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Brief an die japanische Botschaft


Wieder sind in Taiji Kleinwale getötet worden. Etwa 30 Grindwale wurden in dieser Woche geschlachtet.

Roter Umschlag  für Japan (Foto: Susanne Gugeler)

Auch ich habe bereits mehrfach an verschiedene Verantwortliche in Japan oder an die Botschaft geschrieben.
(Foto: Susanne Gugeler)

Weil die Jagd auf Delfine und andere Kleinwale in Japan erlaubt ist, macht es keinen Sinn, mit Shitstorm- oder Boykott-Attacken gegen ganz Japan vorzugehen.

Statt zu pöbeln und damit die Jagd unter Umständen noch mehr anzufachen, empfiehlt es sich, persönlich an die Verantwortlichen zu schreiben und vernünftig zu argumentieren, warum man gegen das Töten von Meeressäugern ist.

Der Biologe Oliver Schmid hat sich die Mühe gemacht, einen Brief an den japanischen Botschafter in Berlin zu verfassen. Ich freue mich, dass ich den Text hier veröffentlichen darf.

Ein kleiner Tipp noch. Wenn ihr ein persönliches Schreiben absendet, legt doch einen frankierten Rückumschlag bei. So habt ihr vielleicht eher die Chance, eine Antwort zu erhalten. Aber so oder so: Gelesen wird euer Schreiben auf jeden Fall.

Und hier nun Olivers Brief

Seiner Exzellenz dem Botschafter von Japan
Herrn Takeshi Yagi
Botschaft von Japan
Hiroshimastraße 6
10785 Berlin

Sehr geehrter Herr Botschafter,

ich habe eine sehr hohe Meinung von Japan und seinen Bewohnern; ich schätze die alte Tradition Ihrer Heimat, die Höflichkeit und den Erfindungsreichtum Ihrer Landsleute. Meine Mutter wohnt in S., der Partnerstadt von F. (Städte wurden von den Meeresakrobaten verändert). Sie hat engen Kontakt zu einer Japanerin, die in Deutschland geheiratet hat und auch ich gehe immer gerne zum Japanischen Frühlingsfest, das dort jährlich veranstaltet wird.

Deshalb wende mich heute mit einem Anliegen an Sie, das mir sehr am Herzen liegt – einer Sache, die immer wieder für Diskussionen sorgt und wegen der Sie sicherlich schon sehr viele Briefe bekommen haben und die immer wieder einen traurigen Schatten auf das sonst so gute deutsch-japanische Verhältnis und die freundschaftlichen Beziehungen unserer beiden Staaten wirft.

Vielleicht ahnen Sie es schon, worauf ich hinaus möchte: die Jagd auf Delfine in Taiji, die, wie Sie wissen, hierzulande stark kritisiert wird.

Ich gehöre nicht zu denen, die einfach nur fordern, dass die Jagd auf die Delfine beendet wird. Denn ich weiß, dass Sie natürlich Ihrem Volk – und dazu gehören auch die japanischen Fischer – verpflichtet sind und dass dies nicht so einfach ist.

Ich kann auch nachvollziehen, dass die Fischer befürchten, dass die Delfine den Fischbestand dezimieren und deshalb die Jagd durchgeführt wird. Doch auch wenn so ein Delfin mehrere Kilo Fisch am Tag verspeist, so denke ich nicht, dass die Meeressäuger der Hauptgrund für die Überfischung der Meere sind und es die Fischer weltweit immer schwerer haben, genügend Fische zu fangen, um von den Einnahmen ihre Familien versorgen zu können.

Anderseits weiß ich auch, dass die intelligenten Meeressäuger auch in Japan hoch geschätzt und sehr beliebt sind. Bei Wikipedia habe ich eine Liste von nicht weniger als 34 Delfinarien in Japan entdeckt. Das Interesse und die Begeisterung Ihrer Landsleute für Delfine ist also sehr stark ausgeprägt.

Umso trauriger machen mich die schlimmen Bilder, die ich aus Taiji gesehen habe – und ich denke, Ihnen und vielen anderen Japanern geht es ebenso.

Ich überlege deshalb dauernd, wie man hier einen Ausgleich schaffen könnte – eine Lösung, mit der sowohl die Fischer als auch die Tierfreunde zufrieden sein können.

Denn mit Konfrontation – da werden Sie mir als Diplomat sicher zustimmen – kommt man im Leben meist nicht weit, sondern es gilt immer, einen Ausgleich zwischen den einzelnen Interessen zu finden. Auch diese Fähigkeit schreibt man ja Ihrem Volk zu und als Botschafter sind für das Finden solcher Lösungen ja geradezu prädestiniert.

Eine Möglichkeit, die mir hierzu spontan einfällt, ist die Anlage von Aquakulturen – was einerseits das Einkommen der Bewohner sichern würde und zugleich den Vorteil bringt, dass diese Fische deutlich weniger Schadstoffe enthalten würden als dies bei Wildfängen leider oftmals der Fall ist.

Eine zweite alternative Einnahmequelle könnte das Anbieten von „Whale- (bzw. Dolphin-)Watching-Touren“ sein. Die Fischer kennen sich ja hervorragend auf dem Meer aus und wissen, wann und wo die Delfine zu finden sind und könnten Touristen sicher viele interessante und spannende Geschichten erzählen.

In Island und vielen anderen Ländern gibt es solche Touren, weil die Fischer immer mehr erkennen, dass lebende Delfine wertvoller sind als tote Delfine und dass der Schutz dieser Tiere für unser Ökosystem wichtig ist.

Es wäre ein großer Wunsch von mir, dass Taji – wo sich ja alljährlich viele Delfine versammeln – eines Tages nicht mehr als Ort in den Köpfen der Menschen wäre, an dem Delfine getötet werden, sondern dass die Menschen beim Wort „Taiji“ an einen Ort denken, an dem Menschen und Delfine im Einklang miteinander leben und der weltbekannt für seine hervorragenden Bedingungen zur Delfinbeobachtung ist. Eine Gegend, in der man nur noch mit der Kamera Jagd auf die Delfine macht – was schließlich auch den guten Ruf Ihres Landes weiter steigern würde.

Ich weiß, das ist ein schöner Traum und der Weg dahin ist lange und auch steinig. Doch wie sagt man so schön: auch eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Und vielleicht können Sie ein klein wenig mit dazu beitragen, dass dieser erste Schritt getan wird.

Das wäre wirklich eine Sache, die mich und viele andere Delfinfreunde – insbesondere auch in Japan – sehr glücklich machen würde

Ich bedanke mich für die Zeit, die Sie mir durch das Lesen dieses Briefes geschenkt haben und verbleibe

mit vorzüglicher Hochachtung
Oliver Schmid

Lesetipp

Japan – Land der blutenden Buchten

3 Kommentare

  1. Ein hervorragender Brief, der zeigt, wie man – sofern man intellektuell die Voraussetzungen dazu hat – auch sachlich und höflich argumentieren kann.

    geschrieben von Rüdiger
    1. Oh, danke für das Kompliment, Rüdiger!
      Vielleicht finden sich ja noch andere Meeresakrobaten-Freunde, die freundliche Briefe an Botschaften oder andere politische Verantwortungsrträger geschrieben haben.
      Ich finde es wichtig, dass man – dem Gesprächspartner immer mit Respekt begegnet.

      geschrieben von Oliver
  2. Hallo Susanne,
    einen Rückumschlag habe ich jetzt nicht beigelegt, weil ich eigentlich nicht erwarte, eine Antwort zu bekommen, zumal ich ja auch keine konkreten Fragen gestellt habe.
    Was nicht heißen mag, dass ich mich nicht über Post von der japanischen Botschaft freuen würde.

    geschrieben von Oliver

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