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Stellungnahme einer Delfin-Expertin, Teil 4


Dr. Kerstin Ternes ist Leitende Zootierärztin des Zoos Duisburg, Kuratorin des Duisburger Delfinariums sowie Fachtierärztin für Zoo- und Wildtiere.

Die neugierigen Duisburger  (Foto: Rüdiger Hengl)

Die neugierigen Duisburger
(Foto: Rüdiger Hengl)

In Duisburg ist Dr. Ternes u.a. auch für die dort lebenden sieben Großen Tümmler zuständig. Anlässlich der öffentlichen Anhörung im Düsseldorfer Landtag am 28. April 2014 (die MEERESAKROBATEN hatten darüber berichtet) hat Dr. Ternes die Stellungnahmen der Delfinariengegner in einem eigenen Statement bewertet.

Da diese Bewertung sehr umfangreich ist, habe ich sie in mehrere Teile gegliedert, die nach und nach bei den MEERESAKROBATEN veröffentlicht werden.

TEIL 1: Kritische Bemerkungen zur Stellungnahme von Dr. Tanja Breining, PETA Deutschland
TEIL 2: Kritische Bemerkungen zur Stellungnahme von Dr. Karsten Brensing, WDC
TEIL 3: Kritische Bemerkungen zur Stellungnahme von Nicolas Entrup, Shifting Values
TEIL 4: Kritische Bemerkungen zur Stellungnahme von Jürgen Ortmüller, Steuerberater und Geschäftsführer des WDSF

Im letzten Teil geht es um die Stellungnahme von Jürgen Ortmüller, Steuerberater und Geschäftsführer des WDSF.

Herr Ortmüller schreibt von sich in der dritten Person

Der Steuerberater und selbsternannte Delfinschützer Jürgen Ortmüller, der nicht als Sachverständiger geladen war, reichte eine eigene Stellungnahme ein, nachdem er alle übrigen Stellungnahmen vorher gesichtet hatte und auf diese z.T. in seiner Stellungnahme Bezug nimmt. Interessanterweise schreibt er in seiner eigenen Stellungnahme von sich in der dritten Person.

Keinerlei praktische Erfahrung in Bezug auf Delfinhaltung

Herr Ortmüller verfügt über keinerlei praktische Erfahrung im Bereich der Meeressäugerhaltung, scheut sich aber nicht als Sachverständiger aufzutreten. Seine „Ermittlungen“ (Zitat aus seiner Stellungnahme: “Das WDSF ermittelte über 60 Todesfälle…“) zur Delfinhaltung sind reine Spekulationen und entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Ein Großteil seiner Angaben ist schlichtweg falsch oder es werden Bestandszahlen ohne Erklärungen und aus dem Kontext gerissen aufgeführt.

Die kleine Mimo wurde nur 2 Monate alt.  (Photos courtesy of Marianna Boorman)

Die kleine Mimo wurde nur 2 Monate alt (Freiland-Delfin aus Australien).
(Photos courtesy of Marianna Boorman)

In der Natur werden Fehlgeburten nicht erfasst

So u.a. die Behauptung, dass das Duisburger Delfinarium der größte Delfinfriedhof Europas sei, bzw. dass es 26 Delfingeburten gab. Korrekt ist vielmehr, dass im Zoo Duisburg bislang 26 Trächtigkeiten bei den Großen Tümmlern zu verzeichnen waren, die nicht alle erfolgreich verliefen, u.a. da nicht alle dieser Jungtiere lebend geboren wurden. Fünfmal, in den Jahren 1980, 1988, 1990, 1992 und 2000, kam es zu Aborten, welche in der Größenordnung von etwa 1,2 kg (das durchschnittliche Geburtsgewicht bei Großen Tümmlern liegt bei etwa 18 kg) bis nahezu geburtsreif lagen.

Diese Aborte fließen sehr wohl in die Tierstatistik des Zoo Duisburg mit ein, da die Trächtigkeit der Tiere bekannt war. In der Natur werden derartige Aborte jedoch nie erfasst, sodass die Geburtenrate im Delfinarium nicht mit der im Freiland verglichen werden kann.

Drei der Aborte stammten von erstgebärenden Delfinmüttern und zwei von einer Mutter, die nur Aborte hatte. Dieses ist in der Natur bei allen Säugetieren, auch beim Menschen, nicht ungewöhnlich.

Hohe Jungtiersterblichkeit auch in freier Wildbahn

Die verbliebenen 21 Jungtiere wurden lebend geboren. Von denen leben heute noch sieben (Delphi, Daisy, Dolly, Donna, Diego, Dörte und Darwin). Demzufolge sind insgesamt 14 Jungtiere in Duisburg gestorben. Ein Jungtier, Duphi II, wurde 11 Jahre alt und verstarb an einem anaphylaktischen Schock bei der Behandlung eines chronischen extrapulmonalen Abszesses mit 15 cm Durchmesser und 650 g Gewicht. Dieses Tier fällt somit nicht unter die Rubrik der neonatalen Sterblichkeit (Tod innerhalb der ersten Lebenswochen, was die häufigsten Todesfälle bei Delfinen darstellen) und würde im Freiland als erfolgreiche Nachzucht gewertet werden. Ein weiteres Tier, Duke, wurde zwei Jahre alt und verstarb an einer viralen Infektion.

Somit verbleiben zwölf Jungtiere, welche allesamt in den ersten drei Lebensmonaten verstarben. Eines davon geriet in einen Streit zwischen erwachsenen Delfinweibchen und wurde tödlich verletzt. Bei zwei Jungtieren konnten genetische Defekte festgestellt werden (Herzfehler bzw. unterentwickelte Lunge). Eine Delfinmutter hatte nicht ausreichend Milch und zwei Jungtiere stammten von erstgebärenden Müttern, bei denen Jungtierverluste keine Seltenheit darstellen, sowohl bei Delfinen als auch bei anderen Tierarten.

Nynkes Baby an der Milchbar  (Foto: Rüdiger Hengl)

Neugeborene Delfine sind sehr anfällig für Infektionen.
(Foto: Rüdiger Hengl)

Einer Studie von Henderson, et al. (2014) zufolge, verstarben auch in einer wildlebenden Population von Delfinen in Neuseeland 71,4% der Kälber von erstgebärenden Müttern. Darüber hinaus erweist sich die Beobachtung neugeborener Delfine und insbesondere die Feststellung neonataler Verluste im Freiland als ausgesprochen schwierig, weshalb ein direkter Vergleich von Sterblichkeitsraten zwischen wildlebenden und zoogeborenen Delfinen nicht möglich ist (Mann & Smuts, 1998; Stolen & Barlow, 2003; Wells, 2000).

Delfine sterben im Meer unentdeckt

Ohnehin gibt es Daten über die Beobachtung neugeborener Tiere nur aus einigen wenigen gut studierten Delfinpopulationen, und selbst in diesen werden Geburten und frühe Todesfälle verpasst. Neugeborene Jungtiere, die in den ersten Lebenstagen sterben, werden häufig nicht gesichtet und Aborte und Totgeburten werden gar nicht entdeckt (Wells, 2000; Mann, et. al. 2000).

Kein ausgeprägtes Immunstystem

Somit mögen die von Herrn Ortmüller vorgetragen nackten Todeszahlen im Duisburger Delfinarium recht hoch erscheinen, scheinen in Relation zum Freiland jedoch nicht überhöht, zumal es für viele der Todesfälle sachliche Begründungen gibt. Hierzu zählt auch die Tatsache, dass neugeborene Delfine über kein ausgeprägtes Immunsystem verfügen und somit sehr anfällig gegenüber Krankheitserregern sind, weshalb die Jungtiersterblichkeit bei Delfinen generell sehr hoch ist.

Aussagen aus dem Kontext gerissen

Auch Herrn Ortmüllers Aussagen zum Verhalten der Delfine sind aus dem Kontext gerissen. Das Gros der Verhaltensfacetten missachtend erwähnt Herr Ortmüller lediglich die unnatürliche Form der Beschäftigung während der Vorführungen, wie z.B. das Ziehen von Booten oder das Springen nach Bällen, was natürlich nicht im Freiland zu beobachten ist, was aber nicht bedeutet, dass ein von der Natur abweichendes Beschäftigungsprogramm zu Verhaltensstörungen führt.

Ganz im Gegenteil, die Tiere werden von Menschen beschäftigt und trainiert und zeigen dennoch keine nennenswerten Verhaltensunterschiede zu Delfinen im Freiland, wie u.a. eine Studie der renommierten Delfin-Verhaltensforscherin Dudzinski (2012) belegt, die in ihrer Arbeit zu folgendem Schluss kam:

„My initial assessment of the behavior and interactions of the dolphins at Zoo Duisburg is that they exchange contact behavior and postures more similarly than differently to wild dolphins and to captive dolphins in natural lagoons. They occupy subgroups in the same manner that I have observed for other dolphins: they have a fission-fusion society meaning subgroups form and reform depending on their interactions. The bottlenose dolphins at Zoo Duisburg produced the same type of vocalizations (clicks, whistles, squawks, buzzes, etc.) as those that I have documented from both wild and captive dolphins. In my opinion, the dolphins at Zoo Duisburg are socially well adjusted to their environment and their social setting.“

Keinerlei Beanstandungen von kontrollierenden Behörden

Herr Ortmüller kritisiert bzgl. der Medikamentengabe bei den Delfinen, dass ihm der Zoo Duisburg keine Einsicht in die Duisburger Delfinakten gewährt. Der Zoo stellt all seine Daten den kontrollierenden Behörden zur Verfügung, wie z.B. dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV), wo diese Daten von fachlich qualifizierten Tiermedizinern ausgewertet werden, nicht aber von fachfremden Personen.

Delfinarium Duisburg (Foto: Verena Pecsy)

Keinerlei Beanstandungen im Delfinarium Duisburg (Foto: Verena Pecsy)

Das LANUV bestätigte:

„Zusammenfassend zeigt sich, dass sich die Arzneimittelgaben der letzten Jahre im Delfinarium Duisburg auf einige wenige Male beschränkten. Die Arzneimittel wurden jeweils aus begründetem Anlass gegeben. Alle Anwendungen wurden von angemessenen diagnostischen Maßnahmen und, bei Bedarf, von externen Tierärzten und Laboren begleitet. Die Wahl und Dosierung der Arzneimittel erfolgte unter den neuesten wissenschaftlich anerkannten Gesichtspunkten, häufig in Absprache mit führenden Experten auf dem Gebiet der Meeressäugermedizin. Es ergeben sich keine Hinweise auf tierschutzrechtlich oder fachlich nicht einwandfreie Arzneimittelanwendungen.“

Todesfälle sind nicht zu vermeiden

Bzgl. des früheren Duisburger Zootierarztes führt er dessen angebliche „kriminellen“ Aktivitäten und die unterstellte „fahrlässige Tierquälerei“ auf. Fakt ist, dass in der Amtszeit eines Tierarztes auch Todesfälle nicht zu vermeiden sind, was jedoch keinesfalls Hinweise auf falsche tiermedizinische Behandlungen oder sogar Tierquälerei sind.

Die von Herrn Ortmüller dargelegte Bezeichnung gegenüber dem früheren Duisburger Zootierarzt, dass dieser ein „einschlägig Krimineller“ sei, ist zudem eine Mutmaßung, da ein gegen ihn laufendes Verfahren noch nicht abgeschlossen ist. Ortmüller hingegen brüstet sich mit seiner Zusammenarbeit mit Ex-Flippertrainer Ric O´Barry, der bereits mehrfach rechtskräftig verurteilt wurde und hohe Strafgelder wegen Verstöße gegen das Tierschutzgesetzt und der illegalen Auswilderung von Delfinen hat zahlen müssen.

Falsche Unterstellungen

Hinsichtlich des Sachverständigen Prof. Janik, der sich in seiner Stellungnahme für die Haltung von Delfinen ausspricht, unterstellt Herr Ortmüller ihm, dass dieser sich als Wissenschaftler brüsten und von der Zooseite finanziert würde.

Im Gegensatz zu dem von Herrn Ortmüller zitierten Sprachwissenschaftler Dr. Christian Schulze, der ein Gutachten gegen die Delfinhaltung verfasst hat, obschon dieser noch nie mit oder an Delfinen gearbeitet hat, erforscht Prof. Janik seit vielen Jahren Delfine im Freiland und im Zoo und kann hierzu eine lange Liste begutachteter wissenschaftlicher Fachpublikationen vorweisen. Völlig aus der Luft gegriffen und gänzlich unzutreffend ist Herrn Ortmüllers Unterstellung, dass Herr Janik auf der Finanzierungsliste des Zoos stünde, nur weil dieser, wie viele andere Wissenschaftler auch, Studien im Zoo durchführt.

Unkenntnis in vielen Bereichen der Delfinhaltung

Die oben aufgeführten Richtigstellungen zu den Stellungnahmen derjenigen Sachverständigen (Anmerkung MEERESAKROBATEN: Siehe hierzu auch die Beiträge 1 bis 3), die sich gegen die Delfinhaltung aussprechen, belegen die Unkenntnis dieser Personen in vielen Bereichen der Delfinbiologie und insbesondere der Delfinhaltung.

Zu letzterer fehlt diesen Personen jegliche praktische Erfahrung, sodass deren Stellungnahmen vielfach nur auf Hörensagen und Vermutungen basieren, ohne jegliche wissenschaftliche Grundlagen oder Belege. Zudem finden sich in deren Stellungnahmen zahllose Behauptungen und Anschuldigungen, für die es ebenfalls Erkenntnisse und Belege gibt.

Referenzliste

Dudzinski, K. 2012.
Henderson, et. al. 2004. Reproduction, birth seasonality, and calf survival of bottlenose dolphins in Doubtful Sound, New Zealand. Marine Mammal Science
Mann, J., and Smuts, B.B. 1998. Natal attraction: allomaternal care and mother-infant separations in wild bottlenose dolphins. Anim. Behav. 55: 1097-1113.
Mann, J., Connor, R.C.; Barre, L.M. and Heithaus, M.R.. 2000. Female reproductive success in bd (Tursiops sp.): life history, habitat, provisioning, and group-size effects. Behav. Ecol. 11 (2): 210-219.)
Stolen, M. K. and Barlow, J. 2003. A Model Life Table for bottlenose dolphins (Tursiops truncatus) from the Indian River Lagoon System, Florida, U.S.A. Mar. Mam. Sci. 19 (4): 630-649.
Wells, R. S. 2000. Reproduction in wild bottlenose dolphins: overview of patterns observed during a long-term study. In: Duffield, D., and T. Robeck (eds.). Bottlenose Dolphin Reproduction Workshop. AZA Marine Mammal Taxon Advisory Group. Silver Spring, MD. Seiten 57-74.)

Dr. Kerstin Ternes
Leitende Zootierärztin des Zoo Duisburg
Kuratorin des Duisburger Delfinariums
Fachtierärztin für Zoo- und Wildtiere

Ein Kommentar

  1. Ein sehr gute Darlegung. Sie offenbart aber leider genau das Defizit in der Diskussion: Man braucht 10 Sätze Ahnung, um einen (1) Satz Ahnungslosigkeit richtig zu stellen. Bei Halbwahrheiten sogar 15. Ein Satz passt aber besser in die Zeitunge. Und spätestens nach dem zweiten Satz hört der ONB eh auf zu lesen.
    Darüber ärgere ich mich immer wieder und hab dann das dringende Bedürfnis, einfach über die Fakten aufzuklären. Leider nutzen Leserbriefe immer wenig. :-(

    geschrieben von Dani

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