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Interview mit Tiergartenleiter


Das Magazin forum – Nachhaltig Wirtschaften stellt in seiner aktuellen Ausgabe die provokante Frage „Lebenslänglich für Delphine – oder Rettung durch Zoohaltung?“ In diesem Artikel wird u.a. der Leiter des Nürnberger Tiergartens interviewt. Ich habe hier ein paar seiner Antworten zu einem kurzen Beitrag zusammengefasst.

Delfin-Lagune
(Foto: Rüdiger Hengl)

Nicht alle Delfinhaltungen sind seriös

Als Erstes macht Dr. Dag Encke deutlich, dass er nur für die Einrichtungen sprechen kann, die Aufnahmekriterien der Europäischen Assoziation für Aquatische Säugetiere (EAAM, European Association for Aquatic Mammals) und/oder den Aufnahmekriterien der Europäischen Zoovereinigung (EAZA, European Association of Zoos and Aquaria) entsprechen.

Ein seriöses Delfinarium nimmt an Forschungsprojekten teil und erfüllt einen Bildungsauftrag. Werden Haltungsrichtlinien nicht eingehalten, werden Einrichtungen automatisch aus dem europäischen Delfinarienverband verbannt.

Diese Information finde ich sehr wichtig, denn es gibt weltweit Vergnügungsparks, die mit den Tieren viel Geld verdienen wollen, aber dabei keinerlei Standards einhalten.

Was für die Delfinhaltung spricht

  • Für Delfinarien der EAAM/EAZA werden seit 2003 keine Tiere dem Meer entnommen. Die Nachzucht in Delfinarien muss bereits gedrosselt werden. 70 Prozent der in der EAAM angeschlossenen Delfinarien sind Nachzuchten. Außerdem gibt es noch Wildfänge aus längst vergangenen Zeiten, die inzwischen 30 oder über 50 Jahre alt sind.
  • Als Publikumslieblinge sind Delfine Botschafter für den Schutz der Meere, der Meeressäuger und der nachhaltigen Fischerei.
  • Aus den Delfinarien werden Erkenntnisse gewonnen, die weltweit gestrandeten Delfinen bzw. in Netzen gefangenen Waltieren zugute kommen. Man denke da nur an Schutzmaßnahmen zur Reduzierung von Beifang. Diese wurden und werden in Delfinarien erprobt, bevor sie im Meer eingesetzt werden.
  • Die hohe soziale Anpassungsfähigkeit der Großen Tümmler macht es entsprechend einfach, diese Tiere in zoologischen Einrichtungen zu halten.
  • In einem Mehrbeckenkomplex können Delfine gut gehalten werden, da sich die Individuen auch mal aus dem Weg schwimmen können, wenn es zu Rangeleien kommt.
  • Eine Win-win-Situation für Tiere, Wissenschaftler, Tierpfleger und Besucher ergibt sich aus dem Medical Training und Fitness-Übungen, welche die Tiere körperlich und mental fordern. Das ist wichtig, weil bei den in Zoos gehaltenen Tieren durch die Fütterung die Jagd wegfällt. Der Umgang mit den Delfinen liefert wissenschaftliche Erkenntnisse, stabilisiert das Verhältnis zwischen Tier und Mensch und erfreut nicht zuletzt die Besucher eines Zoos.

    Menschen werden durch die Begegnung mit Delfinen dazu animiert, sich für den Umweltschutz einzusetzen.

  • Die Überlebensrate neugeborener Kälber liegt momentan bei 60 Prozent. Diese Rate übersteigt jene der freilebenden Populationen. (Anmerkung MEERESAKROBATEN: Hierzu liegen jedoch nur Forschungsergebnisse aus bestimmten Gebieten vor. Man weiß nämlich nicht genau, wie viele im Freiland geborene Delfine überleben, weil tote Neugeborene auf den Meeresgrund sinken und von der Statistik nicht erfasst werden können. Erst Tiere mit einem Alter von über einem Jahr gehen in die Statistik ein.)
  • Die mediane Lebenserwartung im EEP liegt derzeit bei ca. 22 Jahren. Die höchste mediane Lebenserwartung wird von den Großen Tümmlern aus der Sarasota Bay (Florida/USA) gemeldet. Sie liegt bei 17,4 Jahren. Bei den Tieren im Wild Mississippi Sound liegt sie bei 8,6 Jahren.

Große ethische Verantwortung

Dag Encke spricht in seinem Interview auch die große ethische Verantwortung an, die der Mensch hat. Der Mensch ist das einzige Wesen, das über seine eigene Art hinaus denken und wahrnehmen kann. Außerdem trägt er die Hauptverantwortung für das weltweite Artensterben. Ihm allein obliegt es, das Artensterben zu bremsen und abzuwägen, welches Handeln einer Tierart oder Population zugute kommt.

Tierhaltung ablehnen oder verantwortungsvoll betreiben?

Die Debatte über die Delfinhaltung wird aus zwei ganz unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Ansätzen heraus geführt, erfahren wir von Dag Encke.

Die Delfinarien- bzw. Zoogegner sagen, dass jegliche Verfügung über Tiere abgelehnt werden müsse. Die Zoofreunde bzw. die Beschäftigten in einem Tiergarten stellen die Verantwortung den Tieren und Tierarten gegenüber in den Vordergrund ihres Tuns und Denkens. Tierrechtler fordern eine Unterlassung der Tierhaltung, die Artenschutzethiker dagegen fordern zu beherztem Handeln auf.

Man weiß nie, ob ein Tier „glücklich“ ist

Es ist unmöglich, tierische Gefühle umfassend zu messen, gibt Dag Encke zu bedenken. Durch Verhaltensbeobachtungen und Messung von bestimmten Hormonen kann man zwar interpretieren, dass es einem Tier gut geht, doch man weiß nicht, ob es „glücklich“ ist.

Pro- und Contra-Stimmen

Auch der Zoologische Direktor des Loro Parque auf Teneriffa – der Biologe Wolfgang Rades – wurde zur Delfinhaltung interviewt. Er ist wie Dag Encke der Meinung, dass eine seriös betriebene Delfinhaltung wichtig ist.

Aus dem „Gegenlager“ der Delfinhaltung gibt es in „forum – Nachhaltig Wirtschaften“ auch noch die Meinungen des hauptberuflich als Steuerberater tätigen Geschäftsführers der Einmann-Organisation WDSF/Hagen – Jürgen Ortmüller – sowie von Ulrich Karlowski, Diplom-Biologe und freier Journalist der GRD/München.
(Quelle: forum – Nachhaltig Wirtschaften)

4 Kommentare

  1. Der Beitrag wurde mit einem Link zum Interview mit dem Zoologischen Leiter des Loro Parque (Teneriffa) ergänzt. Vielen Dank an Philipp für den Hinweis!
    http://www.forum-csr.net/default.asp?News=11109

    geschrieben von Susanne
  2. Hallo Dani und Oliver, vielen Dank für eure Kommentare!
    Mir ist auch aufgefallen, dass Menschen, die professionell mit Tieren zu tun haben (Tierpfleger, Tierärzte, Biologen usw.) die Gefühlslage ihrer Schützlinge ganz anders und vor allem objektiver einschätzen als manche Aktivisten. Extreme Delfinariengegner verwenden die Phrasen „Die Tiere leiden …“ oder „Sie werden mit Medikamenten vollgestopft …“ recht inflationär und ohne Sachverstand. Meist kennen sie die Tiere, die sie „schützen“ wollen, nicht einmal persönlich. Auch hat es den Anschein, als ob die Tierärzte in den Augen der Tierhaltungsgegner „böse Menschen“ seien, weil sie die Delfine und andere Zootiere hin und wieder medikamentös behandeln (müssen). Es wäre ihnen offenbar lieber, man würde die Tiere Schmerzen empfinden und schließlich verenden lassen …

    geschrieben von Susanne
  3. Danke für das interessante Interview – auch im Hinblick auf die Aussagen der Gegner der Delfinhaltung. Ich möchte nur mal eine Aussage aufgreifen: „In einem Zeitraum von weniger als fünf Jahren wurden insgesamt über 10.000 Milligramm Diazepam verabreicht“. Das hört sich natürlich nach einer ganzen Menge an. Allerdings beruht dies auf einem ststistischen Trick, indem man einfach die Medikamente aller Delfine auf einen langen Zeitraum addiert. Geht man von 8 Delfinen aus, wählt eine andere Maßeinheit und einen anderen Zeitraum, könnte man es auch so ausdrücken: „Pro Jahr und Delfin werden 0,25 Gramm Diazepam verabreicht.“ Das klingt nicht nach viel für einen 250-Kilo-Tümmler.
    So kann man eine Information je nach Intention als bedrohlich oder als harmlos darstellen…

    geschrieben von Oliver
  4. Eins fällt mir ja immer wieder auf. Die Haltungsgegner behaupten in ihrer Argumentation immer wieder, genau zu wissen, was die Tiere denken und fühlen – obwohl sie die Tiere kaum mal wirklich zu Gesicht bekommen. Die Halter, die die Tiere ihr Leben lang leden Tag sehen räumen ganz offen ein, dass sie nicht wissen können, was die Tiere denken und fühlen. Wenn ich mir dazu noch vor Augen führe, wie begrenzt unser Vermögen ist, die Gedanken und Gefühle selbst unserer nächsten Mitmenschen zu kenne, stellt sich kaum mehr die Frage, wessen Aussagen ich für seriöser halte.

    geschrieben von Dani

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