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Kritischer Kommentar zu Andreas Morloks Aktion „Delfinbefreiung“


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Kommentar von Susanne / Meeresakrobaten – 7. Juni 2007

Andreas Morlok, den ich während der IWC-Tagung im Juni 2003 in Berlin kennengelernt habe, setzt sich seit vielen Jahren unermüdlich für den Walschutz ein. Er „marschiert gegen die Harpunen“, strampelt sich für die Wale ab, die aus sogenannten „wissenschaftlichen Zwecken“ getötet werden, und paddelt gegen den kommerziellen Walfang (siehe auch Andreas Website walschutzaktionen.de). Ich finde es bewundernswert, was er in seiner Freizeit alles für die bedrohten Meeressäuger unternimmt.

Streifendelfine in Ligurien/Italien

Barfuß mit „Delfin-Knast-Sarg“ im Schlepptau

Doch von seiner aktuellen Aktion „Wir schließen das Nürnberger Delfin-Gefängnis“ möchte ich mich vehement distanzieren. Andreas hat vor, barfuß mit einem selbst gebastelten „Delfin-Knast-Sarg“ im Schlepptau von Radolfzell (seinem Wohnort) nach Nürnberg zu marschieren, wo er zusammen mit mehreren Delfin-Befreier-Gruppen die Schließung des Nürnberger Delfinariums erzwingen möchte.

Warum ich mich von diesem spektakulären Vorhaben distanziere und trotzdem nicht zu den Anhängern der Delfinarienindustrie zähle, möchte ich im Folgenden ausführen. Übrigens, sämtliche Abbildungen auf dieser Seite stammen nicht aus Delfinarien, sondern zeigen Delfine (in diesem Fall Streifendelfine und Grindwale) in ihrem natürlichen Lebensraum … (Zum Vergrößern bitte anklicken.)

Rüdiger Hengl

Streifendelfin im Ligurischen Meer

Fehlgeschlagene Delfin-Befreiungen

„Wir schließen das Nürnberger Delfin-Gefängnis“ – so lautet das Motto von Andreas Morlok und den Delfin-Befreiern aus Nürnberg. Die Delfine sollen ausgewildert werden oder in einer geräumigen Bucht unter menschlicher Obhut ihr weiteres Dasein fristen, so das Ziel der Aktivisten (siehe auch Website walschutzaktionen.de). Ich gebe zu bedenken: Die mehrere Millionen Dollar teure „Befreiung“ von Keiko („Free Willy“) hat dem Orca vor ein paar Jahren bekanntermaßen nicht die von den Sponsoren gewünschte Freiheit, sondern seinen Tod gebracht. Auch einige Aktionen von Ric O’Barry (dem Delfin-Befreier schlechthin) schlugen leider fehl, da die Großen Tümmler ihre geschenkte Freiheit nicht akzeptierten, sondern sich weiterhin den Menschen bzw. ihren Booten näherten, um Futter zu erbetteln. Die Delfine scheinen offenbar das gleiche uns von Menschen bekannte Verhaltsmuster verinnerlicht zu haben – nämlich den Weg des geringsten Widerstandes zu nehmen: „Wenn ich gefüttert werde, dann muss ich schon nicht selbst auf die Jagd gehen.“ Es ist also äußerst fragwürdig, dass Delfine, die einmal daran gewöhnt wurden, Fische aus Menschenhand zu empfangen, wieder zu einem „artgerechten“ Verhalten zurückkehren. Was die „geräumige Bucht“ betrifft, in welche die Nürnberger Delfine (als Alternative zum Auswildern) eventuell gebracht werden sollen, habe ich folgende Fragen:

Wer, wie, wo?

Wer soll die Tiere betreuen?

Wie soll die „delfin-freundliche“ Bucht finanziert werden?

Wo befindet sich diese „delfin-freundliche“ Bucht?

Ist das Ganze letztendlich nicht nur eine Verlagerung von einem „Knast“ in ein etwas geräumigeres „Gefängnis“?

Springender Streifendelfin

Traumatisierung beim Transport aus dem Delfinarium

Andreas schreibt auf seiner Website: „Die allgemeinen Umstände bei der Gefangennahme, das Herausgerissen werden aus den gewohnten sozialen Strukturen, sowie der oft tagelange Transport in einer engen Kiste bedeuten für die Tiere ein Trauma, das nach Meinung von Experten nicht selten zu physischen und emotionalen Störungen führt.“ Er meint damit den Transport in Delfinarien. Wie aber sieht es mit dem Transport aus einem Delfinarium aus? Auch da wird das Individuum aus seiner gewohnten sozialen Struktur herausgerissen und muss unter Umständen auf einem tagelangen Transport in einem engen Behältnis ausharren. Wer garantiert dafür, dass diese Maßnahmen nicht zu einem erneuten Trauma führen?

Das eigentliche Übel

Ein weiterer Kritikpunkt, den ich hier äußern möchte, ist, dass Andreas das „eigentliche Übel“ – nämlich das Delfin-Massaker, das Jahr für Jahr vielen Tausend Delfinen in Japan das Leben kostet – mit der Delfin-Haltung in europäischen Tiergärten verquickt. In der Rubrik „Japan – Land der blutenden Buchten“ wird bei den MEERESAKROBATEN aufgezeigt, welch grausamen Tod Delfine in einigen japanischen Buchten – wie z.B. bei Taiji – erleiden müssen, nur weil die Delfin-Schlachtung dort zur Tradition gehört und weil die japanischen Fischer aus den betreffenden Küstenorten der Meinung sind, dass die Delfine ihnen den Fisch wegfressen. Bekannt ist auch, dass ein paar wenige Delfine bei diesem von der japanischen Regierung geduldeten Massaker ausgesondert und an Delfinarien auf der ganzen Welt (vor allem in Asien) verkauft werden.

Von Dr. Helmut Mägdefrau, dem stellvertretenden Zoodirektor aus Nürnberg, habe ich erfahren, dass seines Wissens kein einziger Großer Tümmler in Europas Delfinarien aus Japan stammt. Warum verlinkt Andreas also auf einen grausamen Film, der ausschließlich ein Dokument für die Delfin-Schlachtung in Japan darstellt, aber in keinster Weise die Problematik „Delfinarien“ aufgreift, schon gar nicht derjenigen in Europa? Andreas Worte: „Wenn Sie erfahren möchten, wie Delfine zum Beispiel in Japan gefangen werden, um dann auch an Delfinarien in aller Welt veräußert zu werden, dann sehen Sie sich folgendes Video an: …“ (Noch einmal: Auf dem Video ist keine Gefangennahme zu sehen, sondern „nur“ die brutale Abschlachtung der Meeressäuger! Der Betrachter, der gegen die Delfinarien aufgebracht werden soll, hat seine Nerven also unnötig strapaziert …)

Streifendelfin

Andreas schreibt: „Nur durch die gewinnbringende Veräußerung der Meeressäuger an die Delfinarium-Industrie können die Delfinfischer überhaupt noch existieren. Würden also die Delfinarien schließen, gäbe es zwangsläufig auch diese Abschlachtungen nicht mehr.“ Meiner Meinung nach werden die Delfine in Japan auch nach Schließung aller Delfinarien bestialisch abgeschlachtet werden, solange bei der japanischen Regierung und bei den Fischern kein Umdenken stattfindet, weil die Argumente „Tradition“ und „Fresskonkurrenten“ viel stärker zählen als der Gewinn aus der Delfinarienindustrie. Bekräftigt wird meine Meinung durch die Tatsache, dass Japan nicht davon ablässt, auch Großwale zu töten (da besteht nun ja wirklich kein Interesse für die Gefangennahme!), weil diese vermeintliche Nahrungskonkurrenten sind und weil die Japaner „schon immer“ Jagd auf Wale gemacht haben …

Geplanter Bau einer Lagune

Zurück nach Nürnberg. Dort ist geplant, für die Delfine eine artgerechtere neue Behausung zu bauen, die sogenannte Lagune. Andreas: „Es ist eine Täuschung der Öffentlichkeit, zu behaupten, der geplante Bau der sogenannten „Lagune“ könne den Meeressäugern ein artgerechtes Leben bieten. In diesem geplanten Außenbecken ist der Schwimmbereich nur 60 Meter lang und 30 Meter breit; an der tiefsten Stelle ist es gerade einmal sieben Meter tief. Im Ozean schwimmen diese Tiere täglich bis zu 250 Kilometer!“ Dass keine Zoo-Haltung „artgerecht“ sein kann im Sinne von: „Die Tiere können sich genauso entfalten, wie sie es in ihrem natürlichen Lebensraum gewöhnt sind“, ist allgemein bekannt. Da könnte man wahrscheinlich stundenlang diskutieren, was der Mensch darf und was nicht (aber: „darf“ er auf Kosten der Umwelt zu weit entfernten Orten fliegen, an denen Whale-Watching möglich ist …) Ich finde es richtig, die derzeitige Delfin-Haltung zu optimieren und den Tieren mehr Platz zur Verfügung zu stellen.

Schnell den Foto gezückt

Andreas: „Außerdem sind die Delfine durch viel mehr Besucher (bis zu 2.500 Personen) einem viel größeren Stressfaktor ausgesetzt.“ Frage: Können Delfine zählen?

Beobachtungen in Eilat

Andreas verweist auf seiner Website auf die FU Berlin. Dort haben 1995 mehrere Verhaltensbiologen aufgezeigt, dass eine artgerechte Haltung von Delfinen grundsätzlich möglich sei (Andreas nennt das Ganze „Auswilderungsprogramm“). Zitat: „Dass eine artgerechte Haltung von Delfinen grundsätzlich möglich ist, zeigt ein Projekt israelischer Meeresbiologen in Eilat am Roten Meer. Zwei bedeutsame politische Entwicklungen begünstigten die Entstehung des Projekts: Durch den Zerfall der Sowjetunion verwaisten Delfin-Forschungsinstitute am Schwarzen Meer, und durch den Friedensprozess im Nahen Osten boten sich in Eilat gute Voraussetzungen für ein großes Freigehege. Die Tiere, zwei Männchen und drei Weibchen, wurden den Russen abgekauft und in einem 14.000 Quadratmeter großen, eingezäunten Gebiet im Roten Meer ausgesetzt. Durch den Zaun können viele Meeresorganismen herein- und heraus schwimmen. Die Delfine fangen einen Großteil ihrer täglichen Nahrung selbst. Das Projekt hat sich inzwischen zu einem gewinnträchtigen Publikumsmagneten entwickelt: 250.000 Besucher kommen jährlich zu den Vorführungen und einige dürfen sogar – unter Aufsicht – mit den Delfinen schwimmen und tauchen. Diese Vorführungen und die Kontaktaufnahme beruhen auf der freiwilligen Mitarbeit der Delfine. Der Touristenrummel bleibt stets auf einen Teil ihres Gebietes beschränkt und findet nur zu bestimmten Zeiten statt. Unter besonderen Umständen, wie bei der Geburt eines Kalbes, bleiben die Menschen ganz ausgesperrt. Das Erstaunliche ist jedoch, dass die Delfine selten eine Show versäumen, obwohl sie nicht mehr – wie in den Delfinarien üblich – für ihre Kunststücke mit Leckerbissen belohnt werden. Ihnen reicht offensichtlich das Lob ihrer Trainer und die Aussicht auf Abwechslung. Inzwischen öffnet sich den Delfinen sogar ab und zu das Tor zur Freiheit. Davon machen sie aber nur zögernd und vorübergehend Gebrauch.“ Für mich ein Beweis dafür, dass die Delfine selbst Gefallen an sogenannten Shows finden und diese keineswegs eine Quälerei für die Tiere darstellen …

Fazit

Meine Aktivitäten werden sich in Zukunft auch weiterhin auf die „eigentlichen Gefahren“ konzentrieren, denen Delfine ausgesetzt sind.

Grindwal-Baby (Foto: Sanremo Navigazione)

Auch diese gehen allesamt vom Menschen aus. Man denke nur an die Meeresverschmutzung sowohl durch Öl, Müll und Lärm (siehe hierzu auch das Meeresakrobaten-Kapitel „Bedrohungen“). Über 300.000 Delfine verenden jährlich in Treibnetzen – den kilometerlangen Todeswänden im Meer. Ganz furchtbar sind die bereits oben erwähnten Delfin-Massaker, die Jahr für Jahr sowohl auf den Färöer Inseln – Anmerkung: Grindwale gehören auch zu den Delfinen – und in Japan stattfinden (umfangreiche Informationen hierzu unter: „Japan – Land der blutenden Buchten“).

Weitere Informationen über, gegen und aus Delfinarien bei den Meeresakrobaten:

Ferdinand und Co. im Duisburger Zoo

Besuch bei Senior-Delfin Moby

Pro und Contra Marineland

Große Tümmler leiden in winzigen Betonbecken

Ein Tag im Dolfinarium Harderwijk

Delfinen begegnen – im offenen Meer oder im geschlossenen Becken?

Jackie und die Delfine

Ganz nah bei den Delfinen

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