert.

TUI Cruises geht eigenen Weg

TUI Cruises hat jedoch bereits vor zwei Jahren die Kritik von Jürgen Ortmüller abgewiesen. In einem Schreiben hat das Reiseunternehmen damals erklärt, dass die Problematik auf den Färöer Inseln selbstverständlich bekannt sei und dass das Unternehmen die Ausübung des Walfangs scharf verurteile.

„Einen Boykott halten wir in diesem Zusammenhang jedoch grundsätzlich nicht für einen konstruktiven Ansatz“, lautete die Reaktion auf Ortmüllers Forderung. Das Unternehmen wolle lieber die „Gäste an Bord über die Situation aufklären, um ein Bewusstsein für die Vorkommnisse in den Regionen zu schaffen“. (Quelle: Osnabrücker Zeitung)

Ortmüllers Demo auf den Färöer Inseln
(Foto: MA)

Ansatz ist erfolgversprechend

Genau dies halte ich für den erfolgversprechenderen Ansatz: Die Gäste auf dem Schiff sollen über den Walfang informiert werden. Dann nämlich besteht die Chance, dass die Touristen mit den Einheimischen ins Gespräch kommen und diesen klarmachen, dass heutzutage die Jagd auf Wale und Delfine abzulehnen ist.

Natürlich wäre es erstrebenswert, wenn die Urlauber etwas Hintergrundwissen über die „Jagd auf Wild in Deutschland“ und die „Jagd auf Wale rund um die Färöer Inseln“ hätten. Denn es ist tatsächlich so, dass man nicht die Tierzucht bei uns mit dem Wildfang auf den Färöern vergleichen kann, sondern nur die Jagd auf wilde Tiere. Und da gibt es schon beträchtliche Unterschiede. Man denke da nur an die Reproduktionsrate von Hasen und Wildschweinen und die von Walen.

Änderungen vollziehen sich langsam

Nachhaltige Änderungen vollziehen sich langsam. Vor allem wenn ein Brauch auf lange Tradition gründet. Daher fände ich es viel sinnvoller, wenn die Färöer Inseln von vielen Reiseunternehmen ins Programm aufgenommen würden. Auf den Schiffen und auch schon davor in den Reiseunterlagen könnten die Anbieter darauf hinweisen, dass es im Urlaubsland Waltötungen gibt (wie übrigens in Norwegen, in Peru, in Island und in Japan auch), das Unternehmen sich aber davon distanziert. Aufklärung (siehe oben) und das Betreten eines Landes kann meiner Meinung nach viel mehr bewirken als den Hass gegen eine Bevölkerung zu schüren, die man gar nicht persönlich kennt.

Sowerby-Zweizahnwal auf Briefmarke der Färöer Inseln (Quelle: Wikipedia)

Höflich und respektvoll

Wie bereits in früheren Beiträgen appelliere ich auch heute an euch, dass ihr eine höfliche und respektvolle Form wählt, wenn ihr mit den Bewohnern eines fremden Landes Kontakt aufnehmt (egal ob per Brief, Mail oder als Tourist). Eine Bitte kann da mehr bewirken als eine Beleidigung oder die Schaffung eines Feindbildes.

Wenn ihr als Tourist auf die Färöer Inseln (oder nach Norwegen, Island, Peru oder Japan) kommt, bitte ich euch, kein Walfleisch zu probieren. Ein „Nein danke, ich lehne den Walfang ab!“ kann hier viel bewirken.

Große Erfolge in Island

In Island gibt es schon große Erfolge. Bereits 70 Restaurants haben sich der Aktion „Meet us, don’t eat us“ angeschlossen. Sie bieten auf ihrer Speisekarte kein Walfleisch an. Auch hier zeigt sich, dass sich mit Hintergrundwissen sowie dem Aufenthalt in einem Walfangland einiges bewegen lässt.

Warum sollte man also die Chance vertun und die Inselbewohner durch Boykottmaßnahmen noch mehr von der Außenwelt trennen? Die Folge wäre, dass es keine Änderung gibt und kein Meinungs- sowie Argumentenaustausch mehr stattfindet. Geschlachtet wird unterdessen weiterhin …

Lesetipps

* SOS – Färöer Inseln
* Die Färinger und der patriotische Gegenreflex
* Auf Augenhöhe miteinander reden
* Überlegungen zur Grindwaljagd
* Sinkende Fangrate

Ein Kommentar

  1. Siehe auch Artikel
    „TUI unterstützt Walschutzvereine“
    http://www.meeresakrobaten.de/2017/09/tui-unterstuetzt-walschutzvereine/

    geschrieben von Susanne

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