Berichte

In der SOS-Station in Harderwijk


Themen: , ,

MEERESAKROBATEN/20. Juni 2015

Nachtrag April 2017: Leider wurde die SOS-Station inzwischen geschlossen. Gestrandete Schweinswale müssen nun vor Ort eingeschläfert werden oder sie werden ohne medizinische Beobachtung direkt ins Meer zurückgebracht, falls ein Expertenteam diese Maßnahme für aussichtsreich erachtet.

Heute möchte ich euch von meinem Besuch der SOS-Station in Harderwijk erzählen.

Die SOS-Station in Harderwijk (Foto: Rüdiger Hengl)

Die SOS-Station in Harderwijk
(Foto: Rüdiger Hengl)

SOS-Station liegt nicht weit von der Nordsee entfernt

Bianca hat sich am 6. Juni 2015 für mich Zeit genommen und mir die SOS-Station gezeigt.

Bianca arbeitet seit 2006 im „SOS Dolfijn“, wie die Rettungsstation für Delfine und Schweinswale in den Niederlanden heißt. Das SOS Dolfijn ist eines der erfolgreichsten Rehabilitationszentren in der Welt!

Es befindet sich auf dem Gelände eines Marinetierparks, nicht weit von der Nordsee entfernt. Das Hospital arbeitet aber völlig unabhängig vom Park und verfolgt seine eigenen Richtlinien und Ziele.

Bianca ist als Tierpflegerin tätig und außerdem für die Bildungsarbeit zuständig. Immer wieder besucht sie Grundschulen und informiert dort über die Rettungsstation und deren Aufgaben.

Zäh und mutig wie ein Bär

Zum Zeitpunkt meines Besuches befand sich nur ein gestrandeter Schweinswal im Becken der Erste-Hilfe-Einrichtung, nämlich Bendert (siehe Foto und Film unten). Der Name kommt aus dem Friesischen und bedeutet „zäh und mutig wie ein Bär“.

Das Gröbste hat der noch recht junge Bendert schon überstanden. Als er im Januar 2015 gefunden wurde, litt er unter Magen-Darm-Problemen. Zusätzlich machten ihm Lungenwürmer zu schaffen und er wies Verletzungen an der Fluke auf, die von einer Kegelrobbe stammten.

Immer öfter greifen Kegelrobben die kleineren Schweinswale an. Das wurde auch schon im Meeresakrobaten-Beitrag Kegelrobbe frisst Schweinswal berichtet.

Schweinswal in Harderwijk (Foto: Rüdiger Hengl)

Schweinswal Bendert
(Foto: Rüdiger Hengl)

Jetzt ist Bendert so stabil, dass langsam damit begonnen werden kann, ihn an lebenden Fisch zu gewöhnen, damit er das Jagen lernt. Sobald er das beherrscht, darf er zurück in seinen eigentlichen Lebensraum – die Nordsee.

Vielen Tieren konnte geholfen werden

Ich habe eine Dokumentation gefunden, die aufzeigt, dass die SOS-Station zwischen 1967 und 2010 erfolgreich bei der Rettung von 169 gestrandeten Tieren beteiligt war.

Zu 85 Prozent handelte es sich dabei um Schweinswale, aber auch Weißschnauzendelfine, Streifendelfine, Weißseitendelfine, Sowerby-Schnabelwale und Gemeine Delfine waren unter den aufgenommenen und gesund gepflegten Tieren.

Die SOS-Station nimmt nur Tiere auf, die nicht größer als drei Meter sind. Über das Schicksal der Meeressäuger, die längenmäßig darüber liegen, entscheidet die niederländische Regierung.

Betreuung rund um die Uhr

Sobald die SOS-Station benachrichtigt wird, dass an der Küste ein lebender Schweinswal oder Delfin gefunden wurde, fährt ein Team mit einem speziell eingerichteten Rettungswagen zur Fundstelle.

Dann geht alles sehr schnell. Das Tier wird auf eine Bahre gelegt und in eine mit Schaumgummi gepolsterte Box gebettet. Dort wird es medizinisch versorgt. Über einen im Auto installierten Wasserschlauch kann der Patient feucht gehalten werden.

Meist sind die gefundenen Meeressäuger äußerst schwach und sogar verletzt. Bis sie stabil sind, werden sie vom vierköpfigen SOS-Team und rund 80 Freiwilligen rund um die Uhr betreut.


Im Film seht ihr Bendert im SOS-Auffangzentrum

Nach erfolgter Blutanalyse entscheiden Tierärzte, welche Medikamente verabreicht werden sollen. Sie geben dem Pflegepersonal außerdem Anleitungen zur Behandlung des Patienten.

Jeder Fall gestaltet sich anders

Immer wieder kommt es auch vor, dass ein Schweinswal eingeschläfert werden muss, da er zu sehr leidet. Jeder Fall gestaltet sich anders. Auch reagieren die Tiere sehr unterschiedlich auf die Behandlung. Daher wird für jeden Patienten ein individueller Behandlungsplan erstellt.

Zur Genesung trägt auch die Ernährung bei. Manche Tiere haben zu wenig Flüssigkeit. Ihnen muss Wasser über eine Sonde zugeführt werden. Oder sie können keinen ganzen Fisch schlucken. In diesem Fall wird ihnen ein hausgemachter Fischbrei verabreicht.

Bis ein Schweinswal wieder vollständig gesund ist und sich erholt hat, dauert es in der Regel mehrere Monate.

Immer mehr Schweinswale stranden

Bis Mitte der 1980er-Jahre wurden ein bis zwei Schweinswale pro Jahr in die Station gebracht. Doch danach wurden es immer mehr. 2006 waren es sogar 18 Tiere. Bianca kann sich noch gut daran erinnern, da sie in diesem Jahr bei der Station angefangen hatte.

Die meisten Strandungen gibt es zwischen Februar und April.

Das Rettungsauto der SOS-Station (Foto: Rüdiger Hengl)

Der Rettungswagen der SOS-Station
(Foto: Rüdiger Hengl)

Der Innenbereich des Rettungsautos (Foto: Rüdiger Hengl)

Der Innenbereich des Rettungswagens
(Foto: Rüdiger Hengl)

Wer sich dafür interessiert, welche Tiere wann gestrandet sind, kann das auf der Website Walwisstrandingen.nl erfahren. Dort sind alle Strandungen (meist Totfunde) seit 1848 (!) aufgelistet. Für das aktuelle Jahr wurden bis zum 20. Juni 112 gestrandete Tiere gemeldet.

Wissenschaftliche Arbeit

SOS Dolfijn arbeitet eng mit der Erasmus-Universität in Rotterdam, Niederlande, und dem Forschungs- und Technologie-Zentrum Westküste (FTZ) in Büsum, Deutschland, zusammen. Alle Institutionen tauschen Forschungsergebnisse untereinander aus.

Zum Beispiel werden die Viren, von denen kranke Schweinswale befallen sind, ganz genau untersucht, um mehr über die Meeressäuger und ihren Lebensraum herauszufinden.

Zusammen mit dem FTZ wird erforscht, welche Auswirkungen die Geräusche von Windparks auf die Schweinswale haben.

SOS Dolfijn ist außerdem Partner der Marinestation in Danzig/Polen. Wissenschaftler setzen sich dort für die Erhaltung der Ostsee-Schweinswale ein, von denen es nur noch wenige gibt. Man geht von ein paar Hundert Tieren aus.

Nicht alle Schweinswale können wieder zurück in die Nordsee

Leider sind die meisten gefundenen Schweinswale bereits tot. Die allerwenigsten Tiere überleben eine Strandung. Durchschnittlich zehn gestrandete Schweinswale pro Jahr werden lebend angetroffen.


Schweinswal-Becken im ECOMARE

Falls es sich um sehr junge Tiere handelt oder um Meeressäuger, die beispielsweise unter einem Herzfehler leiden und lebenslang Medikamente benötigen, werden diese selbstverständlich nicht ins Meer zurückgebracht. Sie müssen im schlimmsten Fall eingeschläfert werden oder sie werden in der 2012 errichteten „Porpoise Bay“ im benachbarten Meerestierpark untergebracht.

Auch das ECOMARE auf der Nordseeinsel Texel nimmt Schweinswale auf, die nicht mehr im Meer überlebensfähig sind. Dort kann man die kleinen Wale durch eine Unterwasserscheibe beobachten (siehe Youtube-Film oben).

In der SOS-Station in Harderwijk (Foto: Rüdiger Hengl)

In der SOS-Station in Harderwijk
(Foto: Rüdiger Hengl)

Amber kümmert sich um Neuankömmlinge

Amber ist ein Schweinswal-Weibchen, das 2007 gestrandet ist und nicht mehr in die Nordsee zurückgebracht werden konnte. Sie lebt in der Porpoise Bay in Harderwijk.

Amber ist ein richtiger Schatz, denn sie unterstützt das Rettungsteam auf eine ganz besondere Weise. Durch ihre fürsorgliche Art erleichtert sie Neuankömmlingen das Eingewöhnen in der Rettungsstation und spielt mit den gestrandeten Artgenossen.

Der Speiseplan ist vielfältig

Der Speieseplan der Schweinswale ist sehr vielfältig. Sie fressen Sandaal, Hering, Wittling, Plattfisch und Kabeljau, außerdem Garnelen und Tintenfisch. Drei bis sechs Kilogramm Fisch vertilgt ein ausgewachsener Wal.

Beim Jagen bleiben die Schweinswale fünf bis zehn Minuten unter Wasser. Sie können 200 Meter tief tauchen und 25 Stundenkilometer schnell werden.

In der Nordsee, im Ärmelkanal und um die Britischen Inseln gibt es schätzungsweise 300.000 Schweinswale. Trotz dieser scheinbar großen Zahl sind die Bedrohungen und das Ausmaß des Beifangs so immens, dass man in diesen Regionen ernsthaft besorgt um die Schweinswale sein muss.

Sommerbabys

Schweinswale können zwar bis 20 Jahre alt werden, doch die meisten werden nicht älter als zehn. Mit drei bis vier Jahren werden Schweinswale geschlechtsreif. Etwa alle ein bis zwei Jahre bekommt ein Weibchen ein Junges. Die Tragzeit beträgt elf Monate. Die Babys kommen meist im Sommer zur Welt.

Dieser Schweinswal hat es geschafft ... (Foto: SOS Dolfijn)

Dieser Schweinswal hat es geschafft …
(Foto: SOS Dolfijn)

Nach ein paar Monaten nehmen die Kälber ergänzend zur Muttermilch kleine Fische und Krebstiere auf. Nach sechs bis zwölf Monaten sind sie ganz unabhängig von ihrer Mutter. Kälber, die älter als ein Jahr sind, sieht man sehr selten mit ihren Müttern.

Bruno – ein Problem-Wal wird gesund

Es werden auch immer wieder Schweinswale aufgenommen, die an der französischen, belgischen oder deutschen Nordseeküste gestrandet sind. So zum Beispiel Bruno. Er wurde im Februar 2014 im norddeutschen Küstenbadeort Hooksiel (in der Nähe von Wilhelmshaven) gefunden. Sein Zustand war bedenkenswert. Bruno war sehr abgemagert, seine Blutwerte waren nicht normal. In seiner Speiseröhre wurden Geschwüre entdeckt.

Doch der kleine neugierige und verspielte Wal erholte sich schnell. Er vertrug sich auch gut mit den anderen im Hospital aufgenommenen Schweinswalen. Nachdem Bruno an eine Transportkiste gewöhnt worden war, konnte er am 13. Juni 2014 – zusammen mit seiner Spielgefährtin Ireen – wieder in die Nordsee zurückgebracht werden.

Im Gespräch mit Bianca (Foto: Rüdiger Hengl)

Im Gespräch mit Bianca
(Foto: Rüdiger Hengl)

Auf der Website der Station findet ihr viele Bilder von geretteten Schweinswalen sowie weitere Informationen (allerdings nur auf Niederländisch).

Notrufnummer

Falls ihr selbst einen lebenden (!) Schweinswal oder Delfin an der Küste findet, so ruft bitte folgende Notrufnummer an: 06-65098576. Die SOS-Station wird sofort Experten an den betreffenden Ort schicken.

Erste Hilfe

1. Bringt einen gestrandeten Schweinswal nicht ins Meer zurück. Meistens ist er krank oder verletzt und würde im Meer nicht überleben.
2. Achtet darauf, dass kein Wasser oder Sand ins Blasloch oben auf dem Kopf gerät. Denn wenn der Schweinswal einatmet, würde Wasser oder Sand in die Lunge gelangen.
3. Verhaltet euch ganz ruhig, denn Schweinswale sind sehr nervöse Tiere. Sorgt dafür, dass kein Hund in die Nähe des gestrandeten Wales kommt.
4. Haltet den Schweinswal mit nassen Tüchern oder Handtüchern feucht. Vielleicht könnt ihr sogar mithilfe von anderen Strandbesuchern ein Tuch als schattenspendendes Dach über ihn spannen.

Ein herzliches Dankeschön

Ich möchte mich noch einmal auf diesem Weg herzlich bei Bianca und Eligius (dem Leiter der Station) bedanken, dass sie mir einen Einblick in ihre wundervolle Arbeit gewährt haben! So sieht für mich wahrer Tierschutz aus!

Lesetipps

* Große Hilfe für kleine Wale
* FINN und der Schweinswal
* Die Meeres-Flüsterer
* Schweinswale – zum Greifen nah
* Warnung für Schweinswale
* Schweinswale verhungern in der Elbe
* Das bittere Los der kleinen Tümmler

2 Kommentare

  1. Und man behalte im Hinterkopf: Pauschale Forderungen nach Verbot von Delphinhaltung schließen auch SOLCHE Einrichtungen mit ein.

    geschrieben von Dani
  2. Ein toller Bericht und eine tolle Einrichtung, die jede Unterstützung verdient.

    geschrieben von Frank Blache

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.