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Delfine in deutschen Delfinarien – Fragen und Antworten


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Der Naturwissenschaftler Norbert Fleck interessiert sich schon sehr lange für Delfine. Er hat Delfinarien-Betreiber sowie Biologen zur Haltung von Großen Tümmlern in Deutschland befragt. Dabei ist eine ansehnliche Sammlung an Fakten zusammengekommen.

Im „Blauen Salon“, Nürnberg (Foto: Rüdiger Hengl)

Die MEERESAKROBATEN bedanken sich bei Norbert Fleck für die Überlassung seiner Recherchen. Ein Teil davon wird hier wiedergegeben.

Delfine schwimmen Hunderte Kilometer am Tag und tauchen bis zu 300 m tief. Wie kann man sie dann in Delfinarien einsperren?

Es gibt – je nach Zählweise – ungefähr 30 bis 40 verschiedene Delfinarten und Unterarten. Vom kaum 60 kg schweren Hector-Delfin, der vor Neuseeland seinen Lebensraum hat, bis hin zum Schwertwal (Orca), der mit bis zu 9 Tonnen Lebendgewicht ebenfalls noch zu den Delfinen zählt.

Dazwischen gibt es Arten, die in Flüssen leben (Süßwasserdelfine), Arten, die engräumige Küstenlagunen besiedeln, Arten, die Flachwasser bevorzugen, und natürlich auch solche, die in den Weiten der Ozeane leben.

Wandernde Arten (wie z.B. Spinnerdefine, Atlantischer Fleckdelfin, Gemeiner Delfin oder auch die bis zu 600 kg schwere Hochseeform des Großen Tümmlers) sind für die Haltung in Delfinarien bekanntermaßen nicht geeignet. Entsprechende Versuche wurden – zumeist aus Unkenntnis – zwar bis in die 70-er Jahr hinein unternommen (u.A. auch von Jacques Cousteau), diese wurden aber nach der wissenschaftlichen Auswertung sehr bald eingestellt.

Großer Tümmler (Foto: Susanne Gugeler)

In seriösen Delfinarien werden heute nur noch Arten gehalten, die von Natur aus an geringe Wassertiefen und kleine Reviere gewöhnt sind. Hierzu zählen auch die in Nürnberg gehaltenen Großen Tümmler, die im Golf von Mexiko küstennahe Riffe, Lagunen und Flussmündungen besiedeln. Von daher bietet ihnen die Delfinlagune einen Lebensraum, der ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet weitgehend entspricht.

Wieso sind dann allein in Nürnberg schon 38 Delfine gestorben?

Tiere wie Menschen werden geboren und sterben. Als 1972 mit der Delfinhaltung in Nürnberg begonnen wurde, hatte man in Europa noch sehr wenig Erfahrung mit Großen Tümmlern und anderen Delfinarten. Weder wusste man, welche Medikamente wie einzusetzen sind, noch, worauf die Tiere empfindlich reagieren, noch hatte man damals das Wissen, wie man ein Delfinarium tiergerecht gestaltet und betreibt.

Aufgrund der negativen Erfahrungen, vor allem aber im Zuge des zunehmenden Wissens über die Tiere wurde das Delfinarium immer wieder modernisiert und erweitert; zuletzt mit dem Bau der Delfinlagune, die im Sommer 2011 eröffnet wurde. Die heutigen Haltungsbedingungen sind somit in keiner Weise mehr mit denen aus der Anfangszeit zu vergleichen.

Moby erkundet die Delfin-Lagune (Foto: Tiergarten Nürnberg)

Dies spiegelt sich auch in der massiv gestiegenen Lebenserwartung der Tiere wider. Nicht zuletzt aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung und des angesammelten Wissens beherbergt Nürnberg mit dem inzwischen 52 Jahre alten Männchen Moby einen der ältesten Delfine der Welt.

Wieso sterben nach wie vor so viele Jungtiere?

Delfinkälber kommen bei Großen Tümmlern ohne funktionsfähiges Immunsystem zur Welt. Somit sind sie in den ersten 4 Wochen Infektionen praktisch schutzlos ausgeliefert. Allenfalls die Muttermilch bietet eine teilweise passive Immunisierung. Diese kann jedoch nur wirken, wenn das Kalb regelmäßig gesäugt wird und auch regelmäßig trinkt. Dieser Mechanismus sorgt in der Natur dafür, dass nur die kräftigsten und gesündesten Tiere überhaupt die ersten Wochen überleben.

Hinzu kommt, dass – sowohl in menschlicher Obhut, wie auch in der Natur – die Kühe erst lernen müssen, sich richtig um ihren Nachwuchs zu kümmern. Daher ist es gerade bei Großen Tümmlern ausgesprochen selten, dass die Erstgeburt einer jungen Kuh die ersten Monate überlebt.

Ich habe Bilder gesehen, wie ein Delfin über einen Schlauch zwangsernährt wird. Ist das nicht Tierquälerei?

Es handelt sich dabei nicht um „Zwangsernährung“, sondern um die Gabe von zusätzlichem Süßwasser.

Da bei Delfinen und Walen der Schlund keine Verbindung zur Lunge hat, besitzen die Tiere auch keinen Würgereiz, wie ihn Menschen kennen. Wie man an ihrem Verhalten leicht sehen kann, scheint sie der Schlauch nicht weiter zu stören und die Prozedur auch nicht abzuschrecken – sonst würden sie da nicht mitmachen.

Delfine können Meerwasser nicht trinken und müssen ihren Süßwasserbedarf aus dem Futter decken. Um zu verhindern, dass sie unnötig Salzwasser zu sich nehmen, ist ihr Schlund so ausgebildet, dass ein erwachsener Delfin Flüssigkeiten nicht schlucken kann. Leider haben ältere Delfine aufgrund des knappen Wasserhaushalts fast durchweg Herz- und Nierenprobleme (auch in der Natur die häufigsten Todesursachen), die man aber mit ausreichend Süßwasserzufuhr und ein paar einfachen Medikamenten recht gut behandeln kann.

Die Zufuhr von Süßwasser durch einen Schlauch ist daher die effektivste und schonendste Art, den Tieren genau dosiert größere Mengen Wasser zuzuführen und damit Herz und Nieren zu entlasten und in der Entstehung begriffene Nierensteine aufzulösen. Solange keine medizinische Notwendigkeit besteht, werden den Delfinen aber auch einfach wässrige Gelatinebrocken und – in geringer Menge – Eiswürfel gefüttert, um ihren Wasserhaushalt zu verbessern. Zudem wird in die Futterfische Süßwasser eingespritzt, um auch hier möglichst viel Wasser zur Verfügung zu stellen.

8 Kommentare

  1. Die Antwort haben Sie sich bereits selbst gegeben: „Bis jemand die *Verantwortung* für die Delfine übernehmen kann (…)“. Der von Ihnen angeführte Praktikant hat keine Verantwortung für die Delfine übernommen, sondern den Tierpflegern bei ihrer Arbeit assistiert. Solche Aufgaben kann prinzipiell jeder übernehmen, der im Umgang mit (Wild-)Tieren einigermaßen erfahren, des Schwimmens mächtig und frei von ansteckenden Krankheiten ist – was bei diesem Mann ja ohne jeden Zweifel der Fall war.

    Die verantwortlichen Stellen sind (auch) in Nürnberg mit entsprechend qualifiziertem Personal besetzt; das reicht von Herrn Dr. von Fersen, einem international renommierten Meeresbiologen mit Fachrichtung Meeressäuger, bis hin zu den entsprechenden Pflegern im Delfinarium. Dass man aber nicht unbedingt einen promovierten Meeresbilogen ins Wasser schicken muss, um die Becken zu reinigen, oder – wie von Ihnen beobachtet – für die Tiere unter Anleitung und Aufsicht als Spielzeug herzuhalten, sollte aber auch bei kritischer Betrachtung einleuchten.

    geschrieben von Norbert Fleck
    1. Noch kurz vorher wurde mir aber versichert, dass zu den Tümmlern aufgrund ihres Gefahrenpotentials nur jahrelang ausgebildetes Personal ins Wasser darf…und das war der Pfleger der Wildvögel definitiv nicht. Er hat damals selber geäußert, dass er von Delfinen keine Ahnung hat.
      Es gab wohl einen Personalmangel und da heißt es: The show must go on!
      Es ist etwas weit aus dem Fenster gelegt hier zu sagen, dass der Mann zweifelsohne frei von ansteckenden Krankheiten war. Haben Sie ihn untersucht?
      Und ob ein Vogelpfleger global Erfahrung mit Wildtieren hat? Sehr fragwürdig.
      Es gibt ja sogar Leute, die jeglichen nicht-Biologen die Qualitfikation pauschal absprechen, sich zu dem Thema Delfinarien überhaupt nur äußern zu können…

      geschrieben von Doris Thomas
      1. Gehen Sie einfach mal davon aus, dass man auch in Nürnberg nicht blöd ist und leichtfertig die Gesundheit der Tiere und der Pfleger aufs Spiel setzt – auch wenn die Öffentlichkeitsarbeit (wie auch in Ihrem Falle wieder eindrucksvoll belegt) ein ganz heißer Anwärter für die "Goldene Himbeere" ist.

        Wer allgemein mit Tieren umgehen kann (keine überraschenden Bewegungen, keine unnötige Hektik) kann ganz sicher auch nach kurzer Einweisung und unter Aufsicht einem Delfintrainer assistieren.
        Es macht zudem einen gewaltigen Unterschied, ob jemand in Anwesenheit der Pfleger zu den Tieren ins Wasser geht, oder allein. Große Tümmler sind ohnehin ausgesprochen friedlich und auch nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen, solange man sich an ein paar einfache Regeln hält. Die Beckenreinigung übernehmen auch Taucher, die nicht unbedingt ausgebildete Tierpfleger sind – solange man die Delfine in Ruhe läßt, sind die weitgehend ungefährlich. – Und satte, an Menschen gewöhnte Tiere sowieso.

        Ich kann aber durchaus verstehen, dass speziell in Nürnberg da gerne ein wenig dramatisiert wird: Es gibt praktisch permanent und penetrant Anfragen, ob man nicht (doch) mal mit den Delfinen schwimmen kann, oder sie wenigstens mal anfassen darf. Und in Nürnberg will man das aus durchaus nachvollziehbarfen Gründen nicht – ganz gleich, ob die Tiere damit ein Problem hätten, oder nicht.

        Es gibt aber durchaus auch seriöse Delfinarien, in denen das möglich ist (nach Vorlage ärztliches Attest, Belehrung, usw.). Und wenn man das beachtet, was am Anfang gesagt wird und die Anweisungen der Tiertrainer genau befolgt, hat man mit den Tieren auch ziemlich viel Spaß – und ganz offensichtlich auch umgekehrt.
        Wer sich nicht an die (relativ simplen) Regeln hält, fliegt allerdings hochkant raus: Entweder, weil die Tiertrainer das so entscheiden, oder weil man eine Delfinfluke abbekommen hat. – Letzteres kommt aber so gut wie nie vor.

        geschrieben von Norbert Fleck
  2. "Bis jemand die Verantwortung für Delfine übernehmen kann, muss er eine mehrjährige Ausbildung unter qualifizierter und wissenschaftlich begleiteter Anleitung durchlaufen." – Das sagte mri auch damals Herr Mägdefrau, als ich vor vielen Jahren in Nürnberg hinter die Kulissen schauen durfte. Dann sprach ich mit einem Pfleger. Er war nur aushilfsweise seit 2 Wochen (!) bei den Delfinen und normalerweise für die Greifvögel zuständig. Umso überraschter war ich, als er kurz danach in der Show zu den Delfinen ins Wasser ging. Soviel zu den qulifiziertem und jahrelang geschultem Personal.

    geschrieben von Doris Thomas
  3. "Die Küstenform des Großen Tümmlers " ?

    geschrieben von Doris Thomas
    1. Ja, es gibt auch vom Großen Tümmler mehrer Unterarten. So beispielsweise eine kräftige, bis 600 kg schwere Hochseeform, die überwiegend im Freiwasser lebt und die kleinere, auf eher flache und begrenzte Reviere spezialisierte Küstenform, die ausgewachsen meist weniger als 250 kg auf die Waage bringt.
      Da sich die beiden Unterarten genetisch und von der Physiologie nur minimal unterscheiden, werden sie nicht als separate Arten geführt, auch wenn sie auf dem besten Wege sind, sich irgendwann einmal zu unterschiedlichen Arten zu entwickeln.

      geschrieben von Norbert Fleck
  4. Sehr schöne und interessante Auflistung vieler Delfinarien betreffender Fakten.

    geschrieben von Lars
  5. Ein sehr ausführlicher und informativer Bericht, der sämtliche Statements der Delfinarien-Hasser ad absurdum führt.

    geschrieben von Rüdiger

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