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Gefährden „deutsche Plastiktüten“ keine Delfine?


Ich habe einen interessanten Artikel über die Plastiktüten-Problematik gelesen. Unter dem Titel „Weihnachtseinkäufe und Plastiktüte“ schreibt der Autor, dass er von einer Kundin gemaßregelt wurde, nachdem er seine Weihnachtseinkäufe in einer Plastiktüte verpackt hatte.

Großer Tümmler (Foto: Rüdiger Hengl)

Großer Tümmler (Foto: Rüdiger Hengl)

Die Maßregelung sah folgendermaßen aus: „So eine Tüte benutzt man nur wenige Minuten, aber es dauert 500 Jahre, bis sie zerfällt, sie bildet Plastikstrudel im Meer, die töten Delfine.“

71 Tüten pro Einkäufer und Jahr

Der Verfasser des Artikels, der sich HM nennt, erläutert dann, warum er trotz Plastiktüten-Benutzung ein gutes Gewissen haben kann. So hat er sich schlau gemacht und herausgefunden, dass jeder Deutsche 71 Plastiktüten im Jahr verwendet, jeder Pole 450. In der EU komme jeder Bürger auf durchschnittlich 198 Tüten, so der Autor. „Tütenmäßig“ gehöre Deutschland also zu den Vorzeigestaaten.

Töten deutsche Tüten keine Delfine?

Dann zieht HM eine Ökobilanz. Man müsse einen Baumwollbeutel 70 bis 130 Mal zum Einkaufen benutzen, damit die Ökobilanz positiv ausfalle, hat er in verschiedenen Studien gelesen. HM weiter: „Die Studien zeigen auch, dass deutsche Tüten keine Delfine töten, da Deutschland ein geschlossenes Abfallsystem hat, die Tüten werden in der Regel verbrannt.“
(Quelle: Weihnachtseinkäufe und Plastiktüte)

Viele Tüten landen im Meer

Ich finde, HM hat einerseits recht, andererseits aber auch wieder nicht. Wenn ich an Delfine und deren von einer Plastiktüte verursachten Tod denke, dann denke ich an die vielen Plastiktüten, die nicht im geschlossenen Abfallsystem landen, sondern achtlos in der Natur entsorgt werden.

Bei meinen täglichen Hunde-Spaziergängen „begegnet“ mir immer wieder so eine praktische Plastiktüte, die ich – sofern der Wind nicht schneller war – auflese und in einem Abfallbehälter entsorge. Wenn der Wind nicht schneller war … Sehr viele dieser „Dinger“ werden nämlich ins Meer geweht, da sie nicht vorschriftsmäßig in den Müllcontainer gestopft oder wiederverwendet wurden. Und im Meer bedeuten die Plastiktüten eine große Gefahr für Delfine und andere Meereslebewesen. Sie können darin ersticken oder sie fressen.

Die Ökobilanz eines Baumwollbeutels oder einer Papiertüte mag ja schlechter ausfallen als die einer Plastiktüte. Aber da es der oben erwähnten Kundin hier ausschließlich um die Gefährdung von Delfinen ging, bin ich der Meinung, dass wir es da Irland nachmachen sollten. Dort kostet – laut HM – jede Plastiktüte 0,22 Euro, was offenbar zur Folge hat, dass dort fast nur noch Papiertüten zum Einsatz kommen.

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* Müll im Meer geht uns alle an
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4 Kommentare

  1. Warum immer zusehen, dass man selber kein schlechtes Gewissen haben muss? Jeder weiss wie schädlich Plastiktüten sind, warum jetzt da nach Entschuldigungen suchen? Verantwortung für sein eigenes Tun übernehmen, Konsequenzen ziehen und dementsprechend handeln.

    geschrieben von Claudia Gomes
    1. Wir reden hier von den hauchdünnen Knistertüten aus gerecktem PE – die in Deutschland kaum verbreitet sind, außer als Müllbeutel, Frühstückstüten oder beim Verkauf von Obst und Gemüse.

      Weil – ordnungsgemäß eingesetzt – diese Plastiktüten durchaus auch einen positiven Nutzwert (auch ökologisch) haben. Sei es beim Einkauf von offenem Gemüse (Hygiene) oder bei der Müllentsorgung (Mülltüten vermeiden unnötiges Auswaschen der Behälter, verhindern festgebackenen Müll etc.).
      Mit dem Energieinhalt einer solchen Plastiktüte kann man nicht einmal das Wasser pumpen und erwärmen, das man zum Ausputzen einer versifften Mülltonne braucht.

      Ordentlich entsorgt sind diese Tüten zudem absolut problemlos: Sie verbrennen rückstandsfrei und praktisch ohne Schadstoffe, ähnlich wie gut gereinigtes Kerzenwachs. Polyethylen besteht chemisch ausschließlich aus Kohlenstoff und Wasserstoff (keine giftigen Halogene etc.).

      Im Übrigen dürfte es selbstverständlich sein, dass man keinen (Plastik-)Müll in die Landschaft wirft.
      Und was das "dementsprechende Handeln" angeht: Ja, ich benutze solche Tüten (für Müll und Gemüsekauf), weil ich sie für sinnvoll erachte. Aber wenn ich von meinen Spaziergängen hier auf dem Land zurückkomme, habe ich oft auch (Plastik-)Hinterlassenschaften anderer Zeitgenossen dabei, um sie in meine Mülltonne zu stopfen.

      Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

      geschrieben von Norbert
  2. "Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen", sagte einst unser Kaiser Willhelm II – Der Rest ist bittere Geschichte.

    Weil in anderen Ländern (mit weniger guter Müllentsorgung und schlecht gesicherten Deponien) Millionen Tüten ins Meer geweht werden, soll Deutschland die Konsequenzen ziehen. Irgendwie erschließt sich mir der Sinn nur über das kaiserliche Zitat – und ich wage zu bezweifeln, ob wir diesem Aufruf weiter folgen sollten.

    Vielleicht sollte man sich – auch im Rahmen der EU – um eine ordentliche Müllerfassung und Entsorgung auch und vor Allem in den Ländern bemühen, in denen das auch wirklich ein Problem ist. Aber dicke Bretter bohren war ja noch nie Sache der Aktivisten …

    Im Übrigen sterben in deutschen Gewässern hundert mal mehr Delfine als Beifang, als durch Plastiktüten deutschen Ursprungs. Aber ein Fischereiverbot (oder zumindest ein Stellnetzverbot) zumindest in den Meeresschutzgebieten ist wohl viel schwerer durchzusetzen, als eine weitgehend sinnfreie Steuer auf Plastiktüten.

    geschrieben von Norbert
  3. Was nützt einem Delfin oder einem anderen Meeresbewohner die Ökobilanz, wenn er Kunststoffteilchen frisst und daran erstickt oder anderswie verendet.

    An diesem Beispiel sieht man, wie versucht wird, durch Verlagerung des Sachverhalts auf eine andere Ebene dem Leser ein "ja aber, der hat doch Recht" zu entlocken.

    Diese Methode, Ablenken vom Thema, beschert leider auch etlichen „Tierschutzorganisationen“ Spendengelder ahnungsloser Gutgläubiger. Den Tieren hilft das leider nichts.

    „Ja aber, der hat doch Recht“, trifft auch zu, wenn einer sagt, „…wenn ihr am Aschermittwoch fastet, ist 46 Tage später Ostern.“ Recht hat er, aber was ist, wenn wir am Aschermittwoch nicht fasten?

    geschrieben von Rüdiger

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