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Die Belugas und das Meeresgehege


Ungefähr 20 Jahre nach der missglückten Auswilderung des Orcas Keiko (bekannt aus den Kinofilmen „Free Willy“) macht erneut eine Umsetzung von Waltieren aus einem Aquarium in ein Freigehege Schlagzeilen.

Little Grey und Little White
(Foto: Sea Life Trust)

Betreuung im Anpassungspool

Die beiden Belugas (Weißwale) Little Grey und Little White sind laut mehreren Pressemeldungen am 7. August 2020 in Klettsvik (an der Südküste Islands) angekommen.

Dort werden sie zunächst einmal in einem kleinen sogenannten Anpassungspool betreut, bevor sie in ein mit einem Netz abgesperrtes 32.000 Quadratmeter großes und 10 Meter tiefes Areal entlassen werden. Eine Auswilderung kommt nicht infrage, da die Tiere das Überleben in Freiheit nicht gelernt haben.

Auf dem Areal ist auch ein Besucherzentrum eingerichtet. Außerdem sollen später einmal Bootsfahrten zu den Tieren angeboten werden.

Der Chef von Sea Life Trust, Andy Bool, sieht Little Grey und Little White als Botschafter für etwa 300 Belugas, die in menschlicher Obhut gehalten werden. Das Gehege bietet Platz für weitere Tiere.

Vorher in einem Aquarium in Shanghai

Nach Island ausgeflogen wurden die beiden ca. 13 Jahre alten Beluga-Weibchen bereits im Frühjahr 2019. Bis dahin verbrachten sie einen Großteil ihres Lebens im Changfeng Ocean World in Shanghai (China). Gefangen wurden sie im Alter von ca. ein bis drei Jahren vor Russland.

Das Aquarium war 2012 vom Freizeitparkbetreiber Merlin Entertainments übernommen worden. Das Unternehmen hatte früher selbst die Delfinhaltung unterstützt (zum Beispiel im Heidepark in Soltau), seine Einstellung jedoch geändert.

Partner ist Sea Life Trust

Nachdem Merlin Entertainments das Ocean World übernommen hatte, entstand die Idee, dass die beiden Belugas ihr weiteres Leben in einem offenen Meeresgehege verbringen sollten. Sie waren bisher ja nur geschlossene Räume gewöhnt.

Als Partner für seine Übersiedlungsidee gewann Merlin das Sea Life Trust – Unterstützer der vielen Sea-Life-Aquarien in aller Welt, die Fische und andere Meerestiere halten. (So wirbt Sea Life München auf seiner Website mit der größten Hai-Vielfalt Deutschlands …, Stand 11. August 2020.)

Behandlung mit Antibiotika

Dass die Umquartierung der beiden Belugas von einem Umgewöhnungspool auf der Insel Heimaey (wo auch Keiko seinerseits auf ein Leben in der Natur vorbereitet werden sollte) nach Klettsvik um einige Wochen verschoben werden musste, weil die Tiere an einer Magen-Darm-Infektion litten, geht aus den euphorischen Meldungen über die Umsiedelung nicht hervor.

Doch laut Angaben der isländischen Presse mussten die Tiere eine Zeit lang mit Antibiotika behandelt werden.

Man muss nun abwarten, wie sich Little Grey und Little White in ihrem neuen Zuhause einleben werden. Da sie sehr lange Zeit auf menschliche Betreuung und Fütterung angewiesen waren, werden sie – das ist zumindest meine Meinung – auch ihr künftiges Leben vom Menschen abhängig bleiben.

Und ob die beiden Weibchen ihren neuen größeren Lebensraum ähnlich genießen werden, wie Tauchtouristen, die ihren Urlaub im Meer verbringen und sich dort an der Unterwasserwelt ergötzen, wage ich zu bezweifeln. Das wäre dann doch eine zu sehr vermenschlichende Sichtweise.

ZoosMedia ist skeptisch

Kritisch mit der Übersiedlung setzt sich ZoosMedia auseinander. Es sei alles andere als einfach, Delfine und Belugas, die quasi ihr Leben lang an menschliche Betreuung gewöhnt waren, in einem großen Areal auszusetzen, kann man auf der Website lesen.

Was passiert mit den Belugas, wenn sie erneut unter einer Infektion leiden oder verletzt sind?

Tiere in einem Netzgehege im Meer sind massiv Verschmutzung, Bakterien, Parasiten und vielem mehr ausgesetzt.

Sogar ein Tier, das sein ganzes Leben im Meer lebt, hat Probleme, all diese Gefahren für seine Gesundheit erfolgreich zu bekämpfen, gibt ZoosMedia zu bedenken.

Tiere, die diesen Herausforderungen nicht ausgesetzt waren, haben ihr Immunsystem an die sauberere Umgebung angepasst. Die Anpassung an eine schmutzigere Umgebung ist sehr schwierig und verursacht viel häufiger gesundheitliche Probleme als das Leben in Delfinarien oder anderen Einrichtungen.

Außerdem befinden sich die Gewässer, an die Little Grey und Little White sich anpassen müssen, nicht im üblichen Verbreitungsgebiet der Belugawale. Die Gesundheitsrisiken sind also völlig unkalkulierbar.

Keiko hat die Umsetzung nicht überlebt

Man denke nur an das Schicksal des Orcas Keiko, der ebenfalls in Island auf seine Freilassung vorbereitet wurde. Kurze Zeit, nachdem er im Atlantik ausgesetzt worden war, suchte er jedoch wieder die Nähe der Menschen. Keiko starb schließlich an den Folgen einer Lungenentzündung.
(Quellen: n-tv.de, Frankfurter Rundschau, Merlin Entertainments, Sea Life Trust, mbl.is und ZoosMedia)

Lesetipps

* Sehr viele Informationen über das neue Zuhause von Little Grey und Little White findet ihr im Robbenfelsen-Blog.
* Sind Meeresbuchten eine Farce?
* Delfinariengegner und Meeresgehege
* Die Auswilderung von Delfinen klappt nur selten

Ein Kommentar

  1. Pingback: Beluga-Sanctuary in Island – Der Robbenfelsen

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